Wir Kinder vom "Sidbahnhof"

08. Juni 2021

Sie sind unsere Helden der Pandemie. Denkmäler bekommen andere.

von Ivana Cucujkic-Panic

Sie war neunzehn, hochschwanger und wollte nicht mehr alleine mit den Schwiegereltern abhängen, als sie im Spätsommer `83 den Bus in der vlahischen Provinz Serbiens bestieg. Fünfzehn Stunden später stieg meine Mutter mit einem Koffer voller Hoffnung am Wiener Südbahnhof aus. So begann unser Leben in Österreich. So begannen unzählige Biografien von GastarbeiterInnen, die in den letzten fünfzig Jahren hierher kamen, um maßgeblich an der Gestaltung des Landes mitzuwirken. Die Helden vom „Sidbahnhof“. Dafür sollten sie heuer mit einem Denkmal auf dem heutigen Hauptbahnhof geehrt werden. Die Pandemie verschob den Termin auf irgendwann, brachte aber neue HeldInnen hervor. Die Kinder dieser GastarbeiterInnen haben in der Corona-Krise Österreich die Stange gehalten mit ihren Berufen als BusfahrerIn, Reinigungskraft oder SupermarktkassiererIn.

DAS A IM WORT „REGIERUNG“ STEHT FÜR ANSTAND
Das offizielle Österreich bekommt aber einen chronischen Krampf im Rückgrat, wenn es positiv über Migration und zugewanderte Menschen reflektieren oder ihnen applaudieren soll. Also – geklatscht wurde schon. Letztes Jahr. Jeden Tag um 18 Uhr. Bravo an unsere SystemerhalterInnen, die uns in die Arbeit fahren, das Büro reinigen, das Gurkerl in die Wurstsemmel schieben, uns die Amazon-Pakete bringen, den Schnee vor unserer Haustüre wegpflügen. Österreichs Heldinnen und Helden: Bravo, Boris, Danijela, Vesna, Dusan, Ayla, Yusuf, Emir. Fleißige Tschuschen, gute Tschuschen. Warad halt nice gewesen, diesen Heroes, die das Land auf den Beinen hielten, während die anderen Bananenbrot auf Instagram backten, auch Gesicht und Namen zu geben.

„LIEBE ÖSTERREICHERINNEN, LIEBE ÖSTERREICHER!“
In der von der Bundesregierung gestützten Infokampagne „Schau auf mich, schau auf Dich“ zum Beispiel. Wo waren sie da, die Vesnas und die Yusufs? Achjaaa, die sind ja runtergefahren in die Heimatländer und haben nebst Omas, Gartengemüse und Selbstgebranntem das Virus wieder nach Österreich geschleppt. Pfui, Vesna! Pfui Dusan! Pfui, ihr „alle Menschen, die hier leben“, wie es oft in den Pressekonferenzen der Bundesregierung im Appell zum Zusammenhalt hieß: „Liebe Österreicherinnen und Österreicher und alle Menschen, die hier leben...“. Viele schrien „Och, wie toll!“ Dass da auch alle anderen angesprochen und ins Solidaritätsboot genommen werden. Ganz super. Ach, echt? Das ganze Land soll brüderlich zusammenhalten, no matter what, weil schlimmste Krise ever, und dann divergiert man die Bootsinsassen entlang des Reisepasses nach StaatsbürgerInnen und eben all den anderen, obwohl schlimmste Krise ever?!

 

IRGENDWANN ZERBRICHT DIE LIEBE
Sitzt der Krampf echt so tief? Würde es wirklich so viele WählerInnenstimmen bei der einschlägigen Klientel kosten, wenn ein kleiner Adnan den Babyelefanten erklärt hätte? Sein Opa wäre bestimmt stolz gewesen. Aber der wird ja auch um seine Anerkennung gebracht.

Nein, die bauen uns kein Denkmal. Und jeder Vollidiot weiß, dass das die Liebe versaut.

 

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