Veline: Berühmt auf Italienisch

01. September 2010

Stumm bleiben, viel lächeln und halbnackt im Fernsehen tanzen. Eine Velina zu sein garantiert vielen italienischen Schönheiten ein Leben umgeben von Reichtum und Blitzlichtgewitter.

Von Martino Cotroneo

"Wie geil!“ Endlich hat die Sendung begonnen. Sobald die Erkennungsmusik der Satireshow Striscia la Notizia (auf Deutsch:
Die Nachricht geht um) ertönt, tanzen zwei Mädchen herein – eine Blonde und eine Brünette – in knappen Tops und kurzen Hotpants. Mitunter tanzen sie aber auch in kurzen Miniröcken und sexy Bikini-Oberteilen. Egal, der Busen, der wackelt auf jeden Fall und der Po ist auch immer knackig. Dass die zwei Schönheiten nicht immer gut tanzen, scheint keinen zu stören,
Hauptsache Beine, Bauch, Knackarsch und Busen sind immer auf Augenhöhe der Moderatoren und des Millionenpublikums
der Sendung, die jeden Abend vom Berlusconi-Sender Canale5 ausgestrahlt wird. Die beiden Showgirls sind das Highlight dieser Nachrichtenparodie, die nur knappe 30 Minuten dauert.
Die Kirsche auf der Torte kommt dann am Ende der einminütigen Tanzeinlage:
Die Erkennungsmelodie der Satireshow klingt langsam aus und die zwei Augenweiden setzen sich mit übereinander
geschlagenen Beinen und passend zum Rhythmus der Musik auf den Schreibtisch der beiden Moderatoren. „An manchen
Tagen wäre ich gerne ein Tisch!“, wünschte sich ein Moderator, nachdem sich eine Fernseh-Assistentin sogar lasziv um
seinen Tisch geräkelt hatte. Von Assistentin spricht aber niemand. Diese Fernsehfrauen haben einen eigenen Namen bekommen.
Man nennt sie „Velina“ oder in der Mehrzahl „Veline“.

Karrieremodell Velina
Frauen spielen in Italien eine große Rolle. Im Fernsehen sind sie ohnehin die Lieblinge der Nation. „Es ist immer eine Freude, eine schöne Frau zu sehen. Seit etwa zwanzig Jahren ist es in Italien gang und gäbe, dass junge und schöne Frauen in verschiedenen Sendungen mitwirken. Für viele ist es eine Möglichkeit, entdeckt zu werden und einige haben auch das Glück, in anderen Bereichen weiterzukommen“, sagt Simona Ventura, eine äußerst erfolgreiche und immer an ihrem Dekolletee erkennbare italienische Moderatorin. Velina? Eine „junge, spärlich bekleidete Frau, die im Rahmen von Fernseh-Sendungen auftritt“ lautet die Definition dieses „Berufes“, die kurz nach der Jahrtausendwende sogar einen Platz im italienischen Wörterbuch gefunden hat. (Der Name kommt von dem Blatt Papier, velina, das den Moderatoren gereicht wird.)
Mit tiefsten Ausschnitten und in knappsten Höschen den Moderatoren während der Sendung die Nachrichten des Tages vor
die Kamera zu bringen und zwischendurch als halbnackte Pauseneinlage zu fungieren, ja, davon träumen tausende italienische
Mädchen. Die Veline, die in den Achtzigern kaum Haut zeigten und eine eher untergeordnete Rolle spielten, haben sich
im Laufe der Jahre zu nationalen Berühmtheiten und angebeteten Sex-Symbolen „hoch ge…tanzt“, wie so manche böse
Zungen schreiben. Velina zu sein bedeutet im heutigen Italien, ein Sprungbrett in die High-Society zu haben.

Schön sein, nicht reden
Um in Italien das Society-Parkett betreten zu können, muss man zuerst ins Fernsehen. Jene Mädchen, die sich in der Schule nur
langweilten und keine Lust auf einen Full-Time-Job hatten, findet man bei den Castings wieder. Über zehntausend junge „Bellezze“ bewerben sich jährlich für die Casting-Shows, die im ganzen Land, üblicherweise in Diskotheken, stattfinden und teilweise sogar live übertragen werden. Eine ganze Nation ist gespannt, welche Schönheiten auftreten werden. Vor einer Jury müssen die jungen Aspirantinnen zeigen, welche (Tanz-) Qualitäten sie drauf haben. Intellektuelle Fähigkeiten sind nicht gefragt: „Sie müssen nur schön sein – reden müssen sie nur später einmal“, sagt Gianna Tani, Autorin und ehemalige Casting-Chefin von Mediaset. Traditionsgemäß werden bei der Finalrunde immer zwei Gewinnerinnen ermittelt, eine Blonde und eine Brünette, die als neues Damen-Duo für die TV-Saison im Herbst engagiert werden.

