OTPOR - Die Umsturz GmbH

04. Mai 2011

Wie stürzt man einen Diktator – und das ohne Gewalt? Der Gründer der serbischen Widerstandsbewegung „Otpor” Srdja Popović zeigt wie’s geht. Und das weltweit. Selbst ägyptische Demonstranten am Tahrir-Platz schwenkten die Otpor-Symbole. Das kleine Büro des Revolutionsprofis befindet sich im tristen Belgrader Bezirk „Novi Beograd”.
biber hat die Umsturz-GmbH besucht.

 

 

Graue sozialistische Bauten, eine Trafik und ein kleines Kaffeehaus umringen das Büro der Canvas-Organisation (Zentrum für angewandte gewaltlose Aktion und Strategien). Eine Stunde braucht das Taxi aus dem noblen Stadtzentrum in den Belgrader Außenbezirk „Novi Beograd“.

 


Abgesehen vom Straßennamen gibt es keinen Hinweis, dass hier ein Mann sein Büro hat, der maßgeblich an einem Stück serbischer Geschichte beteiligt war. „Alle glauben, dass wir unser Büro absichtlich in die „Gandijeva 76“ (dt. „Gandhi-Staße“) einquartiert haben“, erzählt Srdja Popović lachend. „Im Endeffekt war aber vor allem der Mietpreis ausschlaggebend und nicht der Name“, fügt er schmunzelnd hinzu.

 

 

 

 

 

 

 

Popović „residiert“ auf knappen 20 Quadratmeter mit zwei Mitarbeiterinnen. Computer gibt es hier nicht. Alle haben einen Laptop. „Ich war dieses Jahr bereits drei Mal für mehrere Wochen im Ausland, da muss man mobil sein“, erklärt der Serbe und bittet an den überdimensionalen Konferenztisch. Der Tisch nimmt fast den ganzen Raum ein. Hier werden die Strategien für gewaltlose Revolutionen auf der ganzen Welt ausgearbeitet. Dafür braucht man halt Platz.

 



Glückwunsch-Graffitis zum Geburtstag
Nach einem kurzen Gastspiel in der serbischen Politik gründete Popović 2003 die Umsturz-GmbH „Canvas“.  Seitdem klopfen immer öfter oppositionelle Bewegungen aus aller Welt an, um sich die Tipps und Tricks zu holen. Immerhin ist der Mann ein Profi. Popović war wesentlich an der Studentenbewegung „Otpor” beteiligt, die vor allem mit lustigen, aber gewaltlosen Aktionen gegen den früheren serbischen Machthaber Milošević punktete. Noch heute schmunzeln viele Belgrader über die „Glückwunsch“-Aktion am Geburtstag des Diktators. Halb Belgrad wurde damals von den Studenten mit Graffitis zugetagt. Auf diesen gratulierten sie Milošević zu seinen „Errungenschaften“: den Balkan-Kriegen, der katastrophalen wirtschaftlichen Lage und vor allem zur Einschränkung der Meinungsfreiheit. Deswegen verbrachte Srdja Popović, wie auch viele seiner Mitstreiter, auch einige Zeit im Gefängnis. „Es waren sechs Stunden. Damals im August 1999 haben sich die Polizisten ordentlich an mir abreagiert“, erzählt er. Sein Spitzbuben-Lächeln hat er sich trotzdem bewahrt.

 



Der Jetset-Revoluzzer
100.000 Meilen hat Srdja alleine 2011 mit dem Flugzeug zurückgelegt. Der junge Serbe ist weltweit als Berater gefragt. „Ich bringe ihnen keinen Koffer indem die Revolution steckt, die sie sich schon lange wünschen“, erklärt er seinen Ansatz. „Es ist vielmehr die Geschichte von Otpor, die ich erzähle und ich schildere, welche Werkzeuge wir damals benutzten“.Mehr als hundert Personen wurden bis heute von Srdja und seinen zwei Kolleginnen geschult. Auch die Initiatoren der sogenannten Rosen-Revolution in Georgien (2003), der Orangen Revolution in der Ukraine (2004) oder der Zedern-Revolution in Libanon (2005) machten sich laut Popović die Erfahrungen von Otpor zunutze. Auch einige ägyptischen Revolutionsführer besuchten kurz vor dem Showdown am Tahrir Platz ein Training in Belgrad. Das Otpor-Markenzeichen, ein Plakat der geballten Faust, tauchte daraufhin in den Demonstrationsumzügen auf.


