Stell dich nicht so an! - Wenn Migra-Eltern psychische Erkrankungen nicht ernst nehmen

06. Februar 2024

Egal, ob Depressionen, Panikattacken oder Angstzustände: Viele Migra-Eltern können und wollen die psychischen Erkrankungen ihrer Kinder nicht anerkennen.

 

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Collage: Zoe Opratko

 

Von: Maria Lovrić-Anušić, Collagen: Zoe Opratko

Du hast ein Dach über dem Kopf, Essen und Trinken am Tisch. Was für einen Grund hättest du, traurig zu sein?, fragten Sanjas Eltern mit einem ironischen Unterton, als sie von ihren psychischen Problemen erzählte. Dass die 25-Jährige mit kroatischen Wurzeln in der Arbeit gemobbt wurde und sie dadurch mit starken Panikattacken und Depressionen zu kämpfen hat, möchten sie nicht wahrhaben. Sie stößt damit auf pures Unverständnis. Sie müsse sich doch um nichts kümmern, außer zur Uni zu gehen und zu arbeiten. „Immer, wenn ich versuche meine Panikattacken anzusprechen, wird mir nicht geantwortet. Es wird einfach nur hingenommen, als wäre es nichts, lässt Sanja ihrer Enttäuschung freien Lauf.

Sanja ist nicht die Einzige, die von ihren Eltern mit ihren psychischen Problemen alleingelassen wird. Wie weit verbreitet dieses Phänomen ist, zeigt sich auf Social Media. Immer mehr Migra-Kids berichten auf TikTok und Instagram davon, dass sie von ihren Eltern nicht ernst genommen werden, geschweige denn Unterstützung bekommen. Dabei leiden laut dem österreichischen Integrationsbericht aus dem Jahre 2022 gerade Menschen mit Migrationshintergrund deutlich häufiger an psychischen Erkrankungen wie Depressionen und chronischen Angstzuständen. Allein unter den Geflüchteten sind, laut dem österreichischen Depressionsbericht aus dem Jahre 2019, satte 30 bis 40 Prozent von Depressionen betroffen.

 

Unwissenheit und kulturelle Codes

Menschen mit Migrationsgeschichte stehen dem Konzept von psychischem Leid häufig skeptisch gegenüber, erklärt die Bildungsmanagerin und Geschlechterforscherin Emina Šarić. „Diese Skepsis basiert auf einer Mischung aus Halbwissen und Mythen über psychische Erkrankungen, welche in ihrer Heimat vorhanden sind.“ Viele Eltern, die aus dem Ausland nach Österreich migriert sind, haben dieses Gedankengut noch sehr tief verankert und sitzen in einer Bubble mit kulturellen Codes im Bezug zu Menschen mit psychischen Erkrankungen fest. Diese sind stark negativ behaftet und Betroffene werden prinzipiell ausgegrenzt, weshalb Eltern nicht wollen, dass ihre Kinder in dieses Narrativ fallen. Es herrscht eine große Wissenslücke zu den Themen psychische Gesundheit und Therapiemöglichkeiten.

 

