„Sie haben mir geschrieben, wie sie mich töten wollen.“

14. September 2018

Für diesen Artikel könnten wir ins Gefängnis kommen. Zumindest in Russland, wo nicht öffentlich über Sex geredet werden darf und das Wort „Feministin“ als Schimpfwort gilt. Als die russische Menschenrechtsaktivistin Evdokia Romanova (28) letztes Jahr einen Artikel über Homosexualität auf Facebook teilt, wird sie nicht nur angeklagt, sondern erhält auch Morddrohungen. Heute lebt sie in Wien und spricht mit biber über ihre Entschlossenheit, trotzdem weiterzumachen.

Von Emira Abidi und Sarah Wagner

 

Du wurdest in Russland angeklagt, weil du auf Facebook einen Artikel geteilt hast, der unter das „Homosexual Propaganda Law“ fällt. Worum handelt es sich genau?

Es ist ein Gesetz, das von der russischen Regierung im Jahr 2013 erlassen wurde. Es verbietet jegliche Darstellung von Homosexualität, Transgender oder Pädophilie. Damit wird gleichzeitig die Redefreiheit bezüglich sexueller Orientierung und Identität unterbunden. Ebenso verboten ist es in der Öffentlichkeit seine sexuelle Identität zu zeigen. Hierzu gehört auch das Teilen von Informationen über Homosexualität im Internet.

                                                                                                    Evdokia Romanova

Könntest du die Anklage gegen dich und die Ereignisse rundherum beschreiben?

Ich wurde wegen eines Facebook-Postings angeklagt. Es war ein Artikel über ein neues Gesetz in Irland, das Homosexualität nun erlaubt, Abtreibung jedoch weiterhin verbietet. Da in Russland Homosexualität strafbar ist, bekam ich es vor einem Jahr mit der Polizei zu tun. Mir wurde mit einer Anklage gedroht, denn man müsse ja auf meine abtrünnigen Taten reagieren. Als die Polizei während des Verhörs auch plötzlich meine Familie und meinen Freund, der österreichischer Staatsbürger ist, ins Visier nahmen, begann ich mir unheimliche Sorgen zu machen. Ihre Leben standen nun auch auf dem Spiel.

Vor Gericht gab es kein zulässiges Beweismaterial gegen mich. Es musste erst „gefunden“ werden. Schließlich folgte der lächerlichste Anklagepunkt überhaupt, nämlich, dass ich zu Hause über einen Internetanschluss verfüge. 4 Stunden dauerte das Verfahren. Ich habe verloren und musste eine Strafe von umgerechnet etwa 750 Euro zahlen. Das alles bloß, wegen eines Internetanschlusses und weil ich über Facebook einen Artikel teilte. Währenddessen wurde meine Situation in Russland immer schlechter.

Was geschah genau?

Mein Fall wurde in den russischen Medien breit diskutiert. Neben sexistischen Äußerungen, erreichten mich online auch die ersten Morddrohungen. Sie haben mir sogar geschrieben, wie sie mich töten wollen. Ich wurde paranoid, ich konnte nicht schlafen und fürchtete immer, dass mir jemand etwas antun würde. Mir wurde vorgeworfen, als internationale Aktivisten die russischen Werte zu zerstören. Das erscheint mir bis heute komisch: Ich werde für Re-Posts angeklagt, aber Leute, die öffentlich zum Mord aufrufen, kommen ungeschoren davon. Schließlich hatte ich sogar Angst davor, meine eigene Wohnung zu verlassen. Diese Drohungen konnten immerhin von jedem stammen, vielleicht sogar von meinen Nachbarn, wer weiß. Mittlerweile leben mein Partner und ich in Österreich. Ich könnte theoretisch jederzeit wieder zurück nach Russland reisen. Trotzdem habe ich einfach viel zu große Angst davor.

Wie würdest du die Situation der LGBTQ-Community in Russland grundsätzlich beschreiben?

