Mehr als nur Tschuschencomedy

03. Juni 2019

Während in Deutschland Namen wie Enissa Amani und Kaya Yanar aus der Comedy-Szene nicht wegzudenken sind, haben Comedians mit Migrationshintergrund in Österreich nichts zu lachen.

Von Melisa Erkurt, Fotos: Marko Mestrović

2015 feierte man ihn als neuen Stern am Kabaretthimmel, Kritiker prophezeiten ihm eine große Zukunft, mit seinem Programm „Ghettoneurotiker“ spielte er in der ausverkauften Wiener Kabarettbühne Orpheum. Doch dann wurde es still um Mario Lučić, dem Wiener Comedian mit bosnischen Wurzeln. Sein zweites Soloprogramm „Adoleszenz“, das sich mehr mit Themen rund ums Erwachsenwerden und weniger mit Migranten beschäftigt, konnte nicht an den Erfolg von „Ghettoneurotiker“ anknüpfen. Weil die Theater ihm auf seine Anfragen nicht einmal mehr zurückschreiben, spielt er in Graz in kleinen, veganen Cafés. Aus der TV-Show, in der er mitwirken soll, wird dann doch nichts, den Machern gefällt das neue Programm von Lučić nicht.

Comedian
„Sie wollten, dass ich ihnen den Tschuxl mache“, sagt Mario Lučić

„Sie wollten, dass ich ihnen den Tschuxl mache“, sagt der 28-Jährige. Comedians mit Migrationshintergrund haben es schwer, in der österreichischen Kabarett-Szene Fuß zu fassen. Für die großen Bühnen fehlen ihnen die Connections, für den Österreichischen Kabarettpreis werden sie nicht nominiert, etablierte heimische Comedians engagieren sie nicht als Voracts und von eigenen TV-Shows im Fernsehen können sie nur träumen. Stattdessen mimen Komiker wie Robert Pallfrader mit serbischem Akzent und Jogger den Prototypen eines Migranten und das österreichische Publikum lacht. Anfang Februar startete mit „Comedy Grenzgänger“ auf Puls4 das einzige Format im heimischen Mainstream-TV, das migrantische Comedians vor den Schirm holt.

Der iranischstämmige Kabarettist Omar Sarsam führt durch die sechs Episoden. Sarsam selbst ist hauptberuflich Kinderchirurg. Er schlüpft auf der Bühne gerne in die Rolle des lauten Migranten in gebrochenem Deutsch, erzählt in seinen Solo-Shows Anekdoten aus seiner Kindheit mit seiner kroatischen Nanny, ist selbst aber, genauso wie die einzigen erfolgreichen Kabarettistinnen mit Migrationshintergrund, Nadja Maleh und Aida Loos, kaum verwurzelt in der weniger privilegierten migrantischen Community. Beim österreichischen Publikum kommt dieser Typ eines migrantischen Comedians gut an, doch das junge, multiethnische Publikum sehnt sich nach Authentizität und Augenhöhe, nach jemandem, der ihre Sprache spricht. So jemand ist Aladdin Jameel.

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Der 28-Jährige kam als Flüchtling nach Österreich. Zuvor war er mit seiner Mutter aus dem Irak in die Türkei geflohen und besuchte in Istanbul die Volksschule. Freitags erzählen sich die Kinder immer Witze, nach ein paar Woche gehen den anderen die lustigen Anekdoten aus, nur Aladdin Jameel bringt die Klasse weiterhin Woche für Woche zum Lachen. „Damals wusste ich eigentlich schon, dass ich das immer machen will“, sagt der 28-Jährige heute. 2000 kommt er mit seiner alleinerziehenden Mutter und seinen Geschwistern nach Österreich. Jameel ist fasziniert von den unterschiedlichen Kulturen, die in Wien zusammenleben. Er kommt in die Hauptschule, freundet sich mit Tschetschenen, Iranern und Philippinern an. Sie hängen im Park ab, eine ihrer Beschäftigungen: gegen Mulltonnen treten – mit diesen Anekdoten wird Aladdin Jameel Jahre später hunderte Menschen zum Lachen bringen.

Comedian
Aladdin Jameel bringt schon in der Volksschule seine Mitschüler zum Lachen.

