Spontane Demo am Wiener Gürtel!

09. November 2011

Die HausbesetzerInnen riefen nach der Räumung der Lindengasse 60-62 zur Demo am Urban Loritz Platz auf. Ca. 300 DemonstrantInnen legten den Gürtel lahm und spielten Katz und Maus mit der Polizei.


Es ist eine komische Stimmung. Ruhig. Letzte Woche wurde noch gefeiert in der Lindengasse. Jetzt liegen auf der Straße nur noch ein paar Flyer und Fetzen von Transparenten. Der erste Räumungstermin am 4. November war aus der Sicht der HausbesetzerInnen noch ein Erfolg. Damals beschränkte sich die Polizei aufs Beobachten, aber heute um 11:00 Uhr fiel die Burg. Die Polizei räumte mit einem Großaufgebot das seit 14. Oktober besetzte Haus. Verhaftungen gab es keine, meinte einer der Polizisten, die ich bei einer Rauchpause an der Ecke Zieglergasse treffe. Wieso die Räumung so widerstandslos von Statten ging, frage ich ihn. Er grinst und meint „Überaschungseffekt!“ Wer hier wen überrascht, sollte sich an diesem Tag noch herausstellen.

 

Hubschrauber, Hunde, Radpanzer

Ich begebe mich auf die Suche nach den Resten der HausbesetzerInnen und finde sie schließlich in einem Hinterhof, nicht unweit von der Lindengasse. Sie schauen müde aus. Semmeln und Wasserflaschen werden herumgegeben, aber es wird auch schon wieder gearbeitet und diskutiert. Am Abend soll eine Demo stattfinden. Wo? Das wird noch nicht verraten. Überhaupt gibt sich die kleine Gruppe, die hier im Schutz ihre Wunden leckt, sehr misstrauisch. Auf Nachfrage hin will niemand bei der Räumung und der Besetzung dabei gewesen sein. „Ich bin gerade erst gekommen.“ hört man, wenn man nach den Ereignissen des heutigen Tages fragt. Aber es soll eine wahnsinnige Inszenierung der Polizei gewesen sein. Das berichten auch die AnrainerInnen. „Hubschrauber, Hunde, Radpanzer und fünfmal soviel Polizei wie Besetzer. Um das Geld hätte man die alle noch länger drinnen wohnen lassen können.“ meint eine Nachbarin aus der Lindengasse.

 

Nur ein Ort?

Ich treffe Lisa wieder, die mir schon letzten Donnerstag von den Plänen der HausbesetzerInnen erzählt hat. Sie ist enttäuscht, müde, war gerade auf der Uni, als sie von der Räumung erfahren hat und ist so schnell wie möglich hingefahren, aber da war schon alles zu spät. Sie betont noch einmal, dass es schade um die ganzen tollen Projekte und Veranstaltungen ist, die im besetzten Haus stattfinden hätten sollen. „Aber eigentlich ist es ja nur ein Ort.“ meint sie irgendwie traurig, aber mit einem Lächeln. „Die Idee bleibt und vorbei ist das Ganze deshalb noch lange nicht.“ setzt sie schon etwas optimistischer nach.

 

 

Feuerwerk am Urban Loritz Platz

Dass der Kampf um Freiräume in einer durch und durch gewinnorientierten Stadtplanung und Immobilienpolitik wirklich noch nicht vorbei ist, zeigte sich ein paar Stunden später, am Urban Loritz Platz. 

Es ist 18:00 als sich ein kleines Grüppchen von DemonstrantInnen vor der U- Bahnstation versammelt. Gegenüber sitzen unbeeindruckt ein paar Polizisten in zwei Polizeiautos. Innerhalb von wenigen Minuten wächst die Menge an DemonstrantInnen an, bis ca. 300 Leute vor der Station versammelt sind. Dann der Startschuss. Ein Feuerwerk wird von den Stiegen der Stadtbibliothek aus abgeschossen. „Jetzt sans komplett narrisch wordn.“ meint eine Frau und geht kopfschüttelnd weiter. Die Polizisten sind auf einmal aufgewacht. „Jetzt schiaßns!!!“ brüllt einer ins Funkgerät, setzt sich seinen Helm auf und scheint bereit zu sein. Nur bereit für was? Das wissen zu dem Zeitpunkt nur die DemonstrantInnen, die sich blitzschnell formieren, den Gürtel runterziehen und den Verkehr lahm legen. Daneben hektische Polizei. Immer mehr Blaulicht, Sirenen, Sprechchöre und noch mehr Knaller. Die Polizei sperrt den Gürtel und stellt sich der aufgebrachten Menge entgegen. Die DemonstrantInnen hauen ab, spielen Katz und Maus mit der Polizei. Über die Schienen, Büsche, Straßen und verstreuen sich in der Dunkelheit. Dutzende Polizisten und Polizeiautos hinterher. Es herrscht Chaos. Niemand weiß, wo die Demo ist, ob überhaupt eine war und was hier los ist. Die Polizei? Planlos und im Stau. Blockiert sich selbst, den Verkehr und die Straßenbahn. Kurz: Ratlos. Die DemonstrantInnen sind verschwunden. In die U- Bahn, in die Stadt oder stehen einfach da am Urban Loritz Platz. Ein kleiner Rest der Demo findet sich dann doch am Getreidemarkt und wird von der Polizei aufgelöst. Der Spuk ist vorbei, der Zauber aber nicht, denn die Ideen der HausbesetzerInnen bleiben. Für heute stellt sich die Frage wer hier wen überrascht hat.

 

Den 1. Teil der Geschichte lest ihr hier: 

http://www.dasbiber.at/content/zu-besuch-auf-der-burg

 

Fotos: Marian Smetana und Maria-Christine Mautner

 

Kommentare

 

woow. toller blog marian. 

 

solche journalisten braucht das land. LEUTE VOR ORT !!!

 

Find ich auch. hat mir sehr gut gefallen.

 

Marian Mittendrin! Ein super Blog ist es wieder geworden!

 

Marian ist der neue Martino ;)

live aus der Lindengasse!

 

1. wirklich wirklich nicer blog. Inspirierend!

 

2. Ich hab leider so gar keine Ahnung weshalb sie die Fabrik besetzten, den Anfang der Geschichte hab ich gar nicht in den Medien verfolgt. Soweit ich dsa verstanden habe, haben diese Menschen eine alte Fabrik besetzt, weil sie gegen die hohen Mietkosten demonstrieren wollen, richtig? Oder gibts da noch anderes, was ich Schlafmütze verschlafen hab? :)

 

ich war da leider, ungewollt, auch mittendrin. und hatte panische angst. ich wusste nicht wie mir geschah, so viele polizisten habe ich in meinem leben noch nicht gesehen. es war so laut, hektisch, ich wurde rumgeschubst, ihr könnt euch gar nicht vorstellen, was für eine angst ich hatte. danke an die demonstranten, toll gemacht!

 

ich möcht echt nicht das engagement jener aktivisten schlecht reden die sich für was gutes einsetzten nur zweifle ich halt immer massiv die effektivität solcher aktionen an. unter den aktivisten werden doch haufenweiße uni absolventen sein. denen sollt doch was besseres einfallen als ein sitzstreik um die mietsituation zu verbessern.

 

....also ein Sitzstreik war das gestern sicher nicht ;)

Das könnte dich auch interessieren

Kirche Religion Masse
Am Wochenende beteten zehn Tausend...
Orašje
Vor ihrem ersten Besuch bei der Familie...
Eine lebenslange Liebe: Schwestern
Man kann nicht mit ihnen. Man kann auch...

Anmelden & Mitreden