Die Geschichte eines einsamen Wolfes

Es begann zwischen Bomben und toten Leichen von meinen Landsleuten. Ich bin mitten im Krieg geboren und hatte nie eine Wahl oder eine eigene Meinung. Ich hatte nur einen Wunsch und der war frei zu sein. Das ist die Geschichte von meinem Leben als Flüchtling und als ein Mensch, der um sein Überleben und seine Ehre kämpft. Der Tag, an dem mein Leben begann, war der Tag an dem man meinem Land seinen Namen und seine Rechte nahm. Ich habe seit meinem zweiten Lebensjahr Dinge gesehen, die ich niemandem, nicht mal meinen größten Feinden, wünschen würde. Ich habe gesehen wie Frauen vergewaltigt, wie Kinder in Stücke geschnitten und verbrannt wurden. Mein Vater und alle meine Landsmänner haben unseren Namen verteidigt und ihr Leben gegeben, damit ich der sein kann, der ich heute bin und dafür bin ich sehr dankbar.

In Tschetschenien musste ich jeden Tag damit rechnen, dass ich morgen oder sogar heute meine Familie nie mehr wiedersehen könnte. Ich habe mich immer im Haus versteckt und gewartet, dass ich getötet werde. Diese Angst lässt dich vergessen, was rund um die Welt passiert und du beginnst über den Tod nachzudenken und wie du überleben kannst.  Mit fünf bin ich nach Österreich gekommen und ich bin nicht in einem Transportmittel geflohen wie manche aus meinem Land, sondern ich musste mit meiner Familie über Berge durch Schlamm und vorbei an Tote gehen. Wir hatten nichts zu essen, nichts zum Anziehen und schon gar keine Hoffnung. Unsere einzige Motivation waren die Gerüchte, dass in Österreich alles besser und leichter ist und wir neu anfangen könnten.

Jeden Tag regneten Bomben vom Himmel und ich hatte Angst, dass eine von denen uns in Stücke reißen würde. Ich hatte nur meinen Vater, der jeden Tag sein Leben riskierte, um uns am Leben zu halten. Danach kam ein bestimmter Tag, ein Tag, der meine Gedanken, meine Ängste, der mein ganzes Leben schlimmer machte, als es war. Es war der Tag, an dem ich einen Freund verlor, der mit uns auf der Flucht war. Sein Name war Achmad. Ich hatte vor lauter Stress und Angst nicht einmal die Zeit mit ihm zu lachen oder zu reden. Eines Tages war ich mit ihm Holz sammeln, als meine Mutter vor Müdigkeit eingeschlafen war. Sie ahnte nicht, was ich an dem Tag erlebt hatte.

Der Tag, an dem es passierte

Achmad und ich gingen in einen ruhigen Wald in unserer Nähe. Ich war damals 6 Jahre alt. Mit meinen 6 Jahren habe ich mit eigenen Augen gesehen wie mein bester Freund von einer Miene in die Luft gejagt wurde. Es war unbeschreiblich schrecklich. Ich sah wie seine Körperteile in die Luft flogen und verlor die Orientierung und fiel auf dem Boden und hörte nichts - als wäre ich taub. Für einen Moment war ich schockiert. Vor mir war ein großes Loch. Mein Freund war nicht mehr da. Ich sah auf den Boden und fand seinen Glücksbringer, den ihm seine Mutter vor dem Tod gegeben hatte.  

In diesem Moment begannen zwei Wölfe einen Krieg in mir. Einer davon wollte Tod und Rache, der andere Frieden. Es kam nur darauf an, welchen ich fütterte. Mir kamen kurz Tränen und Plötzlich brannte ihn mir ein Feuer. Ich kann es nicht erklären, aber jedes Mal, wenn ich an diesen Tag denke, weckt es so etwas wie eine unsichtbare Kraft in mir. Diese unsichtbare Kraft macht mich gleichzeitig sehr wütend und sehr traurig. Einerseits verspüre ich den Wunsch nach Rache, andererseits fühle ich Trauer und Einsamkeit.

Mit einer dunklen Haut umhüllt und einem blutendem Bein ging ich langsam und taumelnd wieder zurück in unser Versteck. Meine Mutter saß dort auf dem Stein und weinte. Sie hatte bemerkt, dass ich weg war und hatte Angst, dass mir etwas passiert war und weinte. Ihr Gesicht war voller Tränen so wie meines. Sie hob ihren Kopf und lief zu mir und schloss mich in ihre Arme. Sie fragte mich wo Achmad ist. Ich konnte es ihr nicht sagen, weil es mich selber traurig machte. Ich log sie an und sagte wir hätten uns aus den Augen verloren.

Nach vielen Wanderungen sind wir endlich an der Grenze von Österreich angekommen, aber ich schlief da noch fest und mein Vater trug mich auf seinen Armen. Wir kamen nach Österreich ohne Pass, ohne irgendetwas und warteten und hofften, dass wir irgendwann einen positiven Asylbescheid bekommen würden.

Mein Vorbild Adam

Endlich war es soweit und ich kam zuerst in den Kindergarten. Es war eine sehr schöne Zeit in der Steiermark, doch mein Vater bekam eines Tages ein Jobangebot in Wien. Da begann mein kriminelles Leben und der Kampf um meinen inneren Frieden. Es begann schon in der Volksschule, ich konnte kaum Deutsch und war ein sehr kleiner und dünner Junge. Alle mobbten mich und sagten zu mir Zwerg oder etwas über meine Größe. Das alles ging bis zu meinem 14ten Lebensjahr. Genau in diesem Jahr ließ ich meinen Gedanken freien Lauf. Ich lernte einen sehr besonderen Jungen namens Adam kennen.

Er war der coolste in der ganzen Schule und er war sehr stark so wie das Image der Tschetschenen heutzutage ist. Er zeigte mir ein anderes Leben. Ein Leben voller Ehre, voller Ruhm und voller Freunde, die ich anfangs bewunderte bis ich selber so wurde. Bei mir ist es so, dass ich sehr empfindlich reagiere wenn Frauen, vor allem meine Landsfrauen, belästigt werden. Es erweckt ein Feuer in mir. Ein Feuer, das mich nicht mehr denken, sondern handeln lässt. Meine Augen haben alles im Leben gesehen, was man nur sehen kann und es ist ständig ein Kampf ums Überleben. Im Inneren habe ich einen weichen Kern. Es ist nicht nur bei mir so. Auch meine Landsmänner reagieren so, wenn eine Frau belästigt wird. Wenn man gut zu uns ist, dann sind wir es auch. Die Klischees mit Aggressivität sind nur Gerüchte.

Wir sind ganz normale Menschen aber in uns brennt ein großes Feuer, nicht um Schaden anzurichten, sondern die zu beschützen, die wir lieben.

Dennkasami.anonym ist 18 Jahre alt und besucht die HTL Ettenreichgasse im 10. Bezirk. 

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