Geben wir ihnen eine Chance!

08. April 2016

In vielen Wiener Schulen wächst eine verlorene Generation von Kindern heran, die weder an sich, noch an Österreich glaubt. Unser Schulsystem ist überfordert, viele Lehrer sind engagiert, aber erschöpft. Biber hilft und schickt Redakteurinnen und Redakteure in die Schulen. Uns vertrauen die Jugendlichen, wir können sie motivieren. Unterstützen Sie bitte das biber-Newcomer-Projekt!

Von Melisa Erkurt und Marko Mestrovic (Fotos)

Newcomer AMS
Mehr als 400 Schüler sind Teil des biber-Newcomer-Projekts / Foto: Marko Mestrovic

„Das war die schönste Schulwoche, die wir je hatten“, sagt Büsra und umarmt mich so fest, als würden wir uns schon ewig kennen. Ich habe Tränen in den Augen. Eigentlich will ich sie gar nicht loslassen. Dabei kennen Büsra und ich uns erst seit fünf Tagen. Erst seit Beginn der Schulwoche arbeiten wir, mein Kollege Amar und ich, mit Büsra und ihrer Klasse fünf Stunden am Tag zusammen. Wir diskutieren mit den Schülern und vor allem hören wir ihnen zu. Alles, was sie bewegt, wird zum Thema gemacht und erscheint am Ende der Schulwoche auf unserer Homepage, Österreichs größtem Schülerblog. Es ist jedes Mal aufs Neue hart, sich am Freitag von den Schülern zu verabschieden. Denn auch wenn sie im Laufe der Woche manchmal echt anstrengend waren, sie haben uns, völlig Fremden, ihr Herz geöffnet. Sie haben uns von ihrem Schicksal und ihren Zukunftsvorstellungen berichtet. Sie haben mit uns ihre Schwärmereien, aber auch Ängste und Sorgen geteilt.

 

Nix Deutsch, nix Arbeit

Am Anfang der Woche sage ich den Schülern immer: „In jedem von euch steckt eine Geschichte.“ Von jeder Klasse kommt darauf stets dieselbe Reaktion: „Nein, wir können nichts, wir sind ur schlecht, wirklich! Das sagen uns alle.“ Die Schüler haben ein extrem negatives Selbstbild, sie nehmen sehr wohl war, wie die Gesellschaft sie sieht: Die Kinder, die nicht ordentlich Deutsch können, die verlorene Generation, die Arbeitslosen von morgen. „Wenn ich groß bin, geh ich AMS“, antworten viele Schüler auf die Frage nach ihren Zukunftsvorstellungen.

Tatsächlich wird rund ein Drittel der Schüler „leider nicht vermittelbar“ sein, wie die Direktorin der NMS Gassergasse in Margareten, Andrea Walach, gegenüber dem KURIER erklärte. Die Aufregung in der Öffentlichkeit über diese Aussage war groß, beschreibt aber die Realität, wie auch zahlreiche Lehrer bestätigten und wir wöchentlich in den Schulen erleben.

Newcomer AMS
Die Jugendlichen vertrauen den biber-Redakteuren / Foto: Marko Mestrovic

 

Negatives Selbstbild

So tut sich der 15-jährige Marius* schwer in Deutsch. Er ist politisch sehr interessiert und setzt sich mit den aktuellen Geschehnissen auseinander, aber es fällt ihm schwer, seine Gedanken in korrektem Deutsch zu formulieren, obwohl er in Wien geboren wurde. Zuhause redet er mit seinen Eltern nur auf Rumänisch, denn Deutsch braucht er seiner Meinung nach in Zukunft sowieso nicht: „Ich krieg eh nur einen Job auf dem Bau, was brauch ich dafür gute Deutschnoten?“, resümiert Marius.

 "..in entspannter Atmosphäre und mit viel Spaß das Verfassen von Texten nicht als mühsame Schulaufgabe, sondern als realitätsnahe Tätigkeit erleben konnten." 

Silke Stumpf, HLMW 9, Michelbeuern

Zusätzlich zu ihrem negativen Selbstbild haben viele der Schülerinnen mit Schicksalsschlägen zu kämpfen. So wie die 14-jährige Lidija*, deren Mutter an Krebs erkrankt ist. „Die Ärzte haben gesagt, sie wird es vielleicht nicht überleben“, erzählt das zierliche Mädchen. Ich habe einen Kloß im Hals. Ich denke daran, dass Lidijas Familie noch nicht lange in Österreich ist. Ich frage mich, wer für sie die Ärztegespräche übersetzt, wer Lidija beim Lernen hilft, wenn ihre Mutter im Krankenhaus ist? Lidija möchte in unserer gemeinsamen Woche darüber schreiben, um anderen, die in einer ähnlichen Situation sind, zu helfen, aber auch, sagt sie, um es sich von der Seele zu schreiben.

Zudem werden ausgerechnet in viele sogenannten „Brennpunktschulen“ auch noch - oftmals traumatisierte - Flüchtlingskinder geschickt. Damit wird es Lehrern noch schwieriger gemacht einen regulären Unterricht zu gestalten, geschweige denn Kinder individuell zu fördern.  