Von Sardinien nach Hollywood

 

Melissa hat die Millionen Tanzschritte bereits hinter sich. Nach einem Urlaub in Miami ging es für die ehemalige Velina heuer
auch auf Sardinien feuchtfröhlich weiter – an der Costa Smeralda natürlich, der Küste der Reichen und Schönen Italiens. Am
ersten Tag sah man Melissa alleine durch die Gassen von Porto Cervo schlendern. Nachmittags besuchte sie die elegantesten Geschäfte und abends sah man sie in der Disco Billionaire, einem mondänen Szene-Treff, an dem nur Stars und Sternchen verkehren. Erst am nächsten Tag sah man sie mit Bobo: planschend im seichten Wasser, küssend und grapschend auf einem Liegestuhl und innig umarmt. Die Rede ist von Christian „Bobo“ Vieri, dem ehemaligen Fußballgott, jetzt Gott der Klatschspalten: „Mit Bobo ist alles in Ordnung. Wir hatten nie eine Beziehungskrise!“, war in der Boulevardpresse zu lesen. Ihre Aussage duftete nicht nur nach Sonnenöl, sondern auch nach einer baldigen Hochzeit. Allerdings schaffte es Melissa „nur“ auf Seite 73. Aufs Cover kam diesmal die hübsche Elisabetta, der man sogar eine Exklusiv-Story widmete. Kein Wunder, wenn man bald mit George Clooney vor dem Traualtar steht. Verlobte eines Hollywood-Schauspielers – besser kann man in Italien wohl nicht dastehen.

 

 

 

 

 

Ihre Villa , ihr Privatstrand , ihr Fußballer
Das Ziel einer Velina ist eindeutig: berühmt werden, sich einen gut aussehenden Fußballer krallen, in eine große Villa ziehen und abends am privaten Hotelstrand auf Sardinien einen Cocktail genießen. Ein Leben, das Publicity in den Klatschspalten garantiert. Für die ehemaligen Veline Melissa Satta und Elisabetta Canalis wurde dieser italienische Kleinbürger-Traum zur Realität. Sie haben einen Lebensstil erreicht, von dem hunderttausende junge Mädchen jedes Jahr nur träumen können. Ein Leben, das möglich wird, wenn man im Fernsehen halbnackt getanzt hat. Melissa ist mittlerweile eine erfolgreiche TV-Moderatorin, während Elisabetta – George sei Dank – in Los Angeles mit den Dreharbeiten zur Fernsehserie „Leverage“ beschäftigt ist. Aber wenn man richtig berühmt werden möchte, führt in Italien kein Weg an einem Fußballer vorbei.

„In der Maschinerie von Fußball und Medien werden die Spieler verehrt und umlagert wie Popstars. Sie haben die Regenbogenpresse erobert und die Laufstege der großen Modeschöpfer“, heißt es im Buch der deutschen Autorin und Journalistin Birgit Schönau. Wer sich in Italien also im Rampenlicht sonnen will, muss sich zuerst einen Fußballer angeln:
Das wissen auch die Veline. Melissa ist, wie gesagt, seit vier Jahren die Freundin des Ex-Fußballers „Bobo“ Vieri und auch wenn Elisabetta jetzt mit dem begehrtesten Junggesellen der Welt verlobt ist, davor war sie ebenfalls jahrelang die Freundin von „Bobo“. So ein Zufall! Auch bei Elisabetta ging es nicht ohne Fußballer.

Politik, Titten und Fußball
Den Traumberuf Velina zu ergattern und sich mit einem Fußballer zu verloben, ist also das Lebensziel vieler italienischer Mädchen. Schockiert reagierte vor ein paar Jahren die politische Opposition, als eine Studie ergab, dass italienische Mädchen
zwischen 16 und 18 Jahren lieber Veline als Forscherinnen werden wollten. Die Verbreitung einer Kultur, in der Erfolg, Erotik und
Einkommen über allem stehen, hat sehr viel mit einem Mann zu tun: Silvio Berlusconi – Unternehmer, Premierminister, Alleinunterhalter. Es waren die von Berlusconi geführten Mediaset-Privatsender, die in den Achtzigern die Figur der Velina eingeführt haben. Seine Sender hatten mit Nahaufnahmen von Brüsten und Hinterteilen nie gegeizt, auch nicht bei politischen Sendungen.
Mittlerweile scheint in Italien die Politik-Titten-Fußball-Kultur für ein ganzes Volk zur einzigen gesellschaftlichen Realität geworden zu sein: „Der weibliche Busen scheint in Italien besonders wichtig zu sein, und zwar auf allen Kanälen, in allen Sendungen, zu jeder Tages- und Nachtzeit. Fast könnte man meinen, das italienische Fernsehen sei ausschließlich für Männer bestimmt“, sagt eine TV-Journalistin des Senders Arte. Berlusconi hat gezeigt, wie man das Volk bei Laune hält und wie man das Medium Fernsehen einsetzen kann, um das „eigene“ Fernsehpublikum zu Hause zu faszinieren. Er hat Politik als Show getarnt. Anscheinend hat der Showman Silvio die Alltagswirklichkeit dieser Mädchen schon lange mit jener Bühnenwelt überzogen, von der sich auch das restliche Italien einfangen ließ. Die Berlusconisierung und die Vergnügungssucht der italienischen Gesellschaft schreiten weiter voran. Und, die Velina, die funktionslose, attraktive TV-Assistentin, die nur lächeln, Po, Bauch, Beine und Busen zeigen muss, verkörpert diese sinnlose Bühnenwelt, die Berlus(t)coni erfunden hat. Absurd findet das in Italien schon lange keiner mehr.

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Kommentare

 

wie kann man sich nur auf solche "Lebensziele" reduzieren lassen, sich vor Millionen von Menschen halbnackt zu präsentieren... Unfassbar!

 

...und irgendwie real!

 

super artikel martino

 

...Ivana!

 

+++

Super ausgearbeiteter Artikel!
Exzellent!!!

 

absolut gelungener Artikel!!!! +++

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