NESTHOCKER

08. Juni 2016

Der Genuss von Hotel Mama, finanzielle Sicherheit oder Tradition – es gibt gute Gründe für junge Menschen Mitte Zwanzig noch Zuhause zu leben. Wir haben fünf Nesthocker besucht und mit ihnen über das Leben mit Mama und Papa gesprochen.

Von Salomon Batamak, Mona Shama und Sara Mohammadi

Laut einer Studie der Europäischen Union aus dem Jahr 2008 wohnen in Österreich 76 Prozent der 18-24-jährigen Männer und 66 Prozent der Frauen noch zuhause. Bei den 25-34-Jährigen wohnen immerhin noch 31 Prozent der Männer und 15 Prozent der Frauen bei den Eltern. Im Europa-Vergleich kommen die meisten Nesthocker aus südlichen und östlichen Ländern, wie Slowenien oder Italien. Wir haben uns mal die österreichischen Exemplare vorgeknöpft: Was ist so reizvoll an Hotel Mama?


Nesthocker
Foto by Zoe Opratko

WG mit Mama

Obwohl Vincent seine Lehre schon fertig hat, 40 Stunden die Woche als Maschinenfeinbautechniker arbeitet und sich eine eigene Wohnung leisten könnte, lebt er mit 24 noch bei seiner Mutter. Warum? Er wartet darauf, ob er auf der Fachhochschule Technikum Wien aufgenommen wird, und verbringt gerne Zeit mit Mama. Bevor er wieder zu Mama gezogen ist, hat er eine Zeit lang in einer WG gelebt: „Während ich in einer WG in Wien gelebt habe, konnte ich meine Mutter nicht einfach besuchen, da sie in Vorarlberg lebte“, sagt Vincent. Neben den Kochkünsten seiner Mutter erfreuen sich beide daran Gesellschaft zu haben und sich Geld zu sparen. „Wir zahlen nicht die doppelte Kaution, keine doppelte Miete. Ich zahle natürlich die Hälfte der Miete und für das Essen. Es ist also wie in einer WG.“ Seine Mutter stört es auch genauso wenig wie ihn, wenn er Frauenbesuch mitbringt. Wozu also ausziehen?

NESTHOCKER
Foto by Zoe Opratko

Der Traum von L.A.

Derzeit arbeitet Lisa bei Palmers, aber eigentlich hat sie ein ganz anderes Ziel. „Ich will Geld sparen, um nach Los Angeles zu reisen“, träumt die 19-Jährige. Dort will sie Hiphop tanzen. „Das ist mein großer Traum und den will ich mir erfüllen.“ Wenn sie das nötige Geld hätte, würde sie sofort ausziehen. Doch sie spart es lieber. „Wenn ich zuhause wohne, spare ich mir viel Geld für L.A. und mit dem Rest finanziere ich mir meinen Alltag.“ Zuhause kümmert sie sich um den Zwei-Personen-Haushalt: Kochen, putzen, einkaufen - Lisa kümmert sich um alles. Ihre Mutter wäscht dann mal das Geschirr ab oder bügelt, wenn sie da ist. Beklagen will sie sich aber trotzdem nicht, immerhin lebt es sich in der großen, zweistöckigen Wohnung ganz gut. Sie selbst könnte sich vermutlich nur eine kleine Wohnung leisten und das auch nur mit einem Mitbewohner. Ein gut bezahlter Job würde sie zum Ausziehen motivieren. „Oder wenn ich 28 bin und immer noch keinen beruflichen Erfolg habe“, denkt sie laut. Wenn es mit dem Tanzen nichts wird, könnte sie sich als Alternative eine Karriere als Polizistin vorstellen. „Doch wer weiß, vielleicht werde ich ja als Tänzerin entdeckt“, hofft Lisa und ist in Gedanken schon in der eigenen Wohnung mit Tanzstudio.

NESTHOCKER
Foto by Zoe Opratko

Der Sparfuchs


Daniel, 23 Selbständiger Fotograf und Nesthocker mit 23. „Wann ich ausziehen will? Im Idealfall letzten Sommer“, lacht Daniel. „Ich habe mich entschieden noch ein Jahr zu warten.“ Daniel will erst mit seinem Unternehmen auf eigenen Beinen stehen, bevor er auszieht. „Als Freiberuflicher sind meine Einnahmen nicht immer fix. Daher ist es besser, Geld anzusparen.“ Daniels Kinderzimmer ist voll mit allen möglichen Kindheits- und Jugenderinnerungen: Altes Lego, ein U-Bahn-Schild und Kinderbücher. Für ihn gehören kleine Streitigkeiten mit seinen Eltern dazu. Auch er übernimmt einen Teil der Miete und hilft gerne im Haushalt mit – Hauptsache Geld sparen.

