Niemals gut genug? Die Migra-Hochstapler

20. Oktober 2023

„Bin ich gut genug? Habe ich verdient, in diesem Job und dieser Position zu arbeiten? Ich kann doch nix!“  Das Hochstapler-Phänomen ist bei Menschen mit Migra-Background besonders stark ausgeprägt – das merkt auch Autorin Maria Lovrić-Anušić, während sie an diesem Text schreibt.

 

Von: Maria Lovrić-Anušić, Illustrationen: Aliaa Abou Khaddour

 

 

Okay Maria, dieser Text muss jetzt perfekt werden, sonst merken alle, dass du eigentlich nichts draufhast, rede ich mir ein, während ich müde an meinem Schreibtisch sitze. Es ist kurz vor Mitternacht und meine Augen sind durch das Licht meines Laptops bereits rot, doch an das Schließen der Word-Datei denke ich noch lange nicht. Jeder Satz, den ich tippe, ist eine Qual. Löschen, erneut schreiben, zweifeln – der Druck, Perfektion zu erreichen, lastet auf meinen Schultern. Die Angst davor, den Ansprüchen der Vorgesetzten nicht zu genügen, ist ein strapazierendes Gefühl, das mich bis an den Rand des Wahnsinns treibt. Die Stunden verfliegen und trotz der Erschöpfung kann ich nicht aufhören. Die Angst, als Hochstaplerin entlarvt zu werden, ist stärker als die Müdigkeit. Erst gegen halb vier in der Früh, genervt und erschöpft, schließe ich endlich meinen Laptop. Dieses Szenario wiederholt sich immer und immer wieder. Es ist ein ständiger Kampf gegen das Gefühl, nicht gut genug zu sein und ein Ringen nach Anerkennung.

Das Gefühl, im Job nicht gut genug zu sein, den Arbeits- oder Studienplatz gar nicht erst verdient und bei Erfolgen ständig nur Glück gehabt zu haben, begleitet nicht nur mich. Sowohl in meinem unmittelbaren Umfeld als auch auf Social Media erzählen immer mehr Menschen, dass sie auch von solchen Gefühlen geplagt werden – und auch die Wissenschaft hat schon einen Begriff für die eingebildete Erbärmlichkeit: das  „Imposter Phänomen. Der Begriff ‚Imposterstammt aus dem Englischen und bedeutet so viel wie ‚Betrügerund genauso fühlen sich auch die Betroffenen. Obwohl sie objektiv betrachtet gute Leistungen erbringen, nagt in ihrem Hinterkopf der Irrglaube, dass ihre Umgebung sie jeden Moment als Hochstapler entlarven wird. Laut einer Studie der Wissenschaftler Jaruwan Sakulku und James Alexander aus dem Jahre 2011 finden sich satte 70 Prozent aller Menschen einmal in ihrem Leben in so einer Lebenslage wieder.

 

