My big turkish Brother

07. November 2011

 

Die Rolle des großen Bruders gut zu spielen, ist knochenhart. Noch viel härter ist es, über Nacht die Hauptrolle im Leben der Schwester zu verlieren und nur noch Statist zu sein.

Nun stehe ich da in unserem kleinen Zimmer in Wien Floridsdorf. 20 Jahre lang bewohnte ich es mit meiner Schwester. Hier teilten wir die Fertigpizza oder die 5-er Packung Milchschnitten – in zwei für mich,  drei für sie; hier spielten wir unsere selbsterfundenen Spiele und erzählten uns all die Dinge, die wir den Eltern niemals erzählt hätten. Hier werde ich bald alleine sein.

Yasemin, „Yassi“, meine 20-jährige Schwester, wird in einem Monat heiraten und mit ihrem Ehemann in die Türkei ziehen. Sie wird mir das Zimmer überlassen, in dem wir zusammen groß geworden sind, weit weg ziehen und ich werde gar nichts mehr von ihrem Leben wissen.  Dann werde ich – der ehemalige Hauptdarsteller in ihrem Leben – nur noch Statist sein. Sie wird in der Türkei leben und ich werde mich in Floridsdorf an die harte, aber schöne Zeit im schwesterlichen Rampenlicht erinnern.

 

Der Videobeweis

 

Ich kann mich noch an den Tag erinnern, an dem mein Vater mir sagte: „Ab jetzt bist du Abi, der große Bruder. Das ist deine kleine Schwester, du musst sie ganz lieb haben und immer auf sie aufpassen.“  Damals vor  genau 20 Jahren, als sie in einer Decke gewickelt nach Hause gebracht wurde, ahnte ich nicht, dass das eine Lebensaufgabe werden würde. Ich habe mich gefreut über das winzig kleine Baby und gab dem Baby einen Kuss. Das Ganze ist sogar auf einer alten Videokassette festgehalten, mit einer damals extra dafür ausgeborgten Kamera, um den Moment zu verewigen. Ob der Videobeweis meines Bruderwerdens heute überhaupt noch funktioniert?

 

Damals dämmerte mir noch nicht, dass mein Vater mich später zum obersten Aufpasser meiner Schwester ernennen würde. Bei Türken, insbesondere in unserer Familie gilt nicht das Sprichwort „Ende gut, alles gut“, sondern: „Kinder gut, alles gut!“ Dass mit der Schwester „alles gut“ ist, das war meine Aufgabe.

 

Von klein wurden wir so erzogen, dass wir uns gegenseitig immer über die Schulter sahen. Privatsphäre gab es nicht. Null. Was im Kindesalter noch ganz lustig war, weil wir nachts vor dem Schlafengehen immer selbsterfundene Spiele spielten und uns ausfragten, entpuppte sich im Alter als große Last. Ich wusste immer, was meine jüngere Schwester machte: kannte ihre Freundschaften, Feindschaften, Probleme, und ihre größten Geheimnisse. Hallo! Ich bin der große Bruder! Ich darf das doch nicht alles wissen! Und noch entscheidender: Ich kann das doch nicht einfach alles zulassen: dass sie die Schule schwänzt, alleine in die Disco geht oder sogar einen Freund hat? Wer weiß schon, was da alles passieren kann? Meine Rolle als Bruder ist es doch, ihr immer den richtigen Weg zu zeigen. So wurden aus den nächtlichen Spiele-Abenden immer öfters Diskussionsnächte.

 

Harter, weicher Bruder

 

Den Königsweg, mit diesem geheimsten Wissen umzugehen, das man als Abi von der Schwester fast automatisch bekommt, gibt es nicht. Das ist eine ganz persönliche Entscheidung, die ein großer Bruder für sich treffen muss. Aus meiner Sicht gibt es drei Arten eines großen Bruders. Da wäre einmal ...