Die Situation ist ziemlich schlecht. Auf der einen Seite herrscht starke Unterdrückung, die auch mit Belästigung und Gewalt einhergeht. Das betrifft nicht bloß Communitymitglieder, sondern auch die Menschen, die sie unterstützen. Auf der anderen Seite kam es gleichzeitig zu viel Empowerment für die LGBTQ-Community. Die Leute schließen sich nun zusammen und machen ihre Wünsche und Bedürfnisse publik. Viele pro- feministische und LGBTQ Bewegungen wurden gegründet. Deren gemeinsames Ziel ist es die patriarchalen und konservativen Strukturen in der (russischen) Gesellschaft zu entfernen. Gleichzeitig soll ein Raum geschaffen werden, in dem sich alle ausdrücken und zeigen können, wer sie sind – ganz ohne die Angst vor Abwertung und Schikane.

War es eine schwierige Entscheidung deine Leidenschaft zum Beruf zu machen?

Es war eigentlich keine Entscheidung, es ist einfach passiert. Ich bin nicht sicher, ob ich diese Entscheidung treffen würde, wenn ich die Wahl hätte. Die Menschenrechtslage in Russland war nicht immer so schlecht wie heute. Früher war alles anders! Ich habe mit Kindern mit Behinderungen gearbeitet, aber auch in der HIV-Aufklärung. Wir haben über Safer Sex und Verhütung gesprochen, das war alles noch erlaubt zu dieser Zeit. Jetzt ist es verboten. Sogar nur über HIV zu reden ist nicht erlaubt. Es war ein großer Sprung von einer eigentlich sehr offenen Gesellschaft zu einer, in der nicht mal öffentlich das Wort Sex in den Mund genommen werden darf. Es war ein schleichender Prozess, an dem vor allem die konservative Regierung Schuld ist, die an die Macht kam.

          

Evdokia Romanova
Maryam Ghanem

Was denkst du über politischen oder sozialen Aktivismus in Europa?

Die Menschen hier sind sehr offen dafür. Sie schämen sich nicht, über Sachen zu sprechen und sind auch nicht schüchtern. Sie teilen Informationen, sie nennen sich öffentlich Feministinnen und Feministen. In der russischen Gesellschaft wäre das unmöglich, das ist ein sehr stigmatisierter Begriff. Aber hier ist es mehr eine Art Mode. In meiner Heimat haben wenige ein Konzept von NGO-Arbeit oder so. Hier ist es das andere Extrem: Die Menschen hier sind so leidenschaftlich dabei, drücken sich so gut aus. Ich denke, das ist großartig. Aber gleichzeitig denke ich auch, dass die Leute nicht vergessen sollten, dass die Anliegen, für die sie kämpfen, keine neumodischen Erscheinungen sind, sondern tiefliegende Konflikte. Und ich denke, da liegt der Unterschied zwischen einigen Aktivistinnen und Aktivisten. Ich möchte nichts pauschalisieren, aber manchmal habe ich das Gefühl, die Menschen setzen sich für etwas ein, was sie zum Beispiel im Internet gelesen haben. Aktivistinnen und Aktivisten wie ich haben wirklich erlebt, wie repressiv eine Gesellschaft sein kann und wie es ist, für seine Rechte kämpfen zu müssen. Daher denke ich, dass politischer oder sozialer Aktivismus für viele einfach gerade in Mode ist.

Was können die Leute tun, um Aktivistinnen und Aktivisten wie dich zu unterstützen?

Nachdem mein Fall in Russland öffentlich geworden war, haben mir viele Menschen Nachrichten geschrieben. Es waren so viele, dass ich gar nicht alle beantworten konnte. Eine Aktivistenfreundin aus der Slowakei, hat sogar einen Protest für mich organisiert. Sie schrieb mir bloß: „Ich weiß, du bist gerade in einer schwierigen Lage, deswegen habe ich eine Demonstration vor der russischen Botschaft organisiert, um dich zu unterstützen.

Wenn du sieht, dass sich Leute in so einer Situation befinden, dann werde aktiv: Teile Informationen, rede mit Leuten, sprich mit der Regierung, organisiere friedliche Proteste. Engagiere dich und schau nicht einfach tatenlos zu.

Erfahrt hier mehr über die Kampagne "MENSCHENRECHTSVERTEIDIGERINNEN – SEITE AN SEITE MIT STARKEN FRAUEN FÜR MENSCHENRECHTE" von Amnesty International

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