„Scheiß auf den Sprachkurs, lern's in den Streets"

26. November 2018

Fremdsprachen lernen im Fußballkäfig, auf der Baustelle oder beim Chillen mit Freunden? Willkommen in der „Sprachschule der Straße“


Von Šemsa Salioski, Fotos: Soza Al Mohammad

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Im Park kannst du Fußball spielen, aber auch eine neue Sprache lernen

 „Wallah brate, ich schwöre!“ dröhnt es aus dem Fußballkäfig neben meinem Wohnblock in Wien Brigittenau. Der Sprachenmix ist hier ur normalno, oder? Naja, für mich schon. Ich komme in meine Wohnung und werde von meinem älteren Bruder grinsend mit den Worten „Ho much wu?“ begrüßt. „Wo hast du das schon wieder her?“, will ich wissen. „Na aus dem Fitnesscenter. Von den Tschetschenen.“, antwortet er. Wie ich später erfahre, bedeutet es „Wie geht’s dir?“ – in der Form allerdings nur, wenn man einen Mann anspricht. Kein Wunder, wenn er es von seinen Brudis aus dem Fitnesscenter kennt. Das ist nicht das erste Mal, dass mein Bruder mich mit einer Begrüßung in einer mir nicht bekannten Sprache überrascht: Er besitzt davon ein breites Repertoire. Gelernt hat er das alles nicht in einem Fremdsprachenkurs oder im Ausland, sondern hier, in der Brigittenau, auf der Straße. Beim Fußballspielen oder beim Chillen im Park hat er sich als Jugendlicher Redewendungen und Ausdrücke aus den verschiedensten Winkeln der Erde angeeignet. Da können kleine Fehler, wie seine Schwester mit der männlichen Form anreden, schon passieren. Politische Korrektheit ist hier sowieso nicht an erster Stelle: Sein „bester arkadaş“ (türk. „bester Freund) aus der Teenie-Zeit nannte ihn damals zum Spaß den „hellen Türken“, weil er die türkische Sprache für einen Mazedonier mit albanischen Wurzeln überraschend fehlerfrei beherrscht hat. Das liegt mittlerweile einige Jahre zurück, meinen Bruder findet man heute eher auf der Uni als im Käfig. Aber was bleibt, das bleibt: Oft höre ich ihn heute noch mit seinen ganzen „bratkos“ ständig auf „bosanski“ telefonieren. Sprachenvielfalt steht bei uns an der Tagesordnung. Und damit sind wir nicht alleine. Laut einer Studie der Statistik Austria liegt die Anzahl der Wiener Bevölkerung mit Migrationshintergrund bei 43,9%. Dazu zählen Zuwanderer der 1., sowie der 2. Generation. Ganz oben auf der Rangliste, der in Österreich am meisten gesprochenen Sprachen, befinden sich Bosnisch-Kroatisch-Serbisch, Türkisch, Ungarisch, Slowenisch, Polnisch, Rumänisch und Arabisch. Insgesamt werden hierzulande um die 250 Sprachen gesprochen. 

DER TSCHECHISCHE FUSSBALLPLATZ IN ÖSTERREICH

Dass Fremdsprachen, die man durch Freunde lernt, einen in der Arbeitswelt weiterbringen, sieht man auch am 21-jährigen Kroaten Daniel. „Ich habe in der Nähe der tschechischen Grenze Fußball gespielt, genauer gesagt in Mistelbach und Poysdorf“, erzählt er. Aufgrund der Lage gab es viele Tschechen in den Mannschaften, die nur wenig Deutsch verstanden haben. Deswegen hat Daniel anfangs mit ihnen eine Mischung aus Kroatisch und Deutsch geredet. Nach einer Weile haben sie ihm immer mehr tschechische Ausdrücke beigebracht. „Ich habe Tag für Tag mindestens ein neues Wort oder einen neuen Satz gehört. So wie bei jeder neuen Sprache habe ich natürlich zuerst das Schimpfen gelernt. Darauf folgten die klassischen Smalltalk-Basics wie „co to děláš?“ (tschech.“Was machst du?“) oder „odkud jsi?“ (tschech. „Woher kommst du?“) und die Antworten darauf. Zusätzlich habe ich dann noch in Poysdorf gearbeitet. In der Werkstatt hatten wir viele Mitarbeiter aus Tschechien, die ich ständig nach neuen Ausdrücken gefragt und um Übersetzungen gebeten habe.“ Seine Tschechisch-Kentnisse waren auch in seinem Arbeitsalltag von Vorteil. „Die Geschäftsführer meiner Firma haben irgendwann gemerkt, dass ich fließend Tschechisch spreche und mich die ganzen Aufträge von tschechischen Kunden erledigen lassen“, erklärt er.  

