Titten to go

25. November 2011

In den Schönheitsfabriken Ungarns lassen sich Beauty-Touristen die Achselhöhlen trocken legen, ihre Hintern straffen oder gar ihre Vorhaut entfernen: ein Roadtrip ins Beauty-Las-Vegas.

 

Ana gehen die Strähnchen aus, Maja hat einen kaputten Fingernagel und ich brauche dringend eine Massage. Von der harten Arbeitswoche ziemlich ramponiert, beschließen wir, uns in Ungarn generalsanieren zu lassen. Mit ein paar Adressen aus dem Internet brausen wir in Anas gelben Citroen am Neusiedlersee vorbei, singen zu Radio-Energy-Songs und lassen uns hinter der Grenze vom ortskundigen Navi ans Ziel bringen. Dass wir auf einem Roadtrip ins Beauty-Disneyland sind, ist uns noch nicht bewusst.

Nach gerade einmal fünf Minuten auf den Straßen Ungarns taucht eine weißes Gebäude in der öden Pampa auf: ein Schönheitszentrum. Wir parken unseren kleinen Citroen am hinteren Ende des Parkplatzes, wandern vorbei an protzigen Autos mit österreichischen Nummernschildern. Neben dem geschmackvollen Eingangsportal betonen Werbesprüche die Bedeutung von Schönheit für das Wohlbefinden. Hier sind wir richtig, wir treten ein – und wir verstummen. Alles glänzt und strahlt, Mitarbeiter in weißen Dienstgewändern und Patienten mit hoffnungsvollen Blicken streifen durch die Gänge. Die Welt ist friedlich und heil in diesem klinisch sauberen Shopping-Center. Das Produkt in tausendfacher Ausführung: Beauty, Beauty, Beauty.

Geschönt oder ungeschönt?

Am Empfang lächeln uns vier Damen an. Wir lächeln zurück und denken: ist dieses Lächeln echt? Sind es die Brüste, die Lippen, die Augenlider? „Geschönt oder ungeschönt“: ein lustiges Spiel, schon allein dafür hat sich der Besuch im Beauty Disney Land gelohnt. Links hinter der Rezeption reihen sich unzählige Friseurstühle aneinander, rechts bietet ein Nagelstudio French Look, 10er Nagelsets und Glitzerfingernägel. Ana und Maja sind am Ziel.  Meine Station ist der Wellnessbereich mit exotischer Safranmassage oder Lavabehandlung im ersten Stock.

Doch wir verzichten auf unsere 0815-Kuren. Wir haben Botox gerochen und wollen wissen, in welchen Räumen die Beauty-Touristen verschwinden, welchem Körperkult sie huldigen, welche Rituale sich dort abspielen. „Lass uns ansehen, wie sehr ich meinen Körper in einem Tag umbauen kann“, sagt Maja, die in ihrer Aufregung ihren Nagelbruch vergisst, genauso wie ich meine verkrampften Schultern.

Für diese Entbehrungen werden wir schon im nächsten Gang belohnt:  Wir dürfen unser Ratespiel – „geschönt, ungeschönt“ – auf die Herren der Schöpfung ausdehnen, auch sie haben hier ihr Revier. Die Angebote: von der Lippentätowierung, über die Tiefenreinigung des Rückens bis hin zur Beschneidung – auch die gibt’s hier. 1200 Euro hinlegen, Schnipp-Schnapp, fertig. Ein Mann Mitte 50, Typ Kärntner mit VW Cabrio und junger Freundin, schlapft an uns im Bademantel vorbei: Hat er, hat er nicht? Maja grinst.

 

Falsche Scham

Im nächsten Warteraum sitzen abgesehen von uns ausschließlich Paare. Sie blättern in österreichische Zeitungen oder schauen auf den Fernseher im oberen Eck des Raumes, auf dem „Burgenland heute“ läuft. Frauen in OP-Kleidung und Maske schlendern an uns vorbei. Das Gesicht einer etwa 60-jährigen Frau, die von der Empfangsdame freundschaftlich begrüßt wird, verrät auf den ersten Blick, wo sie am liebsten ihre Wochenenden verbringt.

Und wieder das Ratespiel: Wer lässt sich die Schamlippen um 1200 Euro verkleinern, wer die Brüste mit Silikon vergrößern, wer die schmalen Lippen mit dem Botox-Turbo-Boost auf Dolly Buster-Größe aufspritzen? Kostenpunkt: 600 Euro, ein bisschen Schmollmund gibt es schon ab 150 Euro.

 

Die Versuchung

Während Ana versucht, den Unterschied zwischen Botox-Lippen und Lippen-Implantat, das 1500 Euro kostet, herauszufinden und ich mir vorstelle, wie eigenartig es ist, nie wieder unter den Achseln zu schwitzen – eine Injektion Botox macht’s möglich – ist Maja auf den Geschmack gekommen. „Gegen straffere Oberschenkel hätte ich nichts“, sagt sie in ein Prospekt vertieft: Ihr zynisch-amüsierter Blick von vorhin ist weg. Ihr Blick gleicht nun dem der Beauty-Touristen, die einer schöneren Zukunft entgegen sehen.

„Und was kommt als nächstes?“, fauche ich sie an, „ein Stubsnäschen neue Schamlippen, eine Beinverlängerung? Du sollst so bleiben wie du bist“, zitiere ich einen Werbespruch für fettarme Margarine. Maja kommt wieder zu sich und legt das Prospekt weg. Dass ich selbst schon mal überlegt habe, wie es theoretisch wäre, dies oder jenes an meinem Körper zu verändern, verrate ich ihr nicht. Welches Mädchen hat solche Gedanken beim Anblick der umgebauten Promis in den Society-Magazinen noch nicht gehabt?

Titten-Jackpot

In der Abteilung „Wellness für Sie und Ihren Hund“ bekommt Wauzi einen neuen Haarschnitt verpasst, während sich das Frauchen die Cellulite behandeln lässt. Maja springt darauf an, tierlieb wie sie ist. Ob sie heimlich mit ihrem Hündchen wiederkommen wird?

Draußen dämmert es. Den Kopf voller Bilder von Skalpellen, die entlang von aufgezeichneten Linien an Gesicht und Körper herumschneiden, gehen wir zum Ausgang. Bei der Informationsstelle zählen wir all die Eingriffe auf, die uns einfallen und fragen testweise, ob alles an einem Tag möglich wäre: „Natürlich – aber nur auf eigene Gefahr“, sagt die Dame am Empfang. Wir rechnen die Kosten für diesen Komplettumbau des Körpers zusammen und kommen auf viele Tausend Euro. Am Weg zum Citroen gehen wir an einem Casino vorbei. Wie passend: Schnell einen Jackpot im Black Jack und die Nasen-OP geht sich auch noch aus. Wir haben es nicht einmal geschafft, unsere brüchigen Nägel und Haarspitzen zu reparieren und fahren mit Gefühl, so richtig schön „ungeschönt“ zu sein, nach Wien zurück.

 

von Alexandra Stanić und Philipp Tomsich (Fotos)

 

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