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

... der Autoritäre

Die Regeln des Bruders sind Gesetz für die jüngere Schwester, während er selbst in Freiheit lebt. Da wurden die Standpunkte von Anfang an klar festgelegt und konsequent eingehalten. Handykontrollen oder „Styling-Tipps“ vom Bruder stehen an der Tagesordnung.

Ich weiß wie diese Mädchen über ihre selbsternannten Beschützer denken. Meistens verachten sie ihre Brüder, aus Trotz wird die Schule geschwänzt und mit dem härtesten Herzensbrecher der Schule ein Techtelmechtel angefangen. Selbstverständlich alles heimlich, denn wen er draufkommt, „spüt’s“ Granada.

 

...der Offene

 

Das Gegenteil von den Autoritären sind die „Offenen“. Sie sind offen für das neue sexy Outfit, offen für Alkoholpartys und offen für den x-ten Freund in einem Monat. Mit anderen Worten, ihnen ist alles scheißegal. Sie haben meistens keine Ahnung, wo sich die kleine Schwester herumtreibt.  Klingt wie ein schöner Traum für die Mädls, die strenge Brüder haben, aber oft wünschen sich Mädchen die in absoluter Freiheit leben, einen Beschützer.

 

...der Schizophrene

 

Das bin ich. Der Schizophrene ist mal milder, mal strenger. Meine Spezies versucht gerne durch Ehrlichkeit und Vertrauen zu punkten. Das gehört zu unserer Strategie. Sollte das nicht klappen, spielt man auch den Bösen. Oft wirkt das aber auch nicht mehr, weil die Schwester ganz genau weiß, dass man nur blufft.

 

Vaterrolle

 

Ich wollte der perfekte Bruder sein. Nicht derjenige, der seine jüngeren Geschwister zu Hause einsperrt, sie anschreit und ihnen nichts erlaubt, aber auch nicht der, der von seinen Geschwistern nicht respektiert wird, weil er sich um nichts schert.

Im Laufe der Zeit bin ich draufgekommen, wenn man ein guter Abi sein will, der sowohl die traditionelle Bruderrolle einnimmt, aber eben auch das Lockere und Pragmatische zulässt, so muss man einfach ein wenig schizophren werden.

 

Das tat ich. Am Anfang hatte ich Schwierigkeiten mit der Dosierung. Wo mische ich mich ein? Was lasse ich durchgehen?  Wie mache ich die Verteilung? 60% Tradition und 40 % Moderne?

 

So einfach geht das nicht. Lässt man zu viel zu, ist man aus Sicht der Eltern ein schlechter Bruder, der sich nicht um die Schwester kümmert. Mischt man sich zu viel ein, ist man aus Sicht der Schwester wie ein anatolischer Bauernpatriarch, der überall mitreden will.

 

Unsere Eltern entschieden zwar alles gemeinsam, aber trotzdem war da eine unsichtbare Macht, die mein Vater ausstrahlte. Meine Schwester hörte natürlich am meisten auf das Wort meines Vaters, der sich nie mit Gewalt Respekt verschaffte, sondern mit einer Art unsichtbaren Hand, mit einer Art, mit uns zu reden, sanft, aber nachdrücklich, auf der sein Respekt gründete.  Wenn mein Vater nicht da war, spürte ich, wie sich diese unsichtbare Macht auf mich zu übertragen schien.

 

Doppelagent

 

Ich hatte, als großer Bruder, offiziell das Recht, Yassi zu gängeln und zurechtzuweisen. Allerdings wollte ich sie alles selbst entscheiden lassen. Ich kannte aus dem Freundeskreis Mädchen, die ihre Brüder hassten, weil sie zu autoritär waren. Meine Schwester sollte mich nicht hassen und selbst bestimmen, denn das ist das Richtige, sagte mir mein Herz. Jedoch mischte ich mich dennoch immer wieder in ihre Angelegenheiten ein. Ich konnte es einfach nicht lassen. Immerhin hatte ich das Gefühl andere würden das von mir erwarten und ich müsste etwas beweisen. Mit anderen meine ich nicht unbedingt meine Eltern oder die Nachbarschaft, sondern einfach jeden, der ein bestimmtes Bild von einem türkischen Bruder hat, teilweise mir selbst, aber auch meiner Schwester gegenüber. Sie sollte sehen, dass ich mich um sie sorge. 

