„Wir wollen keinen populistischen Islam“

28. November 2016

Gülen-Bewegung, Burka-Debatte, Moscheenbau und islamischer Religionsunterricht – der neue Präsident der islamischen Glaubensgemeinschaft (IGGÖ) Ibrahim Olgun im Gespräch.

von Amar Rajkovic und Abdullah Bag

„Wir wollen keinen populistischen Islam“
HERBERT NEUBAUER / APA / picturedesk.com

biber: Fühlen Sie sich als Präsident für alle Muslime in Österreich zuständig oder eher für diejenigen, die den Islam praktizieren?

Olgun: Wir sind Repräsentant für alle Muslime in Österreich. Für uns ist es nicht wichtig, ob ein Muslim die Religion praktiziert oder nicht, da die Menschenwürde im Vordergrund steht. Wir dürfen nicht die Menschen gemäß ihrer Auslegung ihrer Religion abwerten. Jeder Muslim kann selbst entscheiden, ob er die Religion praktizieren möchte oder nicht.

 

Innerhalb der IGGÖ gab es Meinungsverschiedenheiten zwischen der MJÖ und den meist älteren Männern in Entscheidungsgremien der IGGÖ. Sie sind 29 Jahre alt, ihr Vorgänger ist doppelt so alt wie Sie. Spüren Sie einen Interessenskonflikt?

Nein. Ich mache keinen Unterschied zwischen Jungen und Alten. Als junger Präsident werde ich mich aber insbesondere um Projekte kümmern, die die Jugend betreffen. Sie ist die Zukunft unserer Gesellschaft. Jugendliche sind emotional geprägt und können deshalb auch radikalisierungsgefährdet sein. Diese möchte ich in meiner Zeit aufklären und gegen radikales Gedankengut immunisieren.

 

Wie? Erst im Oktober zeigte eine Studie über Jugendliche in Wiener Jugendzentren, dass vor allem die sozial Schwächeren besonders radikalisierungsgefährdet sind.

Da diese Jugendlichen aus den sozial schwächeren Milieus kamen, waren wir von den Ergebnissen nicht überrascht, aber besorgt. Wir machen als IGGÖ sehr viel im islamischen Religionsunterricht und in unseren Moscheen. Es ist ja klar, dass wir nicht alle Jugendlichen erreichen können. Das sind Parkkids, die wenig in die Moscheen kommen. Es gibt auch muslimische Jugendliche, die nicht den Religionsunterricht besuchen. Wir sehen diese Studie als eine Chance, noch mehr Jugend- und Präventionsarbeit zu leisten.

 

Und wie gut funktioniert die Präventionsarbeit muslimischer Seelsorger in Gefängnissen?

Die ganze Gefängnis-Seelsorge machen wir bis heute ehrenamtlich. Unsere Seelsorger arbeiten sowohl in den Gefängnissen als auch in den Krankenhäusern. Wir wollen diese zwei wichtigen Dienste professionalisieren. Diesen Wunsch haben wir auch den österreichischen Behörden gegenüber geäußert.

 

Wie war die Reaktion?

Der Staat hat uns versichert, dass sie etwas unternehmen werden. Aber wir warten noch. Wir äußern uns immer wieder über die Notwendigkeit und Wichtigkeit der Sache. Wir finden, dass wir so wie andere Religionsgemeinschaften auch eine staatliche Förderung für solche wichtigen Projekte brauchen.

 

Gemäß dem Islamgesetz von 2015 ist die finanzielle Einflussnahme aus dem Ausland verboten. Vor allem die regierungsnahe „Atib“ war davon betroffen. Fließt Geld aus der Türkei nach Österreich?

Diese Frage sehe ich als eine Unterstellung. Zuerst möchte ich klarstellen, dass wir eine offizielle staatlich anerkannte Religionsgemeinschaft in Österreich sind. Wir bekommen keinen Cent vom Ausland und wir wollen es auch nicht. Wir sind nicht zuständig für irgendwelche parteipolitische Angelegenheiten von fremden Ländern. Mit dem neuen Islamgesetz hat sich die Struktur von Atib geändert. So wie die anderen muslimischen Organisationen steht Atib unter der Aufsicht von IGGÖ. Die Türkei oder Erdogan haben überhaupt keine Einwirkung auf die Atib Moscheen. Es gibt sehr wohl Muslime, die den Punkt Auslandsfinanzierung kritisieren. Das ist deshalb, weil eine ähnliche Vorschrift in den Gesetzen der anderen Religionsgemeinschaften nicht enthalten ist.

 

Apropos Türkei: Die türkische Regierung hat von Österreich verlangt, alle Gülen-Institutionen zu schließen. Kennen Sie selbst Gülenanhänger und was denken Sie von ihnen?

Ich habe wenig Wissen darüber, was wirklich am 15. Juli in der Türkei passiert ist. Ich habe natürlich auch Freunde aus meiner Studienzeit, die der Gülen-Bewegung angehören. Persönliche Kontakte sollte man aufgrund politischer Konflikte nicht vernachlässigen. Das ist nicht islamisch.

 

In einigen EU-Ländern wie der Schweiz und Bulgarien wurde die Burka verboten. In Österreich haben einzelne Bäder das Burkini-Verbot eingeführt? Richtige Maßnahme?

