ZU DICK!

01. Dezember 2015

Extrem viel Sport, radikale Diäten und ein völlig verzerrtes Bild von sich selbst - das Thema Körper und Gewicht ist für viele Jugendliche sehr belastend. Junge Erwachsene erzählen:

Von Alexandra Stanic
 

„Sehen meine Oberschenkel dick aus?“ „Warte, ich muss mich auf die andere Seite stellen, sonst schaut mein Arm fett aus!“, „Muss ich meinen Bauch mehr einziehen?“ Wir sind in einem Fotostudio und shooten eine Geschichte für unsere nächste Ausgabe. Die Models sind ganz normale Schüler und Schülerinnen. Weder der Fotograf noch ich interessieren sich für ihr Gewicht oder ihre Kleidergröße. Aber den Mädels selbst ist nur eins wichtig: Sehen sie auch wirklich dünn genug aus?

Körperkult, Fitness, Dick, Model, Magersucht
Foto: Marko Mestrovic

Dieses Verhalten ist an und für sich nichts Neues. Auch ich wollte mit 15 schlank sein. Trotzdem scheint mit dem Stellenwert von Social Media auch der Trend um den eigenen Körper extremer geworden zu sein. Wie belastend das sein kann, zeigt sich bei dem australischen Social Media Sternchen Essena O’Neill. Vor ein paar Wochen beendet die 19-Jährige ihre Social Media Karriere, weil ihr diese Welt „zu fake“ geworden ist. Sie packt aus: Für die meisten Fotos ihres Instagram-Accounts hat sie hunderte Versuche gebraucht, bis eins dabei war, das sie hochladen wollte. Wenn sie im Bikini für Instagram poste, hatte sie den halben Tag lang nichts gegessen, nur damit ihr Bauch flach genug war. Insta-Stars wie Essena haben oft über eine halbe Million Follower und die sehen nur eines: Ein perfektes Leben von einer perfekt aussehenden Person mit perfektem Körper.

 

Dreiviertel aller Schülerinnen wünscht sich eine untergewichtige oder stark untergewichtige Figur.


„Bin ich zu dick?“

„Ich konnte es nicht mehr ertragen, dass mich jeder fett genannt und über mich gelacht hat“, schreibt unser Schülerredakteur Lucian Haas und spricht damit das Problem vieler Jugendlicher an. Während unseres Schülerprojektes ist mir aufgefallen, dass sich die meisten der Schüler und Schülerinnen, die für uns schreiben, stark mit ihrem Aussehen beschäftigen. Auf jeder Seite unseres Weblogs, den die Schüler für uns mit Texten füllten, war mindestens ein Text zu finden, in dem es um ihr Aussehen und speziell um ihren Körper geht. „Bin ich zu dick?“, fragt unsere Jungredakteurin Anja Kostadinovic zum Beispiel. Der exzessive Körperkult ist vor allem für Mädchen belastend, macht aber auch keinen Halt vor den Jungs. Im Artikel „So wirst du Viech“ erklärt der 16-jährige Yusuf Özcan, wie man richtig muskulös wird und erstellt sogar einen Fitnessplan für Anfänger.

Eine kürzlich erschienene Studie der Wiener Frauen- und Gesundheitsbeauftragten Beate Wimmer-Pucher bestätigt meine Annahme: Das Thema Körper ist für viele Jugendliche sehr belastend. Jede dritte Schülerin in Wien hat schon eine Diät versucht, rund 30 Prozent der Mädchen sind gefährdet in eine Essstörung zu rutschen. Die befragten Schülerinnen haben oft Probleme damit, ihr eigenes Gewicht richtig einzuschätzen, zudem orientieren sie sich an unrealistischen Maßstäben. Mehr als Dreiviertel aller Schülerinnen wünscht sich eine untergewichtige oder sogar stark untergewichtige Figur. Die Wissenschaftlerin warnt auch davor, Schüler zu vernachlässigen. Betrachtet man die Risiken für eine Essstörung über die Jahre, "haben sich die Mädchen ein bisschen verbessert, dafür fangen die Burschen an“, meint sie.
 

