Ohne Abschluss kein Auszug

13. September 2019

„Wie, du machst deinen Master und wohnst noch daheim?“ Was für österreichische Studierende unvorstellbar ist, ist für StudentInnen aus konservativeren Kulturen normal. Zwischen Studentenparties und Tradition: Vier Geschichten.

von Aleksandra Tulej, Fotos: Christoph Liebentritt


Olgum*, wann kommst du von der Uni heim? Guter Junge, so lange hast du Unterricht heute.“ Schmunzelnd zeigt mir Mert* eine Whatsapp-Nachricht seiner Mutter. Dass der 27-Jährige Maschinenbaustudent bis 22 Uhr in der Bibliothek sitzt, um für eine Prüfung zu lernen, und nicht um diese Uhrzeit eine Lehrveranstaltung hat, kann er seiner Mutter noch so oft erklären. „Meine Eltern sind beide als Kinder von türkischen Gastarbeitern in den 70ern nach Wien gekommen. Beide haben zwar die Pflichtschule abgeschlossen, Studieren stand einfach nicht zur Debatte. Für sie ist diese Welt fremd.“ erzählt der Student. Als Mert nach der Matura seinen Eltern erzählte, dass er studieren will, waren sie zuerst ein wenig von der Idee eingeschüchtert. „Aber dann verdienst du später gutes Geld, mach das!“ hieß es dann. Die einzige Bedingung: Bis zum Abschluss wohnnt der Sohn zuhause.

"Du wohnst daheim, bist du heiratest. Punkt."

„In unserer Kultur, auch bei denen, die schon vor Generationen emigriert sind, war das lange so: Du wohnst daheim, bis du heiratest. Punkt.“ Mittlerweile sind viele Familien aus seinem Umfeld da nicht mehr so streng, wie Mert erzählt. Auch seinen Eltern wäre es recht, wenn er auszieht, bevorer heiratet – allerdings erst, wenn er einen Abschluss und einen Vollzeitjob hat. „Wäre ich nach der Schule arbeiten gegangen, wäre das anders.“ sagt er. Die Uni sehen seine Eltern als eine Art Verlängerung der Schule, der Jugend, der Unschuld. Dieser Privilegien, die sie selbst nicht hatten. Dass er neben der Uni arbeitet, wollen sie nicht. Damit gehen auch Regeln einher: „Manchmal fühle ich mich schon wie ein Teenager.“ gibt Mert zu. Vor allem, wenn es darum geht, mal ein Mädchen mit nachhause zu nehmen oder bis in die Morgenstunden zu feiern, was bei seinen Studienkollegen gang und gebe ist. „So etwas wäre einfach nicht drin, das wäre auch respektlos. Aber dafür wäscht Mama meine Wäsche und ich habe so gut wie keine Ausgaben, das ist ein Kompromiss.“ gibt er zu. Während seine österreichischen Kommilitonen nicht ganz verstehen, wieso er noch bei den Eltern wohnt, ist er einfach froh, dass er seinen Abschluss machen kann. Über seine Wohnungssituation haben weder sie, noch sonst jemand anders zu urteilen. Es sorgt allerdings auf der Uni für Gesprächsstoff – die Norm ist hier in Österreich eben doch eine Andere. 

Student, Zuhause, Migrant
Christoph Liebentritt

„ICH KENNE KEINE JUGOS DIE MIT „ FREMDEN IN EINE WG ZIEHEN“

Ähnlich geht es Lejla*. „Dass ich mit 25 noch bei meinen Eltern wohne, ist vielen österreichischen Studienkollegen ein Rätsel.“, erzählt die Wienerin mit bosnischen Wurzeln. Keine Freiheit, keine Partys, keine Unabhängigkeit – das mache ihre Freunde von der Uni stutzig. Ihre Familie kommt aber aus Bosnien und ist, was das angeht auch traditionell. „In unserem Kulturkreis ziehen die jungen Erwachsenen nämlich nicht einfach mit 18 aus. Ich kenne keine Jugos die einfach mit Fremden in eine WG ziehen würden“, erzählt Lejla. Sie steht gerade kurz vor ihrem Magister in Publizistik. „Unsere Eltern wollen auch gar nicht, dass wir sofort ausziehen. Es ist einfach unüblich und fast schon eine Beleidigung, wenn man mitten im Studium lieber ausziehen würde, nur um seine Ruhe oder Freiheit zu haben.“ In österreichischen Akademikerfamilien ist es normal, dass dem Sprössling nach der Matura zumindest am Anfang des Studiums das WG-Zimmer von den Eltern gezahlt wird, wenn nicht gleich eine eigene Wohnung. Lejla wohnt mit ihren Eltern und ihrem 29 Jährigen Bruder in einer Wohnung in Brigittenau. Lejlas Eltern sind weder streng, noch sehr religiös. Dass Lejla studiert, war aber allein ihre Entscheidung. „Meine Mutter ist ein Gastarbeiterkind, das so schnell wie möglich arbeiten musste, um die Familie zu unterstützen.“ Ihr Vater ist in seinen 20ern von Bosnien nach Wien gekommen und hat vorher nur die Schule fertig gemacht. Sein erster Job in Wien war in einem Supermarkt. Dass Lejla noch nicht arbeiten muss, ist sowohl für sie, als auch für ihre Eltern ein großes Privileg. „Aber es stimmt schon, dass ich durch diese Situation weniger selbständig bin – das werde ich erst wirklich sein, wenn ich ausgezogen bin“, so die hübsche Bosnierin. 

