Transflucht

25. Februar 2015

Homosexuelle Männer werden im Iran zu Frauen, damit sie mit anderen Männern schlafen dürfen. Sonst drohen Peitschenhiebe oder schlimmstenfalls der Tod. Fotoreportage über gesellschaftliche Außenseiter gefangen im fremden Körper in einem autoritär-klerikalen Regime.

Von Lina Berehi (Text) und Asoo Khanmohammadi (Fotos)

 

Mitra ist eine transsexuelle Sexarbeiterin in den Straßen Teherans. Im Iran gilt Homosexualität als Perversion, Krankheit, oder im „besten“ Fall als psychische Störung, die mit Peitschenhieben oder sogar der Todesstrafe geahndet wird. Die Bilder der iranischen Künstlerin Asoo Khanmohammadi zeigen homosexuelle und transsexuelle Sexarbeiterinnen in den dunklen Gassen Teherans. Khanmohammadi zeigt eine Gesellschaft, in der es keinen Platz für gleichgeschlechtliche Liebe gibt, in der homosexuelle Männer zu Frauen werden müssen, um als geheilt zu gelten.

 

Transsexualität ist im Iran legal. Großayatollah Khomeini setzte das 1987 mit einer Fatwa, einem Rechtsgutachten eines islamischen Gelehrten, fest. Somit sollen die typisch patriarchalischen Geschlechterrollen des Mannes und der Frau gewahrt werden. Transsexualität im Iran heißt, die Rolle des anderen Geschlechts körperlich anzunehmen, um den gesellschaftlichen Normen zu entsprechen.

 

Für viele homo- und transsexuelle Menschen im Iran ist die Sexarbeit der einzige Weg, einen Platz in der Gesellschaft zu finden. Transfrauen können im Unterschied zu weiblichen Prostituierten mit unendlich vielen Freiern schlafen, da sie nicht schwanger werden können. Allein die Dunkelziffer jener Transfrauen, die als Sexworker im Iran arbeiten, wird von der „Oriental Queer Organisation Austria“ auf eine Million geschätzt. Sie verdienen zudem nur ein Fünftel dessen, was heterosexuelle Sexarbeiterinnen verdienen.

 

Wie schmal der Grat zwischen Recht und Unrecht in der Liebe im Iran ist und mit welchen Folgen Menschen homosexueller Orientierung rechnen müssen, offenbart ein Blick in die Scharia:

 

Die Artikel 110-111 des Strafgesetztes besagen: Lavat, also der Geschlechtsverkehr zwischen zwei Männern, wird mit der Todesstrafe geahndet. Seit einer Gesetzesänderung durch das iranische Parlament 2012 muss nur der passive Partner mit der Todesstrafe rechnen. Außer der aktive Partner ist verheiratet. Dann werden beide getötet.

 

Artikel 123-124: Lustvolles Küssen und nackt unter der Bettdecke liegen ohne ersichtliche Notwendigkeit wird  mit bis zu 99 Peitschenhieben bestraft.

 

Artikel 129-131: Diese Artikel kriminalisieren mosaheqeh, also sexuelle Beziehungen zwischen zwei Frauen. Die Strafe für lesbische Liebe ist für jede 100 Peitschenhiebe. Wurden beide schon drei Mal verurteilt, wird nach der vierten Verurteilung die Todesstrafe verhängt.

 

Auch Mitra musste damals, als junger Mann, die rechtlichen Konsequenzen fürchten. Deswegen flüchtete sie in die Transsexualität zum anderen Geschlecht, um nicht aufgrund ihrer sexuellen Orientierung bestraft zu werden. Kontakt zu ihrer Familie und ihren Freunden pflegt sie nicht mehr – sie hat zu viel Schande über die Familie gebracht. Täglich schlagen ihr verachtende Blicke entgegen, wie hier im Frauenabteil der Teheraner Metro.

 

Mitra ist die erste Transfrau, die Khanmohammadi im Rahmen ihrer Recherche für ihr Fotoprojekt getroffen hat. Noch wartet sie auf ihre geschlechtsangleichende Operation. Diese birgt im Iran ein hohes Gesundheitsrisiko. Oft bleiben schlimme Verstümmelungen an den Geschlechtsteilen zurück. Die Anzahl solcher Operationen wird von NGO‘s auf 3.000 im Jahr geschätzt.

Homosexuelle verändern sich im Iran. Sie übernehmen die weibliche Rolle und verinnerlichen Gestik und Mimik, damit sie sich vor gewalttätigen Übergriffen durch  Staat und Gesellschaft schützen.

Das hat auch die Fotografin und Künstlerin Asoo erkannt und ihre Bilder deswegen in Schwarz-Weiß festgehalten. „Ich wollte den Menschen an sich darstellen“, erzählt die Fotografin, „der Betrachter soll im Unklaren über das Geschlecht gelassen werden.“ Wenn es nach dem ehemaligen Machthaber Mahmud Ahmadinedschad geht, gebe es in seinem Land Homosexualität gar nicht. Bei einem Besuch an der Columbia University in New York 2007 sagte der ehemalige Präsident und Bürgermeister Bagdads, angesprochen auf die Lage im Iran: „Wir haben im Iran keine Homosexuellen wie ihr in euren Ländern. So etwas existiert in unserem Land nicht.”

 

Box:

Der Iran hat um die 78 Million Einwohner. 7 Million davon sind Menschen mit verschiedenen sexuellen Orientierungen. „Man sagt, acht bis zehn Prozent jeder Bevölkerung gehören der lesbischen und schwulen Community (LGBTIQ) an“, so Dr. Gorji Marzban, Gründer der „Oriental Queer Organisation Austria“ (ORQOA) in Wien. LGBTIQ schließt Lesben, Schwule, Bisexuelle, Transsexuelle, Intersexuelle und Queer ein. Dr. Gorji Marzban zur Situation im Iran: „Die transsexuelle Lebensform ist eine Provokation in einer starren Gesellschaftsstruktur, in der die Menschen nur strikt definierte Geschlechterrollen kennen.“

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