Körperkult, Fitness, Dick, Model, Magersucht
Foto: Marko Mestrovic

"Du Fettsack!"

Stefan Gajic hat beides durchgezogen: Eine drastische Ernährungsumstellung und viel Sport. „Wie jeder andere auch, habe ich im Internet nach einer Diät gesucht, bei der man sehr schnell sehr viel abnimmt“, erklärt der 15-Jährige. Stefan hat sich über einen Monat an den Plan gehalten und um zwölf und um 16 Uhr gegessen. Danach gab es bis zum nächsten Tag nichts mehr. „Ich habe eigentlich nur Haferflocken und Gemüse gegessen und so sieben Kilo abgenommen“, erinnert er sich. „Außerdem war ich jeden Morgen laufen.“

Angefangen haben seine Zweifel in der Unterstufe. „Ich hab mir irgendwann gedacht, dass Beleidigungen wie ‚Du Fettsack!‘ ihre Berechtigung hatten, deswegen habe ich mich für eine Diät entschieden.“ Dass er mehr auf seine Ernährung und sein Gewicht achtet, hat der 15-Jährige nur wenigen erzählt: „Wenn du ständig von Leuten gemobbt wirst, hast du irgendwie Angst das Thema Gewicht anzusprechen, weil du nicht noch mehr dumme Sprüche hören willst.“ Erst mit einem Schulwechsel sieht er ein, dass diese Ernährungsumstellung auf Dauer nicht gut gehen wird. „In meiner neuen Schule geben mir die Leute ein gutes Gefühl, durch sie bin ich viel selbstbewusster geworden.“

Wenn man nach #thighgaps sucht, warnt Instagram vor den Beiträgen und bietet Hilfe bei Essstörungen.

„Fuck food“

Wie extrem dieser Körperkult im Internet werden kann, erkennt man, wenn man nach dem Hashtag #thighgaps sucht. Instagram warnt einen vorher vor den Bildern und bietet Informationen und Hilfe bei Essstörungen an. Klickt man trotzdem auf „Beiträge anzeigen“, findet man schnell Fotos von eindeutig magersüchtigen Mädchen. Die Kommentare zu den knochigen Beinen sind besorgniserregend: „Ich bin noch immer so fett, ich möchte einfach nur sterben“ oder „Fuck food“. Zudem existieren weiterhin Magersuchts-Plattformen wie Pro Ana, auf denen sich junge Mädchen „Tipps und Inspiration“ holen, wie sie am besten abmagern können. „Wenn ihr Hunger habt, kaut an eurem Essen und spuckt es wieder aus, anstatt es zu schlucken“, rät eine Userin.

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Foto: Marko Mestrovic

Am Klo umziehen

Aber das sind die radikalen Fälle. Ein Fünftel der Schülerinnen hat bei der Studie angegeben, dass ihr Körper das belastendste Thema für sie ist - noch weit vor Familienkonflikten oder Schulproblemen. „Fast alle in meinem Umfeld beschäftigen sich übertrieben mit ihrem Körper“, ist sich unsere Schülerredakteurin Melike Yahsi sicher. „Auf Instagram starrt jeder auf Skinny Models, die sich von ihrer prächtigsten Seite zeigen.“

Auch wenn die 18-Jährige eigentlich ganz zufrieden mit ihrem Aussehen ist, wird es vor allem nach dem Sportunterricht oft thematisiert. „Manche meiner Mitschülerinnen haben so ein Problem mit ihrem Körper, dass sie ins Klo gehen und sich dort umziehen, anstatt in der Umkleidekabine vor den anderen Mädchen“, erzählt Melike. „Obwohl sie ganz normal aussehen.“

Wann ist die Grenze zwischen „normalem“ und „besessenem“ Körperkult erreicht?