"Jungs haben mehr Freiheit."

MATERIELLE BASIS UND VERSTÄNDNIS VON „FAMILIE“
Warum Kinder aus Migrantenfamilien länger zuhause Wohnen als ihre österreichischen StudienkollegInnen lässt sich mittels mehrerer Faktoren erklären. Zum Einen geht es natürlich um den finanziellen Aspekt, wie Soziologe Kenan Güngör erklärt „Wir wissen aus allen Studien, dass viele Migranten- gruppen wirtschaftlich zu den unteren Gesellschaftsschichten gehören. Man hat nicht das Geld um sich eine eigene Wohnung zu nehmen und selbständig zu leben, somit sind es finanzielle Gründe, warum man bei der Familie bleibt.“ 

Aus einer Studie des Institute for Advanced Studies geht hervor, dass 45 Prozent der österreichischen Studierenden mit Migrationshintergrund aus der zweiten Generation noch zuhause wohnen. Bei jenen ohne Migrationshintergrund sind es 22 Prozent. 

Dazu kommt laut Güngör noch der kulturelle Faktor. „Das hat stark was mit Verwandtschaftsgesellschaften und mit individualisierten Organisationsgesellschaften zu tun.“ Bei familienzentrierten Gesellschaften, also wenn man eine sehr starke familiäre Bindung hat, wie es in den klassischen Migrationsländern üblich ist, dann braucht man eine Begründung, warum man von den Eltern auszieht.“ So der Soziologe. In Österreich leben wir hingegen in einer Organisationsgesellschaft, wo man im Gegensatz dazu rechtfertigen muss, warum man ab einem bestimmten Alter „noch“ zuhause wohnt. In individualisierten Organisationsgesellschaften wird vieles an sozialer Unterstützung, wofür früher die Familie, Verwandtschaft oder auch Gemeinschaft da war, immer mehr und mehr von Orga nisationen, wie z.B. der Kranken- und Altenpflege, Sicherheit, AMS, Sozialhilfe etc. übernommen. Daher verliert z.B. Verwandtschaft und Gemeinschaft immer mehr an Bedeutung und Organisationen rücken in alle Lebensbereiche. 

DIE KULTUR DER EHRE UND SCHAM 

Laut dem Soziologen spielt bei Mädchen noch ein weiterer Faktor mit: Die Ehr- und Schamkultur. „Was will sie denn außerhalb, wenn sie nicht mehr hier wohnt? Was will sie machen? Sie ist nicht mehr in der Aufsicht der Familie“ heiße es dann seitens der Familie und Verwandten. Bei Mädchen ist die Kontrolle im Alltag viel höher als bei Jungs „Wie hat sie sich angezogen, mit wem trifft sie sich, was sucht sie überhaupt so lange draußen?“ heißt es dort. „Bei Jungs gibt es einen höheren Freiheitsraum. Das hat mit der Ehr- und Schamkultur zu tun, die sich in erster Linie auf die Mädchen und Frauen bezieht. Wie stark das einschränkend ist, ist von Milieu zu Milieu unterschiedlich. Die Bandbreite geht von den religiös-konservativen bis hin u den modern, säkularen Milieus“, so Güngör.

In familienzentrierten Gesellschaften ist es der Normalfall, dass die Kinder und insbesondere Mädchen erst mit der Heirat ausziehen, oder in einer anderen Stadt studieren oder arbeiten werden. 