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Willkommen in Wien, dem Babylon der Neuzeit.

AUSLANDSSEMESTER IN SCHOTTLAND ZUM SPANISCHLERNEN

Dass ein Auslandsjahr in Schottland auch andere Lerneffekte haben kann, sieht man am Beispiel der 23-jährigen Athira. Sie spricht Malayalam (eine indische Sprache), sowie Deutsch und Englisch. Athira hat ein Uni-Auslandsjahr in Glasgow verbracht, jedoch blieb es in der Kommunikation bei weitem nicht nur bei Englisch. „Dort habe ich Leute aus Spanien, Ecuador, Kolumbien und Argentinien kennengelernt. Einer meiner Kollegen war aus Valencia. Durch ihn habe ich die Sprache täglich zu hören bekommen. Zum Beispiel, wenn er mit seinen Eltern und Freunden von zu Hause telefoniert hat. Später habe ich mich mit Leuten aus Ecuador angefreundet und war ständig mit ihnen unterwegs. Unsere Clique ist freitags immer in einen Reggeaton-Club gegangen. Durch die spanische Musik habe ich tanzend und singend noch mehr Begriffe dazulernen können. Die Gruppe hat außerdem ausschließlich Spanisch miteinander geredet. Es hat mir jedoch nichts ausgemacht, da ich Italienisch kann und sie nach einer Weile verstanden habe“, erzählt sie. „Ich habe Spanisch wirklich nur durch meine Freunde aus dem Auslandsjahr gelernt“, fasst Athira zusammen. 

FARSI DURCH DIE PERSER-CLIQUE

„Farsi verstehen habe ich hauptsächlich durch meinen persischen Freundeskreis gelernt. Einige Wörter sind türkischen Begriffen sehr ähnlich, was es natürlich oft leichter gemacht hat, den Kontext eines Gesprächs herauszuhören“, sagt die 23-jährige Wienerin Fatma, deren Muttersprache Türkisch ist. „In der persischen Clique wurden in der Runde viele Geschichten oft unbewusst auf Farsi erzählt und anschließend für mich auf Deutsch übersetzt. Meistens wurden auch deutschsprachige Sätze mit einbezogen. Auf diese Art habe ich gelernt, ihre Unterhaltungen zu verstehen und gleichzeitig immer mehr Wörter aufgeschnappt“, erklärt Fatma, die neben Deutsch und Türkisch noch Englisch und Französisch spricht – und Farsi sowie algerisches Arabisch versteht. Besonders interessant waren für sie persische Redewendungen, die sie zwar nicht aus dem Deutschen, dafür aber  aus dem Türkischen kannte. „Ich kann auch ein paar Witze reißen, wirklich gut ist mein Farsi aber auch nicht“, meint sie. Das algerische Arabisch hat sie in der Unterstufe bei einer Freundin mit algerischen Wurzeln kennengelernt. „Ich war oft bei ihr und habe mir ständig die Gespräche zwischen den Familienmitgliedern mit angehört. Unbewusst ist viel davon hängen geblieben. In diesem Jahr war ich dann selbst in Algerien. Da Französisch in dieser Sprache eine große Rolle spielt, habe ich keinen Dolmetscher benötigt, wenn ich mich mit den Einheimischen dort unterhalten wollte“, erzählt Fatma über ihre Sprachfähigkeiten.

