Meine Familie ist rechts

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„Kein Wunder, dass die ganzen Mädchen immer vergewaltigt werden“, sagt mir ein sehr nahestehendes Familienmitglied mitten ins Gesicht. Ich trage eine lange Hose und ein Shirt, das es erlaubt, mir in den Ausschnitt zu schauen.

Wäre ich zu diesem Zeitpunkt 13 Jahre alt gewesen, hätte ich geglaubt, dass ich mich anders anziehen muss. Ich hätte geglaubt, dass ich mich vor afghanischen Flüchtlingen schützen muss, um nicht vergewaltigt zu werden. Ich hätte geglaubt, die FPÖ wählen zu müssen, um sicher zu sein. Jetzt bin ich 17 Jahre alt und habe gelernt, mir meine eigene Meinung zu bilden und zu verstehen, dass die Person, die einem am nächsten steht, der man vertraut und die natürlich nur das Beste für einen will, auch nicht immer Recht haben muss.

Ich erlebe seit meiner Kindheit, wie es ist, in einem Zwiespalt zwischen links und rechts aufzuwachsen, wenn beide Seiten Überzeugungsarbeit leisten, die Überzeugungsarbeit der rechten Seite jedoch überwiegt und man dementsprechend diese Ideen übernimmt. Denn das ist meine Familien-Geschichte.

Die bösen Flüchtlinge

Schon früh war ich hin und her gerissen zwischen einer Frage: Muss ich vor Flüchtlingen Angst haben oder brauchen sie vielleicht doch unsere Hilfe? Ich bin in einer liebevollen Familie aufgewachsen, die mich beschützen wollte. An eine Situation kann ich mich noch genau erinnern: Ich sitze an einem Tisch mit meiner Familie. Auf dem Tisch liegt eine Tageszeitung. Auf dem Cover: Eine Story über einen Flüchtling, der eine Frau vergewaltigt hat, natürlich ein gefundenes Fressen für ein Familienmitglied, welches beginnt, sich über „die Gutmenschen“ aufzuregen, die diese Vergewaltiger in unser Land lassen. Eine Diskussion beginnt, wird lauter, eskaliert und führt dazu, dass ich das Haus verlasse.

Für einen Teil meiner Familie war es immer der richtige Weg, mir zu zeigen, dass es Menschen gibt, die von weit her kommen und nach Hilfe und Schutz suchen. Für den anderen war es der richtige Weg, mir zu erklären, dass ich vor diesen Menschen Angst haben muss. Als Kind mit kaum politischer Bildung ist es natürlich naheliegend, den Menschen zu glauben, die einem erzählen, mich beschützen zu wollen vor Menschen, die böse sind. Das habe ich natürlich getan. Ich war überzeugt davon, dass Österreich ein Land sein sollte, in dem das Christentum die Hauptreligion ist und in das der Islam nicht hingehört. Warum? Weil es mir gesagt wurde von einem Menschen, den ich liebe. Für alle, die vergessen haben, wie alt ich zu diesem Zeitpunkt war: Ich war 13 und hatte Angst, weil mir Angst gemacht wurde.

Jetzt weiß ich’s besser

Ich wurde älter. Allein davon wird man natürlich nicht schlauer, jedoch fängt man an, zu hinterfragen und sein Verhalten und seine Überzeugungen zu reflektieren. Ich habe begonnen, mich für Politik zu interessieren, mir Diskussionen im Fernsehen anzuschauen und darüber nachzudenken, dass man immer mehrere Perspektiven in Betracht ziehen sollte. Es ist einfach, durchgehend in seiner eigenen Bubble zu leben und nur das zu hören, was man hören will, denn es könnte ja passieren, dass ganz plötzlich die eigene Meinung widerlegt wird und man zu dem Schluss kommt, doch nicht immer Recht gehabt zu haben. Dieser Schritt aus der selbst erzeugten Bubble ist nicht immer einfach, denn man muss sich mit Perspektiven beschäftigen, die man davor nie gesehen oder vielleicht sogar absichtlich ignoriert hat. Dennoch würde ich jeder und jedem empfehlen, diesen Schritt zu gehen und nicht alles zu glauben, was einem eingetrichtert wird.

In einer Instagram-Umfrage habe ich herausgefunden, dass 9 von 76 meiner Follower aus heutiger Sicht behaupten, von ihrer Familie politisch negativ beeinflusst worden zu sein. Diese Menschen haben es, so wie ich, geschafft, zu reflektieren, ihre Bubble platzen zu lassen und sich eine eigene Meinung zu bilden. Der Weg da hin war für mich sehr steinig und langwierig. Ich habe mich geschämt für meine früheren Ansichten. Heute weiß ich, dass es nicht meine Schuld war. Ich weiß, dass ich später meinen Kindern Solidarität und Liebe beibringen werde, um sich aus diesen Werten selbst eine Meinung bilden zu können. Der Weg, den ich gegangen bin, hat sich aber aus heutiger Sicht definitiv gelohnt und mich zu einem besseren Menschen gemacht. Jetzt weiß ich’s besser.

Lea ist 17 Jahre alt, angehende Maturantin und besucht das Gymnasium Geringergasse im 11. Bezirk.

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