Keiner kennt Mr. Song Contest

28. Februar 2017

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Nathan Trent
(c) David Slomo

Vom 9. bis 13. Mai sind alle Augen auf Kiew gerichtet. Dort wird nämlich der diesjährige Song Contest ausgetragen. Österreichs Kandidat steht schon fest. Falls ihr jetzt nicht wisst, wer es denn ist: keine Sorge. Ihr seid nicht alleine.

"Könntest du bitte zur Pressekonferenz bezüglich Nathan Trent?", fragt mich meine Kollegin. Ich schaue sie einige Sekunden lang einfach an, da ich nicht weiß, ob ich mir blöd vorkommen soll, weil mir der Name nichts sagt. Ein Politiker? Ein Krimineller? "Der Kandidat für den Song Contest", meint sie. 

Ich bin zwar ein riesiger Musikliebhaber, bin aber stur der Meinung, dass der Song Contest relativ wenig mit Musik zu tun hat. Trotzdem wollte ich mal im ORF Zentrum vorbeischauen, um den "Mann für Österreich" kennenzulernen. 

Eberhard Forcher, der Musikchef Österreichs sozusagen, erklärt zu Beginn der Konferenz, dass man sich diesmal wieder dafür entschieden habe, den Kandidaten selbst auszusuchen. Ohne Publikum. Ob dies finanzielle Gründe seitens des ORF hat, wollte er zwar nicht bestätigen, er meinte lediglich, dass es ja schon einmal geklappt hätte. Stimmt. Nur war es damals eine schillernde Figur. Eine Kombination aus Mann und Frau, mit einer Ausstrahlung von beiden vereint. 

Nathan Trent

Dauerlächeln für die Kameras
Nathan Trent ist anders. Ein ruhiger Bubi. Sympathisch, nett, zuvorkommend. Nach der Konferenz lächelt er freundlich in jede Kamera, stimmt immer wieder sein Lied an, spricht alle mögliche Slogans ins Mikrofon. Ich warte auf einer Couch, während Nathan die Prozedur mehrmals über sich ergehen lässt. Als ich dann mit ihm reden will, besteht er darauf, zu mir zu kommen. Er setzt sich neben mich und wirkt überglücklich, als er bemerkt, dass ich nur Block und Stift in den Händen halte. Keine Kamera. Kein Mikro. Er massiert sich sogar kurz die Backen. Sein Gesicht sei ganz verspannt vom Lächeln. 

Nathan ist nun lockerer, gibt aber dennoch die braven Antworten. Ich bin teilweise selbst kurz davor, ihn zu drücken, beherrsche mich aber doch noch. Nathan erzählt mir, wer er ist. Er kommt vom Musical und ist die Bühne gewohnt. Jetzt kommen aber die Kameras dazu. Und die mediale Aufmerksamkeit. Die fände er aber cool. Er müsse sich zwar ein wenig daran gewöhnen, aber das würde schon klappen. 

Der (zu) sympathische Nathan
Er spricht mehrere Sprachen, wie Deutsch, Englisch, Französich, Spanisch und Italienisch. Er ist Halbitaliener, weshalb er sich auch besonders über 12 Punkte aus Italien freuen würde. Ich versuche, ihn etwas aus der Reserve zu locken und frage, ob er nicht auch vorhat, in einem Kleid aufzutreten oder vielleicht in einer Lederhose. Er lächelt freundlich, verneint aber. Ich will wissen, ob er Angst davor hat, dass er nach dem Song Contest in Vergessenheit gerät. Daran würde er nicht denken. Nathan konzentriert sich auf seinen Auftritt. Sein Ziel ist das Finale.

Nathan ist überaus sympathisch. Ob das gut oder schlecht ist, wird sich zeigen. Sein Song ist gut. Hat Ohrwurmcharakter. Jedoch bin ich überzeugt davon, dass er zwischen tanzenden Omas, verkleideten Teufelsanbetern und halbnackten Schlangenfrauen untergehen wird. Wie zu Beginn erwähnt, der Song Contest hat wohl nur wenig mit Musik zu tun. Der ORF scheint das wohl nicht ganz verstanden zu haben und schickt nun das freundliche Lächeln Österreichs nach Kiew. Aber wer weiß, vielleicht werde ich auch eines Besseren belehrt.

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