„Wir wollen die Armut nicht bekämpfen, sondern abschaffen.“

14. August 2020

Can Gülcü tritt bei den bevorstehenden Wahlen für die „Links“-Partei an. Der 44-jährige Aktivist und Künstler erklärt im biber-Interview, warum er als Migrant nicht für die Migrantenpartei „SÖZ“ antritt, versucht die komplexe Lage in Favoriten zu erklären und hat auch kein Problem, Dinge als „Scheiße“ zu bezeichnen.

Von Berfin Marx und Eugenie Sophie (Fotos) 

Can Gülcü

Biber: Can, du bist seit 30 Jahren in Österreich. Im Oktober tritt zur Wien-Wahl das erste Mal eine Partei an, die vorwiegend von Migrant*innen geführt wird. Warum trittst du nicht für die „SÖZ“ (Soziales Österreich der Zukunft)?

Can Gülcu: Naja, ich bin ja nicht nur Migrant, sondern auch Linker. Warum sollte ich für eine Partei wie SÖZ antreten, die versucht, vor allem rechte und konservative Türkeistämmige anzusprechen. Anstatt sich nach dem Favoriten-Konflikt zu solidarisieren und Lösungsvorschläge zu bringen, kommt von der Spitzenkandidatin Martha Bissmann irgendein Blödsinn über die PKK und Kurd*Innen. Beim Parteigründer Hakan Gördü ist es ähnlich. Die Beteiligten von SÖZ müssten mich überzeugen, dass sie nicht mehr bei der AKP sind oder für sie Lobbyarbeit betreiben. Es ist demokratiepolitisch in Ordnung, dass es die Partei gibt. Es ist aber ein Schmäh, dass sie sich links positionieren.

Apropos Favoriten – wer war Schuld an der Eskalation?

Die nationalistische Politik in der Türkei wirkt sich auf die Menschen in Wien aus. Auf der einen Seite müssen wir schauen, wer diese Leute organisiert und auch instrumentalisiert, die für den Angriff auf die Demo in Favoriten verantwortlich waren. Auf der anderen Seite aber ist da auch eine soziale Dimension. Favoriten ist der viertärmste Bezirk in Wien. Die Jugendarbeitslosigkeit ist hoch. Der Frust von jungen Männern endet meistens in einer Radikalisierung oder einem Verhalten, welches destruktiv oder gewalttätig ist. Es braucht Präventionsarbeit und Sozialarbeit. Diese Männlichkeitsbilder müssen bekämpft werden.

Welche Erfahrungen hast du als Migrant mit türkischem Background in den 90er Jahren in Österreich gemacht?

Salzburg ist nochmal ein anderes Pflaster als Wien. Am allerersten Schultag saß ich total nervös in der Schule und die Geografielehrerin kam herein, las meinen Namen auf der Klassenliste und spottete: „Gülgülgülgüüüül! Was ist das für ein Name?“. Jahre später ließ sich ein anderer Lehrer zu folgender Meldung vor der gesammelten Klasse hinreißen: „Es ist eine Schande, dass ein Türke in einer österreichischen Schule Schulsprecher werden kann. Was ist mit den ganzen österreichischen SchülerInnen?“. Diese kleinen Abwertungen und Demütigungen kennt man aus dem Alltag. Und wie viele andere Migrant*Innen habe ich auch meine Eltern zum Elternabend begleitet, da sie nicht gut Deutsch konnten. Damit reift man auf vielen Ebenen viel schneller.

Der Rassismus schmerzt. Was hat davon am meisten geschmerzt?

Ich glaube, die größte Verletzung bei den meisten Rassismusbetroffenen ist die Tatsache, dass man immer auf eine Sache reduziert wird. Damit muss man lernen umzugehen. Egal, was du tust, egal wo, die Menschen sehen nur eine Sache an dir und das ist die Herkunft. „Er kommt von woanders her“, heißt es dann. Ich habe mich gewundert, wie wenig in einer Gesellschaft, die immer schon so stark von Migration geprägt war und ist, die Leute erstens wenig über Migrant*innen und zweitens auch über ihre eigene Geschichte wissen. Ein gutes Beispiel ist der österreichische Hackler, der in seinem nicht-österreichischen Kollegen einen Feind sieht und denkt, dass dieser eine Bedrohung für den Arbeitsplatz darstellt und keinen Genossen, mit dem er für bessere Arbeitsbedingungen kämpfen sollte. Diese Dynamik führt dann dazu, dass viele Migrant*Innen eine Distanz zur Mehrheitsgesellschaft entwickeln, die gut nachvollziehbar ist. Wenn du nicht akzeptiert wirst und dich nicht zugehörig fühlst, suchst du dir Safe Spaces.