Umstrittene Sponsoren
Geld verlangt Srdja Popović für die Beratungsdienste nicht. „Wir machen diese Arbeit aus purer Überzeugung. Natürlich würde es nicht ohne Sponsoren funktionieren“, sagt er. Während der serbischen Revolution im Jahr 2000 war die U.S.-Regierung der Geldgeber für die Otpor-Aktionen. Denn das Organisieren und Bereitstellen von Plakaten, Fahnen, Suppenküchen und Zeltlagern war nicht ganz billig. Auch die serbische Diaspora spielte eine große Rolle bei der Finanzierung von Otpor. Trotzdem muss sich Srdja oft den Vorwurf der zu engen Bindung an das in Serbien unbeliebte Amerika gefallen lassen. Etwas, das ihn noch immer sichtlich in Aufruhr versetzt. „Natürlich ärgern mich diese Vorwürfe. Die USA gehören zu unseren Helfern, aber das heißt noch lange nicht, dass ich mir sagen lasse wie, wann und wo ich etwas zu tun habe“, erklärt er energisch. Popović: „1999 wäre meine Mutter fast in den NATO-Bomben gestorben, sie ist nur knapp entkommen. Sechzehn ihrer Kollegen hatten kein Glück. Alles Menschen die ich gut kannte. Wie kann man dann glauben, dass gerade ich mich von den U.S.A instrumentalisieren lasse?“ Heute finanzieren laut dem Revolutions-Consulter vor allem private Spenden die Arbeit von Canvas.

 



Misson Impossible?
In vielen Ländern, in denen eine Revolution stattfand und die Srdja und sein Team beraten haben, fließen heute trotzdem nicht Milch und Honig. Noch immer kämpften die Ukraine, Georgien und der Libanon mit instabilen politischen Strukturen und Korruption. Alte Machthaber gelangen zurück zur Macht – diesmal jedoch legitimiert durch demokratische Wahlen. Etwas das Srdja Popović beobachtet, aber nicht weiter kommentieren will. Nur eines will er loswerden: „Eine Revolution soll freie Wahlen, freie Meinungsäußerung und das Beenden der terroristischen Herrschaft ermöglichen. Wenn das Volk die Alten wieder an die Macht wählt – tja, das ist dann wirklich nicht mehr mein Problem.“



Was ist OTPOR?
Die Widerstandsgruppe Otpor (kyrillisch: ОТПОР) wurde in den 90er-Jahren von Studenten in Serbien gegründet. Ihr Ziel: Die Ablösung des damaligen Präsidenten Milošević und die Einführung von freien Wahlen und freier Meinungsäußerung. Ihre Taktik: gewaltloser Widerstand, der vor allem von humoristischen Aktionen begleitet wurde. Der Widerstand gipfelte am 5. Oktober 2000 in einen Streik, der das ganze Land lahm legte. Slobodan Milošević wollte die verlorenen Wahlen vom 24. September nicht anerkennen. Auf Betreiben von Otpor versammelten sich fast 100.000 Menschen in Belgrad um gewaltlos gegen den Präsidenten zu protestieren. Obwohl den anwesenden Polizisten der Befehl zum Schiessen erteilt wurde, verzichteten sie auf den Griff zur Waffe. Am 6. Oktober 2000 dankte Milošević ab.



Wer ist Srdja Popović?
1998 gründete der Serbe die studentische Widerstandsbewegung „Otpor“, die sich ganz im Sinne von Mahatma Gandhi für gewaltlosen Widerstand gegen das Regime einsetzte. Nachdem Slobodan Milosević  am 06.Oktober 2000 abdankte, trat Popovic der neuen serbischen Regierung unter Zoran Đinđić bei. Nach der Ermordung seines Mentors verlor er jegliches Interesse an serbischer Politik. Noch im selben Jahr gründete er in Belgrad das Zentrum für angewandte gewaltlose Aktion und Strategien (Canvas). Srdja Popović berät seitdem Revolutionsführer und die, die es gerne werden würden auf der ganzen Welt.



Weitere Infos:
www.canvasopedia.org

Filmtipp:
„Bringing Down a Dictator“ – Dokumentation über OTPOR

Buchtipp:
„Nonviolent Struggle“
Die Anleitung für eine gewaltlose Revolution

 

von Monika Bratić und Darko Stanimirović (Fotos)

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Kommentare

 
 

danke für den hinweis!im heft stehts eh richtig! Hier wurde irgendwie die falsche version gepostet!

 

Wie groß war diese Bewegung und wo war sie in den 90er Jahren????

 

deine frage versteh ich jetzt nicht. aber ich versuch trotzdem zu antworten:
sie wurde in den 90er jahren gegründet. otpor war eine studentenbewegung. genaue "mitgliedszahlen" gibts nicht. am 05.oktober konnten sie an die 300.000 personen mobilisieren die vor dem regierungsgebäude in belgrad demonstriert haben.
die slogans "gotov je" & "otpor" tauchten damals in ganz serbien auf.
die 90er haben sie vor allem dazu benötigt um ihre organisation aufzubauen. es war keine geschichte die von heute auf morgen funktioniert hat. die aktionen haben sich leider oft nur auf belgrad konzentriert. trotzdem konnten sie ende september 2000 die bergbauarbeiter auf ihre seite ziehen, die einen streik begannen und eine großzahl von anderen fabrikarbeitern haben sich dann angeschlossen.

 

Danke für die Antwort (du hast sie genau richtig beantwortet)! Die 90er waren sicher nicht einfach für eine solche Organisation unter dem Regime von Milosevic. Hab vor kurzem auch ein Interview mit der derzeitigen Linken in Serbien gelesen... Fand ich auch echt super, insbesondre da es Menschen in der serbischen Politik gibt die aktiv versuchen einen liberalen Weg zu gehen und Aufklärung zu betreiben!

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