Aladdin und die Wunderlampe

Nach der Schule macht er keine Ausbildung zu Ende, landet mit 16 beim AMS. Er verspielt sein Geld am Automaten und raucht viel zu viel Gras. Jameel hat zu der Zeit zehn verschiedene Jobs – von Callcenter, Baustelle und Türsteher bis zur Kindergartenaushilfe – doch nichts ist für die Zukunft. Mit 25 beginnt er an seinem Leben zu zweifeln, zusätzlich plagen ihn gesundheitliche Probleme. Er denkt oft an seine Vergangenheit, die Flucht, seine Familie, aber auch daran, wie gern er schon immer andere zum Lachen gebracht hat. Da beschließt er, Stand-up zu machen, sein Leben bietet schließlich genug Stoff.

Ein halbes Jahr lang tritt er viermal pro Woche auf open mics in Wien auf, manchmal nur vor fünf Leuten. „Meine Eltern haben bei meiner Zeugung zu viel Disney geschaut“ – Witze über seinen Namen kommen besonders gut an. Aber seine Zielgruppe, Migranten, geht nicht zu open mics oder ins Kabarett. Um sie zu erreichen beschließt er, in Clubs aufzutreten: Zuerst Comedy und dann Party. „Bruder, geil, kein Eintritt und keine Türsteher, erklärt er das Konzept. Und es geht auf. In der Community spricht sich der Comedian, mit dessen Kindheitsgeschichten sich Migranten der zweiten und dritten Generationen identifizieren können, rum. Immer mehr von ihnen besuchen seine Shows. „Sie sollen sich nicht nur Comedy auf YouTube anschauen, ich will Migranten erziehen, ins Kabarett zu gehen und Comedy als Kunstform zu schätzen“, sagt Jameel.

Auch in der Wiener Comedy-Szene wird man auf den Neuen mit dem ungewöhnlichen Namen aufmerksam. Als Voract zu seinen Shows lädt ihn aber keiner der österreichischen Kollegen ein, er passe nicht zu ihrem Programm. „Für die ist das, was ich mache, nur Tschuschencomedy, die nehmen das nicht ernst.“ Für seine Auftritte wird er mittlerweile öfter in Deutschland als in Österreich gebucht. Aladdin Jameel merkt schnell, dass er es in Österreich als Migrant alleine in der Szene nicht so einfach schaffen wird. Also spricht er andere Comedians mit Migrationshintergrund an. Gemeinsam mit Mario Lučić , Walid Azak, Darius Asadian und Jack Nuri tritt er seit sechs Monaten als Comedy-Quintett „machturbo“ auf.

Comedian
Asadian hat ein Talent: Akzente nachmachen.

„Türken brauch ma ned“

„Jack Nuri hat uns den Weg geebnet“, sagen die vier Jungen über die türkische Ottakring-Legende. Nuri macht seit zehn Jahren nebenberuflich Comedy, er ist der erste türkische Comedian in Österreich. Neben seinen Stand-up-Shows hat der Kfz-Mechaniker auch drei Bücher rausgebracht. Vor zwei Jahren wird der 45-Jährige auf Aladdin Jameel und die anderen aufmerksam. Er lässt die vier nach und nach als seine Warm-ups auftreten. Nuri weiß schließlich, wie schwer man es als Migrant im Comedy-Biz hat. Er wurde in seiner Anfangszeit von den Theatern abgelehnt, vom österreichischen Publikum beschimpft, die Wirtshäuser wollten seine Flyer nicht auflegen – „Türken brauch ma ned“. Doch Nuri macht weiter. Als die Medien auf ihn aufmerksam werden, befragen sie ihn zur Türkei, Islam und Erdogan. Fernsehproduktionen bieten ihm Rollen als islamischer Prediger, Asylwerber oder Vergewaltiger an – nur als Comedian interessiert er sie alle nicht so wirklich.

