Wir sind Body-positive.

02. Juli 2020

DER MANN IST DRAN.

Sie haben behaarte Rücken, dünne Oberschenkel, einen löchrigen Bart und sind 160 cm groß. Body-Positivity ist in aller Munde – aber gilt sie auch für Männer? Die biber-Models Cedric, Sahil, Ernan, Denis, Alex und Damir finden: „Jeder Mann ist anders und das soll auch gezeigt werden.“ Hier kommen die Badehosen-Trends 2020 abseits von Sixpacks und glattrasierten Brustmuskeln.


Von Emily Zens und Magdalena Zimmermann

Body Positivity
Die sechs body-positiven Jungs. (Foto: Julie Brass)

Endlich passt die Welt – und der Werbeslogan. In der neuesten Kampagne des Dessous-Herstellers Palmers präsentieren Frauen mit rundem Popo, vollen Hüften, kleineren und größeren Brüsten die neue Bikini-Mode. Body Positivity at its best. Auch ein „Person Of Colour“-Model ist vertreten. Gut gemacht, möchte man loben. Und doch, eine leise Stimme empört sich. Sie gehört einem Mann. „Warum dürfen Frauen in der Modewerbung nun ,echt‘ aussehen, den Männern wird allerdings weiterhin der Waschbrettbauch abverlangt – sogar als Mid-Ager mit grauen Haaren?“ Stimmt. Denn der einzige Herr zwischen den Palmers-Nixen sieht aus, wie alle männlichen Bademoden-Models aussehen, ob alt oder jung: Breite Schultern, braune Haut und dazu ein makel- und haarloses Waschbrett als Bauch. Diese Schieflage kann man auch auf der H&M-Website abrufen: Während die Bikini-Mode ganz im Trend von Body Positivity präsentiert wird, ist Körper-Diversität in der Badehosenwelt nicht vorhanden. Da reiht sich ein muskulöser Jüngling an den anderen. Ist Body Positivity bei Männern also kein Thema?

MÄNNERKÖRPER ALS MANGELWARE

Der eigene Körper soll so akzeptiert werden, wie er ist. Dabei muss er nicht dem von der Gesellschaft und der Modewelt diktierten Schönheitsideal entsprechen. Das ist die Grundidee der Body Positivity Bewegung. Durch Hashtags wie #allbodiesarebeautiful und #embraceyourcurves hat die Bewegung in den letzten Jahren auch auf Instagram hohe Wellen geschlagen. Dabei zeigt jedoch nur einer kleiner Teil der fast fünf Millionen Posts unter dem Hashtag #bodypositivity Männerkörper. Das ist bereits auf die Ursprünge der Bewegung zurückzuführen. Das, was wir heute „Body Positivity“ nennen, entstand in der ersten Feminismus-Welle zwischen den Jahren 1850 und 1890. Damals legten die Frauen ihre Korsette ab, um gegen die ihnen aufgezwungenen Körperideale zu demonstrieren. Auch 100 Jahre später sind es noch Frauen, die den Ton innerhalb der Debatte angeben. Im Fokus steht die Normalisierung von dicken Körpern, alltäglichen Körperfunktionen wie der enstruation sowie Körperbehaarung. Große Modehäuser wie Zara und H&M greifen genau das auf und verzichten auf das Retuschieren ihrer Models. Sucht man nun dort nach einem neuen Bikini, sieht man auch Frauen mit Dehnungsstreifen oder Hängebrüsten. Das ist richtig und wichtig. Aber warum endet die Diversität in Badehosenkampagnen bei Sixpacks in unterschiedlichen Hauttönen?

