„Pommes oder Lángos, Herr Vizebürgermeister?“

02. Juni 2022

Vizebürgermeister und Integrations­stadtrat Christoph Wiederkehr (NEOS) spricht über Ukrainisch-Klassen, erleichterten Zugang zum österreichischen Pass und richtet einen Appell an Bildungsminister Polaschek.

Interview: Amar Rajković, Mitarbeit: Justyna Pikusa, Foto: Franziska Liehl

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Foto: Franziska Liehl

biber: 6,20 € für eine Tageskarte fürs Schwimmbad ist ganz schön happig. Finden Sie nicht?

Christoph Wiederkehr: Wir sind preislich dort, wo wir vor Corona waren (Anm. d. Red.: Das waren 5,90 €). Aufgrund der Pandemie gab es jedoch in den letzten zwei Jahren einen Sondertarif. Wir haben keinen eingeschränkten Badebetrieb mehr und haben mit der Bonuskarte mehr Flexibilität geschaffen. Dabei zahlt man für zehn Besuche und bekommt drei Eintritte kostenlos dazu. Es gibt auch Ermäßigungen für Mindestsicherungsbezieher oder PensionistInnen. 

Trotzdem gab es reichlich Kritik für den Preisanstieg.

Es gab seit zwei Jahren keine Preiserhöhung und die Anpassung der Tarife ist weit unter der Inflation. Ich kenne kaum eine Großstadt, die sich über 40 öffentliche Bäder leistet. Junge, Alte, Familien, es gehen alle gerne in unsere öffentlichen Bäder.

Sie auch?

Ja, ich finde das Schafberg- aber auch das Kongressbad, in dem wir uns gerade befinden, sehr schön.

Sind Sie ein Fan von Deutschförderklassen?

Nicht in der jetzigen Form. In einer Klasse mit 18 Kindern, in der kein einziges Kind Deutsch kann, ist es nicht möglich, mit einer Lehrperson die Inhalte zu vermitteln. Diese von der Bundesregierung beschlossene Struktur der Deutschförderklassen ist nicht förderlich für den Spracherwerb. Ich bin ein Freund der Schulautonomie. In manchen Schulen wird es kleine Deutschklassen geben, die sinnvoll sind. In anderen lieber integrativ im normalen Regelunterricht. Es sollen die Schulstandorte selbst entscheiden und nicht das Ministerium.

Es gibt die Kritik, dass die ukrainischen SchülerInnen nicht gut integriert werden, wenn sie nur unter ihresgleichen in Deutschförderklassen bleiben. Sehen sie das auch so?

Ich halte es in der jetzigen Phase für die aus der Ukraine geflohenen Kinder sinnvoll, wenn sie in eigenen Klassen gut begleitet werden, weil wir auch noch nicht wissen, wie viele hierbleiben werden. Langfristig braucht es die bestmögliche Durchmischung in den Wiener Schulen von unterschiedlichen Ethnien und Sprachen, damit Integration wirklich gelingen kann.

2015 kamen die meisten syrischen Kinder in die Neue Mittelschule, obwohl ihr Bildungsniveau dem der AHS entsprach. Dort hat man sie zum größten Teil abgelehnt, weil sie kein Deutsch sprachen. Muss man Gymnasien mehr in die Pflicht nehmen?

Es gibt in Wien Gymnasien, die gerne ukrainische Kinder aufnehmen würden. Sie dürfen aber nicht, weil ihnen die räumlichen Ressourcen für die Deutschförderklassen fehlen. Die gesetzlichen Rahmenbedingungen sind sehr starr. Mein Appell an den Bildungsminister: Bitte stellen Sie in dieser schwierigen Zeit die finanziellen Mittel zur Verfügung und erlauben Sie mehr Flexibilität bei den Deutschförderklassen.

Von wie vielen ukrainischen SchülerInnen sprechen wir?

Wir haben aktuell knapp 3000 aus der Ukraine geflüchtete Kinder und Jugendliche in den Wiener Schulen. Das sind über 100 Schulklassen. Wir sind darauf vorbereitet, dass über den Sommer zusätzliche Kinder im schulpflichtigen Alter nach Wien kommen werden. Sie werden auch alle einen Schulplatz bekommen. Ich will nicht leugnen, dass die Herausforderung sehr groß ist. Darum unterstützen wir die bestehenden Lehrkräfte zusätzlich, indem wir neues Lehrpersonal anstellen.

Woher nehmen Sie das Personal?

Einerseits pensionierte Lehrkräfte, andererseits Geflohene aus der Ukraine und auch solche, die sich noch im Lehramtsstudium befinden und Russisch oder Ukrainisch sprechen. Das sind rund 100 zusätzliche Lehrkräfte, die wir seit dem Ausbruch des Krieges angestellt haben. In diesen Klassen ist eine Lehrperson, die das österreichische Schulsystem kennt und eine zweite die geflohen ist oder Ukrainisch als Muttersprache hat.

Die Arbeiterkammer will den Zugang zur österreichischen Staatsbürgerschaft erleichtern, die ÖVP-Generalsekretärin sieht keinen Grund dazu. Wo stehen Sie als Wiener Integrationsstadtrat?

Ein Beispiel: Wenn ein hier geborenes Mädchen aus Bosnien und Herzegowina ein Jahr ERASMUS im Rahmen ihres Studiums macht, hat sie keinen Anspruch mehr auf die österreichische Staatsbürgerschaft. Das entspricht nicht dem Zeitgeist, weil junge Menschen heutzutage viel mobiler geworden sind.

Sollten hier geborene Kinder automatisch den österreichischen Pass erhalten?

Ich bin nicht dafür, komplett vom Prinzip der Abstammung (ius sanguinis) in Österreich wegzugehen. Die hier geborenen Kinder sollen einen erleichterten Zugang bekommen, weil in Wien immer mehr Menschen leben, arbeiten, dabei aber nicht demokratisch mitbestimmen können.

Zum Abschluss die wichtigste Frage im Bad – Pommes oder Langos?

Als Sohn eines ungarischen Vaters, ganz klar: Langos. Mit Knoblauch.

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Christoph Wiederkehr im Kongressbad Foto: Franziska Liehl

 


Wer ist er?

Name: Christoph Wiederkehr

Alter: 32

Funktion: Wiener Bildungsstadtrat für Bildung, Jugend, Integration, Transparenz und Bäder. Vizebürgermeister von Wien.

Besonderes: Eine kroatische Omi crashte unser Fotoshooting und verteilte vierblättrige Kleeblätter. Sie outete sich als Riesenfan. Ob das am Spontanstrip des Vizebürgermeisters lag, ist nicht geklärt. Er zog sich das Hemd aus und schlüpfte in ein weißes T-Shirt.

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