Omars Odyssee

01. September 2015

Immer mehr Menschen aus Konfliktländern fliehen auf dem Landweg nach Europa – und bleiben vorerst im rechtspopulistisch regierten Ungarn stecken. 

Eine Reportage von Osteuropa-Korrespondent Silviu Mihai

Ein kleines Feuer brennt neben der Fensterfront, in der Halle der alten Backsteinfabrik sitzt man auf dreckiger Pappe. Omar schläft noch, Jacke und Mütze an, gewickelt in einen Schlafsack. Es ist ein trostloser Nachmittag im serbischen Subotica, dem letzten Ort vor der ungarischen Grenze, doch die lange Reise geht bald zu Ende: Nur noch wenige Kilometer trennen die afghanische Gruppe von der Europäischen Union. Der Wind weht durch das verwahrloste Gebäude. Auf der Straße, die in die Innenstadt und dann weiter zur Grenze führt, patrouillieren ab und an ein Wagen der deutschen und österreichischen Polizei. „Was machen die denn hier?“, wundert sich einer der Jungs, nachdem er einen leicht verblüfften Blick auf sein Handy wirft, wo die Landkarte gespeichert ist. „Morgen geht’s weiter, inschallah“, antwortet ein anderer.

„Es gibt Essen!“, verkündet ein kaum Fünfzehnjähriger, der gerade verschwitzt hochrennt. Eine kleine Delegation läuft zur Straße zurück, um die Pakete entgegenzunehmen. Tibor Varga, der vor gut 20 Jahren einen christlichen Hilfsverein in Subotica gegründet hat, kommt jeden Tag aufs alte Fabrikgelände, und bringt nach Möglichkeiten Brot, Joghurt, Käse, Orangen, manchmal sogar Kleider. „Noch vor zwei-drei Jahren hätte ich mir nicht mal im Traum vorstellen können, dass ich afghanische und syrische Flüchtlinge versorgen werde“, lacht der große Mann mit Tarnhose und blauem Käppi. „Doch jetzt ist alles anders, und jemand muss das machen. Die Regierung in Belgrad scheint wenig daran interessiert zu sein, diese Menschen bleiben eh nur wenige Tage in Serbien, so das Argument“, erklärt Varga. Er selber gehört der ungarischen Minderheit an, die hier in der nördlichen Provinz Vojvodina nahe der ungarischen Grenze lebt.

Flucht, Omar
Foto: Mudra László

„Subotica war immer eine multiethnische Stadt, das hilft ein Stück weit, es gab bisher keine offen rassistischen Zwischenfälle“, sagt er „Aber das bedeutet leider nicht, dass sich alle freuen, wenn muslimische Flüchtlinge plötzlich zum Alltag gehören. Vor allem bei den Serben weckt das alte Ressentiments aus den Bosnien- und Kosovo-Kriegen.“ Die rund 25 afghanischen Jungs, die vor ein paar Tagen ankamen, kennen diese Hintergründe nicht. „Klar spüre ich, dass man mich auf der Straße so anguckt, als wäre ich gerade vom Mars gelandet“, lächelt Omar, der vor kurzem aufgeweckt wurde. Die Jungs sammeln sich wieder um das Feuer und machen die Pakete auf. Es wird gegessen: „Wer weiß, wann es wieder was gibt. In Serbien kann man nicht bleiben, so viel ist sicher.“

