Interkulturelle Partnersuche: Wo die Liebe an ihre Grenzen stößt

18. Juli 2018

Als Stefanie in den Flieger nach Istanbul stieg, wollte sie nur eines: Ausbrechen aus ihrem Alltag in Österreich. Weg von den Wänden, die immer näher kamen. Die Welt so sehen wie die Leute, die ihr so viel von ihren Reisen erzählt haben. Ihr Leben war zu einem Stillstand gekommen. Routine. Mit ihrem Freund und dem Alltag fühlte sie sich wie in einem Hamsterrad. Den Vorschlag, gemeinsam zu reisen, lehnte er ab. Für ihn passte es so. Für Stefanie nicht. Drei Jahre lang wollte sie ihm gefallen und hat deswegen ihre Sehnsucht und das Fernweh unterdrückt. Doch 2014 folgte sie ihrem Herzen. Deshalb entschloss sich die damals 20-Jährige, mit einer Freundin nach Istanbul zu fliegen.

Dort angekommen, schildert sie mir, habe sie sich sofort zuhause gefühlt. "Ich war zuvor noch nie dort, aber alles war mir so vertraut." Es vergingen nur ein paar Tage und schon begegnete ihr unverhofft das nächste Vertraute: Ein türkischer Mann, in den sie sich verschaute. "Es war sowas wie Liebe auf den 1. Blick", erzählt mir Stefanie. Die Zeit mit ihm war schön und doch wusste sie, dass sie wieder nach Österreich musste. Schließlich war sie ja nur auf Urlaub in Istanbul und hatte ihren Lebensmittelpunkt in Österreich.

Zurück in Wien holte sie die Sehnsucht jedoch schnell wieder ein: "Ich war ziemlich frustriert und der Alltag in Österreich war mir zu wenig und zu langweilig." Sie hat ihre Beziehung beendet und flog erneut für ein paar Wochen in die Türkei. Dort hat sie sehr schnell gemerkt, wie wohl sie sich fühlt. Anders als zuhause, war es da spannend und aufregend für sie. "Ich habe das Fremde, Ungewisse und Exotische sehr genossen. Man wird anders begehrt und wahrgenommen, weil man auch auf der anderen Seite als exotisch und damit aufregend gesehen wird." Die Möglichkeit einer Beziehung stand anfangs gar nicht im Raum, der Gedanke war "ich verbringe einfach den Sommer mit irgendwem.“ Wie es das Leben so will, kam es letztendlich doch dazu. Über zwei Jahre führten sie eine Beziehung. 

Von Beziehungen und Individualität

Auf die Frage nach Problemen, die es grundsätzlich geben könnte, zwischen zwei Personen aus verschiedenen Ländern oder Kulturen, meint Stefanie: "Jede Beziehung ist individuell und man kann es nicht pauschalisieren." 

Zu den Geschlechterrollen und Beziehungsstrukturen fiel Stefanie gleich ein, dass sehr schnell klar war, dass sie keine türkische Freundin ersetzen könne: "Wir waren bei meinem Freund zuhause und sein Cousin sagte: Wir wollen Tee. Ich so "mhm ja ich auch, aber ich bin hier ja auch Gast". Ihr Freund hat dann klargestellt, dass das in Österreich nicht üblich sei. Woraufhin der Cousin erbost und irritiert reagierte. Für Stefanie war klar, dass es nicht böse gemeint war und dass es dort einfach so ist.  

Ein durchgängiges Problem war die Tatsache, dass ihr Freund sehr schlecht Englisch sprach. Da sei sie relativ schnell an ihre Grenzen gestoßen. Geradewenn es an ihre Befindlichkeiten, Gefühlsäußerungen und subjektiven Betrachtungsweisen ging, hätten Sprachnuancen sehr viel Bedeutung bekommen. "Für mich war es schon schwer, in emotional aufgeladenen Situationen meine Gefühle bei meinem österreichischen Exfreund auf hochdeutsch auszudrücken. Aber das Ganze dann auf Englisch zu formulieren." Die Challenge war immer, vom Deutschen in ein Englisch zu übersetzen, das ihr Freund auch verstehen konnte. 

Gemeinsame Sprache ganz divers

Spätestens als ihr Freund mit Unverständnis reagierte, als sie sagte: "I am sorry for your sisters that they have to work so much. They are poor", wusste sie, dass die türkische Sprache anders funktioniert. Dies war nur eines von zahlreichen Missverständnissen und Fehlinterpretationen. In diesem Moment wollte Stefanie ausdrücken, dass die Schwestern ihr leidtun, weil sie so viel Stress hatten. Ihr Freund fasste das Wort "poor" jedoch als "Armut" auf und fragte, warum sie behaupte, seine Schwestern seien arm. 
"Man musste viele Worte sehr lange bereden und erklären. Das war in unserer Beziehung ein sehr zentrales Thema."

