Über Sex spricht man nicht

14. Mai 2024

„Bis ich 13 Jahre alt war, dachte ich, dass Kinder einfach auftauchen, wenn man heiratet.“ Mythen über das Jungfernhäutchen, Tabus und Irrglauben: Sexuelle Aufklärung kommt in Migra-Communities oft zu kurz – vor allem bei den Töchtern. Doch was macht das mit ihrer Sexualität im Erwachsenenleben? 

 

Von: Maria Lovrić-Anušić, Fotos: Zoe Opratko

 

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©Zoe Opratko


Wenn ich mit meinem Partner intim werde, frage ich mich noch heute als 25-jährige Frau, ob das moralisch eigentlich in Ordnung ist, erzählt Pinar bedrückt. Pinar ist in Wien aufgewachsen und hat türkische Wurzeln. In der türkischen Community hat die Jungfräulichkeit – vor allem, wenn es um Frauen geht – einen gesellschaftlich hohen Stellenwert. Das hat Pinar schon früh gelernt. Aber auch nur das. Jungfrau bleiben, bis man heiratet – das wird einem eingebläut. Aber alles rundherum bleibt ein Tabu. So auch bei Pinar: Sexuelle Aufklärung war nie ein Thema zwischen ihr und ihrer Mutter. Über Sex wurde nicht gesprochen, weder im positiven noch im negativen Sinne. Dieses Schweigen legte über die Jahre hinweg einen Schleier aus Scham und Schuldgefühlen über ihre eigene Sexualität. Wie diese fehlende Aufklärung ihr Leben als erwachsene Frau beeinflussen würde, war ihr damals noch nicht bewusst.

Vielen Töchtern aus Migra-Communities wird von klein auf an eingetrichtert, dass sich die Ehre der Familie zwischen ihren Beinen befindet. Die Themen Sex und der weibliche Körper werden tabuisiert und häufig stillgeschwiegen. Die Töchter haben dementsprechend gar kein oder ein nur sehr fehlerhaftes Wissen zum Thema Sex und müssen sich durch die Medien, Bücher oder Pornos selbst aufklären – mit mäßigem Erfolg. Dieses Phänomen macht Social-Media-Kanäle zu einer wichtigen Plattform, auf der Jugendliche Antworten auf Fragen bekommen, die sie sich oft noch gar nicht gestellt haben. TikTokerinnen wie „Stachel“ reden offen über Sex, Dates und Selbstbefriedigung. In ihren Kommentarspalten tummeln sich Kommentare von erleichterten jungen Frauen. „Endlich spricht jemand darüber!“ und „Kannst du das genauer erklären?“ sind die Standardaussagen.

 

 

Die Scham vor der eigenen Sexualität

 

 

