"Natürlich vermisse ich mein Kind"

11. April 2019

Umweltministerin Elisabeth Köstinger spricht im biber-Interview nicht über Klimapolitik, sondern über ihr Leben als Politikerin und Mutter. Dass sie für ihren Job zurückgesteckt hat, in der Schwangerschaft vor Sorge nächtelang wach lag und ihr Mann zum Babyschwimmen geht, erzählt sie biber-Chefredakteurin und ebenfalls Neo-Mama Delna Antia-Tatic. 

Von Delna Antia-Tatić, Fotos: Marko Mestrović 

biber: Frau Ministerin, wie läuft es mit dem Masterplan „Ministerin mit Baby“? 

Elisabeth Köstinger: Es macht Spaß, es macht Sinn und es ist unfassbar anstrengend. Es ist ein extrem fordernder Beruf, wo man nicht nur massiv Verantwortung trägt, sondern auch permanent in der Öffentlichkeit steht. Jede Geste, jedes Augenrollen, jedes Müdesein wird registriert. Was dahinter steht, sieht aber niemand und soll auch niemand sehen. Die Privatsphäre ist für mich das Allerheiligste, weil ich nicht möchte, dass meine Familie sich öffentlich für irgendetwas rechtfertigen muss bzw. auch bewertet wird. 

Ihr Sohn ist neun Monate alt. Wäre er schon 16, würden Sie ihm eine Entschuldigung für die Klimastreiks schreiben? 

Nein, die Schulpflicht in Österreich ist ein Privileg. Aber ich würde ihn darin bestärken, dass er sich für Themen, die ihm unter den Nägeln brennen, einsetzt und dafür auf die Straße geht. Er muss dann nur auch die Konsequenzen tragen. 

Verstehen Sie die Jugendlichen, die auf die Straße gehen? 

Voll. Normal hätte es das schon vor zehn Jahren geben müssen, weil es diese alarmierenden Berichte nicht erst seit gestern gibt. Wenn etwas Technisches wie das Co2 mit Leidenschaft aufgeladen wird, dann habe ich große Hoffnung, dass diese Generation etwas bewegt. 

Sie sind Nachhaltigkeitsministerin – wird Ihr Sohn nachhaltig aufgezogen? Holzspielzeug, Öko-Windeln, selbstgekochte Beikost? 

Ja klar, das geht bei uns automatisch,
da wir schon vor vielen Jahren darauf verzichtet haben, unnötiges Plastik zu produzieren. Ich stamme selber aus einer Bio-Landwirtschaft und bin mit einem großen Ernährungsbewusstsein aufgewachsen. Für mich ist Fleisch etwas ganz Besonderes, das nicht billig gekauft und schon gar nicht weggeschmissen wird. Und das probieren wir auch unserem Baby weiterzugeben. 

köstinger
Marko Mestrovic

Interview unter Palmen: Wir trafen die Umweltministerin im Palmenhaus. Foto:Marko Mestrovic

 

Mit Kind und Karriere hat „frau“ schon genug zu tun – nun muss das Ganze noch umweltbewusstpassieren. Setzt uns das grüne Leben unterDruck? Wie geht esIhnen als Ministerin fürUmwelt und als Mutterdamit, diesen Ansprüchen gerecht zu werden?

Auch ich bin nicht perfekt und auch ich kann diesen absolut nachhaltigen Lebensstil nicht vollständig leben. Aber ich glaube, dass der erste Schritt zu einer Veränderung die kritische Auseinandersetzung ist. Kleine Schritte machen, Stichwort Ernährung: Dass unser Essen regional und saisonal ist und nicht von irgendwoher eingeflogen wird. 

Was isst Ihr Sohn denn gern? 

Er liebt Spinat, da tun wir auch ein bisschen Knoblauch hinzu. Bei Karfiol kommen ihm die Tränen, den mag er gar nicht. 

Sie sagen „wir“. Kommen Sie überhaupt zum Kochen – oder macht das ihr Mann? 

In der Nacht und in der Früh gehört er mir – da koche ich dann auch, wann immer es möglich ist. Wir probieren,
es aufzuteilen, so gut es geht. Und ich sage bewusst: So gut es geht. Denn
es gibt keinen normalen Alltag. Es gibt Arbeitsblöcke und dazwischen Babyblöcke. Natürlich braucht jeder eine gewisse Flexibilität, weil manchmal das Baby schläft, wenn mein Block dran ist oder sich umgekehrt etwas bei mir verschiebt. 

Stillen Sie noch? 

Er hat am Wochenende beschlossen, nicht mehr zu wollen.

Wow, beneidenswert. Ich bin „radikal“ auf Abstillwochenende ins Hotel gegangen... Bei uns ging das leider nicht von allein. 

Das ist extrem individuell. Mein Sohn ist viel gewohnt, weil er mich von Anfang an überall hinbegleitet hat. Es ist aber jede Situation anders, wie auch jedes Kind, jede Politikerin, jeder Mann. Daher denke ich, dass es keinen Masterplan Baby gibt. 