POLSKI MIT DEN ÄGYPTISCHPOLNISCHEN BRUDIS

Ähnlich war es bei Patrick, einem Österreicher aus Wien. „Mein Kumpel und sein Bruder haben ägyptisch-polnische Wurzeln, bei ihnen Zuhause wurde aber meistens Polnisch gesprochen. In meiner Jugend bin ich ständig mit den beiden unterwegs gewesen. Ich bin quasi mit ihnen aufgewachsen. Durch die Unterhaltungen zwischen den Brüdern und den anderen Familienmitgliedern war ich pausenlos von der Sprache umgeben. So habe mir nach und nach die unterschiedlichsten Wörter gemerkt“, erinnert sich der 27-Jährige. Nach ungefähr zwei Jahren hat Patrick Polnisch dann selbst beherrscht. Er ist sogar alleine nach Polen gefahren, um den Praxistest zu machen: „Ich mag das Land und die Leute. Am liebsten bin ich in Krakau. In Polen habe ich realisiert, dass ich mich mit anderen problemlos über jedes Thema unterhalten kann. Die ersten Worte, die ich auf Polnisch sagen konnte, waren natürlich Sätze wie „jak się masz“ (poln. „Wie geht’s?“) oder „co robisz?“ (poln. „Was machst du?“). Ich habe auch ein Lieblingswort, nämlich „wolnośc“ (poln. Freiheit).“ 

„BAUŠTELAC-JUGO“ ÜBER DEN DÄCHERN DER HAUPTSTADT

Dass die „Sprachschule der Straße“ keine Erfindung von Millennials ist, zeigt sich beim heute 64-jährigen gebürtigen Polen Jan. „Als ich in Österreich angekommen bin, konnte ich kaum Deutsch. Meine Kollegen auf der Baustelle kamen alle aus dem ehemaligen Jugoslawien. Untereinander haben sie ausschließlich auf „Jugo“ geredet. Als Gestik und Mimik nicht mehr ausreichend waren, haben sie versucht, Jan ihre Sprache beizubringen. Es war nicht allzu schwer, da es sich bei den beiden immerhin um slawische Sprachen handelte. „Wir haben anfangs eine Mischung aus Polnisch und „Jugo“ gesprochen und uns sehr bald immer mehr verständigen können. Zu den ersten Begriffen, die ich gelernt habe, zählten natürlich die Namen der Werkzeuge wie „čekić“ (kro. “Hammer“) oder „bušilica“(kro. „Bohrmaschine“) , die wir für die Arbeit gebraucht haben. Nach ungefähr einem Jahr konnte ich ihre Sprache dann selbst sprechen“, sagt Jan. „Im Alltag habe ich mein „Jugo“ in erster Linie für die Arbeit gebraucht. Ich habe die Fremdsprache aber auch sonst gerne verwendet, wenn ich gemerkt habe, dass mein Gegenüber sie ebenfalls beherrscht. Mein Lieblingssatz ist „idemo kući“. Den bringe ich immer, wenn ich meiner Frau bei Bekannten heimlich signalisieren will, dass ich mich langweile und endlich nach Hause gehen möchte“, grinst er. 

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In welcher Sprache die beiden Jungs sich wohl miteinander unterhalten? Deutsch, Polnisch oder doch Swahiili?

SUCHT EUCH EURE EIGENE „SPRACHSCHULE DER STRASSE“

Vor allem in Multikulti-Städten wie Wien hat jeder die Möglichkeit, seine Sprachkenntnisse mitten im Alltag zu erweitern. Eure eigene „Sprachschule der Straße“ kann daher überall sein. Eure ganz persönlichen „Sprachlehrer“ müssen auch nicht immer zwingend die besten Freunde oder die Arbeitskollegen sein. In der Schule hat mit Sicherheit jeder schon einmal seine Klassenkameraden nach neuen Schimpfwörtern aus dem Heimatland gefragt. Wenn man älter wird, könnte man schließlich eine Ebene weiter gehen und nach den Basics fragen. So bringt man den Sprachschneeball perfekt ins Rollen. Eine zusätzliche Sprache öffnet die Türen für eine völlig neue Kultur. Durch das Verstehen von Musik, Filmen, oder Serien in der Originalsprache bekommt man Einblicke, die kaum mit bloßen Übersetzungen vergleichbar sind. Die einzige Voraussetzung: Man muss auch Interesse daran haben. Der Rest ergibt sich durch das Zuhören von selbst, auch wenn man die neu erlernte Sprache dann nicht unbedingt fließend beherrscht. Die meisten Einwandererkinder, die ich kenne, haben sogar ihre eigene Muttersprache ausschließlich durch das Zuhören gelernt und beherrschen sie schriftlich eher selten. Dennoch reichen die Grundkenntnisse für Unterhaltungen und bilden immer das Fundament für den Rest. Merkt euch das, meine Bratkos und Habibis. 

 

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