Body Positivity
Cedric, Sahil und Alex (Foto: Julie Brass)

TOXISCHE KÖRPERIDEALE

Immerhin betrifft Body Positivity auch Männer. In der Gay-Community gibt es bereits verstärkt Ansätze, ein anderes Männerbild als das von Adonis zu bewerben. Laut des Body Image Reports von 2019, durchgeführt von der britischen Mental Health Foundation, hat ein Drittel der befragten queeren Personen Selbstmordgedanken aufgrund ihres Erscheinungsbildes. Demzufolge leiden Männer sexueller Minderheiten vermehrt unter toxischen Körperidealen. Body Positivity soll dem entgegenwirken und zeigen, dass die sexuelle Identität nicht von einem athletischen Körper definiert wird. Den Druck, den perfekten Körper zu erreichen, erleben auch heterosexuelle Männer. Muskulöse Arme, die einen beschützen. Einen weichen, aber trotzdem durchtrainierten Bauch, an den man sich kuscheln kann. Körperbehaarung bitte nur an den richtigen Stellen – Gott bewahre vor dem Rücken. Und vor allem, größer als die Frau solle der Traummann bitteschön sein. Die Plattformen der sozialen Medien sind voll mit Influencern, durch deren Adern nicht nur Blut, sondern auch haufenweise Eiweißshakes fließen. Der erfolgreichste Fitness-Influencer Österreichs – Johannes Bartl – zählt 1,9 Millionen AbonnentInnen auf Instagram. Dort teilt er mit seinen FollowerInnen Trainingsroutinen sowie Ernährungstipps für einen perfekt gestählten Körper, ganz ohne Aufputschmittel. Im Zuge unserer Recherche sprechen wir Männer auf ihr „Körpergefühl“ bei einer Straßenumfrage in Wien an. Darunter ist der 19-jährige Dario, der sich aus Selbstschutz von Instagram abmeldete: „Ich wollte genauso aussehen wie die Sportler. Das hat mich extrem gestresst.“ Wer dem Druck nicht entkommt, legt sich unters Messer. Im Vergleich zum Vorjahr haben sich 2019 die Zahlen der operativen Eingriffe bei Männern verdoppelt. Auf den ersten Plätzen liegt hier die Fettabsaugung, wie der Verein der Deutschen Ästhetisch-Plastischen Chirurgie angibt.

ABNEHMGEDANKEN UND DIÄTPLÄNE SIND NICHT FEMINISTISCH

Bei Frauenkörpern ist Body Positivity mittlerweile so verbreitet, dass „frau“ unnormal ist, wenn sie etwas an sich selbst kritisiert, anstatt es hinzunehmen. Die 20 Kilo, die während der Schwangerschaft dazugekommen sind, hat man zu lieben. Abnehmgedanken und Diätpläne sind nicht feministisch. Die Männermodels des biber-Shootings hingegen geben ehrlich zu, was sie gerne an sich ändern würden. „Eine Haartransplantation“ kann sich Ernan vorstellen, „10kg weniger“ wünscht sich Damir. Das zu sagen fällt ihnen leicht. Sie stehen zu sich und sind selbstbewusst, wenn es um ihre vermeintlichen Makel geht. „Schlimmer ist es, wenn man etwas haben will, aber nicht bekommen kann“, so Cedric. Die Körper der biber-Adonisse sind klein, haarig, dünn oder dick. Die Fotos, die wir von ihnen gemacht haben, könnte man genauso gut in der Zara-Werbung zeigen wie das hundertste Sixpack. Body Positivity sollte endlich auch in der Männerwelt Einzug finden. Damir, Sahil, Cedric, Ernan, Alex und Denis sind die body-positive Vielfalt, die wir uns wünschen.

Body Positivity
Denis, 24 trägt: Short von Just Cavalli custom made Socken von COS: 7,00 Euro Sneaker von Nike: 104,95 Euro (Foto: Julie Brass)

Denis, 24

Was magst du am meisten an dir? Meine Augen. Für die bekomme ich auch die meisten Komplimente.

„Vor fünf Jahren habe ich beschlossen, abzunehmen. Ich habe mich selbst nie so übergewichtig gesehen, wie ich es war. Sechs Monate später hatte ich schon 40kg weniger. 2018 habe ich dann eine Bauchstraffung durchführen lassen. Ich musste die Kosten dafür selbst übernehmen. Jetzt trainiere ich regelmäßig und halte mein Gewicht konstant. Es ist ein tolles Gefühl, etwas für sich selbst zu tun.“

Body Positivity
Damir, 32 trägt: Badeshort von Colmar: 76,46 €

Damir, 32

Was magst du an dir? Ich mag mein Gesicht und ich bekomme viele Komplimente für meine schlanken Beine.