Tabuthema: Psychische Erkrankungen

„Wir werden unser ganzes Leben schon gemobbt, weil wir Ausländer sind. Das ist normal, erklärten Sanjas Eltern ihr, als sie sich über ihre Mobbingerfahrungen auf der Arbeit beschwerte. Die 25-Jährige arbeitete, neben ihrem forderndem Vollzeit Jusstudium, in einer Anwaltskanzlei. Dort wurde sie ständig von zwei Kolleginnen gemobbt und für sie war das alles andere als normal. „Ich zog mich zurück, vermied es rauszugehen und bekam regelmäßig Panikattacken und Angstzustände, die ich zu verstecken versuchte, erzählt Sanja nachdenklich. Und das nicht ohne Grund. In ihrer Familie sind psychische Erkrankungen ein absolutes Tabuthema und werden immer nur runtergespielt. Diese ablehnende Haltung kommt nicht von ungefähr. In ihrer Heimat werden Menschen, die offensichtlich erkrankt sind, als verrückt abgestempelt und das wollen Sanjas Eltern für ihre Tochter nicht. Laut Šarić ist das ein häufiges Phänomen in Balkanstaaten. „Behinderte Menschen wurden im ehemaligen Jugoslawien absolut abgelehnt und Kinder mit Behinderungen häufig versteckt. Außerdem herrscht der Mythos, dass psychisch erkrankte Menschen ansteckend wären.“ Dieser Gedanke ist in den Köpfen von Sanjas Eltern noch sehr stark verankert. Wie man nach außen hin wirkt, ist demnach wichtiger, als wie man sich wirklich fühlt. „Man redet nicht über die eigenen Probleme, damit niemand dann über einen reden kann, erklärt die 25-Jährige. Nichtsdestotrotz hätte sie sich mehr Verständnis erwartet, da ihre Mutter selbst mit Depression diagnostiziert wurde. Sie hörte ihrer Mutter zu, wenn sie ihr von ihren Gefühlen berichtete und musste immer wieder schlucken, denn sie selbst fühlte sich genauso, nur schenkte ihr niemand Gehör. Sanja beschloss, ihre Probleme selbst in die Hand zu nehmen, und kündigte ihren Job. Seitdem geht es ihr zwar besser, doch mit den Panikattacken und dem Herzflattern hat sie heute noch zu kämpfen und überlegt deswegen auch, sich ohne die Hilfe ihrer Eltern in Therapie zu begeben. „Ich wünschte, sie würden mehr auf mich eingehen, sodass ich jetzt nicht allein mit mir kämpfen müsste.

 

Die „normale“ Tochter

„Mein Bruder hat eine geistige Behinderung, darum hatte ich das Gefühl, ich müsste die ‚Normalesein, erzählt Milica. Lange verheimlichte sie aus diesem Grund ihre Gefühle, doch mit 18 Jahren erzählte sie ihren Eltern ungewollt von ihren psychischen Problemen. Zuvor ist sie auf eigene Faust zu einem Arzt gegangen, der ihr Antidepressiva verschrieb. Als sie diese abrupt absetzte, hatte sie starke Nebenwirkungen und lag eine Woche krank im Bett. „Weil sich meine Eltern Sorgen gemacht hatten, dass mit mir körperlich etwas nicht stimmt, musste ich es ihnen erzählen.“ Ihre Mutter zeigte Verständnis, versank jedoch schnell in Selbstmitleid und fragte sich, was sie als Eltern falsch gemacht hätten. Ihr Vater sah das ganz anders. Sie müsse nur etwas mehr ausgehen oder einen Freund finden, dann wäre alles wieder gut. „Ich glaube, für meinen Vater sind Depressionen nichts Reales, sondern nur etwas, das man sich einbildet, erzählt die 28-Jährige mit bosnischen Wurzeln. Diese Einstellung kommt nicht von ungefähr. Ihre Eltern mussten sich nach dem Krieg ihren Weg durchkämpfen, da blieb keine Zeit, sich um ihre Psyche zu kümmern. Genau diese durchkämpferische Art erwartet sich der Vater auch von seiner Tochter. Laut Šarić nehmen Eltern häufig an, dass ihre Kinder ein Abbild ihrer selbst sind. Das führt dazu, dass sie von ihren Kindern verlangen, mit Problemen so wie sie selbst umzugehen. Mit 19 Jahren entschied Milica, nochmal allein zu einer Therapeutin zu gehen. Diese diagnostizierte ihre starke Depression, ADHS und eine soziale Angststörung. Auf Grund ihrer Diagnose musste sie ihren Job als Erzieherin aufgeben und in einen Langzeitkrankenstand gehen, in dem sie sich bis heute befindet. Echte Anerkennung für ihre Probleme bekommt sie jedoch noch immer nicht. „Mein Vater hat bis heute den Ernst der Lage nicht ganz verstanden, so Milica. Er gibt ihr regelmäßig seltsame Tipps, die er im Internet gelesen hat, wie sich beispielsweise einfach nur mehr mit Freunden zu treffen. Er möchte nicht verstehen, dass seine Tochter echte Probleme haben könnte. Auf der einen Seite verletzt es Milica, zu wissen, dass ihr Vater gar nicht versteht, wie es ihr geht. Auf der anderen Seite jedoch kann sie ihm nicht böse sein, da er es wahrscheinlich auch gar nicht besser weiß.

