Nackte Nächte

22. Februar 2019

Was hat es mit den Sex-Positive-Partys in Wien auf sich und was passiert im Darkroom? Unsere Autorin lässt die Hüllen fallen und führt euch hinter den Vorhang des Verbotenen.

Von Johanna Heiss, Fotos: Susanne Einzenberger

Ich finde dich sehr schön, darf ich dich küssen?“, fragt mich der Typ, der schon eine Weile neben mir tanzt. Die Musik im Wiener Club Auslage ist laut, wir schwitzen. Ich schaue ihn an und lehne sein Angebot ab. Wir lachen gemeinsam und tanzen einfach weiter. „Ich war nur gerade so in Stimmung, da habe ich nicht nachgedacht und einfach spontan gefragt.“ Ich erkläre ihm, dass es überhaupt kein Problem ist. Dann erzählt er mir kurz von seinem Job als Bartender, und dass er eigentlich mit seiner Musik berühmt werden will, während ich ihm einen Crash-Kurs in den Themen meines Soziologie-Studiums gebe. Ein normales Gespräch im Club könnte man meinen. Fast. Dass wir dabei in Unterwäsche voreinander stehen, nehmen wir in diesem Moment aber nicht einmal bewusst wahr. Er trägt eine schwarze Boxershort und eine seidene Weste, ich eine Kombination aus schwarzer Spitze und Kniestrümpfen. Die Motivation wieder im Takt der Musik zu tanzen holt uns ein und wir bahnen uns den Weg, an halbnackten Körpern vorbei, zurück in die Mitte des Dancefloors. Um uns herum ist es abgedunkelt. Abwechselnd blitzen bunte Lichter auf und lassen die Umrisse des Raumes erkennen. Mein Herzschlag hat sich den Beats, die aus der Anlage dröhnen, angepasst, sodass der Rhythmus und mein Puls zu einer Einheit verschmolzen sind. Wenn ein Lichtstrahl in die Nähe fällt, sieht man vor allem nackte Haut. Die Menschen unterscheiden sich hinsichtlich ihrer Optik sehr, doch eines haben sie alle gemeinsam: Sie haben sich ausgezogen. Und tanzen hier in Unterwäsche oder nackt. Oder in Kink, Lack und Leder und manche im Fetisch –Outfit. Wir befinden uns auf einer SexPositive-Party.

SEX POSITIVE
Foto: Susanne Einzenberger

Sex-Positive in Wien? Geht das?

Nein, das ist keine Sex-Party. Und nein, auch keine Swinger-Party. Sex-Positive -Partys stellen einen Rahmen dar, in dem die Sexualität und der Körper von allen gefeiert werden kann. Egal, welches Geschlecht. Egal, welche Herkunft, und egal, welche sexuelle Orientierung. So wird das Konzept zumindest auf der Webseite des Veranstalter-Kollektivs „hausgemacht“ dargestellt. Und auch wenn „Sex“ im Titel dieser Veranstaltungen steht, liegt dieser nicht im Fokus der Partys. (Fast) alles kann, nichts muss. Es soll immer noch hauptsächlich um die Musik und das Tanzen gehen. Nur unter anderen Grundbedingungen. Dieses Fest der Körper lässt einen Abend lang die Grenzen verschwimmen. Jene Grenzen, die aufgrund von moralischen Normvorstellungen in unseren Köpfen einzementiert sind. Während Partys dieser Art in anderen Hauptstädten wie Paris und Berlin - die meisten haben sicher schon den ein oder anderen Mythos aus dem KitKat Club gehört - schon lange einen fixen Bestanteil der Club- und Feierkultur einnehmen, gab es sowas in Wien noch nicht. Bis jetzt. Als eine der Veranstalterinnen des Kollektivs „hausgemacht“ bin ich für die Sex-Positive-Partys mitverantwortlich. Momentan sind wir die einzigen in Wien, die unter dem Motto der Reihe „Zusammen.Kommen“ solche Partys veranstalten. Für mich sind diese Abende ein Zeichen gegen veraltete soziale Konventionen und gegen scheinheilige Moralvorstellungen, die oft unbewusst unser Handeln beeinflussen. Gleichzeitig sehe ich sie als einen feministischen Festakt, weil es für Frauen auch im Jahr 2019 noch oft schwieriger ist, sich in der Öffentlichkeit auf eine gewisse Art und Weise zu präsentieren. „Ich lege diese Party für mich als Body Positivity aus, da ich noch nie einen One Night Stand hatte. Wahrscheinlich, weil mir eingetrichtert wurde, dass nur leichte Mädchen Sex für eine Nacht haben.“ sagt die Gründerin des Kollektivs Frederika Ferkova. Sie ist davon überzeugt, dass wir unseren Blick auf Sexualität und Körper nicht nur auf Instagram verändern müssen. „Wir müssen aktiv an dem Bild arbeiten und eine Party fasst diese Message gut zusammen. Den Leuten geht’s nachher ja auch besser. Anders. Niemandem geht's besser oder anders, nachdem er seinen Instagram-Feed mit Hashtags wie #bodypositivity durchgescrollt hat.“, so Frederika.