„Dass jeder Mann wie ein Model aussieht und ein Sixpack hat, ist nicht die Wahrheit. Jeder sieht anders aus – am besten so, wie er sich wohlfühlt. Früher habe ich in der Bundesliga Basketball gespielt, da war ich sehr schlank. Seitdem sind ein paar Kilos dazugekommen.“

Body Positivity
Cedric, 32 trägt: Sonnenbrille von Smith: 199 € Hemd von H&M: 9,90 € Leinen-Short von H&M: 14,90 € (Foto: Julie Brass)

Cedric, 33

Was magst du an dir? Ich mag meine Augen irrsinnig und mein Gesicht.

„Ich war früher Model und merke jetzt, nachdem ich ein paar Kilo zugenommen habe, wie mich die Menschen anders wahrnehmen. Jetzt wirke ich eher vertrauensstiftender und sanfter als früher. Zu einem bestimmten Körper gehört auch immer ein bestimmter Lebensstil, daraus entsteht auch ein anderes Wesen.“

Body Positivity
Ernan, 23 trägt: Badeshort von Colmar: 76,46 € (Foto: Julie Brass)

Ernan, 23

Was magst du am meisten an dir? Eindeutig meine Waden. Die sind genetisch bedingt sehr austrainiert und schön.

„Ich habe eine große Nase und buschige Augenbrauen. Ändern würde ich nichts daran, weil man dadurch sieht, dass ich aus dem Balkan komme. Ich würde bloß gerne etwas abnehmen, um mich einfach wohler zu fühlen.“

Body Positivity
Sahil, 20 trägt: Short von H&M: 9,90 € (Foto: Julie Brass)

Sahil, 20

Was magst du an dir? Meine Brust und meinen Bauch. Vor allem dass sich nichts daran ändert, egal wie viel ich esse oder trinke.

„Aufgrund meiner Größe von 1,60m hatte ich noch nie einen Nachteil. Außer bei den Klamotten, da nervt es manchmal. Andererseits zahle ich weniger, weil ich Sachen aus der Kinderabteilung tragen kann.“

Body Positivity
Alex, 26 trägt: Short von H&M: 39,90 € Socken von COS: 7,00 € (Foto: Julie Brass)

Alex, 26

Was magst du am meisten an dir? Meine Waden

„Wir haben uns alle schon so daran gewöhnt, dass wir nur Männer mit Sixpacks in der Werbung sehen. Ich hatte eine Phase, in der ich mehr Muskeln haben wollte, aber es hat über Monate hinweg nichts funktioniert. Jetzt bin ich zufrieden mit meinem Körper.“

FOTOS: Julie Brass
TEXT: Emiliy Zens und Magdalena Zimmermann
PRODUKTION: Ivana Cucujkić-Panić
CASTING: Emiliy Zens und Magdalena Zimmermann
STYLING: Mirza Sprecaković
MODELS: Alex, Denis, Ernan, Damir, Sahil, Cedric
LOCATION: Eventhotel Pyramide, www.eventhotel-pyramide.com

"Männer sind verletzlich"

Interview mit Romeo Bissuti, Psychologe und Leiter des Männergesundheitszentrums MEN

Romeo Bissuti
Romeo Bissuti (Foto: Kristian Bissuti)

Ist Body Positivity bei Männern ein Thema?
Männer sind genauso verletzlich, wenn ihnen gesagt wird, ihr Körper sei nicht gut genug. Es ist aber kein Zufall, dass die Auseinandersetzung von Body Positivity bei Männern so weit hinterherhängt. Das Sprechen über sich selbst ist riskant, man macht sich angreifbar. Männer reden über körperliche Themen auch nicht so häufig wie Frauen.