Die Rolle Bruder und Sohn in einer Person löste einen inneren Kampf in mir aus. 

Einerseits war ich Bruder und war auf ihrer Seite. Ich verschaffte ihr Alibis und deckte sie, aber es konnte auch anders kommen, so schimpfte ich auch einmal mit ihr oder erstatte gar Bericht bei den Eltern. Niemand wusste, auf welcher Seite ich eigentlich stehe. Nicht einmal ich selbst. Wie ein Doppelspion, der nicht mehr wusste zu welcher Front er gehört. Ab und zu hatte ich das Gefühl, dass ich lockerer im Umgang mit meiner Schwester werden muss. Dann und wann wünschte ich mir  viel strenger zu sein. Schizophren ? Ja!

 

Starker Bruder, Ehrensache

 

Obwohl ich ein taktisch handelnder Bruder war, der eben auf Ehrlichkeit und Vertrauen setzt, wollte ich nach außen wie ein böser Bruder wirken. Vor allem fremde Jungs sollten das denken, so bat ich meine Schwester vor anderen immer so zu tun, als ob ich ein kontrollbesessener Bruder wäre. Das kam ihr manchmal ganz gelegen. So nutzte sie oft die Ausrede, um Männer abblitzen zu lassen. Sie sagte: „Mein Bruder würde das niemals erlauben.“ Wenn sie nicht raus wollte sagte sie: „Mein Bruder erlaubt es mir sicher nicht.“ So war ich der gute Bruder, aber nach außen hin trotzdem streng. Genau wie ich es haben wollte.  „Yassi“ kannte selbst ihre Grenzen, nur selten war es nötig, ihr den richtigen Weg zu zeigen, und zu sagen: „Tu das bitte nicht“ oder „Nein, das kannst du wirklich nicht machen.“  Ja, es flossen auch mal Tränen, aber das war nur dann, wenn sie merkte, dass sie mich enttäuscht hatte.

 

Eine letzte Frage

 

Yasemin hat mich noch nie gefragt, ob sie eine gute jüngere Schwester war. Vielleicht interessierte sie das alles nicht und sie hat einfach ihr Leben gelebt. Ich für meinen Teil kann sagen: Ich war stets bemüht ein guter Bruder zu sein. Das bedeutete nicht nur, sie vor bösartigen oder heimtückischen Männern zu beschützen, sondern ihr auch etwas mitgeben zu können, ihr beim Erwachsen werden zu helfen und Erfahrungen zu teilen.

 

In meiner Rolle als großer Bruder wollte ich nichts falsch machen, ohne zu wissen, was überhaupt richtig ist. Über die Jahre hinweg ließ ich mich immer von meinen Gefühlen leiten. Deshalb redete ich sehr viel mit meiner Schwester.  Ich fragte sie ganz offen: ,,Findest du, ich bin ein guter oder schlechter Bruder“? Sie antwortete meistens nur beiläufig: „Eh gut“! oder „Passt eh“.  Was für sie nur wie eine ganz gewöhnliche Frage klang, war für mich DIE Frage schlechthin! Jetzt sitze ich hier, in unserem Zimmer und stelle ihr die Frage noch ein letztes Mal:

 

Yassi, ganz ehrlich, wie war ich als dein großer Bruder?

 

„Du stehst an erster Stelle“

 

In meinen Handykontakten stehst du, an erster Stelle, nicht nur wegen A wie Abi. Für mich warst du immer die erste Nummer, die ich anrufen konnte, wenn ich Probleme hatte. Niemals nannte ich dich beim Namen, für mich, warst du Abi, so haben mir das meine Eltern von klein auf beigebracht.  Du warst Mittelding zwischen Aufsichtsperson und  bestem Freund. Von deinen Ratschlägen machte ich öfters Gebrauch als mir lieb war, dafür weihte ich dich in meine Geheimnisse ein.