 

„Danke!“

Eines dieser Flüchtlingskinder ist die 15-jährige Meryem*. Sie ist erst seit ein paar Monaten in Wien und besucht eine NMS im zweiten Wiener Bezirk. Die ersten zwei Tage unseres Projekts fällt sie mir nicht auf, sie sitzt in der hintersten Ecke der Klasse und spricht kein Wort. Am dritten Tag erfahre ich, dass Meryem nicht nur kein Deutsch kann, sie ist Analphabetin. In Afghanistan haben die Taliban ihr und den anderen Mädchen verboten die Schule zu besuchen. Am nächsten Tag kommen wir mit unserer afghanisch-stämmigen Redakteurin Tanya in die Schule. Sie spricht mit Meryem, die beiden kichern – es ist das erste Mal, dass ich Meryem in dieser Woche lachen sehe. Am Freitag bringt Meryem uns Kuchen mit: „Den hat meine Mama für euch gemacht, als Danke!“, sagt sie in gebrochenem Deutsch und strahlt. Jetzt bin ich es, die Meryem fest umarmt. Tanya und sie haben heute noch, Monate nach unserem Schulbesuch, Kontakt.

„Melisa und Amar haben mir das Gefühl gegeben, dass meine Meinung zählt und mich ermutigt, an mich zu glauben.“

Milana, 15 Jahre

 

„Ich hätte nie gedacht, dass ich das kann.“

In einer Projektwoche kann man bei weitem nicht ausgleichen, was Krieg, Flucht oder einfach nur ein sozial benachteiligtes Elternhaus einem Kind an Chancen, Liebe und Zuversicht genommen hat. Wir können diese Kinder aber motivieren, über ihr Leben zu schreiben, ihre Ängste zu thematisieren und neue Perspektiven zu entwickeln. Mittels Text- und Video-Workshops entdecken wir verborgene Talente, in Rollenspielen erkunden wir ihre Ideale und Vorbilder und unsere Gäste erzählen, wie man es trotz schlechter Startbedingungen im Leben schaffen kann.

Das Selbstwertgefühl der Kids wurde durch die Veröffentlichung ihrer selbst geschriebenen Texte gestärkt."

Sonja Steurer, NMS, Patzmanitengasse

Das Feedback der Lehrer, die sich so für ihre Schüler einsetzen und Tag für Tag großartige Arbeit leisten, bestärkt uns in dem, was wir tun. Sie sagen uns nach der Woche oft, dass sie ihre Schüler von einer anderen Seite kennengelernt haben. Sie hätte sie noch nie so engagiert und stolz auf sich selbst gesehen. Die Schüler schicken den Link zu ihren Blogs an all ihre Freunde. „Ich hätte nie gedacht, dass ich das kann“, schreibt mir die 15-jährige Dilan am Wochenende nach unserem Projekt. Tatsächlich blühen die Schüler im Laufe unserer gemeinsamen Woche auf. Zu Beginn sind sie auch mir gegenüber aufmüpfig, wirken desinteressiert. Aber sie legen ihren Schutzpanzer schnell ab, wenn sie merken, dass ich „eine von ihnen“ bin.

Newcomer AMS
Melisa Erkurt, Simon Kravagna und Amar Rajkovic: Wir schaffen das!

 

Ausbrechen

Ich war selbst ein Flüchtlingskind, komme aus einer Arbeiterfamilie mit muslimischem Background. Ich weiß, wie es ist, wenn dir keiner etwas zutraut. Wenn dein Schicksal vorgeschrieben scheint, wenn du dir verloren vorkommst. Aber ich weiß auch, dass man ausbrechen kann, dass jedes Kind gleich viel wert ist, gleich viel Potential besitzt – es braucht oft nur eine Person in seinem Leben, die es darin stärkt. Bei mir war es eine engagierte Lehrerin, die Potential in mir sah. Dank unserem Projekt kann ich jetzt diese stärkende Person für die Schüler sein. Ich kann ihnen eine Stimme geben, damit nicht immer nur über diese Kinder geschrieben wird, sondern auch sie selbst zu Wort kommen.

Wenn auch Sie diesen Schülern helfen wollen, unterstützen Sie uns mit einer Spende, damit wir unser Projekt weiterführen können und unsere Schüler die Chance bekommen selbst zu erkennen und anderen zu zeigen, was in ihnen steckt.

 

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Kommentare

 

Kompliment für diese Aktion.
Aber was sagt es aus, wenn ein wenig Motivation ausreichend ist, um die Schienen auf Zukunft zu stellen?

Könnt ihr Biber-Leute das bestätigen, dass Kinder mir Migrationshintergrund aus Südost-Asien in der Regel viel weniger Probleme mit Bildung, Disziplin haben?
"die besten deutschen Schüler stammen aus Vietnam" (http://www.welt.de/politik/deutschland/article12458240/Die-besten-deutsc...)
Bzw warum ist das so?

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