Titos Pioniere

02. April 2015

Er wurde gefeiert, war umstritten und galt als Gründungsvater des ehemaligen Jugoslawiens - Josip Broz Tito. Anlässlich seines 35. Todestags am 4. Mai bitte ich meine Großmutter, mir von ihrem Leben unter Tito zu erzählen.

von Dajana Marunic


Tito
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„Druze Tito, mi ti se kunemo…“, singt meine Oma leise, während sie an einer Tasse Kaffee nippt. Kamerad Tito, wir schwören dir Treue. Dieses Lied hat mich meine Kindheit hindurch begleitet, ohne dass ich die Bedeutung der Worte überhaupt kannte. Meine Großmutter spielte es mir immer vor, wenn sie mir Geschichten von damals erzählte. Früher hielt ich es nur für einen Ohrwurm aus ihrer Zeit. Heute weiß ich, was es mit dem 41 Jahre alten Lied auf sich hat.

Oma setzt sich an ihren Lieblingsplatz am Fenster und beginnt ihre Erzählung. Mein Vater, sein bester Freund, mein Großvater und ich lauschen ihr. Die Zeit ist zwar nicht spurlos an ihr vorbeigegangen, doch wenn sie anfängt zu erzählen, zieht sie alle in den Bann. Als ich anspreche, dass sich Titos 35.Todestag nähert, wird sie nostalgisch. Ihre Geschichten versetzen mich in eine vergangene Zeit und bringen mich dazu, mir etwas vorzustellen, wovon ich selbst nie Zeugin wurde.

„Alle waren Pioniere, alle waren gleich.“

Sie erinnert sich, dass ihre Kinder einmal nach der Schule mit der Frage „Sind wir Serben oder Kroaten?“ auf sie zugerannt kamen. Sie konnten mit dieser ethnischen Zugehörigkeit nichts anfangen. Anders als der Hass und die Rivalität, die heute vor allem zwischen einem großen Teil der Serben und Kroaten herrscht, spielte zu Zeiten Titos die ethnische Abgrenzung kaum eine Rolle. „Das war damals kein Thema“, stellt sie fest. „Alle waren Jugoslawen, alle waren Pioniere, alle waren gleich.“

Kamerad! Kameradin!

Bildung wurde im sozialistischen Jugoslawien großgeschrieben. Alle SchülerInnen, die das Schuljahr mit Auszeichnung abgeschlossen hatten, erhielten goldene Broschen. „Mit den Broschen meiner Töchter verzierte ich unsere Vorhänge“, so Oma. Dragan, der beste Freund meines Vaters, nickt zustimmend. Er erinnert sich an seine Schulzeit. „Statt einer Schultüte mussten wir Tito unsere Treue schwören“, erzählt der heute 45-Jährige. „Dazu bekamen wir das rote Pionierstuch und die Titovka, die blaue Kappe.“

Generell wurde Tito sehr oft die Treue geschworen. „Statt ‚Backe, backe Kuchen‘ sangen jugoslawische Kinder Lieder wie „Druze Tito mi ti se kunemo“. Diese kameradschaftliche Anrede galt übrigens nicht nur für Tito. „Von Anfang an wurde uns beigebracht alle mit Druze und Drugarice anzusprechen. Das war so normal wie das heutige Herr und Frau“, erklärt mir Dragan.

Wenn Tito nicht gerade die Treue geschworen wurde, standen oft Festlichkeiten wie Konzerte, Sportveranstaltungen oder Festivals an der Tagesordnung.
„Wir haben ständig gesungen und gefeiert“, gesteht Oma lachend. „Besonders Titos Geburtstag, auch Tag der Jugend genannt, haben wir aufwendig zelebriert.“ Nach Olympia-Vorbild wurden Fackeln, „stafete“ genannt, durch das ganze Land getragen und Tito mit Riesenfeuerwerken im Stadion in Belgrad übergeben.

Pioniere
Wikimedia Commons

Sie erzählt weiter, dass der wirtschaftliche Aufschwung Jugoslawiens spürbar war. Insbesondere der Tourismus profitierte. Mein Opa, der jahrelang in den Sommermonaten auf der kroatischen Insel Brac arbeitete, hat nicht etwa der Schule seine Fremdsprachenkenntnisse zu verdanken, sondern den zahlreichen Touristen. Begrüßungs-, Abschieds- und Feilschfloskeln in Deutsch, Englisch, Italienisch und Französisch sitzen auch heute noch tadellos. „Die Touristen kamen von überall her, Jahr für Jahr ging es sehr lebhaft zu“, weiß Opa noch genau.

Partei statt Kirche

Aber das Leben unter Tito hatte auch seine Schattenseiten. So war die Parteizugehörigkeit unerlässlich. Ist man ihr nicht beigetreten, hatte man kaum Chancen auf einen guten Job. Dafür war die Kirche nicht so wichtig. Ganz im Gegenteil. Religiöse Feste feiern oder die Kinder taufen zu lassen war zwar nicht verboten, aber die Partei riet den Menschen davon ab. „Beim Parteibeitritt sagte ich, dass ich auch weiterhin slava feiern und meine Kinder taufen lassen würde“, erinnert sich mein Großvater. Ob das denn unbedingt notwendig sei, wurde er gefragt. „Außerdem betonten sie oft, dass wir alle gleichwertig wären, und uns mehr in der Partei einbringen und Einigkeit fördern sollten“, erzählt er weiter. „Tito war damals schon mindestens genauso umstritten wie er verehrt wurde.“ So ist es ein offenes Geheimnis, dass manche seiner Kritiker schnell im Gefängnis gelandet sind.

