Über Opfer und Heldinnen

16. Februar 2015

Regisseurin Alexandra Schneider erzählt im Gespräch mit Nermin Ismail von ihrer Arbeit in Ägypten und ihrem neuen Dokumentarfilm „Private Revolutions“, der ab heute in den österreichischen Kinos zu sehen ist. Im Film begleitet sie eine Bankerin, die ihre Karriere für ihren Traum aufgibt, eine Muslimschwester, die für die Kampagne Mursis arbeitet und zwei weitere Revolutionärinnen.

Der Film fängt mit den Parlamentswahlen  2011 an. Wie lange haben Sie für den Film in Ägypten gedreht?

Wir waren das erste Mal Juni 2011 dort. Der offizielle Drehbeginn war im November 2011. Da waren wir sechs Wochen unten für die Parlamentswahlen. Dann war ich 2012 in Summe neun Monate unten. Das letzte Mal gedreht haben wir im Februar 2013.

Wer sind diese Frauen, die im Film begleitet werden?

Amani ist eine sehr außergewöhnliche Frau, die Medienwissenschaften studiert hat.

Kino, Kultur, Revolution,
© Daniela Praher Filmproduktion

Eine Radiomacherin und Revolutionärin. Sie will einen Diskurs über Frauenrechte starten, nicht in der intellektuell gebildeten Oberschicht, sondern mit jungen Frauen aus allen Schichten. Sie kämpft darum, dass soziale Themen aufgegriffen werden; von Heirat um jeden Preis, das Problem der Scheidung über sexuelle Belästigung in der Öffentlichkeit.

Sharbat ist eine Aktivistin, die auf der Straße politisch aktiv ist. Jemand, der unmittelbar durch Demonstrationen versucht etwas zu ändern. Trotz Widerstand der ganzen Nachbarschaft und der Familie. Sie kommt aus einer unteren Schicht und lebt knapp über den Existenzminimum. Sie ist jemand, der sehr unmittelbar für Dinge kämpft, die sehr viele Ägypter betreffen.

Fatema kommt aus einer reichen Familie. Hat gerade ihr PHD in Politik absolviert. Gleichzeitig ist sie dreifache Mutter und bei den Muslimbrüdern sehr engagiert, in durchaus wichtigen Positionen. Sie versucht ihre berufliche Karriere und ihr Engagement mit ihren Verpflichtungen als Ehefrau und Mutter unter den Hut zu bringen.

Mey kommt aus einer wohlhabenden Bankerfamilie. Sie ist Nubierin, das ist eine Minderheit aus dem Süden. Mey hängt eine sehr erfolgversprechende Bankerkarriere an den Nagel, weil sie in der Region ihrer Eltern rund um Aswan regionale Entwicklungsprojekte aufbauen möchte. Sie will die kulturelle Identität stärken und aus Nuba eine attraktivere Gegend machen.

Wie waren die Dreharbeiten in Ägypten? Im Film kommt auch vor, dass sich Menschen über Ihr Auftreten in ihrer Gegend beschweren. Gab es viele Schwierigkeiten als österreichische Filmemacherin dort zu arbeiten?

Dass sich grundsätzlich die Stimmung verändert hat, haben wir gespürt. Von dieser große Euphorie und Hoffnung Anfang 2011 kippt es dann zunehmend in Frustration und Ernüchterung. Es war auch für viele schockierend, dass das erste Mal von allen Oppositionsbewegungen sich die Muslimbruderschaft durchsetzen konnte und alle anderen linksliberalen oder revolutionären Gruppen kaum über ihre eigenen Zirkel hinaus bekannt geworden sind. Mit  Mubarak war noch nicht die Spitze des Eisberges erreicht. Politischen Aktivisten war das bewusst, dass das Militär kein Freund des Volkes ist, aber vielen Ägyptern war das nicht bewusst und wie viele Personen in Machtpositionen da verwickelt sind. Auch wie schwer das wird, das hätte niemand erwartet. Es gab ja einfach Befehle auf Demonstranten zu schießen. Mit dieser Umbruchssituation hat sich die Gesellschaft immer mehr aufgesplittert. Die einen meinten, man muss sich mehr einsetzen für eine Veränderung und die anderen, die meinten vorher war alles nicht so schlimm und wollten zurück zur Normalität. Von heutiger Sicht find ich es ein ganz normaler Diskurs, dass der Prozess einer Demokratisierung über Jahrzehnte dauert, aber natürlich ist das im Moment wahnsinnig frustrierend. Das ist aber gezielt geschürt worden. Das ist die Lieblingsstrategie der Regierung, dass das böse Ausland geheimnisvolle Sabotageakte plant und das edle ägyptische Volk unterwandert. Gerade in der Zeit unserer Dreharbeiten gab es einige so Kampagnen gegen ausländische Journalisten, die haben gefruchtet, weil sie dazu beigetragen haben, dass das Bild derer, die offensichtlich keine Ägypter sind und mit einer großen Kamera unterwegs sind, ein sehr negatives war.

