"Sexarbeit ist auch Arbeit" - Die Migrant Sex Workers im Gespräch

12. September 2019

WE WORK! So lautet die Message der „Migrant Sex Workers“ vom Verein Red Edition. Auf der diesjährigen Wienwoche wollen sie vor allem eines: Mehr Sichtbarkeit und Anerkennung für Sexarbeiterinnen und Sexarbeiter. 

Von Nada El-Azar, Fotos: Marko Mestrovic

„Am Anfang waren wir nur eine Handvoll Sexarbeiter, die meisten davon männlich.“ Trajche stammt ursprünglich aus Mazedonien und ist einer der Gründer von Red Edition. Neben ihm sitzt sein Freund Darin und fächert sich Luft zu. „Wir schlossen uns zusammen, um über gute und schlechte Klienten zu sprechen, welche Preise wir für welchen Service festlegen, also ziemlich oberflächliche Fragen.“ Erst nach und nach trat der Aktivismus hinzu. Zur Regulierung von Sexarbeit sprechen die Aktivisten von Red Edition über drei Zustände: Illegal – entkriminalisiert – legal. „In Wien muss man sich als Sexarbeiter bei der Polizei melden. Vielen ist das ein Dorn im Auge, da wir nicht als Kriminelle wahrgenommen werden möchten“, erklärt Trajche. Als Sexarbeiter darf man zudem nicht in seinem privaten Zuhause tätig sein, sondern nur in zugelassenen Etablissements wie Bordellen, Laufhäusern, Studios und dergleichen seine Dienstleistungen anbieten. In Österreich ist Prostitution grundsätzlich legal, wobei es je nach Bundesland Unterschiede in der Rechtslage gibt. In Wien ist auch die Straßenprostitution zulässig, aber zeitlich und örtlich eingeschränkt.

Der 26-Jährige Darin ist aus seinem konservativen Elternhaus entflohen und wird sich auch bei der Performance „WE WORK!“ outfittechnisch ins Zeug legen.
Der 26-Jährige Darin ist aus seinem konservativen Elternhaus entflohen und wird sich auch bei der Performance „WE WORK!“ outfittechnisch ins Zeug legen.

„Warum nicht?“ 

Seit vier Jahren lebt der Mazedonier in Wien. Seinen Weg in die Sexarbeit hat er über eine Bekannte in seiner Heimatstadt gefunden, die sich prostituierte. „Natürlich hat sie es nicht offen gemacht, denn in Mazedonien ist Sexarbeit gar nicht reguliert. Es ist weder legal, noch entkriminalisiert, noch verboten. Es spielt sich im Dunkeln ab.“ Eines Tages fragte sie ihn, ob er nicht einen Kunden nehmen könne, der einen Sadomaso-Service wollte. „Bei 200 Euro pro Nacht dachte ich mir, warum nicht? Ich war Student und jobbte schon, aber es reichte nicht, um alleine zu leben.“ Trajche war damals 22 Jahre alt. „Ich war sehr nervös vor meinem ersten Antritt, aber das ist man doch bei jedem anderen Job auch, oder nicht?“. 

„Ich war wie eine Schande für meine Eltern.“

Darin ist 26 Jahre alt und stammt ursprünglich aus der Türkei. Er ging von zuhause weg, nachdem seine Eltern auf einen Zeitungsartikel über die LGBT-Organisation stießen, bei der er sich heimlich engagierte. Seine Homosexualität verbarg er vor ihnen, weil sie konservative Muslime waren und ihn niemals akzeptiert hätten. „Als alles herauskam, haben sie mich regelrecht attackiert. Bei uns Kurden spielt das Ansehen in der Familie eine große Rolle. Ich war wie eine Schande für meine Eltern. Also bin ich zunächst nach Istanbul gegangen. Natürlich habe ich Geld gebraucht. Ich arbeitete eine Zeit lang mit Trans-Sexarbeitern auf der Straße. Und seit 2015 lebe ich in Österreich.“ 

Slutshaming immer noch tief verankert

Über Darin hat Bernhard auch zu Red Edition gefunden. „Ich war sehr aktiv in Wiens queerer Szene und war ebenfalls als Sexarbeiter tätig. Es ist einfach etwas, in das ich hineingekommen bin, aus Geldnot. Ich verdiente mein Geld mit etwas, was ich gerne mache.“ Wenn es um queere Inhalte geht, unterstützt Bernhard das Team von Red Edition tatkräftig. Privat tritt er unter dem Namen „Candy Licious“ regelmäßig als Drag Queen auf.  Den ehemaligen Sexarbeitern ist es ein Anliegen, in der Gesellschaft Vorurteile gegen Sexarbeit und jene Menschen, die sich dazu entschließen, abzubauen. Sexarbeiter seien dreckig, kriminell, sie verbreiten Geschlechtskrankheiten oder HIV, sie zerstören Ehen – Trajche kennt all diese Annahmen. Dass vor allem Frauen sich prostituieren, kann er nicht bestätigen. „Die Sexarbeiter-Industrie ist sehr divers, also denke ich nicht, dass es zum Beispiel mehr weibliche Sexarbeiterinnen gibt als nicht-weibliche. Aber in der Gesellschaft ist das Slutshaming noch so tief verankert, dass einerseits gegenüber Sexarbeiterinnen Ressentiments existieren, und andererseits männliche Sexarbeiter so gut wie unsichtbar sind.“ Der 35-Jährige ist schon seit Jahren nicht mehr selbst aktiv als Sexarbeiter, kennt aber Kolleginnen und Kollegen aus der ganzen Welt, und ist Teil vieler Projekte zum Aufbrechen des Stigmas geworden. 

