„Ich möchte das Vorbild sein, das ich nie hatte.“

17. August 2020

Ömer Öztas ist der jüngste Kandidat der Grünen bei der Wien-Wahl 2020. Biber hat den Wiener auf der hippen Dachterrasse des Ruby Hotels im siebten Bezirk getroffen. Dabei kam ein Gespräch über Türkis-Grüne Koalitionen, seine Dolmetscherrolle in der Familie und das beste Çiğ Köfte in Wien heraus.

Von Naz Kücüktekin und Eugénie Sophie (Fotos)

Ömer Öztas
Eugénie Sophie

biber: Schönen Feierabend erst mal. Wie war dein Arbeitstag?

Ömer Öztas: Ein bisschen anstrengend (lacht). Ich bin Zivildiner in einem Kindergarten. Das ist bei mir ziemlich unerwartet gekommen, weil ich aufgrund der Corona-Krise einberufen wurde.

Und gleichzeitig kandidierst du auf dem 14. Listenplatz der Grünen für die Wien-Wahl 2020. Wie kam es dazu?

Oh, das ist eine lange Geschichte. Da müsste man wahrscheinlich bei meiner Politisierung beginnen.

Wir haben genug Zeit.

Ich stamme aus einer türkischen Gastarbeiter-Familie. Mein Großvater kam in den 70er Jahren nach Österreich. Ich bin also, wenn man es so möchte, Österreicher der dritten Generation hier. Ich bin auch in Wien geboren, ich liebe und lebe diese Stadt. Und Politik hat mich mit 14 Jahren zu interessieren begonnen. Ich wollte mein Umfeld verstehen und bin draufgekommen, wir sind anders als die autochthonen Österreicher in diesem Land.

Wodurch hast du das bemerkt?

Zum einen durch meine erste Rassismuserfahrung in der Schule. Ein Lehrer hat gesagt, ich werde nie studieren können, weil ich türkischer Abstammung bin. Da hat es bei mir Klick gemacht. Aha, da gibt es Leute, die akzeptieren es nicht, wie ich oder meine Eltern sind und leben. Zum anderen war die Sache mit der Repräsentation. Meine Mutter wohnt seit ihrem 17. oder 18. Lebensjahr in Wien und kann kein gutes Deutsch. Deswegen musste ich ihr bei Amtswegen als Dolmetscher helfen. Das hat mich dazu gebracht, ein Level höher zu gehen und jenen eine Stimme zu geben, die in der Politik nicht repräsentiert sind.

Und wie bist du bei den Grünen gelandet?

Bei der Bundespräsidentschaftswahl 2016 fiel mir die Wahl zwischen einem links-progressiven Professor und rechtsnationalistischen Hofer nicht schwer. Dadurch bin ich dann in die grüne Bubble hineingekommen. Zuerst als Aktivist, später in der Grünen Jugend. Und 2019, mit dem Wiedereinzug ins Parlament, habe ich als parlamentarischer Mitarbeiter für David Stögmüller (Anm.: Nationalratsabgeordneter der Grünen und Mitglied im Ibiza U-Ausschuss) gearbeitet. Nach all den Jahren dachte ich mir, ich habe meine Themen, ich will schauen, ob es klappt. So bin ich auf Platz 14 gelandet.

Was ist deine Vision für Wien?

Also ich sehe Wien als fitte, hippe und einfach leiwande Stadt. Ich möchte meinen Beitrag leisten, dass Wien lebenswerter, grüner und leiwander für Jugendliche wird.

Wie genau willst du das erreichen?

Ein Punkt wäre, die Partizipartionsmöglichkeiten zu erhöhen. Weil ich bemerkt habe, dass man, obwohl man ab 16 Jahren das Wahlrecht hat, wenige Möglichkeiten hat sich einzubringen und die Gesellschaft und Politik mitzugestalten. Ein Projekt, das mir da vorschweben würde, wäre ein Kinder-und Jugendparlament.