Wie haben die Menschen sonst auf euch reagiert?

Porträt, Alexandra Schneider
© Daniela Praher Filmproduktion
Prinzipiell waren die Leute wahnsinnig liebenswürdig und offen. 

Auch zu meinen Protagonistinnen habe ich eine ganz enge Beziehung entwickelt. Sonst waren die Leute auch sehr interessiert und neugierig. Ich finde es als Europäerin sehr beeindruckend, wie sehr es diese Kultur der Gastfreundschaft gibt, die es bei uns ja überhaupt nicht gibt. Natürlich gab es dann bei angespannten Situationen wie bei der Präsidentschaftswahl, nachdem die ganzen liberalen und linken nicht mehr weiterkamen und es zu der Stichwahl zwischen Mursi und Shafik kam. Wo viele den Eindruck hatten, jetzt können sie zwischen Pest und Cholera auswählen. In dem Viertel, wo Sharbat wohnt, wo sie gewohnt sind alles selbst in die Hand zu nehmen, weil die Polizei da gar nicht reinkommt, kam es zu Schwierigkeiten. Bei Demonstrationen war es so, dass auf Demonstrationen losgegangen wurde wie auf uns. Da gab es auch sicher bezahlte Baltageya (Schlägertypen), die extra darauf angesetzt waren Stress zu machen.

Eine Protagonistin hat sich dann vom Filmprojekt verabschiedet, warum eigentlich?

Bei den Muslimenbrüdern, denke ich ist es so, dass die erste Phase der Drehzeit in die Phase hineingefallen ist, als sie großes Interesse hatten, sich der Welt als neue Partei zu positionieren und sich als modern und gemäßigt zu präsentieren, ab dem Moment wo sie die Wahl gewonnen hatten und die absolute Mehrheit im Parlament hatten, gab es für sie keinen Grund mehr sich nach außen zu öffnen. Sie sind dann zurückgekehrt zu diesem alten Verhalten, dass man niemand außerhalb der eigenen Reihen traut.
Das haben wir beim Filmen mit Fatema gespürt. Ich glaube nicht, dass es ihre persönliche Entscheidung war, nicht mehr mitzumachen, sondern dass das eine Ansage von oben war, das hat sie mir so auch kommuniziert. Sie hatte nicht mehr viel Spielraum.

Wie war es vor allem als Europäerin in dieser Welt einzutauchen?

Ich hatte Bedenken, dass ich als Ausländerin einen Film über die ägyptische Revolution mache. Ich war anfangs unsicher, ob das funktioniert und ob das nicht total vermessen ist, noch dazu, da ich die Sprache nicht kann. Es hat sich gezeigt, dass es ein Vorteil war, weil so unterschiedlich die Frauen waren, haben die sich auf mich eingelassen und mir vertraut, weil ich als Neutrale wahrgenommen wurde. Eine Ägypterin, hätte nicht mit einer Muslimschwester und einer Gegnerin der Muslimbrüder gedreht, weil man erwartet hätte, dass sie eine Position hat. Das hat man gemerkt, wenn ägyptische Teammitglieder dabei waren, haben die sich immer in Diskussionen verstrickt sei es mit Sharbat oder mit Fatema. Manche waren einfach total frostig. Bei Männern besonders, weil sie es nicht gewohnt sind, im Hintergrund zuzuhören und die anderen reden zu lassen. So ein beobachtender Dokumentarfilm ist auch nicht wirklich sehr etabliert in Ägypten, einfach dabei zu sein und möglichst unauffällig zu sein.

Welche Phasen des arabischen Frühlings haben Sie mit der Kamera begleitet?

Anfang 2011 war eine Phase der Euphorie. Bei der Parlamentswahl gab es dann schlimme Zusammenstöße auf der Mohamed Mahmoud-Straße.  Eine große Ernüchterung ist dann eingetreten, da das Militär auf einmal dann auch auf die Demonstranten geschossen hat und zwar scharf. Auch, dass die Muslimbrüder mit den Salafisten über 80 Prozent aller Sitze im Parlament hatten. Wo sich dann viele gefragt haben: Was hat das jetzt eigentlich alles gebracht? Das wird alles nicht so  einfach wie wir dachten. Wir haben uns das mit der Demokratie anders vorgestellt. Was parallel passiert ist, ist, dass alte Ängste, die unter Mubarak schon geschürt wurden, wie: „Wenn nicht ich, dann das Chaos oder der Fanatismus“, zu spüren waren. Es hat sich bestätigt. Dann mit Mursi setzte ein echtes Entsetzen ein, wo man gemerkt hat, es hat sich nichts geändert am System. Zwei Jahre Wirtschaftskrise, Stromausfall und alles. Dann war die Lage besonders angespannt.

