Out of Aut: FILM AB in Sarajevo

01. September 2010

Jerusalem Europas und hippe Filmmetropole – Sarajevo bietet Beides. biber-Redakteur Marko Mestrovic fuhr zu den Filmfestspielen und zeigte auch gleich seinen Schwabofreunden, was die belebte Stadt neben rotem Teppich und Premieren zu bieten hat.

Fotos: Severin Wurnig

Wien, Schwedenplatz, fünf Uhr morgens. Vier Schwabos und ich haben eine Reise vor uns. Das Ziel: die Sarajevo Filmfestspiele. Lange Diskussionen am Vorabend zwecks bester Route wurden von Raif, dem Jugo meines Vertrauens, im Keim erstickt. Die billigste und schnellste Route sei über Ungarn! Vorbei an Sopron und dem Balatonsee, kurz durch Kroatien und über die Grenze nach Bosnien. Ohne die gelassene weibliche Stimme aus dem Navigationssystem hätten wir uns jedoch im ungarischen Pannonien garantiert verirrt. Wer nicht gern Auto fährt, kommt mit Bus (täglich von Wien Erdberg nach Sarajevo) oder Zug relativ kostengünstig nach Bosnien. Flugzeug nach Sarajevo gibt’s auch, die Preise sind jedoch schärfer als die Papierränder dieses Magazins.

 

DAHAM IM ORIENT

Wir kommen in Sarajevo an, als die Sonne die Stadt schon in ein warmes Rot taucht. Die Schwabos wollen gleich zum Filmfestival Center, ich lege jedoch mein Veto ein und verlange eine Stärkung mit Ćevape von Željo, der berühmtesten Ćevabdžinica der Stadt. Wir landen im alten Teil der Stadt, der durch seine markanten Holzhütten besticht. Hier am Brunnen Sebilj beginnt die orientalisch-osmanische Altstadt Baščaršija. Nach dem fleischigen Happen nehme ich meine Schwabos mit auf den Boulevard Maršala Tita, die Straße, die nach Novi Grad führt. Links und rechts gibt es internationale Shops, mehr als Wien zu bieten hat. Wir bestaunen das Postgebäude und die Nationalbibliothek, die aus der k.u.k-Zeit stammen und fühlen uns an Wien erinnert: endlich mal was von daham!

Das Sarajevo Filmfestival geht heuer zum 16. Mal über die Bühne. Erstmals fand es 1995 statt, kurz nach Kriegsende. Das Festival hat sich zu einem Großereignis im Balkanraum entwickelt und konkurriert mutig mit den Filmfestivals in Zagreb oder Ljubljana. Es bietet alles von Kurzfilmen bis zu Spielfilmen, von bosnischen bis zu internationalen Produktionen.

Mit Haris durch die Stadt

Die Leute in Sarajevo sind freundlich, offen und hilfsbereit. Die Baščaršija, früher ein Hafen für Reisende und Händler,
bietet heute eine Fülle an Hotels, Jugendherbergen und Apartments. Eines davon ist das bekannte Haris Youth Hostel über
der Baščaršija und gleich neben der Aussichtsplattform am Kovači gelegen. Haris, 22 Jahre alt und der Besitzer des Hostels,
hat sich in der Stadt und darüber hinaus einen Namen gemacht. Mit 15 kam Haris auf die Idee, zwei leer stehende
Zimmer im Haus seiner Familie an Studenten und Backpacker zu vermieten. Er nahm Englischunterricht und eröffnete mit
19 Jahren das erste Youth Hostel Sarajevos. Er empfängt uns herzlich und auch das Stamperl Rakija
lassen wir uns nicht entgehen. Für den nächsten Tag buchen wir seine Tour. Sechs Stunden fährt uns Haris mit seinem
Bus durch die Stadt und die Geschichte Sarajevos, von den Ottomanen über die Habsburger bis zur Gegenwart. Stationen
sind auch der Fluchttunnel in der Nähe des Flughafens und die Olympia-Bobbahn (Sarajevo war 1984 Austragungsort der
olympischen Winterspiele) in den Bergen des Trebević. Bevor es zurück ins Hostel geht, nimmt uns Haris noch mit in die Bascarsija, um einheimische Hausmannskost, die von vielen Ausländern angebeteten Ćevape, zu essen. Die bosnische Küche ist nichts für Vegetarier, was Haris auch lautstark betont. Das nationale Fast Food in Bosnien ist Ćevape (mit Ajvar, Kajmak oder einfach nur Zwiebeln im Fladenbrot) und Pita (Strudel mit verschiedenen Füllungen), das bosnische Pendant zu Döner und Pizza. Bereits meine dritte Portion große Ćevape (zehn Stück) in zwei Tagen ...

