"Die größte Herausforderung ist es, den unterschiedlichen Bildungshintergründen gerecht zu werden"

22. August 2016

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PROSA - Projekt Schule für alle
Foto: PROSA / Sabine Pichler

PROSA – das Projekt Schule für Alle feiert bald seinen vierten Geburtstag und zählt bereits mehr als 50 Absolventinnen. Es bietet jungen Menschen mit Fluchterfahrung, die sonst keine Möglichkeit auf einen Ausbildungsplatz haben, Basisbildungskurse und einen Pflichtschulabschluss.

Die Sozialarbeiterin Marlene Panzenböck spricht über Religionsunterricht, Frauenräume und Herausforderungen im Bildungsalltag.

 

Welche Nationalität haben die SchülerInnen bei euch überwiegend?

Der größte Teil kommt aus Afghanistan, danach Somalia, Syrien, Irak, Tschetschenien und Nigeria. Dann haben wir noch einzelne SchülerInnen aus Äthiopien, Tibet und einigen anderen Ländern.

Welche Schwierigkeiten ergeben sich, wenn man Menschen mit so unterschiedlichen Kulturen zusammenbringt?

Ich denke, zu einem großen Teil gibt es ähnliche Schwierigkeiten wie in jeder anderen Schule, dass einfach junge Menschen zusammenkommen, die sich mal verstehen, mal auch nicht. Für uns ist die größte Herausforderung, den unterschiedlichen Bildungshintergründen gerecht zu werden. Wir haben pro Standort vier Klassen mit unterschiedlichen Modulstufen, wo man je nach den Kompetenzen in Mathematik, Deutsch und Englisch in unterschiedlichen Gruppen sein kann. In Wirklichkeit bräuchte es aber noch eine viel genauere Gliederung. Es ist beispielsweise so, dass zwei Personen vom sprachlichen Niveau auf A2 sind, aber der Bildungshintergrund der einen Person ist, dass sie schon elf Jahre in der Schule war, während die andere Person noch nie in der Schule war. Von dem her ist dann das Lerntempo auch ein ganz anderes. Man muss ja auch zuerst lernen, wie man lernt.

Gibt es auch Religionsunterricht bei euch?

Nein. Wir akzeptieren alle Religionen. Es kann sich jeder die Zeit nehmen, zu beten, oder religiösen Feiertagen nachzugehen, Gebetshäuser aufzusuchen, etc. Aber in der Schule selbst gibt es keinen Religionsunterricht.

Habt ihr auch schon kulturelle Konflikte gehabt?

Teilweise treten diese immer auf, aber im Großen und Ganzen haben wir ein sehr harmonisches Zusammenleben. Es ist uns auch wichtig, beim Schulstart gemeinsam mit den SchülerInnen eine Schulkultur zu formulieren, auf die wir uns alle einigen. Unsere Schule ist ein Raum frei von Rassismus und Sexismus, wo auch jede Nationalität und Religionszugehörigkeit anerkannt und respektiert wird.

Apropos Sexismus: Wie ist das Verhältnis zwischen Frauen und Männern bei euch?

Im Moment sehr ausgeglichen – tendenziell gibt es sogar mehr Frauen, weil wir sehr stark darauf schauen, dass wir gerade Frauen fördern. Zu Beginn des Projekts hatten wir nämlich nur ganz wenige Frauen, die die Schule oft nach kurzer Zeit abgebrochen haben. Natürlich – wenn man mit vielen Männern aus einem patriarchalen System zusammen in einer Klasse ist, ist das schwierig für die Frauen. Deswegen haben wir dann sehr viele Dinge instrumentalisiert, die gegen diese Situation ankämpfen, wie zum Beispiel einen Frauenraum. Der funktioniert total gut. Ein anderer Aspekt ist auch, dass wir jetzt muttersprachliche Mitarbeiterinnen haben, denen sich die Frauen mehr anvertrauen können, und dass wir Frauen bevorzugt aufnehmen.

Was genau kann man sich unter einem Frauenraum vorstellen?

Der Frauenraum findet einmal die Woche statt und dient dazu, dass sich die Frauen besser kennenlernen, gegenseitig stärken können und empowered werden. Es wird am Anfang des Semesters immer gesammelt, welche bestimmten Wünsche die Frauen haben. Dann ist es einerseits eine Mischung aus wirklich thematischer Arbeit zu frauenspezifischen Themen – also Frauenrechte, Frauengesundheit, Empowerment, Rollenbilder, etc. Aber gleichzeitig versuchen wir die Sachen auch spielerisch zu erarbeiten, damit es eben Spaß macht. Ganz wichtig ist auch, dass Musik da ist. Es wird oft zusammen gegessen, gekocht oder getanzt. Es soll einfach ein geschützter Raum sein, wo sich die Frauen wohlfühlen und sicher fühlen können und wo sie sich auch gerne aufhalten. (Anmerkung: Ja, es gibt parallel dazu auch einen Männerraum.)

