"Vom Küssen kriegt man AIDS!"

22. Februar 2019

Aufklärung und Sex sind oft keine einfachen Themen – besonders wenn die Eltern etwas konservativer ticken. Über Kurioses und Absurdes rund ums Thema Intimität erzählen junge Frauen aus arabisch-muslimischen Familien.

von Nada El-Azar, Fotos: Marko Mestrovic

Leila* ist 21 Jahre alt und hat sudanesische Wurzeln. Die junge Saxofonistin liebt es, auf Partys zu gehen und geht sehr freizügig mit ihrem Körper um. „Ich hatte bestimmt schon 80 One-Night-Stands. Ich führe sogar eine Liste!“. Sie öffnet auf ihrem Handy eine Notiz und scrollt durch eine ellenlange Liste von Personen, die mit Vor-und Nachnamen säuberlich archiviert wurden. „Nur damit ich mich auskenne“, lacht Leila.

Auf ihren nächtlichen Feiertouren durch Wien begegnet sie manchmal muslimischen Männern, die ihr Vorwürfe machen. „Und sogar Österreicher sagen mir:,Oida, du bist Muslimin und du hast Sex vor der Ehe?‘. Dabei ist das in der Bibel auch nicht erlaubt! Meine Mutter trägt zwar Kopftuch, aber sie hat mir nicht verboten, auszugehen. Hauptsache keine Drogen und kein Sex vor der Ehe.“ Tja, nicht alle Versprechen kann man einhalten. Einmal habe sie ihre Mutter zuhause in flagranti erwischt. „Sie hat meinen Kumpel aufs Ärgste auf Arabisch beschimpft… ich nehme nie wieder jemanden mit nach Hause. Das war so peinlich.“ Leila kann sich trotz allem nicht daran erinnern, jemals von ihren Eltern aufgeklärt geworden zu sein. „Das hat die Schule erledigt.“ Ich fragte sie, ob ihre Eltern denn nichts gegen ihren ausschweifenden Lifestyle hätten. „Meine Mutter schimpfte nur, dass ich eine Straße sei und jeden auf mir gehen lassen würde... und wie war das bei dir eigentlich, Nada?“.

Absurde Aufklärung
(C) Marko Mestrovic

 

"Allah schickt den Storch"

Ich musste nachdenken. Mein Vater ist Diplomkrankenpfleger und meine zwölf Jahre ältere Schwester studierte schon Medizin, als ich noch in die Volksschule ging. Dementsprechend hatten wir zuhause jede Menge Anatomiebücher. Ich wusste über Sex Bescheid, bevor es Thema in der Schule war. Und vorallem über den Ablauf der Geburt, der mir eine Höllenangst einjagte. Das Bild eines blutigen, verschleimten Babykopfes, der gerade aus einer Scheide herausguckt, hat sich bis heute in meinem Gedächtnis gehalten. Und ich fang erst gar nicht mit den Geschlechtskrankheiten an! Beim Aufklärungsgesprächwaren meine Eltern eher kreativ als informativ: „Wenn ein Mann und eine Frau sich lieben – und HEIRATEN! – dann schickt Allah ihnen den Storch!“ Natürlich habe ich kein Wort geglaubt. Aber zumindest haben sie versucht, den alten kinderbringenden, deutschen Klapperstorch mit islamischen Moralvorstellungen zu vereinbaren. Diese ulkige Erinnerung veranlasste mich dazu, bei anderen jungen Frauen aus meiner Community nachzufragen. Und ich wurde definitiv nicht enttäuscht.

 

„Vom Küssen kriegt man AIDS!"

