Biber Babyboom: Von C-Klasse zu Ökotex: Mit Baby zum Jugo-Bobo

24. Oktober 2018

Von Ivana Cucujkić-Panić

Ja ja, Kinder ändern dein Leben, sagen sie. Was sich ganz sicher schon vor der Geburt geändert hat, war mein Kontostand. Hab ich ihn früher hie und da mit Cocktailabenden, Samstagsbrunches oder der regelmäßigen Ausweitung meiner Schuhkollektion leicht strapaziert, befindet er sich seit den Baby-News konstant im Sturzflug.

Anfangs sind wir tatsächlich äußerst vernünftig und kostenschonend, fast schon wie zwei verarmte WG-Studis, an die Besorgungen des Baby-Inventars herangegangen. Für den Kinderwagen kalkulierten wir ‚großzügige‘ 600 Euro, darin wird er immerhin einige Jahre sitzen, das soll ein ordentliches Gefährt sein. Im Schlafzimmer machen wir dann eine Ecke frei, streichen sie pastellgrau und stellen das Hemnes-Modell von Ikea auf, das wir mit ein paar ‚Do it yourself‘-Kniffen zu einem zweckerfüllenden Wickeltisch umfunktionieren. Das Teil, in dem der Säugling als Bettverlängerung neben mir schlafen wird, gibt es bestimmt fast ungebraucht und günstig bei Willhaben. Noch ein paar Strampler, zwei Schnuller, passt. Kein budgetäres Drama also und an zwei Wochenenden erledigt. Wie naiv ich war...

 

Babyboom

Momzilla bricht aus

Solche Pläne lesen sich nämlich immer wie das Script eines Horrorfilms: Es fängt ganz harmlos, fast langweilig an, plötzlich und unvermittelt taucht der Kettensägenkiller auf und alles endet in einem Blutmassaker. Ein paar Klicks durch diverse Mom-Blogs und zwei Babymesse-Besuche später, erwachte bereits Momzilla in mir. Hinzu kamen die ersten prä-elterlichen Schuldgefühle, die uns nach einem wir-geben-Geld-für-uns-selbst-und-nicht-fürs-Kind-aus-Moment. Danach hielt mich nichts mehr.

Im sechsten Monat schwanger gönnten wir uns nämlich einen ‚Prä-Babyurlaub‘ in Dubai und genossen zehn Tage lang die vorerst letzten romantischen Momente in trauter Zweisamkeit. Wir suhlten uns also im 5-Sterne-Beachclub unter der arabischen Sonne und gingen, an unseren 20-Dollar teuren Virgin-Minze-Cocktails nippend, noch einmal die asketische Secondhand-Einkaufsliste für das neue Familienmitglied durch. Der Widerspruch zwischen Luxusurlaub und gebrauchtem Beistellbett konnte nicht größer sein. Von den Schuldgefühlen übermannt, warfen wir die Vernunft gemeinsam mit der selbstgebastelten Wickelkommode in diesem Moment in den Persischen Golf.

Die Büchse der Babyshopping-Pandora war geöffnet. Die ‚großzügig‘ veranschlagten 600 Euro für den Kinderwagen wurden zugunsten eines deutschen „Stiftung-Warentest-Urteil-sehr-gut“- Modells in der Luxusausführung verdoppelt. Zur Wickelkommode gesellte sich ein zweitüriger Kleiderschrank aus weißlackiertem Massivholz aus holländischer Produktion. Diese wanderten aus dem elterlichen Schlafzimmereckerl ins eigene, neu gestrichene Kinderzimmer. Das Beistellbett brauchte jetzt unbedingt eine Wippfunktion, der Stillstuhl musste auf jeden Fall die graue Samtausführung von der einen Instagram-Influencerin sein. Beides wurde aus England mit stolzen Transportkosten nach Wien, Brigittenau geschifft. Das Kinderzimmer gleicht nun einem Showroom für namhafte Hersteller von Babyprodukten aus Nordeuropa. Das Highlight ist das dänische Designer-Gitterbettchen mit klimaregulierender 3D-Premium-Matratze und thront auf einem handgeknüpften „Fair trade“-Teppich.