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Die heißen Fotos sind alle im Studio entstanden - auf der Party gilt nämlich striktes Fotoverbot!

 

Wie kommst du am Türsteher vorbei? 

Damit sich drinnen alle Feiernden wohlfühlen können, gibt es an der Tür eine strenge Selektion. Dabei geht es vor allem darum, dass alle, die reinkommen, das Konzept der Partys kennen und auch verstanden haben. Des Weiteren ist es so möglich, das Geschlechterverhältnis ausgeglichen zu halten. Jeweils zwei Personen vom Kollektiv stehen dabei zusätzlich zur normalen Security an der Tür und schicken Personen wieder weg, die beispielsweise den Dresscode nicht eingehalten haben. Auf der Homepage der Veranstalter kann man lesen, dass unter „Dresscode“ Dessous, Lingerie, jegliche Art von Kink, Lack und Leder, unpolitische Kostüme sowie Nacktheit fallen. Nicht erwünscht sind hingegen alte Boxershorts, Strandkleider, Sport BHs und Jeans-Shorts. Dresscode bedeutet hier aber nicht nur das, was man auf der Party trägt, sondern auch das Mitbringen eines Rucksacks oder Jutebeutels für die Strassenkleidung. Diesen gibt man beim Betreten der Party an der Garderobe ab. Wer den vergisst, kommt nicht rein. Außerdem müssen an der Tür bestimmte Fragen beantwortet werden können, vor allem zum Konzept oder zum Line-Up. „Wieso bist du heute hier? Was ist Sex Positive?“ gehören da beispielsweise ins Standard-Repertoire. Wer antwortet, dass er nur hier ist, um wen aufzureißen, wird weggeschickt. Gruppen über drei Personen kommen nicht gemeinsam rein. Und auch wenn einfach das Bauchgefühl gegenüber einer bestimmten Person nicht stimmt, wird sie von den Veranstaltern weggeschickt – ohne Erklärung. Die, die reingelassen werden, dürfen sich dann gleich beim Eingang ausziehen. Davor werden noch die Handykameras abgeklebt. Im Club drinnen gilt strenges Fotoverbot. Schließlich soll das, was auf der Party passiert, auch dort bleiben.

SEX POSITIVE
Foto: Susanne Einzenberger

Alles auf Anfang - willkommen in der Garderobe!

In der Garderobe ist die Aufregung, die in der Luft liegt, zu spüren. Für viele, dich sich hier gerade mit mir ausziehen, ist es schließlich das erste Mal. „Darf ich dich  kurz was fragen?“. Ich drehe mich zur Stimme und blicke in das Gesicht eines hübschen jungen Mannes. „Was hältst du von meinem Outfit?“, fährt er fort. Er trägt ein edles dunkelrotes Bustier, dazu Kniestrümpfe und ein Federband im Haar. „Das ist das erste Mal, dass ich mich traue mich in der Öffentlichkeit so zu kleiden.“ Dass er Angst vor Ausgrenzung und bösen Kommentaren habe, erzählt mir Oliver dann. Und dass seine Freundin heute mit ihm hergekommen ist. Besondere Party– besondere Menschen, schließe ich daraus. Aber eine besondere Party braucht besondere Maßnahmen: Im Club selbst ist ein Awarenessteam eingeteilt, das sich um das Wohl der tanzenden Vögel(nden) kümmert und als Anlaufstelle für Probleme aller Art gedacht ist. Aus diesem Grund werden auch Gratis-Kondome auf der Party ausgeteilt. Auch wenn durch die Selektion an der Tür die Bedingungen für die Party-Community so sicher wie möglich gestaltet werden sollen, kann man nicht ausschließen, dass jemand aufdringlich angemacht oder angegriffen wird. Manche schätzten auch ihren eigenen Körper falsch ein, zum Beispiel in Bezug auf den Alkoholkonsum. Dann kann die Situation  für so eine Person, die betrunken auch noch ihre Freundesgruppe im Club verloren hat, einfach zu viel werden. Und: Auch wenn sich hier nicht alles nur um Sex dreht, hat die Veranstaltung immerhin das Wort „Sex“ im Titel. Den gibt’s hier natürlich auch. Kommt mit in den Darkroom!

