Sonderschule, Ausländerschule - Schüler der Extraklasse

27. Mai 2010

 

 

 

Eigentlich ist die Sonderschule nur für Kinder mit Behinderung gedacht. Viele Lehrer kümmert das wenig: Weil sie mit „Ausländerkindern“ überfordert sind, schicken sie diese in die Sonderschule. Und bringen die Kids um ihre Zukunft.

 

Von Anna Thalhammer und Lucia Bartl (Fotos)

 

"WEIL VIELE LEHRER MIT DEN KINDERN ÜBERFORDERT SIND; KOMMEN SIE ZU UNS.
EINE WIRKLICHE BEHINDERUNG LIEGT GANZ OFT NICHT VOR."

Ilknur I. erntete kürzlich großes Lob, weil sie bei einer Veranstaltung „so wunderbar gedolmetscht“ hat und einen „fantastischen Wortschatz“ hat. „Irgendwie kommen Sie mir auch bekannt vor“, meinte die Wortspenderin aus dem Publikum. „Ja, Sie mir auch“, sagte Ilknur, „Sie waren meine Lehrerin in der Volksschule und haben mich wegen schlechter Sprachkenntnisse in die Sonderschule überwiesen.“

Dass gerade jene Person, die Ilknurs Zukunft fast zerstört hatte, sie jetzt lobte, war eine späte Genugtuung. Ilknur, 35, erinnert sich zurück: Sie war in der vierten Klasse, als die Lehrerin das „lernfaule“ und „aufmüpfige“ Mädchen in die Sonderschule steckte. Obwohl die Sonderschullehrerin immer wieder betonte, dass Ilknur hier nicht hergehöre, interessierte sich dafür niemand. Nach dem Sonderschulabschluss fing das Mädchen als Hilfsarbeiterin in einer Textilfabrik an. Erst als Erwachsene holte sie den Hauptschulabschluss nach und begann mit 32 eine Ausbildung zur Kindergartenpädagogin. „I hon fünfadrießg wera miaßa, damit i glücklich wer’. Mei Leabe fangt jetz erscht a, i hon endlich die Arbeit, die i gern hon“, erzählt die Türkin in charmantem Vorarlbergerisch. Nur durch viel Mut und Eigeninitiative schaffte sie den Sprung zum Wunschberuf. „Vielen anderen gelang das aber nicht. Sie blieben Hilfsarbeiter oder gehen putzen “, erzählt sie von ihren Schulfreundinnen von damals.

 

IN VORARLBERG IST DIE WAHRSCHEINLICHKEIT, IN DER SONDERSCHULE ZU LANDEN, FÜR AUSLÄNDERKINDER MEHR ALS DOPPELT SO HOCH WIE FÜR ÖSTERREICHER.

 

Sonderschule, Ausländerschule

Ilknurs Schulzeit liegt 20 Jahre zurück, doch auch 2010 ist vieles beim Alten geblieben. Der Anteil an Migrantenkindern in Sonderschulen ist mit 27 Prozent noch immer auffällig hoch – quer durch alle Schultypen beträgt er im Schnitt nur rund 20 Prozent. „Das heißt zwar nicht, dass man als Ausländer automatisch in einer Sonderschule landet. Insgesamt besuchen nur rund 2 Prozent aller Pflichtschüler die Sonderschule. Innerhalb dieser Gruppe gibt es aber einige bedenkliche Auffälligkeiten“, erklärt Dr. Mikael Luciak vom Institut für Bildungswissenschaft der Uni Wien. In Wien etwa besuchten fast 3000 Kinder eine Sonderschule, für die Hälfte war die Umgangssprache nicht Deutsch. Zum Vergleich: Der Anteil von Kindern mit Migrationshintergrund in allen Schularten liegt in Wien weit darunter, bei etwa 40 Prozent. In ländlichen Bereichen ist die Situation noch schlimmer. In Vorarlberg etwa ist die Wahrscheinlichkeit, in der Sonderschule zu landen, für ausländische Kinder mehr als doppelt so hoch wie für österreichische.

 

Offiziell „Behindert“

Ein pikantes Detail: In die Sonderschule darf nur geschickt werden, wer eine psychische oder physische Behinderung hat. Schlechte Schulleistungen sind nach dem Schulpflichtgesetz kein Grund. „Leider sieht die Praxis anders auch“, bestätigt auch die Sonderschulpädagogin Elsbeth G. „Weil viele Lehrer mit den Kindern überfordert sind, kommen sie zu uns. Eine wirkliche Behinderung liegt ganz oft nicht vor.“ Überspitzt formuliert: Migrantenkinder gelten aufgrund schlechter Sprachkenntnisse als behindert. Sprachdefizite werden als kognitive Defizite – also geistige Behinderung – umgedeutet, Schwierigkeiten mit dem kulturellen Anpassungsdruck als Verhaltensauffälligkeiten interpretiert. Oft erledigen vorurteilsbehaftete Lehrer den Rest. Statt Förderung zu erhalten, landen die Kinder in der Sonderschule.

