WAHLKRIMI mitten IM ACHTEN

29. Januar 2010
Zwischen dem 11. und 13. Februar 2010 soll sich Volkes Stimme in einer Befragung zu fünf Themenkreisen äußern: Hausmeister, Ganztagsschule, Citymaut, U-Bahn-Nachtbetrieb und Führschein für Kampfhunde. Die Vienna Business School im achten Bezirk hat bereits vorher abgestimmt. Das biber hat dazu eine Schüler-Volksbefragung inklusive Politikerhearing organisiert. Schüler stellen sich der Realpolitik. Oder andersherum.
 
Von Abu Bogumil Balkansky und Christian Müller (Fotos)
 
Der Festsaal der Vienna Business School in der Josefstadt brummt vom Zischen und Säuseln der etwa 70 Schüler, die dem Ruf von biber und der Schule gefolgt sind, die direkteste aller demokratischen Willenskundgebungen zu simulieren. Damit es spannend bleibt und Aussagewert hat, werden die Schüler in Wahlkabinen gebeten, um zu den Themen der Volksbefragung und einer der Parteien ihre Stimme abzugeben.
 
Politikmüde Kids?

All diese Mühe dient einem Erkenntnisgewinn darüber, ob die Kids politikverdrossen sind – oder nicht. Der Autor dieser Zeilen wollte vorher ebenfalls todsicher gewusst haben, wie politikverdrossen die Kids doch sind – und wurde eines Besseren belehrt. Die Jungs und Mädels konnten es kaum erwarten, bis die Politiker endlich mit ihren Statements am Ende waren.

 
Oder politikmüde Politiker?
Am Podium sitzen Isabella Leeb (ÖVP), Claudia Smolik (Grüne), Peko Baxant (SPÖ) und Johann Gudenus (FPÖ). Alle
Genannten sind Stadtpolitiker mit Erfahrung und im Fall Gudenus mit Familientradition. Bevor die Schüler zu Wort kommen, ist eine Vorstellungsansprache mit Zeitlimit angesetzt. Ein muskulöser Bursche mimt das Ringluder und hält einen Karton mit Angabe der verbleibenden Redezeit zum Publikum, dann zum jeweils sprechenden Politiker. Einzig Isabella Leeb schöpft ihre Redezeit nicht aus und „schenkt“ drei Minuten ihrer Redezeit den Schülern, damit sie mehr g’scheite Fragen stellen können. Bei dieser Runde ist nichts zu erfahren, was man nicht auch googeln könnte.
 
Munteres Fragen
Der Zauber von Profiteroles (frz. Süßspeise) entfaltet sich erst nach dem Durchbeißen der äußeren Hülle, wenn die Zunge zum ersten Mal in Berührung mit der Fülle kommt. Ähnlich ist es mit Politikern: was auch immer ihr Dresscode signalisiert, ihrer inneren politischen Sozialisierung können auch sie nicht entkommen. So wird haargenau nach Parteiprogramm die einfache und deswegen wohl kluge Frage eines Schülers nach der „No-na-ned“-Charakteristik der
zur Volksabstimmung gestellten Themen abgehandelt. Als Draufgabe gibt es noch ein kleines Vorwahlgeplänkel, bei dem etwa Claudia Smolik überhaupt den Sinn dieser Volksbefragung zur Disposition stellt, hat man doch die Wienerinnen und Wiener auch nicht befragt, als eine Erhöhung der Preise für Öffi-Tickets beschlossen wurde.
 
Mutters Fragen
Eine Schülerin, die künftiges Mutterglück im Auge hat, stellt die nächste Frage, die lautet: „Warum Ganztagsschule? Warum nicht ein Teilzeitarbeitsmodell für Mütter und Väter, damit sie selbst ihre Kinder erziehen und nicht eine Ganztagsschule.“ Auch hier könnte man statt der Antworten schlicht das Parteiprogramm der jeweiligen Partei nachlesen, sich ein wenig Populismus dazu denken und nicht aus dem Auge lassen, dass Wien vor wichtigen Wahlen steht. Dann hat man das Spektrum der Antworten, die von ökonomischen Argumenten bis zum Vorwurf des Sozialdemokraten gehen, die Kollegen von der Volkspartei seien in dieser Angelegenheit seit dreißig Jahren die Hauptbremser. Ob das die künftige Mutter überzeugt, sich mehr für Politik zu interessieren oder gar zu engagieren, ist fraglich.
 