Das ist laut Güngör eine Übergangsform, die gesellschaftlich akzeptiert ist. „Das alles ist natürlich nicht statisch und wir befinden uns mitten im Veränderungsprozess. Während die erste Generation, z.B. im Schnitt ca. 4 Kinder hatte, sind es bei der zweiten Generation ca. nur noch 2 Kinder. Es gibt einen starken Angleichungstrend zu einer Kleinfamilie nach dem europäischen Modell.“ 

"WGs gibts bei Jugos nicht."

Hinzu kommt noch, dass die Menschen einfach später heiraten als noch vor 20 Jahren. Wenn Heiraten=Auszug bedeutet, bedeutet später heiraten=später ausziehen. Eines der Gründe, warum Mädchen aus traditionell-konservativen Familien früher heiraten liegt auch daran, dass sie mit Auszug eine höhere Freiheit mit den neuen Lebenspartnern verbinden. Das mittlere Erstheiratsalter in Österreich ist laut der Statistik Austria seit Anfang der 1990er Jahre bei den Frauen von 24,3 auf 30,6 Jahre und bei den Männern im gleichen Zeitraum von 26,5 auf 32,8 Jahr gestiegen. 

Studentin, Zuhause, Lernen, Migranten, Tradition
Christoph Liebentritt

DER AUSZUG OHNE ABSCHLUSS 

„Meine Eltern sind da traditionell. Dass wir Kinder vor der Hochzeit ausziehen, stand nie wirklich zur Debatte, aber das hat auch keiner hinterfragt.“ erzählt Cem*. Der 28 Jährige Anglistikstudent mit türkischen Wurzeln wohnt mit seinen Eltern und seinen drei Geschwistern in einer Wohnung in Wien-Favoriten. Sein Zimmer teilt er sich mit seinem Zwillingsbruder. Er hat einen Samstagsjob bei Saturn, und will später an der Uni bleiben, um zu forschen. „Wenn ich aber bevor ich heirate, einen Vollzeitjob bekomme, könnte ich auf jeden Fall mit meinen Eltern über einen Auszug reden.“ Sie würden sich trotz Tradition offen und verständnisvoll zeigen, wie er sagt. Bis jetzt hat er ein solches Gespräch aber noch nicht für notwendig gehalten – genau wie Lejla und Mert. Was für österreichische Studierende auf Unverständnis stößt, wird bei StudentInnen aus den Communities als Norm empfunden. Es stellt sich hier nicht die Frage des „gut“ oder „schlecht“. Denn: Was „Freiheit“ und „Unabhängigkeit“ bedeutet, definiert jeder für sich selbst. Für die einen mag es notwendig sein, nach der Matura auszuziehen – für andere würde so eine Entscheidung Unwohlsein auslösen. 

Im Endeffekt fließt unser Umfeld, die Erziehung und die Sozialisierung darauf ein – den „richtigen“ Zeitpunkt für den Auszug gibt es pauschal nicht. Nichtdestotrotz gibt es Fälle, in denen die Kulturen und Traditionen einen Konflikt auslösen. Wie bei Samir*, der heute mitte Dreißg ist. Bis zu seinem 23 Lebensjahr hat Samir bei seinen Eltern gelebt. „Ist ja bei Leuten aus Ex-Jugoslawien nicht unüblich, vor allem noch vor gut zehn Jahren“, erzählt er. Mit 23 fasste er dann den Entschluss, in eine WG zu ziehen, weil „So Sachen wie mal Sonntag zu Mittag einen Joint durchzeihen oder ein Mädl mit heimnehmen, oder andere Dinge, die den Eltern nicht so goutieren“ im Elternhaus einfach nicht drin waren. Sein Vater hat daraufhin aufgehört, mit ihm zu sprechen. „Er hat einfach stumm geschalten. Er sich zu meinem Auszug gar nicht geäußert, sondern einfach aufgehört, mit mir zu reden.“ Das ging so weit, dass er beim gemeinsamen Familienessen Samirs Bruder bat, ihm quer über den Tisch das Salz zu reichen, obwohl dies neben Samir stand. Von Verwandten konnte er sich anhören, er es denn wage, das Elternhaus zu verlassen – so ganz ohne akademischen Abschluss. Seine Eltern stammen beide aus bildungsnahen Familien – der Auszug ohne Abschluss stimmte Samirs Vater zwei Jahre lang negativ gegenüber seinem Sohn. Aus finanziellen Gründen musste Samir mit mitte zwanzig wieder zuhause einziehen – sein Vater empfing ihn mit offenen Armen. 

Alle Fotos wurden nachgestellt. Die auf den Bildern abgebildeten Personen sind nicht die Personen aus dem Artikel. Alle Namen wurden von der Redaktion geändert. 

* Türkisch für „Mein Sohn“ 

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