Alle weinten

Diese Einigkeit endete am 4. Mai 1980. Um 15:05 ertönte eine Sirene durch das ganze Land, die signalisierte, dass Tito soeben seinen Krankheiten erlegen war. Ab diesem Moment stand die Zeit still. Mit einem Schlag waren die Menschen von Fassungslosigkeit und tiefer Trauer ergriffen. Jede Tätigkeit wurde unterbrochen. Hochzeitsfeiern wurden schlagartig beendet, spielende Kinder wurden ins Haus gerufen, Kinovorstellungen gestrichen, Fußballspiele abgebrochen.
 
So wie auch das zwischen den damals rivalisierenden Fußballvereinen Hajduk Split und dem Roten Stern Belgrad. Nachdem die Nachricht im Hajduk- Stadion verkündet worden war, trat Stille ein. Daraufhin setzten die 50 000 anwesenden Fans wie aus einer Kehle das „Druze tito, mi ti se kunemo, druze Tito mi ti se kunemo“ an, und verließen danach vollkommen geräuschlos das Stadion. Sie alle weinten. „Manche weinten um Tito selbst, und manche um ihre Zukunft, die nun ungewiss war“, erinnert sich meine Oma.

Weil ich mir nun fast schon selbst wie eine Pionierin vorkomme, lasse ich meine Gedanken von dem Spliter Stadion, den Straßen Belgrads und all den fassungslosen Menschen wieder in die Gegenwart wandern. Als ich meine Großmutter nach negativen Aspekten unter Titos Regime frage, winkt sie nachdenklich ab. „Tito war bei Weitem nicht perfekt, aber er hat meiner Familie viele glückliche Jahre ermöglicht“, beendet sie ihre Erzählung. Zum Schluss wiederholt sie noch die knappen Worte des Nachrichtensprechers „Umro je Drug Tito“, Drug Tito ist gestorben.

 

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Interview mit Politikwissenschaftler Vedran Dzihic

Biber: Wieso bleibt der Kult um Tito 35 Jahre nach seinem Tod weiterhin bestehen?
Vedran Dzihic: Der Kult um Tito ist bei einigen Gruppen der Bevölkerung durchaus vorhanden, die anderen verbinden mit der historischen Figur Tito nichts Positives. Für jene, die Tito sehr positiv sehen, geht es in erster Linie um die Erinnerung an eine Zeit, in der man im Vergleich zu heute besser gelebt hat und in der man - das soll nicht unterschätzt werden - einfach jünger war. Das Tito-Jugoslawien bot lange Zeit einen stabilen Entwicklungsrahmen und gute Lebensbedingungen. Die Kriege der 1990er Jahre haben die Region so weit zurückgeworfen, dass sie noch heute mit den Folgen zu kämpfen hat. Letztlich war das sozialistische Tito-Modell einer sozial ausgerichteten Wirtschaft, in der man stark um sozialen Ausgleich bemüht war, etwas, was in der heutigen Zeit des Kapitalismus und Neoliberalismus von vielen vermisst wird.

Wie ging Tito mit Andersdenkenden um?
Tito war letztlich ein autoritärer Herrscher, der die Zügel der Macht stark in der Hand hielt. Er nutzte die Macht der Partei, der Polizei und der Armee, um die Herrschaft in Jugoslawien stabil zu halten. Offener Widerspruch wurde vom Regime nicht geduldet bzw. wurde zuweilen auch bestraft. In den 1970er und 80er Jahren, als Titos Herrschaft etwas schwächer wurde, gab es durchaus auch kritische Stimmen innerhalb der Gesellschaft, von demokratischen Verhältnissen mit freier Meinungsäußerung war das aber weit entfernt.

Stichwort Gefangeninsel „Goli Otok“: Wie viele Menschen wurden dort festgehalten, wie viele von ihnen kamen nie wieder raus?
Strafgefangenenlager „Goli Otok“ wurde nach dem Bruch Titos mit Stalin ab 1948 errichtet und diente zur Abrechnung des Regimes mit politischen Gegnern. Etwa 16.000 Insassen wurden hier inhaftiert, zwischen 400 und 600 sind ums Leben gekommen. Goli Otok ist bis heute ein Symbol dafür, wie brutal das Regime - vor allem in der ersten Phase der Konsolidierung der Herrschaft in den 50er und 60er Jahren - gegen die Gegner vorging.

 

Dajana
Foto by Marko Mestrovic
Zur Autorin: Dajana Marunic, 22, hat jahrelang mit ihrer Oma zusammengelebt. Deswegen kennt sie mehr Tito- als Gute-Nacht-Geschichten. Titos Bemühungen für ein friedvolles Zusammenleben aller Völker unter der kommunistischen Flagge sieht sie positiv, den Umgang mit der Opposition stößt ihr sauer auf. Deswegen zählt sie sich zu keinem Tito-Maniac.

 

 

 

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Kommentare

 

Wenn man schon 'slava' sagt, könnte man gleich 'roter Stern' durch 'zrvena zvezda' ersetzen.

 

Durch 'Zrvena' schon mal nicht, wenn schon dann richtig. :)

 

Wenn man in dem Beitrag "Tito" durch "Adolf" ersetzt passt die Story noch immer. Alle hatten Arbeit; es war toll, nur das mit den Kritikern und Kritikerinnen war doof. Man weiß selbst nicht wieso dass System nicht gehalten hat.

Für die Nicht-Kroaten: Der Tourismus wird überbewertet oder kennt ihr eine seriösen Staat in dem der Tourismus die stärkste Wirtschaftszweig war/ist. Also bleibt bitte "weit weg vom Meer" und keinen neuen Krieg deswegen anfangen ;-)

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