Wenn man Rabias* Handykontakte während ihrer ersten Jahre im Gymnasium sah, hätte man meinen können, sie ginge auf eine reine Mädchenschule. Ihre Mutter hatte einmal auf ihremNokia 5200 eine fragwürdige SMS eines Klassenkameraden mit den Worten „Ich will Schluss machen“, und verpasste ihr prompt wochenlang Handy- und Ausgehverbot. Obwohl diese SMS nicht an Rabia selbst gerichtet war, sondern einer ihrer Freundinnen galt, mussten solche Zwischenfälle in Zukunft trotzdem vermieden werden. Daher speicherte sie alle männlichen Freunde einfach unter Frauennamen ein. Um nicht den Überblick zu verlieren, wendete sie ein einfaches System an: Aus Michael wurde Michaela, aus Peter Petra, usw. Schon bald rückte die erste Skiwoche immer näher, und damit die Frage,ob ihre Eltern erlauben würden, dass sie mitfährt. „Falls du auf die Idee kommen solltest, irgendeinen Buben aus deiner Klasse zu küssen – wehe dir! Denn vom Küssen kriegt man Aids!“, warnte sie ihre Mutter. Rabia schüttelte darüber nur den Kopf. „Sie dachte wirklich, dass ich ihr das abnehme. Dabeiwusste ich schon damals mit zwölf, dass man Aids nicht so bekommt. Außerdem ist meine Mutter sogar Ärztin, also sollte sie wissen, dass das Schwachsinn ist!“.

Absurde Aufklärung
(C) Marko Mestrovic

 

Das "Tuch" zwischen den Beinen

Zerya* wuchs, anders als Leila und Rabia, nicht in Europa auf, sondern in Syrien. „Aufklärung war so ein großes Tabu in meiner Familie. Selbst in den Büchern, die ich heimlich gelesen habe, wurde nur die Anatomie beschrieben, aber nicht, wie Sex funktioniert.“ Nicht Zeryas Mutter, sondern ihre acht Jahre ältere Schwester übernahm die Aufklärungsgespräche mit ihr. „Als ich noch ein Mädchen war, erzählte sie mir, dass ich zwischen meinen Beinen so etwas wie ein Tuch hätte, und wenn es reißt, würde ein ganzer Schwall Blut herauskommen. Ich hatte solche Angst!“ Reiten, schweres Heben, schnelles Laufen – all das könnte das „Tuch“ zerstören, dachte Zerya.

Als sie 14 Jahre alt war, legte sich Zeryas Familie Satellitenfernsehen zu. Eines Tages gelang ihr endlich ein Durchbruch. „Ich war alleine zuhause und wollte einen Film sehen. Ich wählte den europäischen Satelliten aus, weil ich wusste, dass es dort gute Filme gab.“ Stattdessen landete sie auf einem Erotikkanal. „Es war kein echter Porno, sondern nur eine sich räkelnde nackte Frau mit einem Telefon und einer eingeblendeten Hotline. Ich war total fasziniert!“. Mit großen Augen starrte sie auf den Bildschirm, den Daumen für den Fall der Fälle immer auf der OFF-Taste ruhend. Plötzlich machte alles Sinn. „Und dann wusste ich auf einmal, warum mein Bruder das Zimmer zum Fernsehen immer für sich alleine haben wollte! Und ich hatte mich schon gewundert, warum er so müde da rauskam!“

 

Die anderen "drei Buchstaben"

Noch viel schambehafteter als die drei Buchstaben S-E-X war ein gefürchtetes arabisches Wort: A-I-B (allen Arabischsprechenden als „3eb“ bekannt). Allein bei der Aussprache dieses kleinen Wortes wird einem fast schlecht, denn den ersten Buchstaben bildet man mit einer Art Würgelaut, ganz tief hinten in der Kehle. Arabischlernende werden verstehen,was ich meine. „Aib“ kann man

am ehesten mit „Schande“ oder „schamhaftem Verhalten“ übersetzen. Leila fielen dazu einige Beispiele ein. „Aib habe ich gehört, wenn ich zu knappe Sachen anhatte, wenn ich geschimpft habe, und überhaupt, wenn ich unladylike war.“ Rabia ging es ganz ähnlich mit diesem Urteil. Zerya hingegen hat ein Erlebnis in Verbindung mit „Schande!“ besonders tief geprägt. Beim Teeservieren für Gäste zuhause konnte man einen Blick in ihr Oberteil erhaschen. „Meine Mutter hatte mich darauf angesprochen und ich habe mich damals so tief geschämt, dass ich bis heute null Ausschnitt zeigen kann“, sagt sie. Heute nehmen wir alle diese Erlebnisse mit Humor. Wer will, der kann auch. Egal wie streng behütet man aufgewachsen ist: Im Zeitalter des Internets wird sicherlich keiner im Dunklen gelassen. 

 

 

* Namen von der Autorin geändert.

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