Warum wir doppelt Weihnachten feiern.

15. Dezember 2008

Manche haben's halt besser. Zum Beispiel die Migranten. Die feiern nämlich gleich zweimal Weihnachten. Das ist eine von diesen Annehmlichkeiten, die bikulturelle Identitäten so mit sich bringen. In Österreich ist der Weihnachtsbaum ein Muss. Von zu Hause kennt man das eher nicht so, macht es aber trotzdem. Vorteil: doppelte Geschenke. Die biber-Redakteure Igor Minić, Aleksandar Vrglevski, Ivana Martinović und Amar Rajković erzählen, wie sie Weihnachten verbringen.

 „Sohn, aus dem Alter bist du raus!“

IGOR: Meine Eltern feierten Weihnachten am 24. 12., damit ich mich nicht wie ein Außerirdischer fühlte. Mit Baum, mit Geschenken, mit allem. Der kleine Igor war glücklich. Seit ich 14 wurde, musste ich um meinen Baum betteln: „Sohn, du bist aus dem Alter raus!“ - „Aber der Tommy von nebenan hat auch einen!“. Die Baum-Diskussion glich einer sexuellen Aufklärung:
„Sagst du es ihm, oder soll ich es ihm sagen?“
„Nein, mach du!“
„Ok, Sohn, du bist jetzt 15 Jahre alt, bald gehst du zum Bundesheer. Und wir Serben feiern gar nicht am 24.!“
„Wieso denn ned?“
„Orthodox... kapisch?“
„Nein, versteh' ich nicht!“
„Egal, ab jetzt ist Weihnachten am 6. Jänner... Ist auch besser, weil am 9. hast du Geburtstag und wir brauchen nur einmal Geschenke zu kaufen.“

„Geschenke im Balkan-Style“
ALEKSANDAR: Ich feiere es gleich zweimal. Meine Eltern haben es zur Tradition gemacht, jedes Jahr zu meiner Tante nach Schweden zu fahren und dort Weihnachten am 24. Dezember zu zelebrieren. Ganz traditionell und recht kitschig schmücken wir den riesigen Tannenbaum, den mein Großonkel immer rechtzeitig besorgt.
An Heiligabend ist es dann soweit: Ein riesiges Festessen und Geschenke auspacken mit der Familie im Balkan-Style.
Rechtzeitig zum 6. Jänner kehren wir wieder nach Wien zurück und feiern dann das orthodoxe Weihnachtsfest in unseren eigenen vier Wänden.
Früher machten sich meine Eltern noch die Mühe, einen kleinen Weihnachtsbaum und Geschenke für mich zu besorgen. Jetzt halten wir es eher ruhig und dezent.


„Kvok kvok kvokoda“
IVANA: Ich bin in einem bosnischen Dorf aufgewachsen: keine Öffis und die Nachbarn über Geschrei vom Fenster aus erreichbar. Zu Weihnachten war es Brauch, dass die Kinder aus dem Dorf am 24. Dezember früh aufstanden, um ca. 4 Uhr morgens. Wir gingen von Haus zu Haus und sammelten Süßigkeiten ein, die zu Weihnachten vernascht wurden. Alle Nachbarn mussten einen Vorrat einkaufen, weil es echt peinlich war, wenn ein Kind an die Tür klopfte und man nichts fürs Sackerl hatte. Man sagte seinen Spruch („Kvok kvok kvokoda…usw.“) auf und bekam Süßes. Am 24. Dezember selbst wurde gefastet, nach Mitternacht Schweinsbraten und die Zuckerln gegessen. Jetzt geh' ich nicht mehr „kvocat“, sondern warte auf meine Packerln unterm Weihnachtsbaum.

„Da bin ich immer traurig“
AMAR: Immer, wenn Weihnachten ist, bin ich tieftraurig. Warum? Nein, ich bin kein Ketzer oder böser Fundamentalist. Ich gehöre auch nicht zu denen, die bei großen Festen und Zusammenkünften das Fotoalbum und die Taschentücher rausnehmen und in Erinnerungen schwelgen. Der einzige Grund, warum mir Weihnachten erspart bleiben kann, sind die Tage danach. Dann nämlich, wenn ich den Großteil meiner Freunde treffe und sie mit ihrem neuesten Handy oder mit einem prall gefüllten Geldbörserl posieren und mir erzählen, wie toll Weihnachten ist. Klar, denk' ich mir. Bei diesen Präsenten wäre ich der Erste, der zu einem Christmas-Groupie mutiert. Ich bekomme nämlich leider keine Geschenke.