Als Politikerin haben Sie keinen Rechtsanspruch auf Mutterschutz und Elternzeit. Darüber haben Sie sich letztes Jahr beklagt. Immerhin mussten Sie selbst entscheiden, wann Sie zurückkommen. Fühlen Sie sich benachteiligt? 

Zugegebenermaßen ist es hart nach fünf Wochen wieder arbeiten zu gehen. Aber in der Politik ist es nun einmal so, dass es keinen Ersatz für eine gewählte Abgeordnete oder Funktion gibt. Bei Abstimmungen etwa im Bundesrat macht es einen Unterschied, ob jemand da ist oder nicht.


Elisabeth Köstinger
Foto: Marko Mestrovic

"Es gibt keinen normalen Alltag.", verrät Elisabeth Köstinger im Interview. Foto: Marko Mestrovic

 

Haben Sie als Mutter für das System zurückgesteckt?

Sicher. Aber das war mir auch bewusst und ich habe mich darauf vorbereitet. Wenn mir allerdings jemand vor zwei Jahren gesagt hätte, dass es so kommen würde, hätte ich laut gelacht und gesagt: „Nie im Leben!“. Weil ein Kind zu haben, ist das größte Geschenk und wenn ich dieses Glück einmal haben werde, dann will ich natürlich viel Zeit mit ihm verbringen. Dann ist es bei mir anders gekommen und das geht auch gut. Natürlich vermisse ich mein Kind unfassbar. Vor allem, wenn ich nach Hause komme und er untertags irgendetwas gemacht hat, was er vorher noch nicht konnte. Aber auch das geht. 

Sind Sie eine andere Mutter geworden, als Sie gedacht hätten? Ich habe in der Schwangerschaft stets gedacht, dass ich fix die „coole Mum“ werde, deren Baby nicht im Ehebett schlafen wird und die niemals mit Helikopterrotoren um den Sprössling herumkreist. Es ist bzw. ich bin das Gegenteil geworden! 

Bei mir war es umgekehrt. Rückblickend muss ich sagen, ich hätte mir 99% der Sorgen, die ich mir in der Schwangerschaft gemacht habe, sparen können. Ich bin nächtelang wach gelegen und habe mir gedacht: Wie soll das gehen? Was ist, wenn das Baby immer schreit und wir nächtelang nicht mehr schlafen? Wir haben auch nicht genau gewusst, wie es meinem Mann in seiner neuen Rolle gehen wird. Manchmal muss man die Dinge aber auch einfach laufen lassen – weil es eh anders kommt. 

Apropos Mann. Er ist in Karenz gegangen und Sie bekommen von ihm viel Unterstützung...

Genau! Ich bin nicht das Vorbild, sondern er ist es. Ich könnte das alles ohne meinen Mann nicht. 

Wie lange geht er in Karenz – ein oder zwei Jahre?

Er könnte zwei und wir sind jetzt dabei zu schauen, was für das Baby das Beste ist. 

Ihr Mann ist Kärntner-Slowene. Wächst Ihr Sohn zweisprachig auf?

Ja, uns ist wichtig, dass er zweisprachig aufwächst. Mein Mann spricht nur slowenisch mit ihm.


Wo sind die Zwei denn gerade – ums Eck?

Nein, mittwochs ist Babyschwimmen. Da ist alles im Zeichen der Schwimmwindeln. Mein Mann ist dabei immer noch die Ausnahme, wenn er mit den anderen sechs Müttern im Becken planscht. 

Elisabeth Köstinger
Foto: Marko Mestrovic

Ihr Kind wird zweisprachig großgezogen, erzählt die Ministerin der biber- Chefredakteurin. Deren Sohn übrigens auch. Foto: Marko Mestrovic

 

Welches Signal setzen Sie als prominente Frau und Politikerin für junge Frauen? Auch Neos-Chefin Beate Meinl-Reisinger hat angekündigt, schon nach acht Wochen wieder zurückzukehren. Setzt das junge Frauen in der Arbeitswelt nicht unter Druck und erzeugt eine Bumerangwirkung? Nach dem Motto: Wenn die Politikerinnen das so machen, muss ich das auch können?

Nein, es sollte das Gegenteil sein. Es soll zeigen, egal wie junge Frauen ihr Leben leben wollen, so sollen sie es auch tun. Viele Frauen in Führungspositionen haben mir immer dieselbe Frage gestellt: Wie geht das? Und es geht bei keiner gleich. Viele werden einfach auch nicht die Unterstützung des Mannes haben. Und das macht einen Unterschied. Ich weiß, dass mein Baby bei meinem Mann genauso betreut ist wie bei mir. Der kümmert sich mit derselben Liebe und derselben Hingabe um unser Kind.


Sehen Sie sich als Vorbild, dass Sie als Mutter so früh ins Arbeitsleben zurückgekehrt sind? 

