Von Gender Pay Gap und Gewalt

11. Dezember 2017

Letzten Mittwoch empfing die Stadt Wien 80 PolitikerInnen aus ganz Europa, die sich mit ihren Projekten als FinalistInnen für den ersten Political Innovation Award qualifiziert haben. Biber hat mit den französischen FinalistInnen Chiara Condi und Isabelle Jégouzo (Leiterin der Vertretung der Europäischen Kommission in Frankreich) sowie Farida Adlani (Vizepräsidentin von Île-de-France), Pierre Foldès und Frédérique Martz über ihre Projekte gesprochen.

Von Salme Taha Ali Mohamed

Feminismus, Frauen, PolitikerInnen, Gewalt gegen Frauen, Europa, Political Innovation Award 2017
In der Mitte: Chiara Condi, die Gründerin und Präsidentin von led By HER (Foto: www.sebastianphilipp.com)

Können Sie mir etwas über Ihr Projekt erzählen?

Chiara Condi: In meinem Projekt LED by HER arbeiten wir mit Frauen, die Opfer von Gewalt geworden sind und helfen ihnen dabei zu unabhängigen Unternehmerinnen zu werden. Denn was wir mit der #metoo – Kampagne gesehen haben, ist, dass sich die Umwelt um Frauen unbedingt ändern muss. Wenn mehr Frauen in Führungspositionen gelangen, wird das auch passieren. Deshalb möchten wir diesen Frauen dabei helfen, von einem Opfer von Gewalt zu einer Anführerin zu werden und ihr Leben um ihr Unternehmerinnentum wieder aufzubauen.

Wieso ist Ihr Projekt so wichtig?  

Condi: Unsere Arbeit ist wichtig, da in Frankreich 1 von 7 Frauen von Gewalt betroffen sind. Und während es Organisationen gibt, die den Opfern direkt nach dem die Gewalt passiert ist, helfen, gibt es kaum welche, die den Frauen dabei helfen, ihr Leben danach aufzubauen oder wieder in die Arbeitswelt einzusteigen. Da setzt unsere Arbeit an.

Wie hilft es diesen Frauen aber, wenn sie Unternehmerinnen werden?

Condi: In unserer Gesellschaft herrscht eine Lohnungleichheit zwischen den Geschlechtern, die auf der Diskriminierung von Frauen basiert. Diese Lohnungleichheit ist oft die Basis für ungleichmäßige Machtverhältnisse in einer Beziehung, die wiederum zu Gewalt führen können. Zum Beispiel können manche Frauen ihre gewalttätigen Partner nicht verlassen, weil sie finanziell abhängig von ihnen sind. Deswegen glaube ich, dass es so wichtig ist, dass diese Lohn- und Arbeitsungleichheit in unserer Gesellschaft endlich gelöst wird und wir Frauen helfen müssen, am Arbeitsmarkt weiterzukommen.

Was wünschen Sie sich für die Zukunft Ihres Projektes?

Condi: Mein Wunsch ist es, dass wir in einer Welt leben, in der Gleichberechtigung zwischen Geschlechtern und Frauen in Machtpositionen so normal ist, dass meine künftige Tochter meine Arbeit komisch und unnötig findet.

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Von Links nach Rechts: Pierre Foldès (Gründer), Farida Adlani (Vize-Präsidentin von Île-de-France) und Frédérique Martz (Gründerin) (Foto: www.sebastianphilipp.com)

Der Titel Ihres Projektes ist „Physische, mentale und soziale Unterstützung für Frauen, die Opfer von Gewalt sind“. Können Sie mir etwas über Ihr Projekt erzählen.

Pierre Foldès: Wir kümmern uns um Frauen, die Opfer von psychologischer, verbaler, physischer, sexualisierter, ökonomischer oder ritueller Gewalt geworden sind. Wir beraten sie, helfen ihnen dabei, ein Dach über den Kopf zu bekommen, zu arbeiten und einfach ihr Leben so weiterzuleben wie zuvor. Bei uns helfen viele ÄrztInnen, KrankenpflegerInnen, AnwältInnen, PsychologInnen, SozialarbeiterInnen, und andere mit. Teil unserer Arbeit ist es auch, Menschen aus dem medizinischen Feld, der Polizei, dem Militär und der Zivilgesellschaft zu trainieren. In diesem Aspekt sind wir eine einzigartige Organisation in Frankreich.

In Österreich gab es lange einen Konsensus in der Öffentlichkeit, dass sexualisierte Gewalt hier nicht passiert, weswegen auch nicht darüber gesprochen wurde. Erst vor kurzem hat man wirklich angefangen, das Thema zu enttabuisieren und öffentlich darüber zu sprechen. Wie sieht es in Frankreich damit aus?

Foldès: Was Sie gerade beschrieben haben, ist typisch für die meisten Gesellschaften auf der Welt, und auch Frankreich.

Farida Adlani: Es hängt oft mit dem Gesetz zusammen. In Frankreich müssen Frauen selbst heute beweisen, dass sie tatsächlich das Opfer von Gewalt geworden sind. Das macht diesen Frauen natürlich nur noch mehr Druck. Deswegen ist es auch unser Ziel ihnen die Möglichkeit zu geben, offen über diese Dinge zu sprechen und ihre Gefühle auszudrücken. Und natürlich die Gesetze diesbezüglich zu ändern.   

In Österreich sind geschätzt eine von fünf Frauen von Gewalt betroffen, in Frankreich sind es aber eine von sieben. Wieso der Unterschied?

Foldès: Das Problem ist, dass diese Nummern nicht wirklich stimmen. Neueste Untersuchungen in Belgien und Kanada haben gezeigt, dass die Nummern fast die gleichen in jedem Land sind. Der Unterschied ist nur, dass das Thema in manchen Ländern, wie zum Beispiel in Frankreich momentan präsenter in den Medien ist als in anderen. Mehr Frauen reden jetzt öffentlich darüber, zum Beispiel unter dem #metoo – Hashtag. Und mit dieser Sensibilisierung wird immer mehr klar, dass die Zahlen sogar höher sind als bisher angenommen.

 

 

 

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