Warum gibt es zwischen den Geschlechterneinen solch gravierenden Unterschied?
Männer haben das Privileg, dass sie nicht von der Gesellschaft gezwungen werden, sich mit ihrem Körper auseinandersetzen zu müssen. Am Körper der Frau werden hingegen ganze gesellschaftliche Diskurse ausgetragen, angefangen bei Diäten, über das Kopftuch bis hin zu Mutterschaft. Der männliche Körper reicht hingegen, wenn er männlich ist.

Wie gehen Sie im Männergesundheitszentrum damit um?
In Workshops für Burschen ab 13 Jahren zeigen wir, wie sich das Idealbild männlicher Körper verändert hat, angefangen bei der Frisur bis hin zum Körperbau. Wir schaffen für die teilnehmenden Jugendlichen erstmals
einen Raum, über ihren Körper zu sprechen. Das machen wir in Schulen und Jugendeinrichtungen.

Welche Reaktionen kommen?
Die Jungs merken, wie absurd manche Idealbilder sind, egal ob breitschultrig oder muskulös, weil die meisten Männer dem gar nicht entsprechen können. Daran würde auch eine OP nichts ändern. Schon 14-Jährige gehen
mehrmals wöchentlich ins Fitnessstudio. Ein absurdes Phänomen, wenn man bedenkt, dass man in diesem Alter noch gar nicht sämtliche Muskelgruppen aufbauen kann, die die Burschen bei Älteren sehen. Diese
Hypersexualisierung wird ausgelöst durch den Druck sozialer Medien oder Zeitschriften.


„Perfektion ist nur ein Marketing-Gag.“
Das sagen die ExpertInnen zu Body Positivity bei Männern.

Roberta Manganelli, Managing Director Stella Models

Roberta Manganelli
Roberta Manganelli (Foto: Vrinda Jelinek)

„Die Werbung soll ein Spiegel der breiten Gesellschaft sein. Body Positivity bei Männern ist sozial gesehen längst notwendig. Bereits 2004 fanden unterschiedlichste Frauen in der „dove“ Kampagne ihren Platz in der Werbebranche. Bei den Männern geht diese Entwicklung schleppender voran, wohl auch weil sie weniger über Körper sprechen. In der Modewelt werden andere ästhetische Ansprüche gestellt und nicht erwartet, dass sich jeder darin wiederfindet.“

 

Julian Wiehl, Chefredakteur von Vangardist Magazine

Julian Wiehl
Julian Wiehl (Foto: Martin Darling)

„Bereits 2016 hatten wir die Ausgaben „ugly“ und „fat“, in denen wir Menschen zeigten, die man sonst nicht in Modestrecken sieht. Es ist schwer, solche Menschen zu finden, die sich vor die Kamera trauen. Es ist also ein Teufelskreis: Es gibt gesellschaftliche Normen, wie man auszusehen hat und Menschen lassen sich nur ablichten, wenn sie diesen Normen entsprechen. Interessant ist aber, dass Themen wie Body Positivity oder Fat
Shaming bei uns am besten geklickt werden.“

 

Marko Mestrović, Werbe und Fashion-Fotograf

Marko
Marko Mestrovic (Foto: Shereen Deen)

„Bei Werbefotos entsprechen Männer immer Stereotypen. Agenturen können sich gar nicht vorstellen, dass auch ein festerer Typ Werbung fürs Radfahren machen kann. Dickere spielen dann entweder den Bauarbeiter oder
essen gerne. Es sind immer ähnliche Typen im gleichen System, so erkennen sich Männer nicht selbst in der Werbung wieder.“

 

Christl Clear, Lifestyle Bloggerin

Christl Clear
Christl Clear (Foto: Xenia Trampusch)

„Wenn es nach mir ginge, würden wir dieses Bodypositivity-Movement abhaken und gleich mit der Body-Neutrality weitermachen. Das würde bedeuten, dass wir unsere Körper so hinnehmen, wie sie sind. Unser aller Leben wäre so viel leichter. Egal welchen Geschlechts, egal welcher Sexualität. Denn es gibt immer etwas am eigenen Äußeren, das nicht „perfekt“ scheint. Dabei ist Perfektion nur ein Marketing-Gag, der uns oftmals den Spaß an der Sache nimmt."

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