Würdest du dich als Politiker bezeichnen?

Bitte nicht. Ich habe immer zu politischen Parteien gehalten und lieber mit Freund*innen politische Aktionen gemacht. Die etablierten Parteien geben dir das Gefühl, sich nur mit dir zu befassen, weil sie deine Stimme wollen. Mit LINKS war es anders: Mir hat es wie vielen anderen einfach gereicht! Niemand wird es für uns tun – wir werden diese Welt ändern!

Auf deinen Social-Media-Kanälen bist du ein Freund der direkten, manchmal vulgären Sprache. Darf man das als Politiker*In?

Die meisten Politiker*innen gehen mit 12 oder 14 Jahren zu den Parteien, wachsen dort auf, besuchen Rhetorikkurse. Ich arbeite mein ganzes Leben lang und bin halt so wie ich bin. Wenn etwas scheiße ist, ist etwas scheiße. Der türkische Dichter Can Yücel wurde mal verklagt, weil in seinem Gedicht das Wort „Arsch“ (türk.: „Göt“) vorkam. Er hat dem Richter beim Prozess gesagt: „Dort, wo ich herkomme, nennt man halt „Arsch“ Arsch.“ Das ist eine gute Haltung. Ich brauche nicht so zu tun, als wäre ich jemand anderer, als der, der ich bin. 

Was sind die zentralen Themen des Bündnisses?

Zentrales Thema ist die soziale Gerechtigkeit und die radikale Verteilung des Wohlstands. Wir wollen Armut nicht bekämpfen, sondern abschaffen. Jede fünfte Person in Wien ist armutsgefährdet. Das betrifft ganz stark ältere oder alleinerziehende Frauen, Migrant*innen oder Langzeitarbeiter*Innen. Im 15. Bezirk sterben beispielsweise Menschen sechs bis sieben Jahre früher als im reichsten Bezirk Wiens, Döbling. Der Grund ist Armut, schlechtere medizinische Versorgung und schlechtere Ernährung – das hat alles mit Ungleichheit zu tun. In manchen armen Bezirken gibt es keine Kassenarztplätze mehr. Die Zahl der Privatärzt*innen steigt enorm. Wer soll sich das leisten können? Wir brauchen Politik, die feministisch und anti-rassistisch ist und Gleichheit zwischen den Menschen herstellt. Und weil es das nicht gibt, haben wir LINKS gegründet.

Welche Partei betreibt deiner Meinung nach aktuell linke Politik?

Für mich ist linke Politik der Wille, die Gesellschaft und die Welt so zu verändern, dass alle die gleichen Rechte, Chancen und Möglichkeiten haben. Diesen Willen sehe ich bei etablierten Mitte-Links- oder linksliberalen Parteien nicht. Die SPÖ hat im Roten Wien die Reichen enteignet, um mit dem Geld die Gemeindebauten zu finanzieren. Heute würde da einem wahrscheinlich der Parteiausschluss drohen, wenn man das Wort „Enteignung“ einmal zu oft in den Mund nimmt. Und die Grünen sind ja auch nicht viel anders, Pop-Up-Bäder am Gürtel - eh schön und gut. Aber wer sich mehr um sowas, aber weniger um die Wiener*innen kümmert, die in Substandard-Wohnungen ohne Badezimmer wohnen, sollte sich vielleicht auch nicht links nennen.

Warum, glaubst du, ist „links sein“ so negativ behaftet?

Ein Grund für die negative Konnotation ist der rechte Diskurs, der viele Ebenen in unserer Gesellschaft bestimmt. Mit „links“ verbindet man beispielsweise Menschen, die offene Grenzen fordern. Reiche Menschen verbinden damit die Angst, dass linke Menschen ihr Geld wollen. Ein großer Teil der Menschen weiß, glaube ich, dass links nichts Negatives ist. Das wahrhaft Linke ist eigentlich „mehr für Alle“ und nicht „weniger für die Einen“.

 

Hat LINKS bei den kommenden Wien-Wahlen eine Chance in den Landtag einzuziehen?

Es wird schwer, aber wir hätten uns nicht auf den Weg gemacht, wenn es nicht unser Ziel gewesen wäre. Die Ressourcen sind ungleich verteilt. Die Großparteien haben Geld, Sichtbarkeit und Medien. Auf dieser Ebene wird es ein ungleicher Kampf. Wir sind aber der Überzeugung, dass die 50.000 Leute, die auf den Black Lives Matter-Demonstrationen waren und die Tausenden Demonstrant*Innen auf den Donnerstags-Demos eine linke Veränderung sehen wollen. Wir sind viele. Ich spüre die Radikalität, das politische Engagement und den Wunsch nach Veränderung in dieser Stadt.

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