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Foto: Marko Mestrovic

Die Message unserer Gesellschaft

Schülerredakteurin Sarah Nadj ist diese Problematik auch aufgefallen. Die 17-Jährige hat im Rahmen der Schülerredaktion recherchiert, mit welchen Aussagen junge Frauen in ihrem Umfeld wegen ihres Gewichts konfrontiert wurden. „Meine Tante sagt mir oft, dass ich mehr Gemüse und Salat essen sollte, weil ich immer dicker werde“, erzählt ihr Simone. „Wenn ich mir was zum Essen machte, hat mein Vater oft gefragt, ob ich wirklich so viel essen muss“, sagt Laura.

In einer Welt, in der Magermodels die Laufstege dominieren, jeder Social Media Star schlank und durchtrainiert ist und jedes Magazin vor Abnehmtipps platzt, ist es nicht leicht, sich selbst in seinem Körper wohl zu fühlen. Die Message unserer Gesellschaft lautet: Du bist nur dann schön, wenn du Größe 34 trägst oder einen durchtrainierten Body hast. Wer könnte den Teenies ihre Unsicherheit und Besessenheit also verübeln? Selbst Erwachsene leiden an Komplexen und beschäftigen sich fast schon krankhaft mit ihrem Gewicht.

Unsere Schülerredakteurin Anja hat nach kurzem Zweifeln bald verstanden, dass sie sich selbst lieben lernen sollte. Dieses Verständnis hat sie auch ihrem Freund zu verdanken. Sie schreibt: „Mein Freund akzeptiert mich wie ich bin. Er achtet nicht auf mein Gewicht und versucht mich davon zu überzeugen, dass ich schön bin, sowie ich bin - und dass es keinen Grund gibt, mir dünne Models als Vorbild zu nehmen. Jeder sollte sich selbst schön finden – die richtigen Menschen lieben dich so wie du bist, aber das Wichtigste: Auch du selbst musst dich so lieben, wie du bist.“

 

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Michaela Schertler ist Lebensberaterin und führt eine Selbsthilfegruppe für Essstörungen.  Sie erklärt, wo die Grenze zwischen gesundem und besessenem Körperkult anfängt.

Welche Rolle spielen Social Media-Kanäle wie Instagram, wenn es um das eigene Gewicht geht?
Ich beobachte, dass diese Formate ein Idealbild formen und verbreiten. Da unser aktuelles Gesellschaftsbild eher oberflächlich, optisch und medial orientiert ist, findet eine große Beeinflussung statt. Hier wird dem Aussehen, egal in welchem Bereich, der Kultstatus verliehen. Optisches Gefallen um jeden Preis!

Haben Jugendliche Ihrer Meinung nach ein verzerrtes Selbstbild?
Ich beobachte dieses Phänomen leider sehr häufig, auch bei Essstörungen.

Wie sieht es bei Jungs aus, was beobachten Sie da?
Es gibt eine hohe Dunkelziffer, aber langsam bröckelt dieses Tabu bei Männern und sie teilen sich mit. Die mediale Welt erschafft sehr schnell ein Idealbild für Männer und stellt dieses auch offen zur Schau - siehe auch Formate wie Austria‘s next Topmodel Boys&Girls.

Viele junge Männer sind fixiert aufs Fitnesscenter. Wann wird Sport übertrieben?
Der Mann gerät zunehmend unter Druck, da die vermeintlich perfekte Optik nicht nur mehr von Frauen erwartet wird. Die Grenze befindet sich dort, wo der Spaß aufhört bzw. der Sport als Mittel zum Zweck eingesetzt wird. Sportsucht steht häufig im Zusammenhang mit einer Essstörung, sowohl bei weiblichen als auch bei männlichen Personen.
      
Wo ist die Grenze zwischen „normal“ und „zu viel“ zu ziehen? Wann kann man von Besessenheit vom eigenen Körper sprechen?
Wenn die Beschäftigung mit seinem Körper und/oder mit seinem Gewicht die Gedankenwelt unkontrolliert beschäftigt, ist die Grenze zwischen „normal“ und „nicht mehr gesund“ überschritten. Das ist aber bei jedem individuell zu betrachten. Meiner Erfahrung nach wird mit der Besessenheit um den Körper eine innere Leere kompensiert.

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