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Endlich: Der Darkroom

Viele der Schönen in Unterwäsche oder Lack und Leder sind mit ihrem Partner oder ihrer Partnerin gekommen. Oder haben im Laufe der Nacht eine Person gefunden, der sie zumindest für eine Nacht nicht widerstehen können. Und dann gibt’s da diesen Darkroom. Im hinteren Teil des Tanzbodens hängen dunkle, schwere Vorhänge von der Decke. Ich schiebe sie auseinander und trete ein. Hier ist es noch heißer und ich fühle mich, als würde ich nun in ein Geheimnis eingeweiht werden. Ein Geheimnis, das mit Weihe aber nicht viel zu tun hat. Obwohl es ziemlich dunkel hier ist, sehe ich, dass schwarze Bänke, die mit Leder bezogen sind, den Raum ausfüllen. Es gibt auch einige weiche Polster und Kissen hier. Ich erkenne Paare oder andere Personenkonstellationen, die eng umschlungen in der Ecke stehen oder auf den Bänken liegen. Ja, sie haben gerade Sex. Aber nicht alle. Am gegenüberliegenden Eck des Raumes sitzen ein Mann und eine Frau am Ende einer Bank. Er streicht ihr über den Arm und sie sind vertieft in eine angeregte Diskussion. Neben mir höre ich einen jungen Mann, der nervös zu der Frau, die neben ihm liegt, sagt: „Tut mir leid, ich kann das hier nicht, lass uns einfach wieder tanzen gehen.“ 

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INFOBOX: WAS IST SEX POSITIVE?
 
Was ist Sex Positive?
(Fast) Alles kann, nichts muss: Das Sex Positive Konzept basiert auf dem Gedanken, dass alle Menschen, unabhängig von Geschlecht oder sexueller Orientierung an einem Ort frei und gemeinsam feiern können. Die Darkrooms können als Rückzugsort geksehen werden, so wie als ein Ort, an dem man die Feiernden ihre Sexualität ausleben können. Damit das Konzept funktioniert, werden Konsens und Respekt vorausgesetzt. 
Der dresscode
Alle Personen, die auf die Party möchten, müssen den dresscode einhalten. Erlaubt sind dabei jegliche Formen von Dessous und Lingerie, Kink, Lack & Leder Outfits sowie unpolitische Kostüme.
Fühl dich frei – Sei dabei
Die nächste Sex-Positive- Party findet am 13.4. in der Grellen Forelle statt. 
für mehr Infos: http://www.hausgemachtinwien.at/

 

 

AUS DEM ANDEREN BLICKWINKEL:

Alles kann, nichts muss

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Kommentar von Redakteurin Nada El-Azar, die privat auf der Party war.

„Wisst ihr, was das für eine Party heute ist? Wer sind die Veranstalter? Was für Musik wird gespielt? Was habt ihr an?“ Mein Freund und ich mussten sich nach anderthalb Stunden Schlange stehen am Eingang zur „Auslage“ so einigen Fragen stellen. Obgleich ich genervt war, beantwortete ich sie geduldig. Selbst um drei Uhr morgens – um sechs wäre bereits Schluss – standen noch zahlreiche potenzielle Partygänger vor den Pforten des Clubs am Gürtel. Meinem Freund war die Empfehlung, doch in Unterwäsche zu tanzen, da sein Outfit nicht ganz zum Abend zu passen schien, jedoch nicht geheuer. Kurzum: Er kam nicht rein, aber ich schon. 

Wien bot sich plötzlich von einer Seite an, die ich noch nie gesehen hatte. Jene Menschen, die ich noch draußen in der Schlange als „harmlos“ einschätzte, bestritten im Club mit den krassesten Fetisch-Outfits bis hin zum Hauch von Nichts den Dancefloor. So viel Nacktheit bin ich bislang nur aus dem Berghain in Berlin gewöhnt gewesen. Sogar das eine oder andere bekannte Gesicht lief mir über den Weg. Mir stellte sich ein Typ namens David vor, der ganz lieb fragte, ob ich nicht mit ihm tanzen wolle. Ich lehnte dankend ab. David kam im Laufe der Nacht etwa fünf Mal auf mich zu und wurde zwar niemals aggressiv, dennoch strahlte er zunehmende Verzweiflung aus. Vielleicht spürte er den dezenten Druck, gerade an diesem Abend unbedingt etwas erleben zu müssen. Es gab viele wie mich, die einfach die Musik genossen. Aber auch viele, die sich beim Tanzen ständig umsahen, als ob ihnen sonst eine Gelegenheit in den Darkroom zu gehen, flöten ginge. Bei so viel Lockerheit lag plötzlich ein gewisser Stress in der Luft – gerade für Singles – hatte ich das Gefühl. Trotz allem finde ich, dass diese Partys Wien besser stehen, als gedacht. In diesem Sinne: stay sexy!

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