Zwischen der Europäischen Union und dem letzten Diktator

28. September 2016

Die polnische Stadt Bialystok liegt an der Grenze zu Weißrussland. Hier regiert auch der letzte Diktator Europas – der Präsident Aljaksandr Lukaschenko. Für die Menschen aus Weißrussland ist Bialystok ein beliebtes Shoppingziel – und damit eine Brücke zur Europäischen Union. Welche Herausforderungen erlebt die Stadt heute und welchen Einfluss hat diese Brücke auf das Leben der Stadt? Biber ist nach Bialystok gereist, um Antworten zu finden.

Von Lidiia Akryshora 

„Die Weißrussen sind die besten Käufer!“, erzählt Joanna begeistert, die seit fünf Jahren Frauenkleidung aus Polen und Italien verkauft. „Die weißrussischen Damen kleiden sich schön und geben gerne auch Geld dafür aus.“ In ihrem Geschäft sind 70 Prozent der Kunden Weißrussen. Das Geschäft ist damit keine Ausnahme in Bialystok.

Bialystok ist die Landeshauptstadt der östlichsten Region Polens, Podlasien. Da Podlasien an drei Länder grenzt, hört man auf den Straßen neben Polnisch oft auch Litauisch, Russisch, manchmal auch Weißrussisch.

Für die meisten Polen ist Bialystok ein ruhiges Dorf, für die Weißrussen ist es aber ein kosmopolitisches Fenster nach Europa. Die Region Podlasien hat vier Grenzübergänge mit Weißrussland. Laut der Stadtadministration sind seit Anfang 2016 rund 1,5 Millionen Weißrussen nach Bialystok gekommen. Das ist sehr viel, wenn man bedenkt, dass die Bevölkerung Weißrusslands nur neun Millionen Einwohner beträgt.

Bialystok
Foto: Lidiia Akryshora
Für die Bewohner der Stadt ist nicht entscheidend, woher man kommt, sondern ob man gläubig ist. Ein Beispiel, wie eng die Regierung und die Kirche inoffiziell verbunden sind, erzählt Andrej, Sekretär der russischen kulturellen Gemeinschaft:  „Eine Frauenkonferenz vor zwei Jahren sollte abgesagt werden, weil das Thema „Gender“ laut der lokalen Behörden ein unpassendes Thema ist.“

Die Stadt mit 300.000 Einwohnern lebt vorwiegend von der Elektro-, Textil-, Holz-, und Lebensmittelindustrie. Die größte Fabrik des berühmten polnischen Vodkas „Zubrowka“ steht in Bialystok. Zudem ist die Stadt die Heimatstadt von Ludwik Zamenhof, dem Erfinder der künstlichen Sprache Esperanto. Sonst hat Bialystok nicht viele touristische Hotspots, die meisten Besucher kommen nur für das Wochenende und fahren dann weiter.

Bialystok, Polen

Beliebte Kunden

Irina und Halina sitzen in der “Galerie Alfa”, einem der größten Shoppingcenter in Bialystok und trinken Kaffee. Sie sind heute in der Stadt angekommen. Morgen gehen sie auf den großen Bazar Kavalerijska, der bereits um vier Uhr früh öffnet. Die Frauen kaufen von Kleidung bis zu Haushaltsgeräten. „An der Grenze können wir Tax free bekommen, deswegen ist es viel günstiger für uns.“ Die Frauen kaufen auch Putzmittel in Polen, weil sie qualitativ hochwertiger sind. Und fast alle Waren zu Hause sind aus Russland, so Irina.

Dass weißrussische Touristen in Bialystok sehr beliebt sind, kann man in den großen Shopping Centern erkennen. Viele Tafeln sind auf Russisch, viele Verkäufer sprechen Russisch und die Busse fahren spät ab, sodass die weißrussischen Touristen zum Shoppen angehalten werden. „Meiner Meinung nach ist die Kultur des Konsums für die Weißrussen ein Ritual, etwas Exotisches, was sie sonst nur im TV sehen können“, erzählt der polnische Aktivist und Journalist Kamil, der vor ein paar Jahren seine eigene IT-Firma gegründet hat.

Bialystok shopping
Foto: Lidiia Akryshora

Die europäische Krise und die Weltwirtschaftskrise haben die weißrussischen Einkaufsgewohnheiten wesentlich beeinflusst. „Viele sagen, dass sie seit dem letzten Jahr seltener einreisen“, sagt Irina und zeigt ihren Pass, wo das EU-Visum mit einem Stempel gekennzeichnet ist. Früher war sie alle zwei bis drei Monate in Bialystok. Dadurch hatte sie viele Stempel im Pass und musste immer wieder ihren Pass aktualisieren.