 

Benachteiligung von Frauen spürbar

Haben männliche Sexarbeiter mit anderen Problemen zu kämpfen als weibliche? „Meiner Erfahrung nach ist es für Männer leichter selbstständig zu arbeiten, weil es viele Agenturen und Websites gibt, bei denen man sich unter Einhaltung weniger Bedingungen registrieren kann.“ Trajche ist überzeugt, dass sich die Benachteiligung von Frauen in der Gesellschaft auch in der Sexarbeitsindustrie niederschlägt. „Diese Projektion zeichnet sich so ab, dass Sexarbeiterinnen häufig mit dem Manager der Website, oder des Puffs, oder irgendeiner anderen Person, die über sie Geld verdienen will, herumschlagen muss. Es ist wie ein Symptom eines gesamtgesellschaftlichen Problems.“ Die Mitglieder der Selbstorganisation Red Edition haben sich den roten Regenschirm als Logo ausgesucht – ein Symbol, das international Sexarbeiterinnen und Sexarbeiter und deren Schutz repräsentieren soll. „Wir wollten unsere Sichtbarkeit erhöhen, weil wir fanden, dass unsere Stimmen in Österreich so leise sind“, so Trajche und Darin. 

Seit 2016 sind Trajche, Bernie und Darin auf der Straße aktiv.
Seit 2016 sind Trajche, Bernie und Darin auf der Straße aktiv.

Vernetzt stärker

Red Edition funktioniert wie ein Netzwerk von und für Sexarbeiter, wo jeder einen Platz hat. Egal, welcher sexuellen Orientierung oder welchem Geschlecht man sich zugehörig fühlt. „Über unsere Social Media Profile melden sich viele Menschen, die sagen, dass sie froh sind, dass es uns gibt. Leider können wir uns aufgrund mangelnder Kapazitäten nicht um alle Probleme kümmern, aber wir haben immer ein offenes Ohr und sind fast wie eine große Familie“, sagt Trajche. Seit letztem Jahr veranstaltet Red Edition mehr öffentliche Events - etwa in Zusammenarbeit mit dem Impulstanz Festival - oder ist mit einem Truck auf der Regenbogenparade präsent. „Dass wir bei der WIENWOCHE dabei sein können, ist etwas ganz Besonderes für uns, wir sind nämlich keine Künstlergruppe“, sagt Trajche. Das Ziel der Performance: Die Anerkennung von Sexarbeit zu steigern und auf mehr Sicherheit und faire Arbeitsbedingungen aufmerksam zu machen. Red Edition holt sich deshalb am zweiten Festivalwochenende die Mariahilfer Straße zurück. „In der Nähe des Westbahnhofs sind viele Sexarbeiter ihrem Gewerbe nachgegangen, bis das neue Prostitutionsgesetz Sexarbeiterinnen und Sexarbeiter zwang, sich aus Wohngebieten zurückzuziehen. Das drängt Menschen an den Stadtrand, wo es dunkel ist und es weder eine Polizeistation noch ein Krankenhaus in der Nähe gibt“, erklärt Trajche. Mit Bannern ausgestattet wollen Mitglieder von Red Edition sich Gehör verschaffen. 

Trajche ist der Kopf des Vereins Red Edition
Trajche ist der Kopf des Vereins Red Edition

Migrant und Sexarbeiter – doppelte Ausbeutung?

Trajche ist überzeugter Feminist und Ex-Sexarbeiter. Innerhalb einiger feministischer Strömungen ist die Existenz von Sexarbeit immer noch ein großes Streitthema. Chefredakteurin der EMMA und Feministin der ersten Stunde Alice Schwarzer schreibt etwa, dass eine „Gesellschaft, die Prostitution duldet, eine inhumane Gesellschaft“ sei und „solange das eine Geschlecht den Körper und die Seele des anderen kaufen kann, Frauen das käufliche Geschlecht“ sein würden. Ist man nach dieser Logik als Migrant und Sexarbeiter nicht doppelter Benachteiligung ausgesetzt? Darin widerspricht: „Es gibt einfach Leute, die Sex mögen und Geld mögen, also mit Sex Geld verdienen wollen. Wir alle haben unsere Jobs, weil wir damit Geld verdienen.“ Trajche stimmt ihm zu. „Ganz ehrlich, ich habe mich als Kellner viel ausgebeuteter gefühlt! Ich verkaufte nicht meinen Körper, sondern meine Services. Das ist der Kapitalismus, wir alle brauchen unsere Jobs“, lacht er. Das Hauptproblem der Sexindustrie sei Menschenhandel und erzwungene Prostitution. „Red Edition kämpft entschlossen gegen den Menschenhandel, denn Opfer von Menschenhandel sind keine Sexarbeiter!“

Nicht verpassen:
Am 21. September 2019 machen Mitglieder von Red Edition ihre Performance auf der WIENWOCHE.
WO? Mariahilfer Straße 166, Ecke Karmeliterhofgasse, 1150 Wien

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