Illustration: Aliaa Abou Khaddour
Illustration: Aliaa Abou Khaddour
 

Fehlende Anerkennung und Wertschätzung

„Wenn die Leute heute nicht merken, dass ich meinen Job nicht gut mache, dann sehen sie es eben morgen, erzählt Yunus und lacht auf. Der 30-Jährige mit türkischen Wurzeln arbeitet als freier Journalist und eigentlich liebt er seinen Job. Allerdings kann er seine Kompetenzen selbst nur schwer anerkennen. Er spürt bei jedem Auftrag das Gefühl, nicht gut, schnell oder korrekt genug zu arbeiten. Diese ständigen Gedanken üben einen wahnsinnigen Druck auf ihn aus. Eigentlich ist ihm bewusst, dass er genauso wie seine Kolleg:innen qualitative Arbeit leistet. Doch im Hinterkopf schwebt der Gedanke, es sei kein Können, sondern er hätte einfach nur Glück, dass der Auftraggeber ihn einfach nur noch nicht als unfähig entlarvt hat. „Das hängt vielleicht damit zusammen, dass ich relativ wenige Erfolgserlebnisse in meinem Leben hatte.“ Yunus erzählt, dass er schlecht in der Schule war und auch im Studium „nur rumgeeiert“ hätte, ohne zu wissen, was er eigentlich machen wolle. „Ich hatte tausende Minijobs und da habe ich nie Anerkennung oder Wertschätzung für meine Arbeit bekommen, erzählt er ernst. In seiner Migrationsgeschichte sieht er ebenfalls eine mögliche Erklärung für sein mangelndes Vertrauen in seine Kompetenzen. Er ist der Ansicht, dass Migrantenkinder in ihrer Kindheit und Jugend oft zu hören bekommen, dass sie besser als alle anderen sein müssen. Dieser Druck, sich ständig mit anderen messen zu müssen, begründet er damit, dass Migrant:innen generell in der Arbeitswelt vor zusätzlichen Herausforderungen stehen. Yunus fasst es bedrückt zusammen: „Praktisch sollst du Rassismus kompensieren, indem du besser bist als die Einheimischen. Du sollst so überdurchschnittlich gut sein, dass Arbeitgeber nicht drumherum kommen, dich einzustellen.“ Doch die Realität sieht oft anders aus und Yunus war nicht immer besser als seine Kolleg:innen. Die damit einhergehende Vorstellung, dass er in Wirklichkeit über keinerlei Kompetenzen verfügt, hat sich tief in ihn verwurzelt. Heute fällt es ihm schwer, Lob von seinen Vorgesetzten anzunehmen, und er reagiert eher zurückhaltend auf positives Feedback. „Es passt einfach nicht zu dem, was ich in den letzten 30 Jahren von den Menschen um mich herum erfahren habe. Es passt nicht zu meiner Lebensrealität, wenn mir etwas Positives entgegengebracht wird.

 

Die migrantischen Imposter

„Forschungen zeigen, dass das Imposter-Phänomen vermehrt bei Menschen mit Migrationshintergrund und bei marginalisierten Gruppen auftritt, erklärt Psychotherapeut Philipp Lioznov. Laut ihm sei es jedoch wichtig zu betonen, dass das Phänomen keine Diagnose ist und es dafür keinen alleinstehenden Auslöser gäbe. „Erklären kann man sich das mittels des bio-psycho-sozialen Systems des Menschen, so Lioznov. „Bio“ steht für die Genetik. Wenn die Eltern in ihrem Leben starkem Stress ausgesetzt waren oder eventuell traumatisiert sind, geben sie das an ihre Kinder genetisch weiter. Der Punkt „psycho“ betrifft die individuelle psychische Verfassung. Hier spielen die eigenen Traumata, Stresssituationen und der Druck der Eltern eine wesentliche Rolle. Der dritte Aspekt, „sozial, wird oft übersehen, obwohl er entscheidend ist. Die soziale Umwelt, beispielsweise in Form von Rassismus, kann einen erheblichen Einfluss auf das Imposter-Phänomen haben. Es handelt sich demnach um ein komplexes Zusammenspiel aus mehreren Faktoren, die in den Menschen Komplexe auslösen.

 

„Soll ich wirklich weiterstudieren?

„Sie wissen, dass ihre Tochter nicht die Matura machen muss, oder?, mit diesen Worten versuchte Tatjanas Mathematikprofessorin ihrer Mutter in einem persönlichen Gespräch zu erklären, dass nicht alle Kinder für höhere Schulen gemacht sind. Die heute 20-Jährige, die serbische Wurzeln hat, befand sich zu der Zeit in der Oberstufe eines Gymnasiums. Eigentlich war sie eine recht gute Schülerin, doch durch die Worte ihrer Mathematikprofessorin fing sie, an sich fehl am Platz zu fühlen – alle ihre guten Leistungen waren plötzlich egal. Dieses Gefühl des „Nicht-gut-genug-Seins“ lässt sie bis heute auf der Fachhochschule nicht los. Sie studiert Content Produktion und spürt das ständige Bedürfnis, sich beweisen zu müssen. Tatjana ist eine der wenigen Studierenden mit Migrationshintergrund in ihrer Studienrichtung und besonders darin sieht sie die Wurzel ihrer Unsicherheiten. „Ich wünsche mir so ein bisschen, dass ich die gleichen Möglichkeiten hätte wie meine autochthonen Kommilitonen an der FH. Sie können einfach verreisen, unbezahlte Praktika absolvieren und haben Eltern, die sie im Studium finanziell unterstützen können. Da fühle ich mich so, als hätte ich da keinen Platz und würde nicht dahin gehören, erklärt sie bedrückt. Sie versteht nicht, warum sie diesen Platz auf der Fachhochschule bekommen hat, da sie ihn ihrer Meinung nach gar nicht verdient hätte. Sätze wie „Sollte ich nicht vielleicht abbrechen?“ oder „Soll ich wirklich weiterstudieren?“ machen sich in ihrem Kopf breit. Sie hat konstante Selbstzweifel und vergleicht sich mit ihren Mitstudierenden. Alle ihre Qualifikationen und Fähigkeiten sind nichts wert oder zumindest nicht so viel wie die der anderen. „Mir ist sehr wohl bewusst, dass Studieren etwas für jeden ist, aber vielleicht bin ich doch nicht dafür geschaffen, eine höhere Schule abzuschließen. Vielleicht sollte man das doch den Österreicher:innen überlassen, erzählt Tatjana.