Den Rückgang der weißrussichen Zahlungsbereitschaft bestätigt auch die Finanzabteilung der Stadt Bialystok. Im Vergleich zu 2014 waren die Einnahmen des Handels im Jahr 2015 um zehn Prozent geringer. Grund dafür sind die Einschränkungen der weißrussischen Regierung für Transportgüter. Hier müssen die Weißrussen bei einem Wert von mehr als 300 Euro oder 20 kg Zoll zahlen. „Ich denke, dass das Volumen der Käufe im Jahr 2016 und den Folgejahren wieder ansteigen wird“, sagt der Abgeordnete Tomasz Madras. 

Sowjetischer Rückruf

Für die Weißrussen ist Shopping in der Europäischen Union kein billiges Vergnügen. Ein Visum für ein Jahr kostet ca. 60 Euro. Nach inoffiziellen Angaben kann der Prozess für 100 Euro beschleunigt werden – das durchschnittliche Einkommen eines Weißrussen beträgt aber nur ca. 200 Euro. Ich frage mich daher: Was fasziniert die Weißrussen so am europäischen Shopping?

„Fahr nach Grodno und überzeug dich, wie sich alles verschlechtert hat“, sagt der 25-jährige Sergiusz. Er lebt in Bialystok seit sechs Jahren, hat hier studiert und arbeitet jetzt in der PR-Branche. Er wundert sich gemeinsam mit dem 27-jährigen Pjotr und Marchek, was mich als Journalistin in „so ein Dorf wie Bialystok“ geführt hat. Ich glaube, wer die junge Generation hier verstehen will, muss an einem Abend mit jungen Polen ein Bier trinken und über das Leben sprechen. Sergiusz, Pjotr und Marchek sind aber skeptisch. Denn die europäischen Werte sind für sie eine Fiktion.

Am nächsten Tag fahre ich mit dem ersten Bus um 11 nach Grodno. An der Haltestelle stehen einige Menschen, die russisch sprechen, mit großen Koffern und Taschen von H&M und Adidas. Die Stadt ist 30 Kilometer von der Grenze entfernt. 

Shopping Bialystok
Foto: Lidiia Akryshora

Grodno begrüßt die Besucher mit der Reklame „Ich liebe meine Stadt“ und durch glänzende Sauberkeit. Es ist alles so gepflegt, dass es mir fast ein bisschen unangenehm ist. Die Plakate „Ich liebe dich, Weißrussland“ mit gezeichneten Herzen erscheinen bei der Durchfahrt.

Das Stadt-Museum unter  freiem Himmel

„In Weißrussland ist Grodno als die europäischste Stadt bekannt“, sagt Eugene, der mir die Stadt zeigt. Er ist einer der wenigen jugendlichen Weißrussen, die versuchen die Stadt wiederzubeleben. Er fährt oft ins Ausland, um an Projekten und Trainings teilzunehmen und diese Erfahrungen nach Grodno zu bringen. „In Weißrussland kannst du eigentlich gut leben, du darfst aber keine Politik und kein Business betreiben“, sagt er ironisch. Die jungen Menschen sind schwer zu motivieren, sie sind eingeschüchtert und konformistisch. „Die Menschen schauen viel fern, weil es Stabilität zeigt. Solange es den Menschen so gut geht, dass sie etwas zu essen haben, werden sie nicht protestieren.“ Viele junge Menschen verlassen die Stadt aus wirtschaftlichen Gründen. In Grodno gibt es eine polnische Community. Die Eltern wollen, dass die Kinder in der Schule auch Polnisch lernen oder später auch zum Studium nach Polen ziehen.

Grodno Weißrussland
Foto: Lidiia Akryshora

Um zu verstehen, warum alle, besonders junge Menschen, Shopping in Polen bevorzugen, gehe ich ins TSUM – ein großes Shopping Center, das während der Sowjetunion sehr bekannt war. Ich erinnere mich zurück an meine Kindheit – damals wurde TSUM in vielen postsowjetischen Ländern zu einem modernen Shopping Center umgebaut. Nicht aber in Grodno.

Grodno Weißrussland
Foto: Lidiia Akryshora

Das TSUM bietet alles Mögliche von Kleidung bis zur Technik der lokalen Produzenten. “Alles Beste ist daneben” – ist auf der Tabelle am Eingang aufgeschrieben. Ich lese es ironisch und frage mich ständig, wie es ist, hier zu leben. Während man in der EU immer wieder versucht, in die Zukunft zu schauen, gibt es hier noch ein kleines Stückchen der sowjetischen Ära. Eigentlich fast im Herzen Europas. Diejenigen, die ein sowjetisches Erlebnis haben möchten, sollten unbedingt in Grodno vorbeischauen – für einige wird es vielleicht wie ein Museum aussehen, für andere ist es aber die Realität unter freiem Himmel.

Grodno Weißrussland
Foto: Lidiia Akryshora

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Entstanden im Rahmen von eurotours 2016, einem Projekt des Bundespressedienstes, finanziert aus Bundesmitteln. 

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