„Das kannst du machen, wenn du verheiratet bist.“

14. April 2023

Heirat als Ticket für die Freiheit ? Von der väterlichen Hand in die eines Ehemanns gereicht werden, nur um nicht eingeschränkt zu leben? Um Reisen zu dürfen und ihren eigenen Weg zu gehen?

All das sieht Autorin Layla Ahmed nicht ein - und erkämpft sich Stück für Stück ihre Freiheit. Auch ohne Mann.

 

von Layla Ahmed, Fotos: Ina Aydogan

 

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Von Layla Ahmed, Fotos: Ina Aydogan

 

Allein oder mit Freundinnen die Welt bereisen, ins Ausland ziehen oder einfach nur länger draußen bleiben? Viele Mädchen in Migra-Familien haben diese Pläne, doch was, wenn die Ehe der einzige Weg ist, um diese zu verwirklichen?  „Wenn du verheiratet bist, kannst du machen, was du willst.“ Diesen Satz habe ich in meinem Leben schon das eine oder andere Mal zu hören bekommen. Ich bin 18 Jahre alt, studiere und bin anscheinend alt genug zum Heiraten, aber nicht alt genug, um meine eigenen Entscheidungen zu treffen. 

Wenn ich in die Vergangenheit blicke, habe ich schon immer davon geträumt, mit Freundinnen zu verreisen, und habe diese Reisen sogar schon mit ihnen geplant. Natürlich teilte ich meinen Plan sofort mit meinen Eltern, denn ich war fest davon überzeugt, dass ich, wenn ich älter bin, einen „Girls-Trip“ machen werde. Da wurde ich zum ersten Mal mit dieser Aussage konfrontiert. „Das kannst du machen, wenn du verheiratet bist.“ Mit der Antwort meines Vaters ging die Diskussion auch ganz schnell wieder zu Ende. Ich konnte es nicht verstehen. Was hat die Heirat mit meinen Plänen zu tun? Und warum muss ich heiraten, damit ich mit meinen Freundinnen verreisen kann? Die Fragen stellte ich auch meinem Vater. Ich musste mich damit zufriedengeben, dass ich sowieso keine Antwort hören würde, die mir gefallen könnte, und somit hörte ich auch auf, mit ihm darüber zu diskutieren. Doch ist die Heirat wirklich die einzige Lösung, um selbst entscheiden zu dürfen, was man machen will und was nicht? Ich habe das Glück, dass meine Mutter mir immer zur Seite stand und auch meinem Vater erklärte, dass das nicht die richtige Antwort sein könne.

 

Die Ehe – der einzige Weg in die Freiheit?

 

In meinem Freundeskreis kommt es häufig zu Diskussionen, wer mehr Freiheiten hat und wer weniger. Ich habe manchmal das Gefühl, dass es ein Wettbewerb geworden ist, und die Person, die am „eingeschränktesten“ ist, das totale Mitleid verdient hat. Doch eigentlich haben wir alle eines gemeinsam: Alle von uns haben mindestens einmal in ihrem Leben von ihren Eltern gehört, dass sie erst nach der Heirat machen dürfen, was sie wollen. Ich spreche nicht nur von jungen Frauen in der arabischen Community, mit der ich als Halb-Ägypterin aufgewachsen bin, sondern auch von meinen anderen Freundinnen, denen meine Kultur eigentlich absolut fremd ist. In vielen migrantischen Familien haben Eltern das Gefühl, die volle Verantwortung für ihre Töchter tragen zu müssen, und zwar so lang, bis ein anderer Mann diese übernimmt. Zumindest rede ich mir das so ein, um zu verstehen, wieso man denkt, dass ein Mann der Schlüssel in die Freiheit sein soll. Man achtet darauf, dass die Mädchen nicht zu spät draußen sind, weil es für sie „gefährlicher“ wäre. Und was hat ein Mädchen so spät abends draußen verloren?

 

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Die Welt bereisen, ins Ausland ziehen – warum sollte man das nur dürfen, wenn man geheiratet hat? ©Ina Aydogan

 

„Baba, vertraust du mir nicht?“ 

Lange habe ich mich mit dem Thema befasst und versucht, eine Lösung zu finden, um meinen Vater zu beruhigen und gleichzeitig zu leben, wie ich will. Die Hilfe meiner Mutter, die in Europa geboren und aufgewachsen ist, war der Kern zum Vertrauensaufbau zwischen meinem Vater und mir. Sie hatte nie diesen Gedanken, dass ich erst so leben kann, wie ich will, wenn ich verheiratet bin, und diesen wollte sie auch meinem Vater austreiben. 