WIKI-biber
X-mas auf Serbisch-Orthodox: „Mir Božiji, Hristos se rodi!“

Von Bojan Kantar und Emina Adamović

Am 7. Jänner ist Weihnachten!
Im Jahr 1582 verkündete der römische Papst Gregor XIII. die Neuordnung des Kalenders und schaffte somit den Zeitunterschied zwischen orthodoxen und katholischen Feiertagen. Deshalb feiern die orthodoxen Serben Weihnachten am 6. und 7. Jänner. Gekennzeichnet ist diese Zeit durch verschiedene Bräuche, welche sich aus einem Zusammenspiel von kirchlichen, liturgischen und folkloristischen Ritualen ergeben. 

Der Heilige Abend: Badnji dan
Der „Badnji dan“ (Heiliger Abend) steht für den Beginn der Weihnachtstage. Traditionell (vor allem in ländlichen Gebieten) geht man an diesem Tag früh am Morgen in den Wald, um den „Badnjak“ – einen Eichenbaum – zu fällen und ihn schließlich nach Hause mitzunehmen. Der „Badnjak“ hat beim serbisch-orthodoxen Weihnachtsfest eine ganz besondere Bedeutung: Er symbolisiert und ersetzt nämlich den hierzulande bekannten Christbaum. Anders als in Österreich wird der Christbaum bei den Orthodoxen symbolisch mit Silvester verbunden. Am Abend wird der Eichenast, je nach Brauch geschmückt oder ungeschmückt, aus dem Haus gebracht und im Garten aufs Feuer gelegt, was Licht und Wärme darstellen soll. Einen kleinen Zweig behält die Familie und hängt ihn über den Hauseingang - das bringt Glück!

Kvocanje
Am Weihnachtsvorabend ist es außerdem üblich, Stroh vor und im Haus zu verstreuen. Dieses Ritual soll an Betlehem, den Geburtsort Jesu Christi, erinnern. Das berühmte „Kvocanje und Pijukanje“ markiert die Vorfreude auf den nächsten Morgen und ersetzt das hierzulande bekannte Weihnachtsgeschenk. Es handelt sich dabei um einen uralten Brauch, bei welchem die Hausfrau aus einer Schüssel Süßigkeiten, Nüsse und Geldmünzen auf den Heuboden streut (kvocanje) und die Kinder (auch ältere Kinder) versuchen, diese Kleinigkeiten aufzusammeln (pijukanje).

Fasten und Schlemmen
Dem orthodoxen Weihnachtsfest geht eine 40-tägige Fastenzeit voraus. Alles vom Tier ist verboten. Am 7. Jänner, dem Weihnachtsmorgen, darf wieder reingehauen werden. Das Weihnachtsfrühstück beginnt mit der Morgendämmerung nach der Morgenmesse. Aufgetischt werden cicvara (Polenta), proja (Maislaib), sarma (gefüllte Krautblätter), pihtija (Schweinefüße und -ohren mit Gelee), pita/gibanica (pikante Strudel) usw. „Č
esnica“ und „pečenica“ sind das Herzstück des Weihnachtsfrühstücks.  „Česnica“ ist ein selbstgebackenes Brot in runder Form, das den Leib Christi darstellt. Vor dem Backen wird darin eine kleine Münze versteckt, eine Art Dankgabe für den neugeborenen Christus. Das Brot wird in die Anzahl der Familienmitglieder gebrochen. Wer die Münze findet, darf im kommenden Jahr mit Geldsegen rechnen. Die „pečenica“ ist meist ein Spanferkel - kann aber auch durchaus ein Schaf oder ein Hendl sein –  das am 6. Jänner vorbereitet wird.

 Der „položajnik“ – der erste Besucher am Weihnachtsmorgen – hat die Aufgabe, den Haussegen auszusprechen. Überhaupt findet an diesem dreitägigen Feiertag ein Kommen und Gehen statt.
X-mas-Knigge: Man grüßt mit „Mir Božiji, Hristos se rodi“, worauf geantwortet wird „Vaistinu se rodi“.

Türkei-Wiki: X-mas in Anatolien

von Günes Koc

Seit der Einführung des westlichen Kalenders in der Türkei wird Silvester abgekoppelt von Weihnachten als Rutsch ins neue Jahr gefeiert. Schon Wochen davor werden die Städte mit Lichtern und Bäumen geschmückt. Silvester ist mit Sicherheit für viele praktizierende MuslimInnen im Land aber kein besonderes Ereignis. Die Weihnachtszeit wird als eine Art Stimmungsvorbereitung für den Silvestertag genützt. Bei vielen Familien, insbesondere bei denen, die eher als verwestlicht gelten, ist es üblich, einen Tannenbaum mit Geschenken schon Wochen vor Silvester in die Wohnungen zu stellen. Üblicherweise sind diese Bäume aus Plastik, aber es gibt auch einige wenige, die sich die Mühe machen einen echten Tannenbaum zu besorgen.

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