Die Chancen, nach dem Sonderschulabschluss einen Ausbildungsplatz zu erhalten, sind viel schlechter als bei „normalen“ Schülern. Wer nimmt schon einen Lehrling mit Sonderschulzeugnis, der auch noch einen fremden Namen hat? So bleiben Berufswünsche meist unerfüllt. Sonderschüler mit Migrationshintergrund müssen mit Stigmata leben: Weil sie anderer Herkunft sind, weil sie oft sozial schlechter gestellt sind, weil sie Sprachmängel haben und dann auch noch offiziell als behindert gelten. Eine weitere Ausgrenzung aus der Gesellschaft begleitet von großer Scham sind die Folgen.

 

Alles beim Alten

Dem Bildungsministerium ist das alles bekannt, wie eine Nachfrage von biber ergab. Auf die Frage, wie diese Probleme gelöst werden könnten, wurde nur einmal mehr auf das Gesetz hingewiesen, nachdem es solche Fälle eigentlich nicht geben kann. Und auf das letzte Rundschreiben aus dem Jahr 2008, in dem die Einhaltung dieser Gesetze – die es im Übrigen schon seit 1985 gibt – eingemahnt wurde. Wirkliche Initiativen um gegen diese Praxis vorzugehen, gibt es gegenwärtig nicht.

Bildungswissenschafter Luciak: „Verbesserungsvorschläge gibt es genug, wie etwa ein inklusives Schulsystem. Bildungsreformen der letzten hundert Jahre haben zu wenig bewirkt. Es liegt nun an der Politik und es bleibt zu hoffen, dass nicht noch weitere hundert Jahre vergehen müssen, ehe diese umgesetzt werden.“

Vielleicht wird es tatsächlich nicht 100 Jahre brauchen. Erwin Buchinger, Behindertenanwalt des Bundes, hat im Mai die gänzliche Abschaffung der Sonderschule innerhalb der nächsten zehn Jahre gefordert.

 

WER NIMMT SCHON EINEN LEHRLING MIT SONDERSCHULZEUGNIS, DER AUCH NOCH EINEN FREMDEN NAMEN HAT?

Interview:

 

Ein Mensch zweiter Klasse“

 

 „Ich wurde mit einem reinen Sprachtest auf meine Intelligenz geprüft und bin durchgefallen.“

Ibrahim Beyazit ist ein tüchtiger und ehrgeiziger Geschäftsmann: Er ist Besitzer der Sicherheitsfirma Euroschloss, war Inhaber einer großen Metallfirma in der Türkei und ist Mitglied der Landesinnung für Metalltechnik in der WKO. Eine tolle Karriere, die in der Sonderschule begann ...

biber: Wie sind Sie in den Genuss einer Sonderschule gekommen?

Ibrahim Beyazit: Ich war 10 als ich aus der Türkei hierher kam und habe kein Wort Deutsch gesprochen. Ich wurde mit einem reinen Sprachtest auf meine Intelligenz geprüft und bin durchgefallen.

Wie haben Ihre Eltern reagiert?

Meine Eltern sind Analphabeten, die wussten gar nicht was eine Sonderschule ist. Es hat Ihnen auch niemand erklärt.

Wie haben Sie sich gefühlt?

Wie ein Mensch zweiter Klasse – ein Gefühl, das viele Migranten kennen, die in Österreich leben. Wir sind aber nicht zweite Klasse. Wir sind wie Luft, die man jeden Tag atmen muss, wir gehören dazu!

Wie haben Sie so eine Karriere hingelegt, trotzt Sonderschule? Die meisten schaffen es nicht so weit.

Ich denke, ich hatte Glück. Ich hatte einen tollen Lehrer – danke an dieser Stelle noch einmal – und eine super Betreuerin am Jugendamt, die mich unterstützt hat. Aber das Wichtigste: Ich wollte immer, dass aus mir was wird. Glück kann man sich auch erarbeiten.

Das klingt jetzt ein wenig so, als ob man alles erreichen könnte, wenn man nur will. Provokant gefragt: Sind Sonderschüler dann oft nur zu faul, um aus sich etwas zu machen?