Die vier Frauen sind zwar alle Ägypterinnen, aber ziemlich verschieden. Hatten Sie den Anspruch alle Schichten zu repräsentieren? Wie erfolgte die Auswahl der vier Protagonistinnen?

Ich hatte den Wunsch, dass eine Vielfalt von Frauen, von Ideologien vertreten ist, aber auch von Arten des Engagements. Es sind nicht vier Frauen, die alle bei den Straßendemos oder, die alle in einer Partei sind. Wie der Titel suggeriert. Ein echter Umbruch findet auf der Straße, aber auch im Privaten statt. Wichtig ist, dass der private Diskurs beleuchtet wird, der kommt oft zu kurz, weil er nicht leicht zugänglich ist. Das ist der Vorteil eines Films, man kann über einen längeren Zeitraum beobachten. Das war auch mein Ziel. May hat andere Art von Revolution und auch Amani und es ist wichtig, dass sie vertreten sind und nicht nur eine Sharbat und eine Fatema, deren Engagement ich super finde. Es gibt Veränderungsprozesse auf vielen Ebenen.

Wie schätzen Sie die derzeitige Lage in Ägypten ein?

Es ist jetzt so eine Pendelbewegung, die von der Straße mehr innerhalb der Hausmauern geschwappt ist. Der Diskurs muss innerhalb der Häuser weitergehen. Patriarchale Strukturen müssen in Frage gestellt werden. Es ist auch im Beruflichen kaum üblich, dass man eigenverantwortlich arbeitet, man hat einfach Vorgesetze, die alles diktieren. Solche Dinge gehören auch dazu, wenn eine ganze Gesellschaft auf Dauer demokratischer werden will. In Europa war das auch ein langer Prozess.  Nach der Französischen Revolution kam auch Metternich und Biedermeier, ein Polizeistaat mit Spitzelwesen, trotzdem gab es diese Kultur der Diskussion und diese Bürgersalons. Es ist vielleicht nicht so offensichtlich, was passiert, aber es passiert etwas. Erst dann kannst wieder auf die Straße gehen.

War es gefährlich in einer solchen Zeit in Ägypten zu arbeiten?

Ich hatte nie das Gefühl in einer größeren Gefahr zu sein als die Protagonistinnen. Dabei hatte ich immer den Luxus bzw. das Privileg gehen zu können. Das haben die Ägypter nicht. Aber natürlich bin ich eher aufgefallen durch die Kamera und das europäische Aussehen. Deswegen war ich eher Zielscheibe von Aggressionen.

Warum der Titel: „Private Revolutions?! Erleben die Protagonistinnen Revolutionen in ihrem Leben parallel zur ägyptischen Revolution?

Jede Frau ist aus dem familiären Umfeld auf eine gewisse Art und Weise ausgebrochen, sogar die Fatema. Fatema macht das sehr subversiv und wirkt angepasst, aber dass sie ihr Studium fertig macht und bei den Muslimbrüdern aktiv ist, obwohl ihr Mann das überhaupt nicht ist, ist schon bewundernswert. Sie zieht ihr Ding durch. Amani hat sowieso mit der ganzen Familie gebrochen. Eine von wenigen Menschen, die abhauen und sich alleine durchschlagen. Die Sharbat lässt sich im Laufe des Films scheiden. Bei Mey haben die Eltern gesehen sie können sie nicht abhalten und unterstützen sie jetzt, aber sie hatte gegen massiven Widerstand des Elternhauses den Job aufgegeben und ist nach Aswan gezogen. Alle brechen unmittelbar aus ihrem Umfeld aus oder verändern es. Das macht sie neben dem gesellschaftlichen Engagement auch so spannend, weil sie einen persönlichen Preis zahlen für ihr Idealismus und ihrem Engagement.

Worum geht es eigentlich im Film? Ist es ein Portrait von vier Frauen in Ägypten?

Es sind vier Portraits, die zu einem Gesellschaftsbild zusammenfließen. Es gibt noch Millionen andere Schicksale. Die Vier erlauben zusammen einen Eindruck in eine neue Generation von Ägyptern, die da an allen möglichen Ecken entsteht. Der Film ermöglicht auch einen Einblick in die Vielfalt der ägyptischen und der muslimischen Frau. Die sind nicht unterdrückt oder passiv.

Mit welcher Protagonistin konnten Sie sich am meisten identifizieren?

