"Hier stehe ich und kann nicht anders."

02. September 2015

21 Jahre nach der Amtsübernahme scheint Wiens Bürgermeister Häupl nicht müde zu werden. Der rote Dauerbrenner träumt nie von Strache, findet lobende Worte für den neuen Flüchtlingskoordinator Konrad und bezeichnet die Plakat-Aktion der FPÖ in Erdberg als „abartig“.

von Amar Rajkovic und Marko Mestrovic (Fotos)


 

Häupl, Kaffeesud, Wahrsagerin, Kismet, Schicksal
Marko Mestrovic

Biber: Sagt Ihnen der Name Turgay Taskiran etwas?
Michael Häupl: Momentan nicht.

Taskiran ist ein türkischstämmiger Arzt, der dabei ist eine neue Partei zu gründen und am 11. Oktober zu kandidieren. Könnte er Ihnen türkischstämmige Wähler abspenstig machen?
Das glaube ich nicht. Abgesehen davon, halte ich gar nichts von ethnischen Listen. Ethnische Zugehörigkeit ist kein politisches Programm. Besser wäre es, wenn alle Menschen ihre Stimme abgebeben dürften, wenn sie mindestens fünf Jahre in Wien gelebt haben. Auch Nicht-EU-Bürger.

Wenn man im Jahr 2015 von der SPÖ redet, fallen Begriffe wie „Sinneskrise“ oder „konzeptlos, ideenlos“ (Anm.: Hannes Androsch im Standard-Interview). Die Kritik bezieht sich auf die vielen verschiedenen Meinungen innerhalb der Partei. Sind interne Meinungsverschiedenheiten negativ?
Nein, überhaupt nicht. Die SPÖ ist eine große Partei und da hat man verschiedene Meinungen. Es wäre fad, wenn wir immer der gleichen Meinung wären. Worüber diskutiert man dann? Worüber streitet man? Streiten ist sehr wichtig. Auch weil das Versöhnen so schön ist. (schmunzelt!)  

 

"Es wäre fad, wenn wir immer der gleichen Meinung wären"

 

Medial bekommt man das Gefühl, dass unterschiedliche Meinungen innerhalb der Partei automatisch als Minuspunkte bei den nächsten Wahlen interpretiert werden.
Wenn das so wäre, dürfte die FPÖ keine Prozente mehr erzielen. Die streiten ja ununterbrochen. Natürlich gibt es Wahlprogramme, aber die spielen eine untergeordnete Rolle. Wählen ist für viele eine Bauchentscheidung  eine rein emotionale Entscheidung.

Sind Sie also mehr Schauspieler als Politiker?
Nein, gar nicht. Ein Schauspieler ist jemand, der auf den Brettern, von denen er glaubt, dass sie die Welt bedeuten, fremde Texte spricht. Aber ich glaube nicht an die Bretter, die die Welt bedeuten. Und ich spreche eigene Texte.

Häupl, Kaffeesud, Wahrsagerin, Kismet, Schicksal
Marko Mestrovic


Wie oft träumen Sie von Herrn Strache?
Gar nicht.

Kein einziges Mal?
Ich habe keine Albträume.


 

"Es wäre nur meine zweitliebste Lösung, mir einen Partner suchen zu müssen."

 

Auch, wenn Sie ungern darüber sprechen: Was blüht dem Wiener, wenn HC Strache Bürgermeister wird?
Das haben wir im Blau Buch ausführlich beschrieben. Ein Beispiel: Die FPÖ behauptet, die soziale Heimatpartei zu sein. Von sozial ist aber keine Rede. Die FPÖ hat gegen die Umwandlung der Sozialhilfe in die bessere „Bedarfsorientierte Mindestsicherung“ gestimmt, ebenso gegen die Mindestpension, auch gegen den Mindestlohn. Sie stimmen in Wien gegen alle Integrations-, Frauen- und Kulturprojekte. Wien würde nicht von heute auf morgen, aber in absehbarer Zeit um vieles ärmer sein.