 

Du warst unberechenbar, man wusste nie, wie du reagierst. Deine Meinung darf man nicht unterschätzen, denn du hast mehr Einfluss auf unsere Eltern als es im ersten Augenblick den Anschein hat. Bei meinem ersten Discobesuch hast du alles richtig gemacht. Du hast meine Eltern beruhigt, dich für das Lokal verbürgt und ihnen versprochen, dass du mich abholst, egal wie spät es wird. Damit hast du meinen ersten Discobesuch ermöglicht.

 

Einmal hast du mich beim Lügen erwischt und mich mit Desinteresse bestraft. Es tat weh, von Abi ignoriert zu werden, also log ich dich nicht mehr an. War ich ehrlich zu dir, konnte ich dich außerdem so richtig weich klopfen. Auch wenn ich es noch nie ausgesprochen habe: Abi, du warst und bist ein guter, großer Bruder.

 

Text:  Teoman Tiftik
Fotos: Philipp Tomsich, Teoman Tiftik

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Kommentare

 

kurti, des host scho guad gschrieben. des muss i da losn.

mit abstand bester hauptartikel. und des sog i net nur woi ma freind san

 

Franzi i donk da vü.

 

 

hahahaha.. wenn du zu mir kommst zeige ich dir was.. du wirst lachen :)

 

bist oarg. jetzt hab ich mit tränen gekämpft. 

 

teo. bester artikel, den ich jeeeeemals im biber gelesen habe. 

 

deine schwester hat recht. du bist wirklich ein toller großer bruder. vor allem einer, der fähig war, seine gefühle nieder zu schreiben. 

wäre ich deine schwester, würde ich diese biberausgabe verstümmeln, mir deine seiten ausreißen und sie eingerahmt im wohnzimmer aufhängen. 

 

was für ein schönes geschenk an deine schwester. 

irgendwie kann ich nicht aufhören zu schreiben. aber ich tue es doch. den rest denke ich mir und du stell dir einfach vor, wie ich dich mit ewig langen lobenden worten überhäufe. 

 

 

Danke Ivana!

 

ehrlich

 

Teo, super artikel. Gratuliere.

Yusuf

 

die

geschwister sind immer die besten freunde. zumindest meistens. oder zumindest in meinem kulturkereis. es ist ein sehr rührender text.


ich habe auch das gegenteil erlebt und bei anderen gesehen, wie geschwister sich nicht riechen können und einen konkurrenzkampf starten, was eigentlich sehr traurig ist.


 


ich glaube, dass teo der perfekte bruder ist...

 

Toller Artikel. Ich hatte natürlich auch Pippi in den Augen! Wunderschöner Text, Teo!

 

Bei den Milchschnitten gab's bei mir auch die ersten Tränchen, ohne Mist. So ein bewegender, toll geschriebener Artikel!

 

meine schwester lebt nun seit 16 jahren in deutschland und ist glücklich verheiratet! als ich den text von teo gelesen habe, war es so, als hätte ich ein dejavu...

ist schon schlimm, wenn die person, der man am meisten vertraut und mit der man am meisten zusammen ist, plötzlich wegzieht.

 

super text, teo!

 

++++

 

sehr gefühlvoll und charmant geschrieben! ich wünschte fast, ich hätte auch so einen bruder gehabt!
 ;)

 

voll schöner text! und offensichtlich habt ihr auch ein voll schöne geschwisterbeziehung zueinander :)

 

Ist ein Reissack umgfalln...

 

wo?

 

ich schließ mich den anderen an. tolle geschichte, bewegend und ehrlich geschrieben.
samt feuchten augen. obwohl ich mann und 52 bin. gratuliere dir!

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