Omar ist knapp 30 und kommt aus einem Dorf in der Nähe von Kabul. Als die Taliban 1996 die Macht übernahmen, musste er mit seiner Familie zum ersten Mal fliehen, weil es den Einwohnern aus der Gegend kollektiv unterstellt wurde, sie hätten die geschasste Mudschaheddin-Bewegung unterstützt. Es ging ins benachbarte Pakistan, wo der junge Mann sein Studium der Betriebswirtschaft abschloss. Nachdem die NATO-Truppen kurz darauf die Taliban von der Macht jagten, kehrte Omar zuück nach Kabul und gründete dort ein kleines Bauunternehmen: „Schließlich redeten damals alle vom Wiederaufbau.“ Die Zusammenarbeit mit der neuen Regierung lief zunächst gut, die Firma bekam viele Aufträge und konnte sich schnell entwickeln. Doch dann geriet die politische Situation außer Kontrolle. Klans, die den Taliban nahe gestanden hatten, gewannen wieder an Einfluss, die Lage wurde undurchsichtiger, die Aufträge immer weniger. Vor zwei Jahren bekam Omar die ersten Morddrohungen, alte Kunden und Geschäftspartner fingen plötzlich an, den Kontakt zu vermeiden. „Ich musste gehen“, erzählt der Mann.

Er ging: Erst über den Iran nach Istanbul, wo er sechs Monate lang in einer Bäckerei Börek rollte, um Geld für die Weiterreise zu verdienen, dann über den ganzen Balkan, vom Süden nach Norden, bis er hier landete, auf diesem Fabriksgelände an der serbisch-ungarischen Grenze. „Morgen früh machen wir uns wieder auf den Weg, so Gott will.“ Omar ist ein praktizierender Muslim mit moderaten Ansichten. Sein Glaube gibt ihm eine fast naive Zuversicht, dass alles letztendlich gut sein wird, dass er es in die EU schafft. Er wiederholt das oft, vielleicht eher für sich selbst, als für seine Zuhörer. Seine tiefen, schwarzen Augen erzählen von einer gewissen Entschlossenheit, aber auch von der Neugierde das große, angesagte Europa kennenzulernen „Die echte Reise beginnt, wenn man ankommt“, blickt Omar zuversichtlich in die Zukunft.

Auf der Flucht
Foto: Mudra László

Am nächsten Tag überquerte die afghanische Gruppe nach achtstündigem Marsch die „grüne Grenze“ – und wurde auf der anderen Seite prompt von deutschen und ungarischen Polizeibeamten festgehalten. Es ist zu einer industriellen Routine geworden: Letztes Jahr wurden hier laut Angaben der EU-Grenzschutzbehörde Frontex rund 45.000 Asylsuchende aufgefangen, in den ersten sechs Monaten dieses Jahres waren es über 100.000. Omar kam zunächst in die Zelle des Grenzpolizeireviers in der Kleinstadt Ásotthalom, die 2013 den rechtsradikalen, Jobbik-nahen Politiker László Toroczkai zum Bürgermeister gewählt hat. In den ersten zwei Tagen gab es jeweils nur ein Schinkenbrot, auf das Omar aus religiösen Gründen lieber verzichtete. Mehrmals gab es kleine Schikanen und Erniedrigungen durch die Polizei, wie er später erzählt. „Sie haben auch mit physischer Gewalt gedroht, um uns die Fingerabdrücke schneller abzunehmen.“ Omar verstand wenig von den Details: Obwohl er gut Englisch spricht, kommunizierten die ungarischen Beamten ausschließlich in ihrer Muttersprache – und im Kommandoton.

Nach ein paar Tagen wurde Omar in einem der noch offenen Asylbewerberlager untergebracht, das sich im kleinen Ort Bicske befindet. „Die Stimmung war auch dort mies, ich konnte nicht mal den Asylantrag stellen oder jemandem meinen Fall erklären“, erzählt Omar. Das Aufnahmelager in Bicske wirkt muffig und marode. Ein hoher Stacheldrahtzaun umgibt die gelblichen Baracken. Die mageren Geldsummen, die die Asylsuchenden in Ungarn bekommen, reichen kaum für nahrhafte Lebensmittel, „deshalb haben wir dort hauptsächlich Reis und Kartoffeln gekocht“, erinnert sich der junge Afghane. „In Ungarn habe ich gelernt, dass das mit der Demokratie nicht einfach ist“, sagt er, und lacht. Wenig später nahm er den ersten Zug nach Deutschland und kam wie ein Wunder durch alle Kontrollen durch.