„Bis ich 13 Jahre alt war, dachte ich, dass Kinder einfach auftauchen, wenn man heiratet, erzählt Pinar und lacht verlegen. Dass es dafür den Geschlechtsakt braucht, wurde ihr erst bewusst, nachdem sie ihre Cousine über Sex und die Geburt aufgeklärt hatte. Im Aufklärungsunterricht in der Schule habe sie nicht wirklich etwas gelernt, vor allem nichts über die weibliche Sexualität, bemängelt Pinar. Alles was sie heute über Sex weiß, musste sie sich selbst beibringen. „Dieses ständige Schweigen hat mein Leben beeinträchtigt. Ich bin eine erwachsene Frau und war aus Scham noch nie beim Frauenarzt, erzählt sie wütend. Die Beziehung mit ihrem Freund hat sie über Jahre geheim gehalten – aus Scham. Sie wusste: Sie muss ihre Sexualität geheim halten, zu hoch ist die Angst davor, erwischt zu werden. „Dieses Verstecken resultiert aus der Angst vor den möglichen Konsequenzen, also davor, von den Eltern oder der Community verstoßen zu werden, erklärt Sexualpädagogin Elif Gül. Verantwortlich dafür macht Pinar das System, in das sie reingeboren wurde und nicht ihre Mutter. „Meine Mutter hat selbst früh geheiratet, ohne irgendetwas über Sex zu wissen, erzählt die 25-Jährige. Sie hat mit 16 Jahren geheiratet und ihr wurde nur gesagt, dass sich ihr Mann schon auskennen würde. Es wäre in ihrer Community schon immer so gewesen, dass die Frauen die unwissenden Jungfrauen spielen hätten müssen, erklärt Pinar – und oft eben auch unwissend waren. „Ein gutes Beispiel dafür, wie blöd das alles ist, ist das rote Band bei der Hochzeit, erzählt sie genervt. Sie nimmt hier Bezug auf die türkische Tradition, bei der die Braut ein rotes Band, den „Kırmızı kuşak , als Zeichen ihrer Reinheit um die Taille ihres Hochzeitskleids gebunden bekommt. Eigentlich stünde es für einen Neuanfang, den guten Charakter der Frau und Glück und nicht für deren Jungfräulichkeit. „Mittlerweile will meine Mutter offen mit mir über Sex reden, doch ich schäme mich zu sehr, erzählt Pinar. Ihre Mutter versucht, ihr immer wieder Ratschläge zu geben, wie zum Beispiel, dass sie nicht oft Analsex haben sollte oder dass sie immer geschützten Sex haben müsse. „Ich verteidige mich in solchen Momenten sofort und frage sie, wie sie glauben könnte, dass ich Sex vor der Ehe haben würde, erzählt die 25-Jährige traurig. Für Pinar sind diese Momente verstörend, da in ihrer Familie früher nie offen über Sex gesprochen wurde. Die Einstellung, dass Frauen ihre Jungfräulichkeit schützen müssten, hat sich in ihrem Gehirn so tief verankert, dass sie es nicht schafft, auf die neue Offenheit ihrer Mutter adäquat zu reagieren. „Ich kann ihre Ratschläge nicht mehr annehmen. Es ist einfach viel zu spät dafür, resümiert Pinar.

 

 

Sex als eheliche Pflicht 

 

 

„Ich habe erst durch die Techtelmechtel-Funktion im Computerspiel ´Sims´ erfahren, dass Sex überhaupt existiert, erzählt Tamara und lacht beschämt auf. „Peinlich ist das aber schon, wirft sie noch schnell hinterher. Zum damaligen Zeitpunkt war sie 13 Jahre alt und sah sich im Anschluss auch das erste Mal einen Porno an, um etwas mehr zu erfahren. Von ihrer Familie hatte sie nämlich nie Aufklärung genossen. Themen wie Menstruation, Geschlechtsverkehr und sexuelle Orientierungen waren für sie immer mit Angst verbunden. „Ich hatte oft Sex aus Pflichtgefühl, weil ich nicht wusste, dass ich ´Nein´ sagen darf, erzählt die 27-Jährige mit serbischen Wurzeln kopfschüttelnd. Sie orientierte sich in ihrer Jugend an ihren Freundinnen, Pornos und am spärlichen Aufklärungsunterricht in der Schule. Als ihre Freundinnen bereits für den ersten Kuss, das erste Mal Petting oder Sex bereit waren, hatte sie eigentlich noch gar nicht das Bedürfnis, mit irgendjemandem intim zu werden. Getan hat sie es trotzdem – aus Angst, belächelt zu werden. Über Jahre hinweg staute sich in ihr Wut gegen das Schulsystem auf, welches ihr nur beigebracht hatte, was ein Kondom ist und wie Penetration funktioniert. Auch von ihrer Mutter war sie enttäuscht, bis sie realisierte, dass diese selbst nie ihre Sexualität hatte erkunden können. Tamaras Mutter ist mit dem Gedanken aufgewachsen, dass Sex nur dafür da ist, Kinder zu bekommen und den Mann zu befriedigen. Es war nur eine eheliche Pflicht, welche sie erfüllen musste, ohne selber Spaß daran zu haben. Niemand hatte Tamara beigebracht, dass eine Frau selber über ihren Körper bestimmen kann und das Sex aus mehr als nur männlicher Penetration besteht. Seit einigen Monaten entdeckt Tamara allerdings neue Gefühle, welche sie immer hatte unterdrücken müssen. Außerdem hinterfragt sie die ihr aufgezwungene heteronormative Sichtweise auf Sex und Liebe. Sie realisiert, dass sie eigentlich auch Frauen anziehend findet – etwas, das sie sich in ihrer Jugend niemals auszusprechen getraut hätte. Heute fühlt sie sich besonders in der queeren Community wohl, weil sie da offen über all ihre Bedürfnisse sprechen kann. „Jetzt, als erwachsene Frau, kann ich endlich meinen Körper und meine Sexualität richtig kennenlernen.