Für mich war das nie Thema. Natürlich habe ich nicht die gleiche Nähe zu Fatema, abgesehen davon, dass wir nicht mehr in Kontakt sind. Aber ich habe nie eine Wertigkeit gehabt. Für mich war es genauso spannend mit Fatema zu drehen, wie mit Mey, Amani oder Sharbat. Sharbat und ich haben eine sehr enge Beziehung, die es ermöglicht hat, ohne eine gemeinsame Sprache zu sprechen, besser als mit einem Dolmetscher. Ich habe auch ihre Söhne ins Herz geschlossen. Amani ist auch eine enge Freundin geworden, aber auch Mey ist wir eine kleine quirlige Schwester, die ich auch sehr lieb habe. Jede der vier hat Eigenschaften, für die ich sie wirklich bewundere und die mich berühren.

Was ist die Message vom Film eigentlich?

Ich finde in den letzten Jahren haben wir viel über Ägypten gehört, aber wir wissen sehr wenig vom Land und wie es dort ist. Wir hören viel darüber, aber wir wissen nichts über die Menschen. Da erlaubt der Film einen Blick rein und macht eine Nähe auf und zeigt auf einmal eine Vielfalt. Er zeigt Frauen die Opfer und Heldinnen gleichzeitig sind. Opfer von Umständen, wie bescheuerte Regeln in ihrer Gesellschaft, aber sie wehren sich heldenhaft gegen gewisse Umstände und haben eine Stärke, wo man als Europäerin nur total beeindruckt sein kann. Diese Ambivalenz erlebbar zu machen ist eine Stärke von dem Film. Diese Ambivalenz, dass es nicht schönzeichnet die Herausforderungen und die Schwierigkeiten, die auf Ägypten warten und auch auf diese Frauen mit ihrem Engagement. Sie stoßen auf Wiederstände. Aber die haben eine Energie, eine Ausdauer, einen Humor, wo man sich echt eine Scheibe abschneiden kann. Sie machen immer weiter, lassen sich nicht unterkriegen. Immer wieder sich aufrappeln und weitertun. Das macht ein ganz anderes neues Bild auf, zu dem was wir gerne an Bildern und Klischees in den Köpfen haben über den arabischen Raum.

Vor wenigen Tagen jährte sich der Jahrestag vom Rücktritt Mubaraks. Wie steht´s um die Revolution gerade?

Rein politisch wird jetzt alles unterdrückt, da wird keine Luft gelassen für irgendwelche Kritik. Macht es sehr eng und sehr schlimm. Ich sehe nicht, dass dieses Regime mit dem Militär an der Spitze Interesse für Reformen hat. Ohne Reformen wird es aber keinen wirtschaftlichen Aufschwung geben. Wenn in einigen Jahren den Ägyptern klar wird, dass sich ihre Situation nicht verbessert und es nach wie vor katastrophal ist mit allem. Mit Strom, Verkehr, Korruption, Bildung, mit Müll usw. – dann wird es hoffe ich schon an den Punkt kommen, wo die Sehnsucht nach Sicherheit u Stabilität kleiner wird gegenüber der Unzufriedenheit, den Frust und Ärger darüber was alles nicht funktioniert und nicht läuft. Ich habe mich geärgert über die westlichen Medien vor allem in den letzten zwei Jahren, die meinten der arabische Frühling sei gescheitert und gestorben, weil ich mir denke, was für eine Arroganz zu sagen, jetzt ist es vorbei der Prozess und er ist auch noch dazu gescheitert. Kannst nicht ein ganzes System über Bord werfen in wenigen Jahren. Dann gibt es viele Interessen im Hintergrund.

Welchen Eindruck haben Sie von der Rolle der Frauen in der ägyptischen Revolution?

Mein Eindruck ist, dass die Frauen auf einer gewissen Ebene das Motor der Revolution waren. Wie der Prozess immer mühsamer und immer frustrierender, da waren es immer mehr die Frauen, die der Motor waren. Weil die Frauen, Ägypterinnen sind viel mehr gewohnt Rückschläge einzustecken und sich nicht unterzukriegen zu lassen, können das besser als Männer. Sie lassen sich nicht unterkriegen. Die Gesellschaft bevorzugt Männer eher, dass ihnen Dinge in die Schoss fallen, aber Frauen haben eine andere Erfahrung gemacht. Frauen sind nicht so schnell so persönlich gekränkt. Frauen, sind die, die den größeren Leidensdruck haben. Sie haben dann mehr Motivation haben etwas zu verändern. Von Anfang an waren auch Frauen am Tahrir dabei, bis in den vordersten Reihen: Frauen, die Sprechgesänge vorgerufen haben auch Mutter, die um ihre Kinder geschrien und gebetet haben. Das hat auch das Regime gemerkt und es ist kein Zufall, dass dann die sexuellen Belästigungen zugenommen haben. Man hat ihren Schwachpunkt erkannt. Frauen haben wenn nicht direkt auf der Straße sicher auch im Hintergrund einen großen Einfluss auf die Revolution gehabt.

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