Schwule und Lesben am Werk

06. Juli 2010

 

 

 

Im Juli tagen in Warschau erstmals schwule und lesbische Bosse. Das hat Symbolik: Es ist die erste Veranstaltung dieser Art in Osteuropa.


Lack, Leder und schrille Farben – nein, so sieht ein Manager nicht aus. Auch nicht, wenn er oder sie homosexuell ist. Deshalb wird die Konferenz schwuler und lesbischer Business-Leader fad zum Anschauen: Grau in Grau, Krawatten, Blazer. Umso spannender: Der Event findet in Warschau statt – das erste Mal in Osteuropa!

Homosexualität ist ein relativ neues Thema in Polen“, sagt Andreas Citak, Initiator des Business Forums. Citak, Manager beim IT-Riesen IBM, ist vor 25 Jahren aus Polen nach Österreich ausgewandert, mitunter wegen des negativen Klimas, das dort Homosexuellen entgegenschlug. Auch heute ist Osteuropa nicht gerade für Homo-Freundlichkeit bekannt. Erst 2009 löste die Polizei eine Kundgebung Homosexueller in Moskau brutal mit Schlagstöcken auf, erst im Mai wurde die Elfriede Lunacek (österreichische Abgeordnete im EU-Parlament) auf einer Demo in Bratislava mit Steinen beworfen.

Das Business Forum findet im Rahmen des jährlichen Homo-Events „Europride“ statt. Zum ersten Mal seit dem Bestehen der Europride (1992) gibt es von der Gaststadt keine Unterstützungsgelder. Auch bei der Besucherzahl kann Warschau nicht mithalten: Während 2007 1,5 Millionen Menschen nach Madrid kamen, erwartet man in Warschau maximal 70.000. Jene, die kommen, tun es eher aus Solidarität. Sie wissen, dass in Warschau keine große Party zu erwarten ist. Nicht zuletzt, weil bisher nicht klar ist, ob das große Schlusskonzert stattfinden kann.

 

 

Lügen wider Willen

 

Am Business Forum bleiben die Federboas aber ohnehin im Aktenkoffer. Man wird darüber debattieren, wie man die Vorurteile gegenüber schwulen oder lesbischen Kollegen und Chefs abbauen kann. Aus Studien weiß man, dass immerhin fünf bis zehn Prozent der Bevölkerung homo- oder bisexuell sind. Andreas Citak wird über IBM als Beispiel für einen guten Arbeitgeber sprechen: 45 Top-Bosse des Konzerns sind als schwul oder lesbisch geoutet. Usus ist das nicht: In vielen Unternehmen ist das Thema Tabu; und gerade in Polen. Im Vorfeld des Business Forums hat Citak dennoch viele Anfragen bekommen – allerdings wenige von Chefs, viele von einfachen Mitarbeitern.

 

Denn Homosexualität am Arbeitsplatz hat nichts mit sexuellen Vorlieben zu tun, sondern mit alltäglichen Problemen. „Es beginnt beim Montag-Morgen-Gespräch“, sagt Roswitha Hofmann, Forscherin von der Wirtschaftsuni Wien. „Erfinde ich einen heterosexuellen Partner, wenn ich vom Wochenende erzähle? In welcher Begleitung komme ich zum Business-Essen? Protestiere ich bei homophoben Witzen?“ Schwule und Lesben müssen oft wider Willen zu Lügen greifen weil sie zurecht fürchten, nach einem Outing gemobbt zu werden. Dabei würde eine Firma von einem positiven Klima profitieren. „Die Produktivität steigt um 20-30 Prozent“, rechnet Andreas Citak vor, „eine Firma mit 10.000 Mitarbeitern würde um 50 Millionen Euro mehr Geld machen.“

 

 

ANDREAS CITAK VON IBM IST INITIATOR DES BUSINESS-FORUMS

Auch Julian Wiehl wird nach Warschau reisen. Er ist Mitherausgeber des Magazins Vangardist (www.vangardist.com) und wird beim Business Forum einen Vortrag über Kommunikation und Marketing halten. Auch die Werbung mache viel falsch, sagt Wiehl: „Man muss wegkommen von Blau und Pink. Es braucht mehr Feinfühligkeit bei der Auswahl der Sujets.“
Nicht nur dort. Und nicht nur in Polen…

 

INFO: www.glbt-business-leader-forum.org

 

Von Iga Niżnik und Lucia Bartl (Foto)

 

 

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Kommentare

 

Ich weiß auch nicht, was vor allem die Männer in Osteuropa gegen Homosexuelle haben?! In Sofia wurde letzte Jahr eine Schwulen-Parade gewalttätig zerschlagen. Es ist sogar Blut geflossen und die Polizei hat sich kaum eingemischt!

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