Nein! Natürlich sind äußere Umstände sehr ausschlaggebend. Man kann es so sagen: Mir wurden keine Steine in den Weg gelegt, ich wurde unterstützt und ich bin stur und sehr ehrgeizig. (lacht) Das war mein Erfolgsrezept. 

Ihre Schulzeit liegt lange zurück, noch immer gibt es sehr viele Migranten in Sonderschulen. Warum glauben Sie, ist das noch immer so?

 

Das ist traurig. Ich denke, weil es keine Aufklärung für Migranten gibt. Das ist nicht nur in diesem Bereich ein großes Problem, sondern auch in vielen anderen. Man muss in diesem Land endlich lernen, miteinander zu reden!

 

Bereich: 

Kommentare

 

"Sprachdefizite werden als kognitive Defizite – also geistige Behinderung – umgedeutet"

das find ich so arg!!!!!!!!

Wahnsinn!!!!!

Hat scon mal wer mit den Elternvertretern gesprochen? Was sagen die eigentlich dazu? Die müssten doch alle Eltern vertreten, gerade jene, die sich in unserem Bildungssystem nicht so gut auskennen.
Oder vertreten die nur "Inländer?"

 

vor 20 jahren bei mir in der volksschule war das auch genau so.... kann mich an mehrere kinder mit migrationshintergrund erinnern, die es gerade mal auf eine verweildauer von mehreren tagen gebracht haben. geredet worden ist da mit keinem/keiner, in die ecke gesetzt, ein spielzeug in die hand gedrückt und ab in die sonderschule.

 

wie sollen die kids gut deutsch lernen, wenn die mama mitsamt oma nach 20 jahren und mehr aufenthalt in A noch immer kein wort deutsch spricht?

bitte das nicht in abrede stellen, das kommt wirklich zu hauf vor.

es ist nicht immer das system an allem schuld, ich denke dass die hauptverantwortung immer bei den eltern oder sonstigen erziehungsberechtigten liegt.

ich kann nicht verstehen, dass die kids mit migra hintergrund oft in der 3. generation noch immer so grauenhaft akzentvoll deutsch sprechen wie deren grossväter in den 70er jahren auf der gastarbeiterroute.

wir betreuen z.zt. (vom jugendamt vermittelt) auch ein 10-jähriges türkischstämmiges kind, ein echt lieber kerl - aber dem mussten wir erst einmal die deutsche sprache so beibringen dass er sich selbst sicherer fühlt. und der liebe adrian - nix sonderschule, nein - wir ösis arbeiten mit adrian.

die mama türkin - der papa niederösterreicher - der bub sprach als wir ihn zur betreuung bekommen haben nur gebrochen deutsch. hier haben die ELTERN total versagt. meine freundin und ich haben da ein hartes stück arbeit. es is net lustig, wenn du fast jeden gesagten satz verbessern musst - aber adrian nimmt das an, und der erfolg ist mittlerweile sehenswert. der kleine war anfangs total isoliert und gebrochen weil ihn die mama einfach ausgesetzt hat - zuerst mit heimgenommen in die türkei - dort einen neuen typen kennengelernt - den adrian alleine in den flieger gesetzt und zum papa heimgeschickt...

mittlerweile ist adrian aufgrund seiner neuen sprachkenntnisse total mitteilsam geworden, a echte plaudertasche:-) und hat auch gute schulnoten - also - keine spur von "ab in die sonderschule"

ich habe auch beruflich einige jahre im ausland gelebt - in ungarn in den späteren 80er jahren. innerhalb eines jahres sprach ich diese sprache- ohne irgendwelcher geförderten sprachkursen, nur aus eigenem fleiss und antrieb - mein akzent war "zalai" - weil ich dort wohnte und dort ungarisch gelernt habe. die netten obligaten schimpfworte mit denen in ungarn ösis und deutsche bedacht werden sind mir jedenfalls erspart geblieben.

meine "gastgeber" haben das mehr als gutiert, dass ich mit ihnen gemeinsam pörkölt gegessen habe und mein cola dazu auf ungarisch bestellen konnte. man hat mich dort wirklich akzeptiert und ich hatte nie das gefühl ein "alien" zu sein.

wenn du alt genug bist musst du selbst schauen wie du die sprache deines aufenthaltsortes lernst. aber bei den kids ist das echt mal die sache der eltern.

die sollten sich hier auch mal selbst an der nase nehmen, und vielleicht einmal 2 amtssprachen zu hause einführen.

mit türkisch alleine kommt man in österreich net weit - offensichtlich nur bis zur sonderschule.

wie hat das lukas resetarits 1982 in einem sketch gebracht? "mein kinder - gut kinder. mein kinder - sondaschule..."

in diesem sinne,
viele grüsse
der fred

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