Herr Jurazcka zeigte sich anschmiegsam zur SPÖ, sehr kritisch den Grünen gegenüber. Ein möglicher Koalitionspartner oder ist gar eine „wilde“ Koalition mit den „Neos“ denkbar?
Ich strebe eine absolute Mehrheit an, deswegen mache ich mir darüber keine Gedanken. Wir werden die demokratische Entscheidung der Bürger abwarten und akzeptieren. Allerdings wäre es nur meine zweitliebste Lösung, mir einen  Partner suchen zu müssen.

Wer könnte das sein?
Die Grünen oder die ÖVP.

Was ist mit den Blauen?
Reden ist Teil eines demokratischen Grundverständnisses. . Aber eine Regierungszusammenarbeit mit der FPÖ ist auszuschließen, Sorry, aber das ist ganz einfach zu begründen. Da schafft es eine syrische Familie mit Kindern bis nach Wien, flüchtet vor den Mörderbanden des „IS“ und dann stehen dort komische Leute, die ihr die Retourfahrt nahelegen. Das ist ja abartig! Wer zu uns kommt und zu Recht um Hilfe bittet, dem ist zu helfen. Politik hat die Aufgabe den Menschen ihre Ängste zu nehmen, nicht ins Feuer zu blasen.

Die ÖVP würde jetzt argumentieren: „Das ist doch naiv, wir können nicht alle aufnehmen.“
Wir sind noch weit entfernt von jenen Zahlen, die wir während des Krieges in Ex-Jugoslawien erreicht haben. Jetzt gibt es 11.000 Flüchtlinge in Wien, also hören wir doch bitte auf mit diesem  „Das Boot ist voll“-Blödsinn! !


 

"Hören wir doch bitte auf mit diesem "Das Boot ist voll"-Blödsinn!"

 

Fürchten Sie nicht mit solchen Aussagen die potenziellen 30% der FPÖ-Wähler zu vergraulen?
Sorry, die selbe Frage hat man mir schon in einer wesentlich unwichtigeren Angelegenheit  gestellt: „Herr Bürgermeister, wie können Sie sich in Wien eindeutig zu einem Fußballverein bekennen?“ (Anm.: Häupl ist bekennender Austrianer). Das möchte ich mit einem Martin Luther Zitat beantworten: „Hier stehe ich und kann nicht anders.“ Wer mich wählt, super, wer mich nicht wählt – schade, aber das ist in einer Demokratie so. Niemand muss mich wählen.

Wird der neue Flüchtlingskoordinator und ehemaliger Raiffeisen-Generalanwalt Christian Konrad die Flüchtlingskrise lösen?
Das ist zumindest eine gute Botschaft aus diesem Chaostempel, den das Innenministerium  angerichtet hat. Christian Konrad ist jemand, der die christlich-sozialen Werte ernst nimmt.

Häupl, Kaffeesud, Wahrsagerin, Kismet, Schicksal
Marko Mestrovic


Haben Sie einen netten Rat an die Frau Innenministerin?
Sie soll blitzartig die NGOsin ihre Arbeit einbinden. Christian Konrad würde mit Sicherheit dasselbe tun, weil der mit den vier NGOs, der Caritas, Volkshilfe, dem Roten Kreuz und Samariterbund sehr gut kann. Ich mache der Securityfirma in Traiskirchen gar keinen Vorwurf. Wer „Security“ bestellt und bezahlt, der bekommt „Security“ und kein Betreuungssystem für Flüchtlinge.

Und in Wien ist das anders?
Ja, und zwar ganz anders! Wir arbeiten mit den genannten Organisationen zusammen, organisieren Deutschkurse, Betreuung und ermöglichen private Unterstützung. Und weil die Freiheitlichen sich schon wieder aufregen, „das Betreuungsgeld für Flüchtlinge wurde von 90 auf 94 Euro erhöht.“ Das kommt nicht der Stadt Wien, sondern den betroffenen Menschen zugute.

Was machen Sie eines Tages, wenn Sie nicht mehr Bürgermeister sind?
Ehrlich gesagt, beschäftige ich mich nicht damit. Ich möchte noch mehr zur Entwicklung der Stadt beitragen, was Lebensgefühl, Diversität der Kultur, Lebensqualität betrifft. In einer wissensbasierten Ökonomie sind unsere Kinder und Enkelkinder die Zukunft. Außerdem möchte ich die Stadt nicht irgendwelchen verirrten Vögeln überlassen.

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