Illustration: Aliaa Abou Khaddour
Illustration: Aliaa Abou Khaddour

 

„Ich blamiere mich doch nur

„Ich bin einfach ein sehr lieber, kommunikativer und offener Mensch und ich glaube, dass das vielen gefällt und sie deswegen gar nicht merken, dass ich eigentlich nichts draufhabe.“ Mit diesen Worten versucht Ana ihr Gefühl, sie würde Vorgesetzte hinters Licht führen, zu erklären. Dabei besitzt die 27-Jährige mit bosnisch-kroatischen Wurzeln mehr als nur Charme. Ihr Lebenslauf ist gefüllt mit erstklassigen Arbeitserfahrungen und auch ihr Masterstudium hat sie erfolgreich abgeschlossen. Nichtsdestotrotz plagen sie ihre Unsicherheiten. Als sich Ana letztes Jahr für einen Job als Kundenberaterin in einer großen Consulting-Firma bewarb, musste sie sich durch einen harten Bewerbungsprozess boxen. Einen Monat und vier Runden später hatte sie zwar die Stelle, doch vor allem in den ersten Monaten verfolgten sie Gedanken wie: „Oh mein Gott, wieso haben die mich genommen?“ oder „Irgendwann merken sie, dass sie einen Fehler gemacht haben.“ Die Frage, was die anderen über sie denken könnten, verfolgt sie auf Schritt und Tritt. Diese Denkweise hat sie schon früh von ihren Eltern vererbt bekommen. Ihnen war es wichtig, als Migrant:innen einen guten Eindruck zu machen und nicht schlechter als Österreicher:innen gesehen zu werden – das war die größte Angst der Eltern und immer mit unglaublich großer Scham verbunden. Doch diese Angst, etwas Falsches zu sagen oder zu machen, schränkt Ana nun ein, ihr wahres Potenzial zu zeigen. „Häufig in Gruppen-Settings traue ich mich nichts zu sagen, weil sich in mir solche Gedanken aufdrängen: `Die anderen werden es doch eh besser wissen und ich blamier mich jetzt nur, ich bin doch eh nicht kompetent genug, warum bin ich überhaupt hier?´ Ich unterschätze mich selbst enorm, erzählt sie bedrückt. Eine endgültige Lösung für diese Gedanken hat die 27-Jährige noch nicht gefunden, allerdings findet sie Lob hilfreich. „Wenn Kolleg:innen mir sagen, dass ich etwas gut gemacht habe, hilft das, erklärt sie. Sie warnt jedoch davor, von positivem Feedback abhängig zu werden und ermutigt dazu, auch ohne Bestätigung von anderen selbstbewusst und selbstständig zu handeln.

 

Sprecht über eure negativen Gedanken.

Obwohl es zu einfach klingen mag, ist Kommunikation der Schlüssel zur mentalen Entlastung. „Die Fähigkeit, seine Schwächen zu offenbaren, ist ein Zeichen von Stärke, betont Lioznov und ermutigt dazu, ehrlich über negative Gedanken zu sprechen. In den passenden Umgebungen und mit den richtigen Menschen kann dies eine äußerst heilsame Erfahrung sein. Sprecht mit anderen, erzählt von euch und fragt, ob sie das Gefühl kennen, ob es ihnen ähnlich geht. Irgendwer muss ja den Anfang machen. Dennoch beschäftigt mich, auch nachdem dieser Text von der Redaktion als gut befunden und abgedruckt wurde, die Frage: War das jetzt gut genug? ●

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