 

NESTHOCKER
Foto by Zoe Opratko


Die Traditionelle


Yasmin ist zwanzig Jahre alt, studiert Publizistik und Soziologie und verdient sich mit gelegentlichen Modeljobs etwas Geld dazu. Sie wohnt derzeit in Kagran bei ihren Eltern. Was sie am Zusammenleben mit ihren Eltern stört? Nur die Tatsache, dass sie sich ihr Zimmer mit der kleinen Schwester teilen muss. „Wir sind einfach zu unterschiedlich“, erklärt Yasmin. Dass sie, bis zu ihrem Tod, das heißt, falls sie davor nicht heiraten sollte, bei ihren Eltern bleibt, ist nicht ungewöhnlich für Yasmins Familie. Denn Yasmin ist Ägypterin und Ägypterinnen ziehen nicht aus. So einfach ist es. Nichts ist wichtiger als der Familienzusammenhalt. Es ist nicht komisch, wenn „Kinder“ über 30 sind und immer noch bei ihren Eltern wohnen. Komisch ist es, wenn sie es nicht tun. Folgende Möglichkeiten gibt es: Heiraten und dann ausziehen oder ein Jobangebot in Dubai annehmen und ausziehen. Einfach so, „ohne Grund“ abhauen, das geht nicht. Man bleibt eben da, hilft sich gegenseitig und kümmert sich um den anderen. So will es die ägyptische Tradition und so auch Yasmin.

 

NESTHOCKER
Foto by Zoe Opratko

Mama’s Studentin

Vanessa lebt im 21. Wiener Gemeindebezirk. Sie studiert Volkschulpädagogik und lebt mit ihrer Mutter und deren Verlobten zusammen. „Der Verlobte meiner Mutter liebt es zu kochen“, erzählt sie. „Und wenn er nicht kocht, kocht Mama!“ Neben dem hausgemachten Essen genießt sie es, ihre Familie um sich zu haben. „Manchmal passiert es, dass meine Mutter und ihr Freund einfach anfangen zu fernschauen während ich im Wohnzimmer lerne“ – das ist aber auch schon das einzig Negative. Ansonsten sieht Vanessa nur Vorteile in ihrem Nesthocker-Dasein: Sie borgt sich manchmal Kleidung ihrer Mutter aus und das Taschengeld, das sie sich bei den Kinderfreunden dazuverdient, geht nicht gleich für die Miete drauf, sondern kann zum Shoppen verbraucht werden – die neuen Klamotten darf sich Mama dann aber auch ausleihen.

 

 

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Raus aus Hotel Mama

Bereits mit 17 Jahren kannst du dich in Wien für eine supergeförderte SMART-Wohnung anmelden.

Eltern meinen es zwar immer gut aber es kommt der Tag, an dem man einfach ausziehen muss. Die größte Hürde für Junge ist das Geld: Mieten sind astronomisch hoch, Genossenschaftswohnungen unbezahlbar und Eigentumswohnungen? Bleiben wir mal auf dem Boden. Dazu kommen noch Maklerprovisionen, Kautionen - Wer soll das bezahlen? Die Lösung: SMART-Wohnungen. Das sind supergeförderte Neubauwohnungen. Der Eigenmittelbeitrag beträgt maximal 60 Euro/m². Wem auch das zu viel ist, kann auf JungwienerInnen-Darlehen zurückgreifen. Die Wohnungen sind zwischen 40 und 100m² groß und so konzipiert, dass die Fläche optimal genutzt werden kann. Und sie dürfen nicht mehr als 7,50 Euro pro m² kosten. Bereits ein Viertel der jährlich vergebenen Gemeindewohnungen geht an „JungwienerInnen“. Ein
Drittel aller geförderten Neubauwohnungen sind SMART-Wohnungen und es werden derzeit rund 2.500 gebaut. Jene mit Wiener- Wohn-Ticket (früher Vormerkschein) werden bei der Vergabe bevorzugt. Dazu berechtigt sind alle, die über 17 sind, zwei Jahre durchgehend an einer Wiener Adresse gemeldet sind, die österreichische (oder gleichgestellte) Staatsbürgerschaft besitzen und eine gewisse Einkommensgrenze nicht überschreiten. Da Projekte erst realisiert werden müssen, kann es paar Jahre dauern, bis man eine Wohnung bekommt. Deshalb am besten schon als Teenager anmelden. Wenn es dann so weit ist, wartet ein toller Start für das Leben nach dem Hotel Mama. Helle Wohnung, Balkon oder Garten und vieles mehr - auf großem Fuß leben, für wenig Geld.

„Gerade junge Menschen benötigen erschwinglichen Wohnraum. Wien baut deshalb das Wohnangebot für die junge Generation beständig aus", so Stadtrat Michael Ludwig. (SPÖ)

Wo kann ich mich beraten lassen?
Wohnberatung Wien
Guglgasse 7-9/Ecke Paragonstraße, 1030 Wien
Tel.: 01/24 111 [4] (Mo – Fr 7 – 20 Uhr)
www.wohncheck.at

 

 

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