Sicherheitsfragen
Die nach Meinung des Autors interessanteste Frage einer Schülerin berührt ein Kernthema der FPÖ: die öffentliche Sicherheit. Zwar steht diese nur am Rande und nur im Zusammenhang mit dem Führschein für Hunde zur Debatte, bringt uns aber noch mehr in die (Un-)Tiefen fundamentaler Parteipolitik. Die Schülerin wollte einfach nur wissen, warum es in ihrem Gemeindebau so schwierig ist, eine Genehmigung zu bekommen, Fenster im Erdgeschoß zu vergittern, zumal schon eingebrochen wurde. Selbstverständlich sind alle anwesenden Politiker für eine Vereinfachung der Bürokratie und für eine Stärkung der öffentlichen Sicherheit. Johann Gudenus in altbewährter FPÖ-Diktion sogar mit dem Mittel einer Bürgerwache, zu deren Sympathisanten laut Gudenus auch die Linzer Sozialdemokraten zählen. Fazit der Schülerin im Interview nach der „Volksbefragung“: „Eine Bürgerwehr oder Wache beruhigt mich überhaupt nicht, denn das würde ja bedeuten, dass wir in einem Zustand leben, der solche Maßnahmen erfordert. Das möchte ich nicht glauben!“ Vom Autor ein Bravo mit sieben Rufzeichen für diese Luzidität!
 
Letzte Fragen
Das Ergebnis der „Sonntagsfrage“ vor und nach der Fragestunde ist denkwürdig: Die Grünen liegen VOR der Diskussion mit den Politikern gleichauf mit der FPÖ bei etwas über 19 %. Im Wahlgang NACH der Fragerunde fallen die Grünen signifikant auf etwas über 10 % während die Blauen auf über 26 % zulegen. Offenbar haben die Argumente der Grünen für die City-Maut eher Wähler verschreckt als angezogen. FPÖ-Mann Johann Gudenus punktete hingegen. Ähnlich bei Sozial- und Christdemokraten: Vor der Diskussion lagen SPÖ bei rund 32 Prozent und ÖVP bei rund 28 Prozent. Danach ziehen die Roten mit über 40 Prozent den Schwarzen mit rund 22 Prozent eindeutig davon. Somit sind die „Winner“ ihrer Redekunst offenbar die Blauen und die Roten. Beim SPÖ-Vertreter Peko Baxant schadete offenbar auch nicht das Eingeständnis, dass die Fragen für die Volksbefragung von seiner Partei durchaus „tendenziös“ formuliert seien.

Beruhigend: wäre dies eine echte Volksbefragung gewesen, dürften wir uns bald auf U-Bahn rund um die Uhr und den Führschein für Kampfhunde freuen. Die Citymaut wird mit nur 34 Prozent Zustimmung wohl nicht den Geldsack des Bürgermeisters erhellen.

 

Info zu den Wahlergebnissen

Die Schüler stimmten über die Parteien VOR und NACH der Diskussion ab. Offenbar punkteten während der Debatte SPÖ 
(plus 8,7Prozent) und FPÖ (plus 6,9 Prozent) während ÖVP (minus 6,2 Prozent) und vor allem die Grünen (minus 9,2 Prozent)
 stark an Zuspruch verloren. Ein Teil der Wahlverschiebungen könnte aber dadurch bedingt sein, dass bei der zweiten Abstimmung weniger Schüler teilnahmen. Sollten also überproportional viele Grüne und ÖVP-Wähler während der zweiten Abstimmung grad in der Kantine gewesen sein, kann das auch eine Rolle gespielt haben.

biber

dankt Herrn Professor Johann Wendt von der Vienna Business School für seine Unterstützung des Projekts.

HIER DAS VIDEO MIT SCHARF

 

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Kommentare

 

das die FPÖ nach der Diskussion um 6,9% zugelegt hat, verwundert mich!

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