 

 

Veraltete Traditionen und Religion

 

 

Häufig wird von den Eltern die jeweilige Religion als Grund für die Notwendigkeit, bis zur Ehe Jungfrau zu bleiben, angeführt. Religiöse Institutionen bieten häufig Aufklärungsunterricht an, jedoch wird auch erklärt, dass Sex nur innerhalb der Ehe gestattet ist. Aber nicht alles beruht auf Religion. „Es ist schwer, den Glauben von der Kultur abzutrennen, so die Sexualpädagogin Elif Gül. „Überall auf der Welt gibt es unterschiedliche Einstellungen und Moralvorstellungen zum Thema Sexualität.“ In den unterschiedlichen Communitys herrscht demnach das Bedürfnis, sich von den „anderen“ abzugrenzen. Nach dem Motto: „Wir sind nicht so verdorben wie die anderen. Das gibt es bei uns nicht.“ Um das Eigene zu wahren, herrscht bei vielen Eltern folgende Annahme: Wenn die Kinder wenig über Sex wissen, werden sie auch keinen Sex haben. Dabei hätten früh aufgeklärte Jugendliche tendenziell später ihr erstes Mal, erklärt Gül. Die Kinder in Unwissenheit zu belassen, wird von Eltern oft als eine Art Schutz für diese empfunden. Es gehe aber häufig auch darum, die Sexualität der Frauen zu kontrollieren und die gesellschaftlich geprägten Herrschaftsverhältnisse aufrecht zu erhalten. Gül erklärt, dass die Angst geschürt werde, aus den jeweiligen Communitys verbannt werden zu können, wenn man sich nicht an diese Gebote hält. Deshalb informieren sich viele Frauen heimlich und sprechen nicht über ihr Sexleben.

 

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"Jetzt, als erwachsene Frau, kann ich endlich meinen Körper und meine Sexualität richtig kennenlernen." ©Zoe Opratko

 

 

Nur ein Stück Haut

 

 

„Ich verstehe auch dieses ganze Gerede über das Jungfernhäutchen nicht, erzählt Pinar genervt und verdreht ihre Augen. Sie spielt auf die absurde Obsession der migrantischen Communitys für das Hymen an. Bereits in der Schule reden alle Mädchen darüber, dass man keine Gymnastik machen dürfe, auch Fahrrad fahren sei schlecht und Tampons sollte man sowieso niemals benutzen – alles nur, damit das Häutchen bloß nicht reißt. Auf Social Media erzählen auch viele junge Frauen, dass sie sich vor ihrer Hochzeit ihr Hymen bei einem Frauenarzt leicht zunähen haben lassen, damit sie in der Hochzeitsnacht bluten. „Das sieht doch bei jeder Frau anders aus und reißen muss es beim Sex auch nicht, ärgert sich Pinar. Unrecht hat sie damit nicht. Laut der Sexualpädagogin ist das Hymen eine sehr dehnbare Schleimhaut, welche auch nach dem Sex unverändert aussehen kann. Reißen muss da nichts.

 

 

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Jungfräulichkeit bis zur Ehe wird vor allem von Frauen in vielen migrantischen Familien gefordert. ©Zoe Opratko

 

„Ich habe gedacht, dass ich jetzt dreckig bin.

 

 