Omar
Foto: Mudra László

Fast alle Flüchtlinge, die über den Balkan die EU erreichen, verbringen weniger als eine Woche in Ungarn. Insgesamt sind bisher nicht einmal 5.000 Asylsuchende im rechtspopulistisch regierten Land geblieben. Einer von ihnen ist der in Damaskus geborene Adam, der sich während seines Studiums der englischen Literatur gegen das Assad-Regime engagierte und dafür ein paar Tage in einem Gefängnis der syrischen Geheimpolizei verbringen musste. 2013 gelang ihm die Flucht: Sein Bruder, der länger blieb, starb kurz darauf in einer Knastzelle. Adams Plan, von Istanbul nach Wien in einem LKW-Container zu fahren, ging aber nicht auf. Es folgte eine Odyssee durch die Berge Mazedoniens und Montenegros, bevor er Anfang 2014 im Flüchtlingslager in Debrecen landete. Dort verliebte er sich in eine ungarische Sozialarbeiterin, die ihm bei den ersten Integrationsschritten half. Sieben Monate später wurde sein Asylantrag angenommen, er zog zusammen mit seiner neuen Freundin nach Budapest. Mittlerweile spricht er fließend Ungarisch und arbeitet in einer Bäckerei. „Besser als nichts, aber weit vom Traumjob entfernt“, lacht er.

Flüchtlinge
Foto: Mudra László

Zurück zu Omar. Er wurde mittlerweile in einem Flüchtlingslager in Thüringen untergebracht. Dort wartet er seit März, dass das deutsche Bundesamt für Migration und Flüchtlinge eine Entscheidung trifft. Er hat sich ein Handy mit Internetanschluss besorgt und kann endlich mit seiner Familie und seinen Freunden kommunizieren. Omar hat nach einigen Wochen zum ersten Mal Berlin besucht, die Vielfalt der Stadt gefiel ihm gut. Der 1. Mai fiel auf einen Freitag. Nach dem Gebet in einer Moschee in Kreuzberg ging Omar für die Rechte der Flüchtlinge demonstrieren.

Wenn er zurück nach Ungarn deportiert wird, droht ihm in aller Wahrscheinlichkeit die von Viktor Orbán bevorzugte Inhaftierung. Das wäre gemäß Dublin-Regelung das wahrscheinlichste Szenario. Falls Omar doch in Deutschland bleiben darf, will er sich inschallah wieder selbstständig machen – und ein freier Mensch sein.

Omar in Berlin
Mudra László

Zur Info: Ungarn und die Dublin-Regelung

Anhand der Fingerabdrücke, die an den Außengrenzen abgenommen und in ein gemeinsames Computersystem gespeichert werden, kann jeder EU-Mitgliedsstaat feststellen, wo die schutzsuchenden Menschen in die EU eingereist sind und wer für sie zuständig ist. Für Omar, seine Kollegen und Zehntausende andere ist laut Dublin-Regelung der Rechtspopulist Viktor Orbán zuständig. Doch der ungarische Premier machte es in der letzten Zeit klar: Europa brauche keine Einwanderung, illegale Migration sei eine Gefahr für die Sicherheit und, wenn das laxe Brüssel nichts dagegen unternehmen wolle, dann werde es eben Ungarn im Alleingang tun. Dementsprechend hat die Regierung in Budapest eine drastische Verschärfung des Asylrechts durchgesetzt: Die Inhaftierung der Flüchtlinge, die im Moment nach wenig transparenten Kriterien verordnet wird und von einheimischen und internationalen NGOs scharf kritisiert wurde, wird zukünftig zum Regelfall werden. Und eine vier Meter hohe und 175 Kilometer lange, mit Stacheldraht versehene Sperranlage wird gerade an der serbischen Grenze errichtet.

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