"Ich konnte trotz Doktortitel keinen Job finden."

21. März 2017

Im ungarischen Film „The Citizen“ spielt Marcelo Cake-Baly einen afrikanischen Geflüchteten, der um die ungarische Staatsbürgerschaft und um ein neues Leben kämpft. Für Cake-Baly nichts Neues. Der Schauspieler über Ungarns Politik, Rassismus und Emotionen.

von Jelena Pantić

biber: Wie führte Sie Ihr Weg von Guinea-Bissau nach Ungarn?
Cake-Baly: 1974 wurde ich von der Freiheitsbewegung nach Europa zum Studieren geschickt. Ich hatte mehrere Optionen, ich hätte in die ehemalige DDR gehen können, aber als es Zeit war für mich loszufahren, gab es dort keine freien Plätze mehr. Ungarn bat aber noch welche an und so bekam ich ein Stipendium, um dort zu studieren.

Haben Sie sich bei Ihrer Ankunft willkommen oder zurückgewiesen gefühlt?
Als ich ankam, waren alle sehr gastfreundlich und ich habe mich auf jeden Fall willkommen gefühlt. Es gab keine rassistischen Vorfälle, denn ein solches Verhalten war im Sozialismus tabu. Ich habe viele schöne Erinnerungen an meine Studienzeit. Nach meinem Abschluss hatte ich mit den üblichen Schwierigkeiten zu kämpfen, einen Job zu finden. Erschwerend kam für mich dazu, als Schwarzer eine Stelle zu finden, die meiner Qualifikation entspricht. Ich konnte keine Stelle als Ökonom finden, also arbeitete ich als Kontrolleur und zeitweise als Straßenbahnfahrer.

lets cee, the citizen
Foto: The Citizen
Und wie empfinden Sie die Situation heute?
Die Grundhaltung hat sich seit dem Sozialismus verändert. Heute kann jeder öffentlich sagen, was er will. Es ist mir schon widerfahren, dass ich auf der Straße beschimpft wurde. Aber dieses Problem gibt es in ganz Europa, nicht nur in Ungarn. Durch die Flüchtlingsthematik gab es europaweit Änderungen in der Einstellung der Menschen gegenüber Zuwanderern. Das betrifft nicht nur jene, die ankommen, sondern auch jene, die seit Jahrzehnten hier leben. Und das kann nicht gut sein. Die Atmosphäre, die seitens der Regierung zu spüren ist, bedeutet nichts Gutes. Nichtsdestotrotz sind die Menschen in meiner Umgebung unverändert freundlich zu mir.

Wilson, ihr Charakter im Film, wünscht sich nichts sehnlicher als die ungarische Staatsbürgerschaft. Sind Sie ungarischer Staatsbürger?
Ja, seit 1994. In diesem Jahr hab ich offiziell meinen Pass erlangt, dem Land meine Treue geschworen und ungarische Dokumente ausgestellt bekommen. Ich lebe mit meiner Familie in Budapest.

Ihr Charakter muss sich den Schikanen der Behörden hingeben und beispielsweise schildern, wie seine schwangere Frau ausgeweidet wurde. Wie sehr erkennen Sie sich selbst in „The Citizen“ wieder?
Um einen Charakter authentisch zu spielen, muss man in seine Haut schlüpfen. Ich war emotional an meine Rolle gebunden, denn sie durchlebt Situationen, die mir und Menschen in ganz Europa widerfahren und Spuren hinterlassen (Anm. d. Red.: bezieht sich auf die Schikanen der Behörden). Ich bin sehr froh, diese Rolle gespielt zu haben, denn so konnte ich mein Innerstes auf die Leinwand bringen.

Das ist Ihr Schauspiel-Debüt. Wie hat sich das ergeben?
Vor zwei Jahren ging ich im Zentrum von Budapest spazieren und wurde von einem Mann angesprochen. Er erzählte mir von seinen Plänen einen ganz besonderen Film zu drehen. Dieser Mann war Roland Vranik, der Regisseur. Ich habe sofort zugesagt, obwohl ich keinerlei schauspielerische Erfahrung hatte. Aber das Thema war mir so wichtig und mein Interesse so groß, dass ich nicht Nein sagen konnte. Für den Film nahm ich Schauspielunterricht bei meiner Schauspielkollegin Agnes Mahr. Letztendlich habe ich mich aber hauptsächlich auf meinen Instinkt verlassen.

Erfüllt Sie das Schauspielen mehr als Wirtschaft?
Ich trug für diesen Film eine große Verantwortung, weil mir der Regisseur von Anfang an vertraute. Ich wollte ihn keinesfalls enttäuschen, also gab ich mein Allerbestes. Ich versuche aber generell immer das Beste in allen Aspekten meines Lebens zu geben, ob als Manager, Straßenbahnfahrer oder Schauspieler. Ich bin überglücklich, dass der Film auf derart positive Rückmeldungen gestoßen ist.

„The Citizen“ (Originaltitel: Az állampolgár) ist der Eröffnungsfilm des Let’s CEE Festival 2017, das von 21. bis 27. März läuft. Spieltermine und weitere Infos unter: www.letsceefilmfestival.com

 

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