Die perfekte Österreicherin. Oder doch nicht?

04. Oktober 2023

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Aljeen Hasan ist Stipendiatin der biber Akademie. (C)Zoe Opratko

Zielstrebig, sprachtalentiert, engagiert, ausgezeichnet integriert und erfolgreich, das höre ich oft von Österreicher*innen.  Aber für die Staatsbürgerschaft reicht es trotzdem nicht.

Nervosität macht sich in mir breit, als ich an der Tür klopfe und das Zimmer betrete. Vor dem Monitor sitzt eine blonde Frau, eine Vertreterin der bürokratischen Macht. Nach den formalen Höflichkeiten lege ich meine Dokumente auf den Tisch. Ein Stapel von Unterlagen, Lohnzettel der letzten drei Jahre, Strafregisterauszüge und mein handgeschriebener Lebenslauf, der meine siebenjährige Hingabe für die Integration in Österreich dokumentiert. "Solche Menschen brauchen wir in Österreich", sagt die Beamtin. In diesem Moment könnte ich vor Freude schweben und interpretiere es als ein Zeichen des Aufbruchs.

Doch etwa sechs Wochen später, ein Anruf von der Behörde: "Frau Hasan, normalerweise verschicken wir die Antwort per E-Mail, aber ich möchte es Ihnen persönlich mitteilen - leider müssen wir Ihren Antrag ablehnen." Ab diesem Satz konnte ich nichts mehr wahrnehmen… Bla Bla Bla. Ich höre nur noch ein undeutliches Gemurmel im Hintergrund.

 

Will ich überhaupt Österreicherin sein?

Als ich wütend meinen Eltern davon erzählte, fragten sie gleichgültig: "Warum legst du so viel Wert auf die Staatsbürgerschaft?" Ihre Frage brachte mich dazu, ernsthaft zu hinterfragen, welche Rolle die Staatsbürgerschaft für mich spielen wird. Was möchte ich damit erreichen? Akzeptanz und Anerkennung? Dass ich ein Mensch bin, der auf demselben Niveau steht und denselben Status wie die anderen hat? Kann ein Stück Papier, das mich offiziell als Österreicherin auszeichnet, tatsächlich dieses Gefühl der Zugehörigkeit erzeugen? Denn obwohl ich seit sieben Jahren in Österreich bin und Syrien vor zehn Jahren verlassen musste, habe ich in Österreich viel mehr geleistet als in meiner Heimat. Die Steuern, die ich wie jeder andere zahle, meine zwei Uniabschlüsse auf Deutsch und vor allem jahrelanges politisches und gesellschaftliches Engagement in Bezug auf das Zusammenleben und die Integration in Österreich sind kein Hinweis auf meine emotionale und physische Integration? Sind die Leistungen, die ich erbracht habe, kein Beweis für die Erfüllung der Voraussetzungen?

 Warum können persönliche Leistungen nicht als Kriterium für die Verleihung der Staatsbürgerschaft berücksichtigt werden, anstatt einer bürokratischen Liste, die ohne jeglichen menschlichen Bezug abgehakt werden muss? Warum sollte ich überhaupt Österreicherin werden wollen? Damit ich mich an Wahldiskussionen beteiligen kann? Oder eine Story auf Instagram teilen kann, während ich endlich wählen gehen darf und meine Stimme jemandem gebe? Aber die größte Frage hier ist: Sollte ich als unabhängige Journalistin besser unparteiisch bleiben? Damit ich in meiner Berichterstattung meine Partei nicht verherrliche.

Hunde Check-in statt Verhör

Seit Jahren strebe ich die Staatsbürgerschaft an, aber wenn ich mir vorstelle, dass ich plötzlich mit meinen österreichischen Freund*innen über Luxusprobleme wie die lange Wartezeit in der Schlange für den Hunde-Check-in am Flughafen sprechen würde, dann ziehe ich es vor, eine engagierte Flüchtling zu bleiben. Denn ich gebe es ganz ehrlich zu, die Staatsbürgerschaft ist ein Privileg, nach dem ich strebe, aber was wirklich hinter meinem Streben steckt, ist das Privileg als angehende Auslandsreporterin endlich frei reisen zu dürfen, ohne Monate vor der Reise ein Visum beantragen zu müssen, nach der Landung in Österreich nicht in der Schlange für Fremdenpässe warten zu müssen und nicht fast verhört werden zu müssen, wie viel Geld ich mitgenommen habe und wie viel übrig geblieben ist. Die Staatsbürgerschaft ist weit mehr als ein rotes Dokument, das Privilegien verleiht. Sie bedeutet eine größere Verantwortung, mehr Verpflichtungen und natürlich mehr Freiheit. Abgesehen davon, dass eine Story auf Social Media cool aussehen würde, indem mein roter Pass am Flughafen zu sehen ist, ist die Staatsbürgerschaft viel mehr als ein Privileg und einen roten Pass. Sie ist eine Verantwortung gegenüber der Demokratie, Diversität und den Menschenrechten. Dieses magische Dokument verändert meine Rolle in der Gesellschaft, denn ich werde nicht mehr als passive Bürgerin betrachtet, sondern als aktiver Teil dieser Gesellschaft.

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