Die gibt es doch schon in einigen Bezirken.

Ja, aber die sind nicht wirklich strukturiert. Ich hätte gerne ein kommunales Projekt. Was mir noch ein Anliegen wäre, ist, einen Safe-Place für Jugendliche aus Minderheiten, sei es aufgrund der Herkunft oder der sexuellen Orientierung, zu schaffen, wo sie sich konsumfrei miteinander austauschen können. Es gibt zwar Jugendzentren, die sind aber auch nicht in allen Bezirken im gleichen Maße ausgebaut.

Hast du politische Vorbilder?

Ich habe mir immer ein Vorbild gesucht, das jung und migrantisch ist, aber nie gefunden. Deshalb trete ich auch an. Ich möchte das Vorbild sein, das ich nie hatte.

Ist der „klassische“ türkische Gastarbeiter deine Zielgruppe?

Meine Zielgruppe ist die Jugend, insbesondere die mit Migrationsbiografie. Ich denke, man muss sie dort auffangen, wo sie in der Entwicklungsphase sind und vielleicht die ersten Rassismuserfahrungen machen und ihnen zeigen: Es gibt auch ein anderes Österreich. Wir sind eine neue Generation von Menschen in Österreich, wir sind Teil dieser Gesellschaft und sollten uns auch so sehen.

Grad bei der AKP-nahen Schicht ist die eher pro-kurdische Positionierung der Grünen ein Problem. Vor allem die kurdischstämmige Politikerin Berivan Aslan hat einen schweren Stand in der konservativen Community.

Ich habe selbst in der Familie kurdisch-stämmige Leute und wir verstehen uns gut. Ich sehe das nicht als Türken - Kurden, sondern als ideologisches Problem. Es ist ein Problem von Faschisten, die eine Demo angegriffen haben. Die Grauen Wölfe sind eine extremistische Organisation. Ich denke, es ist eher als Chance zu sehen, dass jemand wie Berivan Aslan dabei ist, und so ein interkultureller Diskurs möglich ist.

Wie siehst du die bundesweite Koalition der Grünen mit der ÖVP?

(Lacht) Als junge Stimme stehe ich kritisch dazu. Aber die letzten Monate haben gezeigt, dass die Grünen in der Regierung viel bewirken. Insbesondere in der Corona-Krise, wie Rudi Anschober das zum Beispiel gemanaget hat. Unabhängig davon ist es toll, was für ein Vorbild Justizministerin Alma Zadic für junge Frauen oder Menschen mit Migrationshintergrund sein kann.

Wie würdest du zu einer Wiener Grünen-ÖVP-Koalition stehen?

NEOS haben eine Koalition mit der ÖVP ausgeschlossen, sowie die Grüne Vizebürgermeisterin Birgit Hebein. Ich selbst bin für eine progressive Rot-Grün Stadtregierung.

Wie siehst du deine Chance, in den Landtag einzuziehen?

Ich habe mir viele Gedanken gemacht. Letztendlich ist es nur ei Mandat. So lange es ein schönes grünes Ergebnis gibt, freue ich mich, egal ob ich dabei bin oder nicht.

Gut, genug von der Politik. Hast du noch ein paar Wien-Tipps für uns?

Ich komme aus dem 20. Bezirk. Ich bin dort in die Schule gegangen, das ist mein Grätzel. Da gehe ich gern Çiğ Köfte essen, bei „Cigköftem“ (20., Jägerstraße 39). Ansonsten mag ich das Westend (7., Mariahilfer Str. 128). Ich bin nämlich neben Çiğ Köfte auch ein leidenschaftlicher Apfelstrudel-Esser. Und der hat wirklich guten.

 

Wer ist er?

Name: Ömer Öztas

Alter: 20

Besonderes: Laut eigener Aussage jüngster Kandidat der Wien-Wahl 2020

Hat eine Katze namens „Tarcin“ (auf Türkisch Zimt)

 

 

 

 

 

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