Zwischen Applaus und Ausbeutung: Die Verzweiflung der 24h-Pflegerinnen

14. April 2021

Sie pflegen Österreichs „Alte“ und haben selbst Angst davor, alt zu werden. Wer sind die osteuropäischen Betreuerinnen, die in Tausenden als 24-Stunden-Pflegerinnen herkommen? Wieso ist ihr Lohn immer noch viel zu niedrig und warum tut sich trotz der Systemrelevanz der Arbeiterinnen so wenig?

Von Sven Beck, Fotos: Zoe Opratko

Pflegerin Katarina
24h-Betreuerin Katarina, 50 (Foto: Zoe Opratko)

Katarína ist wütend. Tag und Nacht arbeitet sie durch, schmeißt den Haushalt, pflegt Patienten und leistet lebenswichtige medizinische Hilfe, im ersten Lockdown monatelang ohne Pause. Trotzdem kommt ihr Gehalt nicht über drei Euro die Stunde. Sie hat Angst vor dem Alter: nicht genug Pension, Angst vor Unfällen, keine ausreichende Sozialversicherung – Angst vor der Zukunft. Statt sie aufzunehmen und sozial gebührend abzusichern, diskriminiert die österreichische Politik Frauen wie Katarína systematisch. Vor genau einem Jahr kam die Corona-Krise und mit ihr Applaus und Schokolade. Aber um Anspruch auf die staatliche Unterstützung von einmaligen 500€ zu erhalten, mussten die PflegerInnen ein österreichisches Konto vorweisen. Viele 24h-PflegerInnen haben jedoch keines, weil die wenigsten von ihnen ÖsterreicherInnen sind. Sie waren deshalb auf die Familien ihrer Kunden angewiesen, um einen Antrag zu stellen.

Katarína ist 50 Jahre alt, kommt aus der Slowakei, ihren Nachnamen sollen wir nicht nennen. Sie ist eine von 65.000 Betreuerinnen, vereinzelt auch Betreuern, die Österreichs „Alte“ ununterbrochen in den eigenen vier Wänden pflegen. „24-Stunden-Betreuung“ heißt das Prinzip, das erst 2007 legalisiert wurde und sich seitdem als die Zukunft der Pflege etabliert hat. Die Zahl der Pflegebedürftigen in Österreich dürfte bis 2050 auf 650.000 Personen steigen. Wie Katarína reisen die nötigen Fachkräfte aus osteuropäischen Ländern an: Rumänien, Bulgarien, Ungarn. Einige siedeln irgendwann über, die allermeisten jedoch verbringen zumindest die Hälfte ihres Lebens arbeitsbedingt in der „zweiten Heimat Österreich“. Nur sind sie keine Österreicher. Das macht Ausbeutung möglich und das 24h-System zur günstigen Alternative zum Pflegeheim. Im ersten Lockdown zeigte sich, wie wichtig diese Frauen für das Land sind. Sie wurden vom Staat durch Sonderzügen hertransportiert.

Rollstuhl
Foto: Zoe Opratko

SELBSTSTÄNDIGKEIT KOMMT VOR UNGERECHTIGKEIT

„Den Job macht keine Österreicherin, weil man vom Verdienst kaum seinen Lebensunterhalt decken kann.“ Bettina Haberl von der Agentur help-24 bestätigt diese Tatsache. „Die Betreuerinnen lösen einen Gewerbeschein“, erklärt sie. „Dadurch sind sie selbstständig und nicht mehr an Überstunden oder Feiertage gebunden. Unsere Aufgabe als Agentur ist die Vermittlung zwischen ihnen und den Familien, bei denen sie arbeiten und während dieser Zeit auch wohnen. Ihr Honorar bekommen sie vom Kunden. Das kann ca. 70 Euro am Tag sein, abzüglich der Sozialversicherung. Regularien gibt es keine: Sie sind schließlich ihre eigenen Unternehmen.“ Von fairen Arbeitsverhältnissen hat Katarína aber nie etwas gehört. „Ich glaube, die sind alle gleich. Beweggrund ist immer das Geld“, schüttelt die Betreuerin ihren Kopf. „Nur mein Lohn ist im Jahr 2000 stecken geblieben", kritisiert Katarina. Sie selbst zahlt 500 Euro jährlich an ihre Agentur für die Vermittlung, mehr als das Doppelte von dem, was help-24 verlangt. „Das Problem ist, dass es sehr viele Agenturen gibt“, meint Bettina Haberl. „Auch solche, die nur auf Profit aus sind und nicht auf das Wohl der Betreuungskräfte.“ Und wer pflegt Katarína irgendwann? „Das ist eine gute Frage“, lacht sie bitter. „Eine noch bessere Frage ist, was ich mache, wenn ich einen Unfall habe oder plötzlich krank werde.“ Selbstständig etwas für den Notfall zur Seite zu legen, ist unter den jetzigen Umständen utopisch.

