"Rot ist die Farbe des Blutes, des Lebens und des Kampfes"

03. Juni 2019

Warum tragen Sozialdemokraten die rote Nelke? Nach wem wurde der Reumannplatz benannt? Und warum grüßt man in der SPÖ mit „Freundschaft“? Anlässlich von „100 Jahre Rotes Wien“ fragen wir beim Wiener Bürgermeister Michael Ludwig nach.

Von Simon Kravagna und Delna Antia-Tatić, Fotos: Marko Mestrović

Vor 100 Jahren startete ein politisches Projekt, das noch heute Wien prägt: Das „Rote Wien“. Der Katalog zur Ausstellung hat 469 Seiten. Damit ihr die nicht alle lesen müsst, haben wir Wiens obersten Genossen zum Thema befragt: Bürgermeister Michael Ludwig (SPÖ).

BIBER: Herr Bürgermeister, bevor wir mit der Geschichtsstunde anfangen: Wie sind Sie selbst zur Partei gekommen?

LUDWIG: Meine Mutter war Fabrikarbeiterin und alleinerziehend. Sie hatte kein leichtes Leben und uns immer gesagt: „Als arbeitender Mensch kann man nur die SPO wählen.“ So richtig begonnen habe ich im Bezirk Floridsdorf – vor allem in der Bildungsarbeit.

War es in Ihrer Jugend sexy, zur SPÖ zu gehen?

Nein, es gab auch damals schon immer mehr Leute, die sich gar nicht mehr fix binden wollten. Ich habe mir selbst erst überlegt, ob das nicht zu angepasst ist, wenn man einer Partei beitritt, die bereits die gestaltende Partei ist. Aber ich war immer von den Grundwerten der Sozialdemokratie überzeugt.

Sie hatten keine Bindungsangst?

Mich hat damals vor allem beschäftigt, ob ich wirklich einen Abend pro Woche der Partei opfern will. Heute wäre ich ehrlich gesagt froh, wenn ich einen Abend für mich hätte.

Kommen wir zu roten Ritualen und Symbolen: Sind Sie mit dem Gruß „Freundschaft“ aufgewachsen?

Ja, das war schon bei den Kinderfreunden so. Es war Ausdruck einer Wertschatzung, aber auch ein interner Gruß innerhalb der Partei, der signalisierte: „Wir gehören zusammen.“

Warum ist die Farbe der SPÖ rot?

Rot ist die Farbe der ganzen Arbeiterbewegung – nicht nur die Farbe der SPO. Rot ist die Farbe des Lebens, des Blutes und des Kampfes. Zu Beginn der Arbeiterbewegung waren viele Funktionäre auch bereit, ihr Blut zu opfern für unsere Ziele.

Es heißt „Rotes Wien“. Was ist darunter zu verstehen?

 Am 4. Mai 1919 gab es die ersten demokratischen Wahlen in Wien. Die Sozialdemokraten erhielten die absolute Mehrheit der Stimmen und setzten in den kommenden Jahren wichtige Maßnahmen für die Arbeiter um – etwa im kommunalen Wohnbau, im Bildungswesen oder im Gesundheitsbereich. Mit Ausnahme von zwei faschistischen Phasen, zwischen 1934 und 1945, gab es seit damals immer sozialdemokratische Bürgermeister in Wien. Einer meiner Vorgänger, Bürgermeister Karl Seitz, ist übrigens hier im Rathaus von den Austro-Faschisten verhaftet worden. Viele unserer Funktionäre mussten ins Ausland fliehen oder wurden getötet. Deshalb sind wir sensibel, was das Thema Rechtsextremismus angeht.

Von den Kinderfreunden bis zum SPÖ-Parteichef in Wien: Michael Ludwig
Von den Kinderfreunden bis zum SPÖ-Parteichef in Wien: Michael Ludwig. Foto: Marko Mestrovic

Nach wem wurde der Reumannplatz benannt?

Jakob Reumann war 1919 der erste sozialdemokratische Bürgermeister von Wien.

Das ist auch typisch in Wien. Jeder Bürgermeister bekommt nach seinem Tod einen Platz, eine Straße oder einen Park. Was hätten Sie denn mal gerne nach Ihnen benannt? Eine Bibliothek?

Wir haben tolle Bibliotheken in Wien. Aber mir reicht es, wenn die Leute mich in guter Erinnerung behalten.

Warum sagt man „Gemeindebau“?

Weil seit 1919 in Wien tausende Wohnbauten von der Gemeinde errichtet wurden. Das war damals international ungewöhnlich und bis heute beneiden uns viele darum. Es hilft uns, die Mieten in Wien niedrig zu halten. Und zum Glück haben wir diese Wohnungen niemals privatisiert, wie das andere Städte gemacht haben. Das bereuen dort viele Bürgermeister.

Warum ist die rote Nelke ein Symbol der SPÖ?

In romanischen Ländern ist es bei den Linken die rote Rose. Bei uns hat sich die rote Nelke durchgesetzt. Sie war kostengünstiger und langer erhältlich.

Wie viel Bobo darf man sein, damit man die SPÖ politisch vertreten kann?

Es gab immer eine sehr starke Allianz zwischen Industriearbeitern und Intellektuellen. Die ganze Führungsriege der 1. Republik der Sozialdemokratie war aus dem liberalen Bürgertum. Das ist eine völlig sinnlose Diskussion, die uns schwachen soll.

Sie sind jetzt ein Jahr Bürgermeister: Wie toll ist Ihr Job?

Der zeitliche Aufwand ist schon sehr hoch. Wenn ich was vermisse, dann ist es Zeit für Privates. Dafür habe ich fast jeden Tag wunderbare Begegnungen.

Noch einmal auf einer Skala von 1 bis 10: Wie toll ist Ihr Job?

Ich wurde sagen: Acht!

 

Empfehlung:
Das Rote Wien. 1919 bis 1934
Wien Museum,
Musa Felderstrase 6-8 1010 Wien

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