Während in Deutschland migrantische Comedians wie Kaya Yanar, Enissa Amani, Serdar Somuncu und Bülent Ceylan längst nicht mehr aus dem Fernsehprogramm wegzudenken sind, arbeitet Nuri nach wie vor hauptberuflich in seiner Werkstatt. Aber das soll sich in Zukunft ändern. „Österreichische Comedians werden irgendwann aussterben, die kommen nicht ohne uns aus“, sagt Nuri. Weil sie darauf aber nicht warten wollen, schließen sich die fünf Wiener Comedians zusammen, um es gemeinsam schneller ans Ziel zu schaffen: Mario Lučić hat die Balkan-Community hinter sich, Aladdin Jameel spricht die Generation-YouTube an, der Franzose Walid Azak nach eigenen Angaben Frauen und Darius Asadian vereint österreichisches und migrantisches Publikum – gemeinsam treten sie als „machturbo“ auf. Mittlerweile haben sie zwei weitere Personen im Team, die im Hintergrund alle Auftritte organisieren – ganz ohne Österreicher geht es dann doch nicht.

Comedian
Walid Azak spricht mit seiner Comedy Frauen an – nach eigenen Angaben

Der Privatschüler unter den Ghettokids

Während den anderen von „machturbo“ TV-Rollen als Asylwerber angeboten werden, wird Darius Asadian als Asylwerber-Anwalt angefragt. Als Sohn einer Kroatin und eines Iraners besuchte der 28-Jährige das Lycee-Francais in Wien, studierte und arbeitet heute bei Apple. Aus seiner Zeit in der renommierten Privatschule lernt er, verschiedene Akzente nachzuahmen. Er macht den türkischen Brunnenmarkt-Verkäufer genauso authentisch nach wie den österreichischen Polizisten – das sorgt für die meisten Lacher im Publikum bei Migranten und Österreichern.

Vom österreichischen Publikum bekommt er Komplimente für sein Deutsch, sie loben ihn für seine Integration, „eine Verschwendung, dass du hier mit den anderen auftrittst, du gehörst auf größere Bühnen“, sagen sie ihm. Er verkörpert den Typ migrantischer Comedian, der scheinbar am besten beim österreichischen Publikum ankommt. Er kann den Akzent jeder Migrantengruppe perfekt mimen, als Ärztesohn ist er aber ganz anders aufgewachsen als die Rollen, in die er schlüpft. „Ich bin kein Ghettokind“, sagt er selbst. Er benutzt als einziger der „machturbo“-Gruppe keine Schimpfwörter und weiß genau, dass der Wiener-Schmäh beim österreichischen Publikum ankommt und Anekdoten aus seiner Kindheit als iranisch-kroatischer Sohn bei den Migranten ziehen - er verbindet beides.

Im Publikum von „machturbo“ sitzen trotzdem zu 80% Migranten, die sonst keine Comedy-Shows besuchen, für viele ist „machturbo“ die erste. „Österreichischen Humor verstehe ich nicht, das was Aladdin und Co machen ist für mich lustig“, „Die Burschen sprechen unsere Sprache, sie erzählen unsere Storys“, „In den USA haben es Kevin Hart und Dave Chapelle vorgemacht. Österreich hinkt wie immer hinterher, aber endlich gibt es auch bei uns gute Comedy von Migranten“ – O-Töne aus dem Publikum der ersten machturbo-Show, die aufgezeichnet wird. „ORF und Okto wollten uns nicht, deshalb zeichnet A1 auf“, eröffnet Aladdin den Abend.

Die Lacher, der tosende Applaus – Momente wie diese zeigen es ganz deutlich: Das junge, migrantische Publikum sehnt sich nach dieser Art von Comedy. Beweis dafür sind nicht nur die ausverkauften Shows von „machturbo“: Ihr deutsches Pendant „Rebell Comedy“ feiert bereits ihr 10-jähriges Bühnenjubiläum und ist erfolgreicher denn je. Auf Netflix erscheint ein Special nach dem anderen von Comedians mit Migrationshintergrund - Mohammed Amer, Maz Jobrani, Ali Wong, Hasan Minhaj, Cristela Alonzo, Kavin Jay, Aziz Ansari, Kaya Yanar und Enissa Amani sind nur einige internationale Namen von Comedians mit Migrationshintergrund, die es geschafft haben. Vielleicht gehört irgendwann auch jemand aus Österreich dazu, vielleicht ja jemand von „machturbo“.

 

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