Sinneserfahrung in der U4

16. April 2014

Donnerstagabend kurz nach 18 Uhr, U-Bahn-Station Hütteldorf, Ausgang Hadikgasse. Mein Freund und ich stehen im zugigen Durchgang und harren der Dinge. Hier sollen sich in den nächsten Minuten Menschen treffen, die zusammen in der Bahn meditieren wollen. Eine Art Meditations-Flashmob, nur das der Flash für jeden im Stillen stattfindet und der Mob sich bis jetzt noch nicht blicken lässt. Allerdings sieht die Frau gegenüber verdächtig alternativ aus in ihren bunten Yogahosen. Sie scheint auch zu warten. Wir geben uns erstmal noch nicht zu erkennen.

 

Zehn Minuten später hat sich die Gemeinschaft schließlich gefunden. Ein sehr übersichtlicher Haufen von 5 Menschen, 2 Männer & 3 Frauen - wir lagen richtig mit unserer Vermutung, die Dame in bunt gehört auch dazu. Nach kurzem Handshake erfahren wir, dass der Initiator der ganzen Geschichte auch mit von der Partie ist. Shaohui, ein junger Typ mit lustigen Augen und Zieselbart erklärt uns seine Idee dahinter: er will den öffentlichen Raum für andere als Ort der Stille und Einkehr erlebbar machen. Heute leitet er bereits seine 24. U-Bahn-Meditation. Und scheint sich noch immer zu freuen, wenn er neue Gesichter entdeckt, die das einfach mal ausprobieren wollen.

 

Wir steigen ein. Letzter Waggon, weil während der Fahrt ab und zu noch weitere Teilnehmer dazustoßen. Jeder ist jetzt auf sich selbst gestellt, quasi: Augen zu und durch! Ich kenne bisher nur Entspannungsübungen aus dem Yoga, richtig meditiert habe ich nie. Aber es geht hier nicht um Perfektion, das hat Shaohui extra betont. Einfach versuchen, zur Ruhe zu kommen und wenn die Gedanken nicht aufhören wollen, den Kopf zu verklemmen - bloß nicht verkrampfen. Ich konzentriere mich auf die Geräusche der U-Bahn. Die Haltestellendurchsagen und Mitfahrergespräche, die mich zu Beginn noch jedes Mal rausreißen, höre ich irgendwann nicht mehr. Später mache ich den Check auf dem Plan: von Stubentor bis Roßauer Lände war ich in einer anderen Welt.

 

Heiligenstadt, Endstation. Ich war den ganzen Tag einfach nur müde und fühle mich jetzt ziemlich klar. Alle anderen haben auch so einen merkwürdig beseelten Ausdruck im Gesicht. Die begeisterte Entspannung allenthalben lässt sich nicht leugnen. So spontan, wie wir uns gefunden haben, streben wir bald wieder in verschiedene Himmelsrichtungen. Erholt machen mein Freund und ich uns auf den Heimweg – und rennen die Rolltreppe hoch, um ja nicht die nächste U-Bahn zu verpassen.

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