"Das lässt sich im Vorfeld kaum vermeiden. Egal ob beide sehr gut englisch gesprochen hätten, es bleibt immer der Übersetzungsprozess da, der problematisch sein kann. Da Sprache teilweise nicht eins zu eins übersetzt werden kann. Deshalb habe sie einen Sprachkurs gemacht. Dieser war für sie sehr hilfreich, um die Struktur zu verstehen. Denn so hat sie auch das Denkmuster besser verstanden.

Von alltäglichen Unterschieden

Ein weiteres Thema, das die Beziehung sehr auf die Probe gestellt hatte, war Politik. Es bestand immer wieder Uneinigkeit über die Ansichten und es wurde von einem "ich habe meine Meinung und du hast deine Meinung" zu einem "das ist etwas, das dir von einem Land so eingetrichtert wird, das ist politisch indoktriniert und unreflektiert."

Stefanie hat sehr viel gelernt und war sehr auf Details sensibilisiert, sodass sie ihre Aussagen und Handlungen noch überlegter ausführte. Trotzdem kam es für sie immer wieder zu Situationen, in denen sie ihrem Partner einfach nicht folgen konnte. Sie schildert mir ein eindrückliches Beispiel, wie Situationen ganz verschieden wahrgenommen werden können: "Wenn er irgendwo ein kleines Kind gesehen hat, ist er einfach zu dem hingegangen und hat den Eltern Glückwünsche ausgesprochen und das Kind betätschelt. Für ihn war es ein Ausdruck der Freude.Ich habe ihn dann gefragt, warum er das macht und dass es mir unangenehm ist. Und dass das bei uns ein Problem wäre. Er erklärte mir, dass das Ausdruck der Freude sei und dass Kinder in der Türkei sehr wertvoll seien."



Auf meine Frage nach unterschiedlichen Vorstellungen, fällt ihr eine weitere Situation ein: "Wir waren auf einer Geburtstagsfeier und mir wurde ein Kuchen angeboten. Ich habe gesagt "nein danke", weil ich den Kuchen nicht essen wollte. Er erklärte mir, dass das einfach nicht geht und es eine Kränkung für die Familie sei. Man müsse "ja" sagen, egal ob man ihn esse oder nicht. Als Zeichen der Höflichkeit. Er hat es absolut nicht verstanden und fand mein Verhalten komisch.“

Ein weiteres "großes Thema" war Körperhygiene. Ihr Freund war gläubiger Moslem und deshalb war Reinheit und sich waschen sehr präsent. Sei es nun vor dem Gebet oder dass man sich einmal im Monat den Intimbereich und die Achseln enthaart. In der Türkei werde es auch weitgehend bei Nicht-Muslimen praktiziert. 

Liebe kennt eigentlich keine Grenzen

Aus ihrer Beziehung hat sie mitgenommen, dass es bestimmt nicht die inneren Grenzen sind, die es Menschen aus verschiedenen Kulturen schwierig machen kann, eine Beziehung zu führen. Für Stefanie ist klar, dass es nicht auf die Herkunft ankommt, ob es funktioniert, sondern auf die Persönlichkeit und die jeweilige Situation. Wenn man sich Zeit lässt, Zeit in das Lernen der Sprache investiert und darin, die andere Kultur zu verstehen, sowie auf Details achtet und eingeht, ist in ihren Augen vieles möglich. Tödlich sei jedoch das Klischeedenken, auch wenn sie sich selbst angeblich oft als "kalte, nüchterne Österreicherin" wahrgenommen hat in der Beziehung. 

Was sie auch gelernt hat, ist, nicht zu viel mit Leuten über Beziehungen zu reden, die wenig Berührungspunkte mit Menschen aus anderen Ländern haben. Weil denen dieses Einfühlungsvermögen für diese spezielle Situation fehlt. Ein Satz, der mich sehr berührt hat: "Jeder Mensch ist halt mal irgendwo geboren und dass es Ländergrenzen gibt, Sprachgrenzen, das sucht sich ja keiner aus." Deshalb habe sie Aussagen wie "Such dir doch von hier einen Freund", sehr irritiert.

Auch wenn ihr Exfreund als traditioneller Moslem gegen Ende der Beziehung Werte vertreten hat, wie "heiraten, Kinder kriegen und am besten zum Islam konvertieren", scheiterte die Beziehung eigentlich an was anderem. An von unserer Gesellschaft gemachten Grenzen. An Bürokratie, an Gesetzen, an Vorurteilen anderer und an der Unmöglichkeit auf Dauer dagegen anzukämpfen. Liebe kennt eigentlich keine Grenzen - unsere Gesellschaft leider schon. 

Dieser Text ist in Kooperation mit der externen Redakteurin Nicole Inez entstanden.

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Bilder:

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