„Du bist endlich eine Frau!, beglückwünschte Maschas Mutter sie, als sie mit neun Jahren zum ersten Mal ihre Periode bekommen hatte. Was genau es jedoch bedeuten soll, eine Frau zu sein, erklärte sie ihrer Tochter nicht. Sie drückte Mascha nur eine Binde in die Hand. Dass die Periode zum Beispiel mit Unterleibsschmerzen verbunden sein, ein Zyklus unterschiedlich lange dauern oder auch mal ausbleiben kann, sagte ihr niemand. Die Mutter der heute 26-Jährigen mit russischen Wurzeln ist zwar nicht konservativ, nahm sich jedoch nie die Zeit, ihre Tochter zum Thema Sexualität aufzuklären, da sie dachte, dass sich ihre Tochter schon auskennen würde. Als Mascha noch ein Teenager war, wurde ihr in der Schule allerdings nur erklärt, wie man verhütet und wie der menschliche Körper aufgebaut ist. Aus diesem Grund informierte sie sich selbst zum weiblichen Körper, Sex und Verhütung und das über das Internet und Zeitschriften wie die „Bravo. Das Thema Consent wurde in ihrer Jugend jedoch nie besprochen. Mit Consent meint man, dass alles, was du mit jemandem tun möchtest, nur passieren wird, wenn alle darauf Lust haben, damit einverstanden sind und Ja dazu sagen. Ein Nein ist ein Nein und ist so zu akzeptieren, ohne dass versucht wird, jemanden zu überreden oder umzustimmen. Das Wissen zum Thema Consent hätte sich Mascha vor sieben Jahren gewünscht. Mit 19 Jahren hatte sie ihr erstes Mal, jedoch war sie sich direkt danach sicher, dass es die falsche Entscheidung gewesen war. „Ich habe nach meinem ersten Mal geweint, weil ich dachte, dass ich dreckig bin, erzählt sie. Er war ihr erster Freund und fragte sie immer wieder, bis sie unsicher zustimmte. Sie fühlte sich dazu gedrängt und so, als dürfte sie nicht schon wieder Nein sagen. Sie war nervös, angespannt und hatte Schmerzen. „Heutzutage ist es so, dass man darüber redet, dass man nicht immer Ja sagen muss und dass das Überreden zu etwas absolut falsch ist. Früher haben das nicht alle so gesehen, erklärt die 26-Jährige. Diese Erfahrung ging nicht spurlos an ihr vorbei. Die Narben sitzen tief und haben in ihr eine Angst vor Intimität ausgelöst. „Ich bekomme bei dem Gedanken, mit einem Mann Sex zu haben, teilweise echt Panik, erklärt die 26-Jährige. „Ich frage mich immer wieder: Wieso hat meine Mutter mich überhaupt bei meinem damaligen Freund übernachten lassen? Warum hat mir nie wer erklärt, dass ich nicht mit ihm schlafen muss, wenn ich mich nicht danach fühle?

 

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Schamkultur und Tabus rund um Sexualität sind eine große Hürde in migrantischen Familien. ©Zoe Opratko

 

Aufklärung der nächsten Generation

 

Auch Adelina wurde von ihrer Familie nicht aufgeklärt, was dazu führte, dass sie jahrelang ihre Bedürfnisse nicht wahrnahm und ebenfalls Dinge tat, die sie eigentlich gar nicht wollte. „Es braucht offene Kommunikation, erklärt die 36-Jährige mit albanischen Wurzeln. Heute ist Adelina Mutter eines 13-jährigen Sohnes. Bereits mit sechs Jahren hat sie ihm Kinderaufklärungsvideos auf YouTube gezeigt. Sie baute sich, anders als ihre Eltern, eine Beziehung zu ihrem Sohn auf, in der er ihr ohne Scham Fragen zum Thema Sex stellen kann. „Ich habe ihm erklärt, dass er selber über seinen Körper entscheiden kann, damit er lernt, wo seine persönlichen Grenzen sind, erklärt sie.

 

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Vor allem junge Frauen werden in ihrer Pubertät nicht ausreichend aufgeklärt. ©Zoe Opratko

 

Bald möchte Adeline ihm zeigen, wie man verhütet und ein Kondom verwendet. Laut ihr hätten Menschen mit Migrationshintergrund eine verkorkste Vorstellung davon, wie Respekt den Eltern gegenüber gelebt werden könne, und hätten daher Angst, mit ihnen über intimere Themen zu reden. Sie will jedoch, dass sich ihr Sohn wohlfühlt und keine Angst hat. Sie will, dass er weiß, dass er mit jeder Unsicherheit zu ihr zu kommen kann. Das alles will sie, damit er nicht auf sich alleine gestellt ist – wie die Generationen vor ihm – und mit Irrglauben und Sex-Mythen aufwächst, die nur kontraproduktiv sind. ­Irgendwann geht sich das einfach nicht mehr aus. ●

 

 

Die Fotos wurden für die Geschichte nachgestellt.

 

 

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