Essen mit Ausblick
Für den etwas anspruchsvolleren Gaumen gibt es Restaurants
wie das Dveri in der Innenstadt oder das Biban. Letzteres
liegt am Berg über Sarajevo und wurde uns von Alen, dem
zuvorkommenden Kellner des Segafredo bei der Gavrilo
Princip-Brücke, empfohlen. Von der Busstation Trg Austrije
(Österreich-Platz) leisteten wir uns also für umgerechnet zwei
Euro ein Taxi, das uns den steilen Berg hinauffährt, essen
gegrillten Fisch und genießen den Ausblick über ganz Sarajevo.
Die Preise in Bosnien sind für Studenten mit begrenztem
Budget ein Traum. Deshalb tummeln sich hier im Sommer
Jugendliche und Kreative aus der ganzen Welt, die entweder
arbeiten oder einfach nur den schwülen Sommer in den zahlreichen
Shisha- und Kaffeehäusern der Baščaršija verbringen.
Besonders das Morica Han hat großen Zulauf, ein aus der
osmanischen Zeit verbliebenes Kaffee- und Teehaus, in dem
wir den vermutlich besten bosnischen Kaffee und die bekannte
honigsüße Baklava serviert bekommen.

 

 

 

Kaffee mit Morgan Freeman

Der nächste Tag ist vollkommen dem Festival gewidmet. Die Baščaršija füllt sich mit hoch gewachsenen Schönheiten, die mit ihren Stöckelschuhen über die Steinplatten der Altstadt wackeln.
Das Highlight des Festivals ist vermutlich die Anwesenheit von Morgan Freeman, den wir bei „kava sa ... “ – „Kaffee mit ... Morgan Freeman“ mit Fragen bombardieren.
„Ich war heute in der Stadt spazieren ... und ich mag die bosnischen Frauen“ antwortete er auf die Frage, wie ihm Sarajevo denn gefalle.

Sarajevo bei Nacht
Dank dem Filmfestival bietet die Stadt dem internationalen
Publikum ein abwechslungsreiches und anderen Großstädten Abendprogramm wie möglich zu bieten ist. Wir starten den Abend bei einem ausgiebigen Essen in der Baščaršija, gefolgt von ein paar Sarajevsko Pivo im Meeting Point Cinema, woraufhin wir anschließend auf das Konzert von Dubiosa Kolektiv im Youth Center neben der Skenderija torkeln. Das Youth Center – Dom Mladih – bietet uns drei verschiedene Partys in einem Gebäude. Wir wechseln von der 90’s Party im Keller zum Konzert im ersten Stock, und vom Konzert auf die Dachterasse, die mit Musik und einer Open-Air-Bar einen Blick auf Sarajevo bei
Nacht gewährt. Die Drinks sind billig und unser Partywille bis in die Morgenstunden ungezähmt.

Unseren letzten Tag verbringen wir, wie könnte es anders sein, in der Baščaršija mit Pita und Chai und erfrischen uns am Brunnen Sebilj, bevor es zurück nach Wien geht.
Bis zum nächsten Jahr, Sarajevo!

 

 

 

 

 

 

 

INFO:

Bus nach Sarajevo von Wien Erdberg
täglich 18:00 Uhr, ca. € 50,-
Auto: internationale Versicherungskarte nicht vergessen!
Flug: ab Wien Schwechat, ab ca. € 200,-
(Croatia Airlines, B&H Airlines, Adria Airways)

 

 

 

 

 

Haris Youth Hostel
Vratnik Mejdan 29
+387 61 51 88 25
info@hyh.ba
Übernachtung und Tour
kosten jeweils € 15,-

Für Liebhaber von Balkan-Filmen:
Tilva Ros – serbischer Film über das Skate-Team „Kolos“
von Nikola Lezaić, ausgezeichnet mit dem
„Herz Sarajevos“ für den besten Film
Cirkus Columbia – bosnischer Film von
Oskar-Preisträger Danis Tanović

Meeting Point Cinema –
Kino und Bar

Hamdije Kreševljakovica 13
Dom Mladih
Centar Skenderija Sarajevo

Bereich: 

Kommentare

 

...sind schärfer als die Papierränder dieses Magazins"! Köstlich...!

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