PROSA - Projekt Schule für Alle
Foto: PROSA - Projekt Schule für Alle

Sind unter euren Schülerinnen auch einige Mütter?

Ja, wir haben ein paar Mütter. Sie können ihre Kinder jederzeit mitnehmen. Dann ist der Unterricht recht aufgeweckt.

Wie reagieren die Ehemänner darauf, wenn ihre Frauen in die Schule gehen?

In den meisten Fällen ist es in Ordnung für sie. Natürlich gibt es manche Fälle, wo sie nicht von Anfang an begeistert sind. Ein wesentlicher Punkt ist dann, dass wir versuchen, viel Vertrauen aufzubauen.  Da ist es auch wichtig, dass die Männer einmal mitkommen und sich die Umgebung anschauen, die BetreuerInnen kennenlernen, die Schule kennenlernen, und dass sie dann eben mehr Vertrauen in uns haben.

Wie alt sind die TeilnehmerInnen im Durchschnitt?

Wir haben drei Standorte. An zwei Standorten sind überwiegend Minderjährige oder Anfang 20. Am dritten Standort haben wir überwiegend Volljährige aufgenommen. Wenn man über 25 ist, ist es fast unmöglich, einen Schulplatz zu bekommen.

Habt ihr auch Wertekurse, wie sie z.B. vom ÖIF angeboten werden?

In der Form sicher nicht. Wir haben in unseren Unterrichtsfächern Geschichte und Politische Bildung. Da geht es in erster Linie darum, das politische System zu verstehen, ein Verständnis von Demokratie zu bekommen, usw. Dann gibt es noch das Fach Gesundheit und Soziales. Da ist dann auch Platz für andere Alltagsthemen, die oft sehr breit gefächert sind.

Wie lange dauert das Programm bis zum Abschluss?

Grundsätzlich 4 Semester – pro Basisbildungsstufe 1 Semester. Es gibt natürlich SchülerInnen, die mehr Zeit brauchen und auch welche, die schneller lernen oder von Anfang an in einer höheren Stufe einsteigen.

Wie sollten minderjährige Flüchtlinge deiner Meinung nach ins österreichische Schulsystem integriert werden?

Es ist essentiell, dass die jungen Flüchtlinge so schnell wie möglich einen Platz in einer Klasse bekommen und mit anderen SchülerInnen lernen können. Das kann auch ganz viele positive Aspekte haben. So ein Gruppeneffekt kann sehr viel positive Motivation auslösen. Gleichzeitig darf das nicht das Einzige sein. Man braucht am Nachmittag zusätzliche Intensiv-Deutschkurse – bzw. wo man sich aber nicht nur auf Deutsch konzentriert, sondern eben auch auf andere Fächer, und mit den SchülerInnen fachspezifisches Vokabular erarbeitet.

Bei uns ist das etwas anders, weil wir eben nur Klassen mit Menschen mit Fluchterfahrung haben. Das ergibt sich einerseits aus der Konsequenz heraus, weil einfach keine anderen Bildungsmöglichkeiten in dem Sinn vorhanden sind. Eine weitere Überlegung war auch, dass es in dem Projekt ein relativ geschützter Rahmen für sie sein kann, weil sie gleiche oder ähnliche Erfahrung gemacht haben. Es ist uns natürlich ganz wichtig, nicht eigene segregierte Klassen zu schaffen. Deswegen schauen wir auch immer darauf, mit unserem Projekt in einer öffentlichen Schule zu sein. Dort, wo wir können, machen wir gemeinsam mit den Schulklassen dieser Gymnasien auch gemeinsame Projekte. Das hat bisher auch sehr gut funktioniert. Teilweise haben LehrerInnen einzelne Plätze zur Verfügung gestellt, z.B. im Werkunterricht, und interessierte SchülerInnen von uns konnten da teilnehmen. Oder es gab auch ein von der EU gefördertes Projekt, wo eine Schule aus Ungarn, das Gymnasium Rahlgasse und unser Schulprojekt ein Semester lang gemeinsam zum Thema Migration gearbeitet haben.

Was machen eure SchülerInnen nach dem Abschluss?

Das ist sehr unterschiedlich. Ein großer Teil geht in weiterführende Schulen, ganz oft ins Abendgymnasium. Teilweise haben sie auch Lehrberufe begonnen. Es gibt zwei Schülerinnen von uns, die jetzt auf der Uni studieren, weil sie sich einfach sehr schnell ihre Zeugnisse aus den Heimatländern anerkennen lassen konnten.

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