Die Zahl der Burka-Trägerinnen in Österreich ist sehr gering. Die meisten kommen aus den arabischen Ländern als Touristen hierher. Ich habe persönlich noch nie eine Burkaträgerin gesichtet. Es ist eine Scheindebatte. Ein Verbot – egal welche Religion es betrifft – ist nicht sinnvoll. Was die Burkini-Verbot in einigen Bädern in den Bundesländern betrifft: Das macht mir große Sorgen, weil auf der einen Seite möchte man, dass unsere Mädchen und Frauen sich integrieren und schwimmen lernen. Aber auf der anderen Seite, wenn sie schwimmen gehen wollen, erlaubt man nicht einmal mit Burkini schwimmen zu gehen. Was ist das für eine Scheinheiligkeit?

 

Und wie sieht es am Arbeitsplatz aus?

Für den persönlichen Kontakt mit anderen Menschen ist es wichtig, dass man eine aufrichtige Mimik hat, bei der man Menschen in ihr Gesicht sieht. Als IGGÖ können wir das Burka-Verbot am Arbeitsplatz nachvollziehen.

 

Wie ist der Kontakt zwischen den Muslimen und Juden in Wien?

Er (Anm. d. Redaktion: Präsident der israelitischen Kultusgemeinde Oskar Deutsch) hatte mich kritisiert, weil ich ihn als neuer Präsident noch nicht besucht hatte. Aber es war von Anfang an geplant, dass wir die jüdische Gemeinde besuchen wollen und dies haben wir auch gemacht. Wir kamen überein, dass wir mehr zusammenarbeiten müssten, da wir beide gemeinsam als Minderheiten in einer schwierigen Zeit leben und uns gegenseitig unterstützen müssen. Die Reise von Rabbiner Schlomo Hofmeister und Imam Ramazan Demir nach Istanbul und Jerusalem ist ein wichtiges Signal in diese Richtung. Wir sind in  einem geschwisterlichen Kontakt mit den Juden.

 

Warum baut man nicht mehr Moscheen in Österreich und entfernt sich aus den Kellern und Turnsälen?

Wir wollen keinen populistischen Islam. Im Koran steht ganz offen, dass die Menschen bzw. Muslime andere Religionsangehörigkeiten als eine Vielfalt sehen und friedlich zusammen leben sollen. Der Islam akzeptiert niemals ein Ghettoleben oder eine Parallelgesellschaft. Deshalb wollen wir nicht, dass unsere Moscheen in die Industriegebiete außerhalb der Gesellschaft geschoben werden.

 

Das wird aber gefördert, wenn man die Moscheen in die Keller schiebt und wenn Außenstehende nicht wissen, was drinnen passiert.

Das ist ein anderes Thema. Wir als IGGÖ wünschen uns, dass wir sichtbare Moscheen haben. Aber sie wissen aus der Vergangenheit, dass es in Österreich immer wieder Konflikte über Moscheenbau und Minarettbau gegeben hat. Was sollen die Muslime tun, wenn sie keine Moscheen oder Minarette bauen können? Wenn man keine sichtbaren Gebetshäuser bauen kann, muss man dann irgendwelche Räume mieten. Viele unserer Moscheen werden in die Industriegebiete vertrieben, damit sie dort geschlossen innermuslimisch leben. Aber wir wollen das nicht.

 

Könnten sie da als IGGÖ dem Staat nicht mehr Druck machen?

Wir machen niemandem Druck, aber wir sind im konstruktiven Dialog. Wir wollen nur, dass unsere staatlichen Einrichtungen die Bedürfnisse der Muslime verstehen Wenn eine Moschee nicht sichtbar ist, dann beginnen die Vorurteile. So entsteht der Gedanke:„Was wird in dieser Moschee gepredigt?“ Das wollen wir nicht. All unsere Moschee Gebetsräume sollten sichtbar und offen sein. Wir öffnen uns auch nach außen und das wünschen wir uns auch von allen unseren Einrichtungen. Diesbezüglich veranstalten wir auch jährlich immer wieder  „Tag der offenen Moscheen“-Veranstaltungen.

 

Infobox:

Ibrahim Olgun ist ein 29-jähriger Theologe und seit September der neue Präsident der Islamischen Glaubensgemeinschaft in Österreich (IGGÖ). Er ist 1987 in Wien geboren und hat in Österreich maturiert. Nach seinem Präsenzdienst beim österreichischen Bundesheer hat Olgun fünf Jahre in Ankara Islamische Theologie „Ilahiyat“ studiert. Außerdem hatte er zwei Jahre als Integrationsbotschafter im Verein „Atib“ gearbeitet. Derzeit ist Olgun auch stellvertretender Leiter des Schulamtes der IGGÖ und Fachinspektor für den islamischen Religionsunterricht in manchen Wiener Bezirken.

Die Islamische Glaubensgemeinschaft in Österreich (IGGÖ) ist als offizielle Körperschaft zuständig für die Verwaltung der religiösen Angelegenheiten der in Österreich lebenden Muslime. In 1979 begründete sich die IGGÖ aufgrund des „Islamgesetzes“ von 1912 als eine anerkannte Religionsgemeinschaft in Österreich. Seit 2015 wird in Österreich nach dem neuen umstrittenen Islamgesetz gehandelt.Die IGGÖ hat als exekutives Organ den Obersten Rat, als legislatives Organ den Schura-Rat und als geschäftsführendes Organ die Gemeindeausschüsse der vier Religionsgemeinden Wien, Linz, Bregenz und Graz.Nach der Schätzung der Universität Wien (2015) leben ca. 600 000 Muslime in Österreich.

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