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Collage: Zoe Opratko

Die emotionale Vernachlässigung

„Ich glaube, meine Mutter hat unterschätzt, was meine Schwester und ich damals gebraucht hätten, erzählt Zahra. Als sie vierzehn Jahre alt war, flog ihre Mutter für ein Jahr in den Iran, da ihr Vater im Sterben lag. Die beiden Schwestern blieben mit ihrem Stiefvater, der viel arbeitete und an manchen Tagen auch gewalttätig war, zurück. Dabei hätte Zahra genau zu dieser Zeit eine mütterliche Hand gebraucht, die sie durch die Pubertät führt. Sie fühlte sich vernachlässigt und im Stich gelassen und so kam es dazu, dass sie begann, sich selbst zu verletzen. Nicht weil es ihr geholfen hat, sich besser zu fühlen, sondern um die Aufmerksamkeit ihrer Mutter auf sich zu ziehen. „Als meine Mutter zurückkam und meine Ritznarben sah, sagte sie mir nur, dass es nicht schön aussieht und ich deswegen damit aufhören sollte, so die Iranerin. Dass ihre Narben das Resultat von Depressionen und emotionaler Vernachlässigung waren, wollte ihre Mutter nicht akzeptieren, geschweige denn anerkennen. Laut ihr sollte sie sich nur etwas mehr zusammenreißen. Zahras Familie lebt nach dem Grundsatz: Wenn man schweigt, verschwinden die Probleme früher oder später ganz von selbst. Therapie im Gegensatz war für ihre Mutter ein absolutes No-Go, denn laut ihr würde man sich erst dadurch Probleme schaffen. „Ich glaube, dass sie einfach nur Angst hatte, dass die Familiengeheimnisse, für die sie sich schämt, rauskommen und dann Leute über uns reden würden, stellt die 27-Jährige fest. Diese Einstellung ist laut Šarić unglaublich gefährlich, da das Ignorieren der psychischen Bedürfnisse der Kinder laut der Kinderrechtskonvention unter emotionale Gewalt fällt und die Probleme der Kinder verstärken kann. So erging es auch Zahra. Durch die Vernachlässigung entwickelte sie bereits mit 15 Jahren Suizidgedanken. Mit diesen konfrontierte sie ihre Mutter erst letztes Jahr, elf Jahre später. „Meine Mutter meinte nur, dass meine Gründe, mir das Leben nehmen zu wollen, lächerlich waren, erzählt Zahra kopfschüttelnd. Dass sie mit 26 Jahren noch mal so von ihrer Mutter verletzt werden würde, hätte sie nicht erwartet. Ein offenes Gespräch über Zahras noch immer anhaltende psychische Probleme ist mit ihrer Mutter bis heute nicht möglich. Um anderen zu helfen, die ebenfalls in so einer Situation wie sie stecken, macht sie eine Ausbildung zur Kinder- und Jugendtherapeutin.

 

Das Durchbrechen der Spirale

„Ich weiß, dass meine Mutter selbst sehr viele Probleme hatte, und wenn ich jetzt als gleichaltrige mit ihr reden würde, hätte ich auch Verständnis für sie, resümiert Zahra. Viele migrantische Eltern haben selbst Traumata erlebt, sei es durch Flucht oder Diskriminierung, die sie nie aufarbeiten konnten. Sie waren damit beschäftigt, sich in einem neuen Land zurechtzufinden und ihren Kindern ein besseres Leben zu ermöglichen. Ihnen fehlte schlichtweg die Zeit, sich mit ihrer Psyche auseinanderzusetzen. Darum liegt es an uns und auch an den kommenden Generationen, über psychische Erkrankungen sowie Therapiemöglichkeiten aufzuklären, um diese Spirale des Schweigens endlich aufzubrechen. ●

 

HIER GIBT ES BERATUNG
Wenn du oder jemand den du kennst, psychische Beratung braucht, kannst du dich an folgende Stellen wenden:
 
●          Rat auf Draht: 147
●          Psychosoziale Dienste Wien: 01 4000 53000
●          Telefonseelsorge: 142
●          Notfallpsychologischer Dienst Österreich: 069918855400

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