OMG, ich bin ein Bio-Bobo-Jugo

Ich konnte meine zügellosen Babyshoppingtouren mühelos rechtfertigen; ich bin die Argumentationskönigin, wenn es um kostspielige Ausgaben geht. Denn Nachhaltigkeit und Bio-Zertifizierung haben nun mal ihren Preis! Schließlich sind sämtliche Anschaffungen schadstofffrei, fair, nachhaltig, ökologisch produziert. Produkteigenschaften, die mir bei Kaufentscheidungen vor meinem Leben mit Baby herzlich egal waren, und die ich gerne übermotivierten Gutmenschen aus Bobostan überlassen habe.

Mittlerweile habe ich mich selber zum peinlichen Jugobobo gewandet. Musikalische Früherziehung, Urlaub im ayurvedischen Familienhotel, Holzspielzeug. Jap, eine Kundenkarte bei ‚Herr und Frau Klein‘ - DER Pilgerstätte für Hipstereltern in Wien Neubau, steckt nun ebenfalls in meiner Geldbörse. Alles Dinge, für die ich mich früher ernsthaft fremdgeschämt hätte, gehören heute zu meinem Leben. Ich beschäftige mich intensiv mit Themen, die ich vor Baby verschmäht habe. Bio-Essen zum Beispiel. War früher alles aus dem Hofer ums Eck gut genug, pilgern wir heute für 300 Gramm Süßkartoffeln zum Bio-Supermarkt. Als übermotivierte Jungeltern bereiten wir den Babybrei selbst zu, in der eigens dafür angeschafften 4-in-1-Dampfgar-Gerätschaft. Leider zeigt Baby derzeit mehr Begeisterung für den Industriebrei aus dem Gläschen. Ebenso hat er den ergonomisch kiefergerechten Schnuller aus Naturkautschuk um zehn Euro prompt wieder ausgespuckt.

Beim Kauf von Stramplern wird auf die ‚Organic-Cotton-Zertifizierung‘ geachtet und Feuchttücher müssen aus 99% Wasser bestehen, ohne Parfüm und Öle. Aber die bekommen wir sowieso mitgeliefert im monatlichen Öko-Windel-Abo aus Deutschland.

Beim Auto hört sich’s aber auf

Bis vor acht Monaten noch fand ich mein Viertel ziemlich cool, weil urban, multikulturell und lebendig. Jetzt machen sich konservative Werte in mir breit, die mich aus dem Zwanzigsten an den Stadtrand ziehen lassen, weit weg vom Verkehr und „all den komischen Leuten“. Statt der aktuellen Instyle stapeln sich Ratgeber über mehrsprachige Erziehung auf dem Wohnzimmertisch. Ich bin auf Schafmilchprodukte umgestiegen, ‚glutenfrei’ gehört nun auch zu meinem Wortschatz. Palmölhaltige Nahrungsmittel verschwanden aus der Vorratskammer. Ja, selbst mein geliebter Plazma-Keks, den alle Jugobabys bereits mit der Flasche genießen durften, steht auf Na-das-essen-wir-jetzt-aber-nicht-mehr-Liste.

Persönliche Opfer bringt so ein Kind als erstes mit sich. Ich musste - und das tat echt am meisten weh - die Tatsache akzeptieren, dass ein Kinderwagen nicht in den Kofferraum einer Mercedes C-Klasse passte. Mein Auto musste schweren Herzens einer neuen Familienkutsche weichen. Diese sollte aber bitte stilvoll und schnittig daherkommen. Die Argumentationskönigin waltete ihres Amtes. Der Finanzierungsvertrag für den brandneuen, familienfreundlichen SUV war schnell unterschrieben. In einen gebrauchten, schirchen, aber ‚total praktischen‘ Kombi hätte ich mich nie gesetzt. So sehr Bobo werd’ ich niemals sein.

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