Nein, ich will keine Vorbildrolle haben. Das muss jeder für sich selbst entscheiden.


Meist verdient der Mann mehr, das spielt in der Entscheidung eine Rolle. 

Absolut. Keine Lebensgeschichte ist vergleichbar. Ich finde, dass junge Frauen oft zu wenig selbstbewusst sind, das auch einzufordern. 

In der Redaktion begegnen mir junge Frauen, deren Mutter-Vorstellung vor allem vom lifestyligen Bild der „Insta-Mums“ geprägt ist. Nun vermitteln auch Politikerinnen das schöne Bild: Kind und Karriere – alles easy! 

Ich habe mich nie als Vorbild bezeichnet und werde das auch nie tun. Es ist mein Mann! Dass unsere Männer mehr Familienarbeit machen und das auch aus einem Inneren heraus machen, daran wird viel liegen. Außerdem habe ich gemerkt, dass es immer einen Weg gibt – um auch selber nicht auf der Strecke zu bleiben. Denn was in dem Ganzen komplett übrigbleibt, ist meine Person selber. 

Folgen Sie Insta-Mums? 

Ja. Zum Beispiel einer Kärntnerin mit vier Kindern. Das ist sicher noch einmal eine andere Liga...


Wie finden Sie es, dass Bloggerinnen mit ihren Kindern Geld verdienen? 

Ehrlich, ich bin zum Teil für manche Tipps so dankbar. Ich bin ziemlich spät Mama geworden. Ich schupfe zwar ein Ministerium, aber plötzlich hast du ein vier Kilo Baby in der Hand und keine Ahnung, was richtig und was falsch ist. Hat er genug an? Daher ist es schon super für mich zu schauen, wie es andere tun. Natürlich ist das nie die reale Welt, aber es ist sowieso an unserer Generation gelegen, das auch so zu filtern.

Elisabeth Köstinger
Foto: Marko Mestrovic

"Weniger Perfektionsdrang und mehr Selbstbewusstsein!", rät Elisabeth Köstinger jungen Frauen.

Haben es Mütter schwerer als Frauen in unserer Gesellschaft?

Jede Frau hat ihre Herausforderungen, das ist klar. Mit der Mutterschaft kommen einige neue dazu. Aber es macht mich auch in manchen Dingen konsequenter. Ich nehme jetzt nicht mehr unbedingt jeden Abendtermin wahr, weil ich eben auch Zeit mit meinem Kind verbringen will. 

Aber Stichwort: Teilzeit, Altersarmut. Mich überrascht es positiv, dass sich manche meiner befreundeten Mütter inzwischen ihrer benachteiligten Pensionslage bewusst sind, wenn sie „nur“ Teilzeit arbeiten.

Voll, absolut. Vielen ist das allerdings noch gar nicht so bewusst... 

Und vom Pensionssplitting weiß kaum jemand!

Ich glaube, dass sich
Frauen in dieser Phase vielmehr noch um sich selbst kümmern und auch vielen vom Partner einfordern müssen.
Denn Altersarmut betrifft
fast nur Frauen. Weil ihnen zum Teil die Zeiten fehlen oder sie aus sehr einkommensschwachen Berufen kommen. 

Liegt es also in den Händen der Frauen selbst? 

Auch. Es braucht natürlich immer, wie in allen Bereichen, politische Rahmenbedingungen. Zum Beispiel Ansätze wie das Pensionssplitting.

Welchen Rat haben Sie an junge Frauen und Mütter?

Dass sie nicht soviel Angst haben sollten, etwas falsch zu machen. Ich glaube, dass jede Frau versucht, das Beste zu machen und natürlich ist nicht jede gleich die perfekte Mama oder perfekte Ehefrau... Wir versuchen immer so perfekt zu sein. Davon müssen wir weg! 

Wollen das Frauen mehr? 

Natürlich. Männer hinterfragen sich ja weniger und sind ad persona schon perfekt. (lacht) 

Ich habe letztens mit einer Psychologin telefoniert, die würde das bestätigen. Frauen suchen stets bei sich die Schuld, Männer in der Außenwelt.

Das ist bei mir genauso. Was ich anderen Leuten hinterherrenne, damit es für jenen passt... Im Endeffekt hat mich hier bereits mein Baby gelehrt, dass es andere Prioritäten gibt. Und dass am Boden liegen und sich den Bauch halten vor Lachen so viel wichtiger ist als – jetzt muss mein Pressesprecher weghören
– eine perfekt vorbereitete Pressekonferenz.


Erdet ein Kind also?

Was wir in der Bundesregierung machen, ist ein Job 24h am Tag, 7 Tage die Woche. Das macht etwas mit dir. In diesem permanenten Druck und in der Last der Verantwortung, da ist ein Kind etwas Befreiendes. Weil du immer in zwei Augen schaust, für die du das machst, auch politisch – in keinem Bereich mehr als bei mir. 

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