Ich habe mich in meinem Umfeld umgesehen und erkenne, wie Mädchen in jungen Jahren heiraten - nicht nur aus Liebe, sondern viel mehr, weil sie die Ehe als ein Ticket in ihre Freiheit sehen. Sie wollen weg von zu Hause, ein neues Leben starten, ihr Leben so gestalten, wie sie es wollen. Die einzige Möglichkeit für sie ist zu heiraten, damit sie ausziehen können. Dieses Problem hatte ich nie, weil ich mich zuhause sehr wohl fühle und eine gute Beziehung zu meinen Eltern habe. Trotzdem hat mich damals, ich war 15, die Strenge meines Vaters sehr belastet. Ich suchte ein Gespräch unter vier Augen, zwischen Vater und Tochter. In meiner Familie ist Kommunikation das A und O und obwohl mein Vater eher konservativ ist, hat er immer ein Ohr für mich offen. Ich will nicht eingeschränkt leben und ich werde früher oder später machen, was ich will. Meine Mutter hat ihm klar gemacht, dass er mich verlieren würde, wenn er weiterhin so streng bliebe. „Baba, vertraust du mir nicht?, war meine Frage an ihn. Er hat mir klar beantwortet, dass es nicht an mir liegt und dass dieser Gedanke, dass er rund um die Uhr auf mich aufpassen muss, niemals weggehen würde. Es wäre leichter, in der Gewissheit zu leben, dass jetzt noch wer anderer auf mich aufpasst. Doch ist das das Ziel einer Ehe? 

Eine Ehe ist so viel mehr als ein Ticket in die Freiheit und das weiß er auch. Er sieht es nicht als eine „zweite Kontrollart“ oder „doppelte Sicherheit, sondern es ist vielmehr der Wunsch nach einer größeren Familie, nach einer Zukunft, die er sich für sich und seine Tochter wünscht. Eine schöne Ehe – denn die Ehe kann eines der schönsten Dinge auf der Welt sein, das weiß ich. Ich weiß auch, dass er sich das Beste für mich wünscht und mich bei allem unterstützen wird. Ich bin noch jung, finanziell abhängig von meinen Eltern und definitiv nicht bereit für eine Ehe. Ich konnte meine Eltern von meinen Ansichten überzeugen, anders ist es jedoch bei anderen Familien, die ihren Töchtern permanent das Gefühl geben, heiraten zu müssen – so als wäre das das einzig wichtige Ziel in ihrem Leben. 

 

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©Ina Aydogan

 

Heute weiß ich, dass hinter diesem Satz viel mehr steckt als nur eine Ausrede, um Auseinandersetzungen zu vermeiden. Er kann vielfältig aufgefasst werden. Ich habe es geschafft, mit der Hilfe meiner Mutter meinen Vater zu überzeugen, dass nicht ein Mann oder eine Ehe das Wichtigste ist und dass ich sehr wohl meinen „Girls-Trip“ machen kann. Auch ohne Mann. Zudem sehen Eltern nicht, dass sie ihren Töchtern so das Gefühl geben, eine Last zu sein, die an einen anderen Mann übertragen werden soll. Ich bin dann das Problem meines Mannes und nicht das meiner Familie. Doch das ist nicht richtig. Mädchen und junge Frauen in meinem Umfeld müssen daran erinnert werden, dass wir in einer anderen Generation leben und uns alle Türen offenstehen. Wir können selbstständig sein und sollen niemals von einem Mann abhängig sein. Die Grundsteine für uns wurden schon gelegt: Meine beiden Großmütter zum Beispiel waren von keinem Mann abhängig. Die Ehe ist viel mehr als eine Übergabe der Tochter an einen Mann. Man soll aus den richtigen Gründen heiraten wollen - weil man die Person liebt, sich mit ihr eine Zukunft vorstellen kann und mit ihr den Rest des Lebens verbringen möchte. Nicht, weil sie das Ticket in die Freiheit ist. 

 

Layla Ahmed ist 18 Jahre alt. Sie studiert Publizistik- und Kommunikationswissenschaft, hat ägyptische und slowakische Wurzeln. Layla hat ihre vorwissenschaftliche Arbeit für die Matura über die veränderten Lebenswelten ägyptischer Frauen nach dem Arabischen Frühling geschrieben.

 

 

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