„Nur Gott weiß, wer wirklich gläubig ist.“

02. Oktober 2015

Adbulmedzid Sijamhodzic ist Österreichs erster Militär-Imam. Der studierte Jurist über seine Zeit im Krieg, Grundwehrdiener mit Bart und warum der wahre Islam nicht nur bei Muslimen zu finden ist.


Von Simon Kravagna und Sümeyee Özmen

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Foto by Christoph Liebentritt

 

Rund jeder fünfte Grundwehrdiener in Wien ist Muslim. Anders als für katholische, evangelische oder orthodoxe Soldaten gab es für Muslime im Bundesheer aber bisher keine Seelsorge. Nach langer Suche nach einem geeigneten Kandidaten ist Adulmedzid Sijamhodciz seit kurzem der erste Militär-Imam des Bundesheeres. In der k.u.k. Armee gab es übrigens bis 1918 – dem Ende der Habsburger-Monarchie - bereits einen Imam. So wie damals stammt auch der heutige Imam aus Bosnien. Für das biber gab der Vater von vier Töchtern sein erstes Interview seit Amtsantritt.  


Herr Sijamhodzic, kennen Sie den Krieg?
Ich habe als 16-Jähriger in Bosnien erlebt, was Krieg bedeutet. Mein Vater war Soldat, zwei Brüder meiner Mutter sind getötet worden und wir waren 1200 Tage vom Feind eingekesselt. Ich weiß daher nur zu gut, wie schrecklich Krieg ist.  

Sie haben Jus studiert, warum sind Sie jetzt Imam?
Ich glaube daran, dass das von Gott so gelenkt wurde. Nachdem ich die islamische Schule abgeschlossen hatte, wollte ich aus dem geistlichen Bereich herauskommen und habe nach dem Krieg in Bosnien Jus studiert. Später habe ich mein Studium in Österreich fertig gemacht und auch das Gerichtsjahr absolviert. Allerdings wollte mir damals niemand einen Job als Jurist geben. Ich begann also, als Religionslehrer zu arbeiten und als Imam zu wirken.

 

Was macht ein Militär-Imam?
So wie meine katholischen und evangelischen Kollegen bin ich für die Sorgen, Anliegen und Orientierung junger Rekruten da. Ich bin erst seit kurzem im Amt und kann daher noch nicht genau sagen, was alles auf mich zukommt. Jetzt in der Anfangszeit hatte ich oft mit Rekruten zu tun, die eine Bestätigung brauchen, dass sie ‚besonders streng gläubig’ sind, damit sie einen Bart tragen oder fünf Mal am Tag beten dürfen.

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Foto by Christoph Liebentritt


Wer stellt so eine Bestätigung aus?
Die Islamische Glaubensgemeinschaft.

Wir nehmen an, Sie sind ebenfalls streng gläubig. Trotzdem tragen Sie keinen Bart.
Wer entscheidet letztendlich, wer streng gläubig ist? Wenn wir davon ausgehen, dass der Glaube im Herzen ruht, kann nur Gott wissen, wer wirklich streng gläubig ist. Aber das sind eben einige äußere Merkmale, die vom Gesetzgeber so festgelegt wurden.


„Den Zeigefinger zu heben, bedeutet nicht, dass man radikal ist.“
 

Bei der Unterzeichnung Ihres Vertrages gab es einige muslimische Soldaten, die Ihren Zeigefinder demonstrativ in die Höhe hielten. Da in Österreich viele diese Geste nur von IS-Terroristen kennen, gab es gleich viel Aufregung.
Ich habe das vor Ort gar nicht bemerkt. Aber den Zeigefinger zu heben, bedeutet nicht, dass man radikal ist. Denn das macht man auch beim Beten, dadurch bekennt ein Muslim sich zum Glauben an den einen Gott. Es gibt auch Fußballer, die das machen, wenn sie ein Tor schießen, wie früher Zinedine Zidane. Es ist oft auch ein Zeichen von Freude oder Stolz. Diese IS-Extremisten sind eine Katastrophe – für Syrien, den Irak und die Welt, aber auch für das Bild des Islams. Ich habe hier eine klare Sicht der Dinge: Es gibt keinen Widerspruch zwischen der islamischen Lebensweise und dem Gefühl der Zugehörigkeit zu Österreich. Das heißt, dass ich ein guter Moslem und gleichzeitig auch ein guter loyaler Bürger dieses Landes sein kann. Dieses Bild möchte ich auch im Bundesheer vertreten.


Warum sind radikale Strömungen im Islam so attraktiv?
Viele junge Menschen haben soziale und gesellschaftliche Probleme. Sie fallen oft falschen Gelehrten in die Hände, die eine eindimensionale Lehre predigen. Es gibt zudem sehr viel Unwissen oder oberflächliches Wissen über den Islam. Zudem haben wir auch ein Problem mit Konvertiten, die gleich mal in den Dschihad ziehen wollen. Wir können nur in den Familien, in den Schulen, in der Islamischen Glaubensgemeinschaft und in staatlichen Institutionen dagegen ankämpfen.

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Foto by Christoph Liebentritt


Islam bedeutet Hingabe und Frieden. Sie sind im Bundesheer beschäftigt. Ein Widerspruch?
Gott besagt im Koran: „Allah liebt diejenigen, die Ordnung stiften.“ Wenn ich jetzt beim Bundesheer oder bei der Polizei tätig bin, sorge ich für Ordnung und Sicherheit. Das ist kein Problem.


Wie ist der Dialog mit der katholischen, evangelischen und orthodoxen Militärseelsorge?
Wir unternehmen alles gemeinsam. Wir sind gemeinsam bei der Angelobung und unterrichten auch gemeinsam.

 

„Mich wundert ebenfalls sehr, dass die reichen Golfstaaten so wenig für die Flüchtlinge tun.“
 

Die syrischen Flüchtlinge sind überwiegend Muslime. Warum helfen die Golfstaaten weniger als Deutschland oder Österreich?
Man muss unterscheiden. Viele muslimische Länder wie die Türkei oder Jordanien haben die meisten syrischen Flüchtlinge im Land. Auch die Muslime in Österreich sind sehr stark engagiert. Aber mich wundert ebenfalls sehr, dass die reichen Golfstaaten so wenig tun. Da fällt mir ein Sprichwort von einem Gelehrten ein. Imam Al-Ghazali hat einmal gesagt: „Ich komme von Muslimen, wo es keinen Islam gibt und gehe zu Nichtmuslimen, wo es den Islam gibt.“


Dafür helfen Deutschland und Österreich den Flüchtlingen.
Deutschland und Österreich haben bei diesem Thema jedenfalls die Prüfung bestanden. Ich selbst war auch Flüchtling und bin Österreich für immer sehr dankbar. Alle bosnischen Flüchtlinge, die nach Österreich gekommen sind, hatten die Möglichkeit ihr Leben hier weiterzuführen. Viele von diesen Leuten haben sich in Österreich gut gefunden und ihren Beitrag für die Gesellschaft geleistet. Deshalb denke ich auch, dass jetzt diese Flüchtlinge würdig behandelt werden sollten. Wir müssen ihnen helfen. Wir sollten auch nicht vergessen. Wenn ich einem Menschen Gutes tue, dann habe ich auch mir Gutes getan.

 

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Wer ist er?
Name: Abdulmedzid Sijamhodzic
Wurzeln: Bosnien
Studium: Rechtswissenschaften
Reichtum: Hat vier Töchter

 

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