VON MACHT UND ÜBERGRIFFEN

Doch Geld ist nicht das einzige Problem. Wenn eine Pflegekraft sich nicht auf ihre Vermittler verlassen kann, wenn es Probleme mit Kunden gibt, kann es zu menschenunwürdigen Situationen kommen. „Für manche sind wir wirklich das Mädchen für alles“, berichtet Katarína, „sie denken, sie haben uns für den ganzen Tag bezahlt, dann müssen wir auch den ganzen Tag arbeiten. Wie eine billige Dienerin.“ Auch Haberl erzählt von Übergriffen und Frauen, die, aus Angst vor Jobverlust, gar nicht erst laut werden. „Da gibt es wirklich Leute, die ihre Pflegerinnen im Keller schlafen lassen.“, sagt sie ernst: „Oder im selben Raum wie die Kunden. Betreuungskräfte sind keine Sklaven und dürfen auch niemals so behandelt werden.“ Bei Demenzerkrankten ist auch sexuelle Belästigung keine Seltenheit. Dann müsste eigentlich ein männlicher Pfleger her. Die gibt es aber kaum und sie werden oft nicht gewollt.

Foto: Zoe Opratko
"Betreuungskräfte sind keine Dienerinnen." klagt Katarína (Foto: Zoe Opratko)

Peter Kovacs ist eine dieser Seltenheiten. Statistiken gibt es keine, aber von den 150 Menschen, die aktiv in seiner Agentur sind, ist er der einzige Mann. Viele vermitteln ohnehin gleich ausschließlich weibliches Personal. Der 46-jährige Slowake hat im Zivildienst mit der Pflege angefangen und seitdem nicht mehr aufgehört, sich um alte Menschen zu kümmern - um Freunde, um Verwandte und seit 2007 in Österreich auch legal um ihm zugeteilte Pflegebedürftige. Er liebt den Beruf. Am Telefon schwärmt er von Dankbarkeit und Freude, die er auslösen könne. Dann wird seine Stimme ernst und traurig: „Nur leider, wenn sich jetzt nichts ändert, muss ich mir bald was anderes suchen.“ Er findet keine gut bezahlte Stelle, habe es schwer als männlicher Betreuer. Er rechnet lange und mehrfach durch, dass er von seinem verdienten Geld, wenn er Miete und Steuern bezahlt, letzten Endes einfach nicht leben kann. Gerade ist er in der Slowakei, in seinem Haus nahe Kosice. Sich in Österreich anzusiedeln, ist finanziell keine Option. Trotzdem ist es seine „zweite Heimat“ meint er. Auf die Frage, ob er von so etwas Ähnlichem wie einer Gewerkschaft gehört habe, meint er, es gebe eine Interessensgemeinschaft, aber er habe keine Hoffnung, dass diese wirklich etwas erreichen könne. Wie auch? Peter ist müde. Er weiß, dass sich etwas ändern muss, er weiß aber nicht wie. Als Einzelner sieht er sich ohne Stimme. In einem Verbund ist er nicht organisiert. So wartet er, ohne zu wissen, worauf.

VIELE HABEN ANGST

„Ein Ende der Scheinselbstständigkeit!“, forderten Plakate der Weltfrauentags-Demonstration am 8. März. Nur dadurch sei ein „Ende der Ausbeutung!“, ebenso ein Slogan der DemonstrantInnen, möglich. Die „Interessensgemeinschaft 24“ oder „IG-24“, die sich politisch nicht nur auf Demos, sondern auch durch Lobbyarbeit für die 24h-Betreuung einsetzt, formulierte die Veränderung dieser Verhältnisse bei ihrer Gründung als zentrales Anliegen. Der Zusammenschluss entstand aus Facebook-Gruppen, in denen Pflegerinnen sich austauschten, Feedback zu bestimmten Agenturen gaben, Erfahrungen und Schwierigkeiten austauschten. Anna Leder, die seit einem Jahr für die „IG“ politisch unterwegs ist, räumt allerdings ein, dass Türkis-Grün und Gesundheitsminister Anschober ein echtes Angestelltenverhältnis aus Kostengründen gar nicht zur Debatte stellen. Streiks sind so gesetzlich unmöglich und selbst wenn, fehle es an Solidarität: „Ich glaube, viele haben Angst!“, sagt Katarína. „Es ist ja schon nochmal was anderes, ob man auf Facebook etwas kritisiert, oder wirklich etwas tut. Der Job ist immer unsicher.“

Foto: Zoe Opratko
Foto: Zoe Opratko

Hoffnung besteht darin, dass die Probleme in der 24h-Pflege wirklich als österreichische Probleme thematisiert werden, auch wenn die BetreuerInnen keine Staatsbürgerschaft haben. Das Argument „Aber die leben doch gar nicht hier“ zählt nicht. Für Katarína ist Wien zweite Heimat. Sie hat, als ihre Kinder groß wurden, mit einer Freundin eine Wohnung angemietet und ist hergezogen. Von der „IG-24“ erwartet sie jetzt Veränderung. Und schöpft Hoffnung: „Es tut gut zu wissen, dass wir jemanden im Rücken haben.“  ●

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